SORGEN UM DEN ARBEITSPLATZ?

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1984 erschienen.
Systematik: 

Lech Walesa
SORGEN UM DEN ARBEITSPLATZ?

Daß Walesa eine Persönlichkeit ist, steht ohne sein weiteres Mitwirken fest. Damit das so bleibt, werden ihm in regelmäßigen Abständen Preise und Ehrungen zugesprochen - zuletzt ein juristischer Ehrendoktor aus Dundee/Schottland. Wofür ist keine Frage.

Dann wird er zur Entgegennahme eingeladen, damit die Welt wieder einmal bei seinen Reiseproblemen mitfühlen kann. Darüber hinaus gibt es Bemühungen, ihn stellvertretend von Washington aus zum polnischen Politiker zu befördern: Walesa fordert die Aufhebung der US-Sanktionen gegen sein Vaterland, Reagan verspricht, die Angelegenheit zu prüfen, hebt zwei Sanktionen auf, Walesa dankt.

Als lebendes Beweismittel für das Unrecht, das die polnische Regierung ihrem Volk antut, indem sie es nicht für ein westliches Regiertwerden freigibt, ist der ehemalige Arbeiterführer immer noch im Dienst. Wie und wozu entscheiden bei einem solchen Reservestaatsmann allerdings die Sponsoren. Da gibt es neuerdings Beschwerden, daß ihn ausgerechnet die Kirche seiner Schwarzen Madonna im Stich lassen würde.

Damit liegt das polnische Publikum aber nicht richtig. Wenn Bischof Glemp mit Jaruzelski verhandelt und mit Walesa nicht, Messen in seiner Anwesenheit feiert, ohne ihn extra zu segnen, wenn der Vatikan eine Rundfunkwürdigung über ihn vom Programm absetzt, so geht es um die Wahrung der erwünschten Proportionen. Wegen der Sache, für die sie steht, muß die Person Walesa schon manchmal in den Hintergrund treten.

"Gott soll den Polen eine freie Heimat wiedergeben", hat Walesa am Ende jener Messe kämpferisch gesungen, und genau das managt die polnische Kirche. Sie bietet den Polen die Freiheit, im nationalen Christenglauben weit über der weltlichen Obrigkeit zu stehen und im gläubigen Antikommunismus Trost zu suchen. Daraus läßt sich ein Geschäft mit der Regierung machen: Die Kirche garantiert für Ruhe und Ordnung im enttäuschten Volk und läßt sich dafür mit lauter Rechten als Fast-Staatskirche einsetzen. Und bei dieser "polnischen Lösung" ist die Persönlichkeit Walesa nicht gefragt.

Das mag ihn persönlich ärgern, daß er von Glemp und Jaruzelski nicht mehr hinzugezogen wird. Aber er hat ja einen starken Glauben, immer noch eine gute Öffentlichkeit im Westen, und demnächst bekommt sein geliebtes Volk auch noch die diplomatischen Beziehungen mit seinem geliebten Vatikan. Wenn man schon einen Arbeiteraufstand für ein freies Polen organisiert, muß man seine Persönlichkeit auch mal hinter sein Land zurückstellen können. Vielleicht ist nach dem Ehrendoktor ja auch noch eine vatikanische Seligsprechung zu Lebzeiten drin.