SO SIND DIE RUSSEN

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1980 erschienen.
Systematik: 

Rassismus
SO SIND DIE RUSSEN

Wenn es unter dem Motto: 'die stinken, die Russen,' um so delikate Dinge wie Rassismus, Antikommunismus und Kriegstreiberei geht, wird der moderne Intellektuelle hellhörig und hält sich als ideologiekritisches Bewußtsein zugute, niemand dürfe sich von solchen Gefühlen und Vorurteilen leiten lassen, weil diese angeblich blind und insofern in der Realität wenig dienlich, wenn nicht sogar gefährlich seien. Dieses aufgeklärte Urteil ist natürlich alles andere als kritisch.

Ideologischer Kampf für die Freiheit des Vorurteils...

So kritisieren die überlegenen Geister an den 'dumpfen' Zeitgenossen gar nicht erst deren Gefühle und Vorurteile, sondern leugnen schlankweg ihre Existenz als subjektive Überzeugung, von der die Welt voll ist, indem sie sich in dem ebenso realitätsbewußten wie albernen Vorwurf gefallen, mit ihrer 'blinden' Einstellung lägen solche Leute ganz irreal außerhalb dieser Gesellschaft. Andererseits glauben die Herren Ideologiekritiker an nichts so sehr wie an die reale Macht der 'Wahnideen' Rassismus, Antikommunismus etc., vor denen sie die Menschheit in Schutz nehmen wollen. Der intellektuelle Kampf mit diesen ideologischen Mächten ist allerdings nicht einfach lächerlich wie der des Don Quichotte durch die hohe Bedeutung, die ihm phantastischerweise beibemessen wird - als sei die Idee des Rassismus, Antikommunismus usw. das Antriebsrad der wirklichen Welt und nicht deren Begleitmusik -, er ist gemein dadurch, daß Intellektuelle sich bei ihrer Begutachtung ideologischen Denkens gleich von dessen Realität emanzipieren, es damit seiner Beurteilung entziehen und unangreifbar machen wollen. So eine Ideologiekritik geht also parteilich: Sie ist engagierter Kampf für die Freiheit des Vorurteils. Dementsprechend gelten 'blöde Neger', 'hinterhältige Asiaten' usw. als freie Ausgeburten eines zwar 'primitiven' menschlichen Hirns, die andererseits jedoch das intellektuelle Interesse fleißig registriert. Im luftigen Reich derartiger Vorurteile fühlt man sich nämlich wohl, und dort sucht man die Antwort auf die gebildete Frage, wer denn nun der Russe oder der Ami wirklich sei.

...mit nationalem Bewertungsmaßstab

Wenn sich ein Intellektueller auch nicht mit Landserheftchen über Greueltaten "des Iwan" im Kampf um Stalingrad oder Ostpreußen (als Stück deutschen Heimatbodens) begnügt, sondern sich mehr verspricht vom authentischen Material einer Foto-Reportage des "Stern", die

"die sowjetische Wirklichkeit" (alias Mütterchen Russland) "jenseits der Propaganda-Klischees (zeigt): das alltägliche Leben, die Mühsal, die Bedrückung, die kleinen Freuden,"

oder von der "Nomenklatura"-Entlarvung des "Spiegel", die die tief in ihr nationales Los verstrickten Russkies so fein in die Nutznießer des 'Systems' da drüben und diejenigen zu differenzieren weiß, die sich durch ihre Benachteiligung vorteilhaft zu dessen Denunziation eignen, stets teilt der Mann der Bildung mit dem vulgären Rassisten dessen nationalen Bewertungsmaßstab: Der Russe ist eben kein Mensch von Fleisch und Blut, sondern ein Nationalcharakter und als solcher der Inbegriff dessen, was ein Deutscher von jenem freiheitsfeindlichen Staatswesen im Osten hält, dem 'wir' die Teilung 'unserer' Nation in Freiheit und Brüder/Schwestern verdanken und mit dem 'uns' als Bollwerk seit jeher eine besonders herzliche Feindschaft verbindet. Aus dem Vergleich der Nationen stammen die parteilichen Urteile über den brutalen 'Charakter' russischer Herrschaft, den man sich der Einfachheit halber gleich als Bündel von 'Eigenschaften' vorstellt. Diese Pseudoindividualität kann nun soviel lachen und weinen, wie sie will, sie kann sich als böser oder als guter Russe aufführen - bei all den Fiktionen, die ihr der 'Betrachter aus dem Westen' immer neu mit alten Farben aufpinselt (und die ihn als Kenner dortiger Verhältnisse qualifizieren), bleibt sie immer 'typisch russisch'. Und das ist um 'der Kenntlichkeit willen irgenwie auch gut so! Schließlich müssen noch die 'originellsten' Varianten der Rassenlehre: vom russischen Menschen plausibel sein, und d.h. sie sollten die gewachsenen Erfahrungen mit dem nationalen Gegner Rußland bestätigen

