SMOG UND MOLKE: ALLES IM GRIFF!

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1987 erschienen.
Systematik: 

Die Umweltpolitik feiert Erfolge
SMOG UND MOLKE: ALLES IM GRIFF!

Deutsche Bürger können beruhigt durchatmen: Selbst so heimtückische Inversionswetterlagen wie die, die in den letzten Wochen unsere Luft versaut haben, können ihnen jetzt nichts mehr anhaben