Entsprechend sehen sie aus: Da wird Untermenschentum breitgetreten, wie es zu Adolfs Zeiten nicht schöner und einhelliger geschah. Denn welchen Unterschied soll das ausmachen, ob nun die Russen wie vor allem zur Zeit des Kalten Krieges für die ideologische Aburteilung ihres Staats als raubende Horden figurieren müssen, die angefangen von Attila über Dshingis Khan bis zu Stalin schon immer unberechenbar im Osten lauerten, oder ob sie wie vor allem zur Zeit der Entspannungspolitik als gutmütige Trottel dargestellt werden, die hoffnungslos rückständig, wie sie nun einmal sind, 'unsere' Hilfe brauchen, mit der 'wir' ihnen ihre volkswirtschaftliche Produktion in Gang halten, zu der sie selbst den lieben langen Tag nicht kommen, weil sie unentwegt die Gläser an die Wand werfen, falls sie nicht gerade besoffen herumliegen.

Das Menschliche im Untermenschentum

Dieser dialektische Rassismus entdeckt im Russen eben neben Unmenschlichem auch Menschliches, weil das sowieso kein Lob sein soll, sondern erst die ganze moralische Botschaft ausmacht, daß dieses Völkchen gerade auch in seinen "menschlichen" Zügen den bedenklichsten aller Fehler eines Nationalcharakters offenbart - die mangelnde kosmopolitische Vernunft, seinen Staat möglichst vollständig in den Dienst der Interessen Deutschlands und der westlichen Welt zu stellen, und zu diesem edlen Zweck sind die üppigsten Schiebereien der russischen Schwarzhändlerseele (immerhin ein Ansatz zur Marktwirtschaft) mit ihrem engstirnigen Dissidententum leider nur allzu bedingt tauglich. Gottseidank entdeckte die Russennatur wieder einmal rechtzeitig ihren abgrundtiefen Hang zu den 'warmen Meeren', stieß mit blinder Leidenschaft nach Afghanistan vor und bewahrte so den Rest der Menschheit vor Illusionen, die sich diese eh nicht gemacht hatte: Dazu waren selbst Dr. Schiwago, Monsieur 1000 Volt und Alexandra nicht da, die genießerisch die "Weite" Rußlands ausbreiten und seine "Tiefe" ausloten, denn die sind sich ja gerade sicher, daß das rassistische Russenbild als solches unabhängig von der jeweiligen politischen Konjunktur in einem Land, das einen ebenso weltweiten wie tiefen Gegensatz zur Sowjetunion unterhält, immer geistige Konjunktur hat und darum intensiv gepflegt und 'subtil' ausgestaltet werden muß.

Daß der Boden völkischer Theorie in Deutschland seit eh und je - nicht zuletzt dank der rührigen Aufklärungsarbeit der Nationalsozialisten - gut bestellt ist, faßt das intellektuelle Interesse an solchem Zeitgeist als Herausforderung auf, die es mindestens so ernst nimmt, wie sie von den Kollegen von der singenden und swingenden Zunft genommen wird. Auch es gefällt sich in der Neuauflage klassischer rassistischer Topoi, doch dabei gibt es sich mehr rassologisch, d.h. es trachtet danach, den Rassismus theoretisch abzurunden.

Rassismus theoretisch abgerundet

Keine ganz leichte Aufgabe! Denn schließlich hat der sich längst nach allen Regeln der Wissenschaft ausstaffiert und kommt auf Wunsch historisch:

"Dieses Wechselspiel zwischen Ausbrüchen und der mystischen Hingabe an den Absolutismus als Überkompensation der anarchistischen Antriebe ist ein besonders auffälliger Zug der russischen Geschichte...",

oder politologisch:

"Ihrem Staat aber kommen die Russen nicht entgegen: In dem ungeheuren Maße, mit dem sich die Russen geduldig mit allen Tragödien identifizierten, haben sie ihre Autokraten auch an die Despotie gefesselt" (Gemeinheit!) "und nicht in die Rolle des Souveräns entlassen" (souveräner Abzug aus allen besetzten Gebieten)...",

vielleicht auch soziologisch:

"Die lautlose tagtägliche Abtötung des Nervs wird von den kleinen Tyrannen des Sowjet-Lebens betrieben, von den sturen Bürokraten und den Geschaftlhubern, die all die pingeligen Vorschriften dazu benutzen, zu belästigen, zu demütigen und zu triezen" (differenzierteres Rollenspiel mit dem Westen, bitte!).

"'Übertragen Sie einem Russen die Verantwortung über ein kleines Stück Land oder über einen Hauseingang', klagte mir ein Wissenschaftler, 'und er wird sein bißchen Macht (!) dazu benutzen, um anderen Leuten das Leben schwer zu machen'",

oder etwas pädagogisch:

"Zwanzig kleine Kinder haben aus Knetmasse Kaninchen geformt, alle Kaninchen waren gleich groß, hatten dieselbe Form und dieselbe Haltung" (anstatt die Löffel offen zu halten). "Scotts" (Kind des Berichterstattenden) "Kaninchen war nicht von Maschas oder Mischas Kaninchen zu unterscheiden",

ganz besonders gern psychologisch:

"Dieses Sichdemütigen" (verbunden mit plötzlicher Anmaßung) "führt Dostojewski auf eine zweihundertjährige Entwöhnung von jeder Selbstständigkeit und auf das zweihundertjährige Bespeien des russischen Antlitzes zurück, welches das russische Gewissen zu einer katastrophalen Unterwürfigkeit erweitert habe. Wir werden heute ein anderes Urteil fällen... Der Psychologismus ist... Zeichen einer Seelenverkrüppelung." ("Wir" kommen diesen Krüppeln ja auch mit einem gesunden nationalen Selbstbewußtsein)",

und dabei insbesondere psychoanalytisch:

"Der Psychoanalytiker Erik H. Erikson hat auf die Tradition in der zentralrussischen Ebene verwiesen, Kinder bis zum Hals zu wickeln..., daß ein solcher Brauch eine 'grundlegende präverbale Indoktrination' erzeugen helfe" (eine ganze Nation schief gewickelt!). "Die Außenlenkung wird nicht verinnerlicht, die gebetsartigen Beschwörungen der Babuschka, später die unendlich wiederholten Parolen der Spruchbänder" (eene, meene, muh), "die ideologische Berieselung der Parteikonferenzen - das alles wird nur mechanisch empfangen...",

verhaltenstheoretisch, kommunikationswissenschaftlich etc., falls er es nicht zur Abwechslung einmal ökonomisch versucht:

"Die Sowjetunion" (typisch russisch) "treibt dank (!) ihrer Erntedefizite alljährlich die Preise für Getreide und Frachten zum Schaden der Notleidenden" (in der dritten Welt) "hoch..."

Kritische Volkstümelei

Da die moderne Russenkunde als ein pluralistisch ausgefeiltes Instrumentarium zur Erstellung eines 'differenzierten' nationalen Feindbilds gegenüber der etwas grobschlächtigen Theorie eines Hitler oder eines Rosenberg, die beim Russen immer gleich an das Eine - Untermensch - denkt, das auch der aufgeklärte Zeitgenosse im Kopf hat, schon fertig zur geistigen Verfügung steht, ist für die Pioniere des Rassismus heute natürlich kein Anlaß zur Zufriedenheit, sondern willkommene Voraussetzung, sich als Männer solchen 'Fortschritts' in dessen Dienst zu bewähren. Denn da gibt es wahrhaft verantwortungsvolle Aufgaben anzupacken: Wissen 'die Russen' überhaupt, wie schlimm es um sie steht? Keine Frage - nach allem, was man über sie herausbekommen hat und von Ernst Bloch so pointiert zusammengefaßt wird: "Die Russen... denken wie die ungebildeten Hunde." Befangen in ihrem "bäuerlichen Denken", das sich durch "Abstraktionsvermögen... nie ausgezeichnet (hat)", müssen sie natürlich auch den hohen Abstraktionskünsten westlicher Russologen verständnislos gegenüberstehen. Aber ihnen kann geholfen werden! Gottseidank gibt es in Deutschland noch intellektuelle Freunde des russischen Volkes, die selbstlos bereit sind, den Kollegen im Osten geistige Entwicklungshilfe zu leisten. Die müssen die ihnen zudiktierte Borniertheit lediglich selbstkritisch akzeptieren, was ihnen dann die großartige Perspektive eines zwar erbärmlichen, aber immerhin eines rassischen Selbstwertgefühls eröffnet.

Als Propagandisten dieses total emanzipativen und globalstrategischen Rassismus haben sich während der letzten zehn Jahre linke Intellektuelle ins Zeug gelegt und sich in zunehmendem Maße Aufmerksamkeit und auch Anerkennung in der deutschen Öffentlichkeit verschafft. Den theoretischen Durchbruch erzielte vor geraumer Zeit bereits Rudi Dutschke mit seiner Dissertation "Über den halbasiatischen und den westeuropäischen Weg zum Sozialismus", die er unter dem gewinnenden Titel "Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen" herausbrachte. Rudis linker Rassismus stellt einen ideologischen Brückenschlag zwischen Ost und West dar. Er liefert den beiden verfeindeten Welten eine geschlossene Metatheorie, die den Russen ihre "asiatische Barbarei" läßt und den Deutschen ihre "westeuropäische Zivilisation", um beiden Seiten schließlich ein Drittes zukommen zu lassen, in dem sich ihre "Eigenarten" fast schon dialektisch aufheben - Dutschkes kritische Volkstümelei. Der einheitsstiftende ideologische Trick dieses "Neuen Linken" bestand ironischerweise schon zu dessen Lebzeiten darin, Endliches zu transzendieren, was den Russen einen garantiert undogmatischen Lenin in Aussicht stellt, also ein Stückchen Menschlichkeit, die Rudi für die westdeutsche Linke seit Jahren als das ganz "Neue" am Marxismus gepredigt hat und die zu verbreiten sie sich seit dem Tod ihres Propheten 'nun erst recht' den beglückenden Auftrag erteilt hat.

"Asiatische Verhältnisse im russischen Unterbau..."

Daß Lenin "dogmatisch", seine Partei eine Clique "elitärer" Berufsrevolutionäre sei und die Oktoberrevolution dementsprechend als unverantwortlicher "Putsch" ohne Rücksicht auf die "Massen" zu gelten habe, über diese "basisdemokratischen" Kalauer hatte unter deutschen Linken seit Jahr und Tag Einigkeit geherrscht, nur war es ihnen lange Zeit nicht gelungen, einer weiteren Öffentlichkeit den flotten antikommunistischen Drive solch echt demokratischer Volksverbundenheit glaubhaft vor Augen zu führen. Das ist nun vorbei, seit linker Antikommunismus konsequent rassistisch fundiert auftritt und 'die Russen' darauf festlegt, daß der "Despotismus" bei ihnen zu Hause in

"Lenin'scher Partei und Lenin'schem Staat... nichts anders als der politisch-organisatorische Ausdruck sozialökonomischer Struktur (ist)...", die in der

"...physischen Beschaffenheit des russischen Bodens und dem halb-asiatischen Menschentypus, der damit entstanden war..."

ihr Unwesen treibt. Daß es so mit ihnen nicht weitergehen kann, müssen sich diese Halb-Asiaten als treuherzigen Rat der Volksfreunde schon gefallen lassen, die damit auch längst wissen, daß 'die Russen' allemal selber schuld sind, wenn sie ihn nicht befolgen. Die vorprogrammierte Enttäuschung der kritischen Rassisten, im angefeindeten russischen Menschen dann doch keinen Rudi Dutschke sich regen zu sehen, verrät alles Nötige darüber, wie vollständig ihnen die Emanzipation in die höheren Sphären weltbürgerlicher Vernunft geglückt ist: 'Der Russe' ist Weltstörenfried Nr. 1, wenn er die auch im Namen der Völker der Sowjetunion verständnisvoll ausgestreckte Hand der linken Freunde nicht ergreift. Ein starker Abgang der deutschen Genossen in Richtung ideologischer Aufrüstung des Westens!

Wer hätte diese Anerkennung mehr verdient als der Mann, der als Rudi aus der Tiefe des Raumes im Osten kam, als der, der bis dahin auf der Position des rassistischen Sturmführers geglänzt hatte, zu lange in der Badewanne blieb und ausgewechselt werden mußte - Rudolf Bahro, der drüben zunächst als Libero gegen die Russen eingesetzt war.

Gen Ostland wollen wir reiten!

In seinem Buch "Die Alternative" deckt er als Wesen der russischen Verhältnisse "den überlieferten Stumpfsinn" auf,

"wie es ihn schon immer auf allen Ebenen der russischen Gesellschaft gab, nicht nur in der Kate, sondern auch im Gutshaus."

Mit der gemeinen tautologischen 'Begründung' der Herrschaft aus dem Nationalcharakter der Beherrschten:

"Zum materiellen Aufbau vor allem bedarf es anfangs einer starken und - um die Niederringung des überlieferten Stumpfsinns überhaupt zu ermöglichen - despotischen Staatsmacht" ist die "historische Wurzel" für die "bürokratische Staatsmacht" schon ausgemacht:

"Die halbasiatische Vergangenheit Rußlands... mit der auf den Despotismus Bhatu-Khans zurückverfolgbaren politischen Tradition der zaristischen Selbstherrschaft und mit der zum großen Teil noch im primären Patriarchalismus befangenen Psychologie der Massen." Das erklärt so ziemlich alles inklusive Stalin, der nämlich "die historisch notwendigen Eigenschaften besaß, um den Machtapparat für die terroristische Umgestaltung von oben zu schaffen, die Rußland (?) damals brauchte (?)."

Die Bahro'sche Rassenlehre gipfelt konsequent in einer Verurteilung des russischen Staatswesens, die diesem viel 'kritische Solidarität' mit seiner "organischen" Notwendigkeit angesichts des ihm zur Verfügung stehenden minderwertigen Menschenmaterials zukommen läßt:

"In der Sowjetunion ist die despotische innere Form und sittliche Verfassung nicht aufgepfropft, sondern organisch durch die halbasiatische ökonomische" (die Tundra- und Taigawirtschaft) "und politische Tradition" (Bhatu-Breshnew-Khan) "bedingt. Die despotische Apparatherrschaft ist dort drückend wie jemals und inzwischen deutlich entwicklungshemmend," (so kann man das auch sehen) "aber sie ist nicht fremd."

Brav, Rudi! Da gehen 'wir' doch am besten gleich mal hin zu denen, die ihren Staat nicht anders wollen, und fördern, ehe sie sich ihm entfremden, die gehemmte Entwicklung der Herrschaft durch die übernahme des eh längst überfälligen und 'uns' drückenden Apparats dort.

Interessanterweise hatte schon ein anderer Russenexperte diesen für Intellektuelle so reizvollen Gedanken:

"Das Schicksal selbst scheint uns hier einen Fingerzeig geben zu wollen. Indem es Rußland dem Bolschewismus überantwortete, raubte es dem russischen Volke jene Intelligenz, die bisher dessen staatlichen Bestand herbeiführte und garantierte."

Allerdings hatte der damalige Theoretiker nicht unbedingt an Leute wie Rudolf Bahro als neue Führungskader gedacht - Grund genug für diese, einen solchen Gedanken heute noch einmal kritisch aufzuwerfen: Rudi for Kreml-chief?

Was die drüben wohl dazu sagen werden?

Nachweis der Zitate:

R. Bahro, Die Alternative, Frankfurt/Main 1977

R. Dutschke, Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen, Berlin 1974

Stern Nr. 22, 1980, Ein Russe sieht Rußland

A. Hitler, Mein Kampf

A. Rosenberg, Der Mythus des 20. Jahrhunderts

Hedrick Smith / Robert Kaiser: So leben die Russen, Spiegel 9-14/1976

Christian Schmidt-Häuer: Das sind die Russen, Hamburg 1980

Schon wieder eine Abstinenztheorie des Kapitals

"Neben den klimatischen, geographischen und sozialen Ursachen gehört wahrscheinlich auch die besondere Entwicklung der russischen Landwirtschaft zu den Urquellen der russischen Alkoholschwemme. Während im westlichen Europa schon in der zweiten Hälfte des 13.Jahrhunderts ein großer städtischer Markt für Getreide entstand, blieb ein ähnlicher Konzentrationsprozeß in den Weiten des bäuerlichen Rußlands aus. Nachdem die Russen von den Tataren das Schnapsbrennen gelernt hatten, blieb dies der einzig sinnvolle Verwendungszweck für Getreideüberschüsse."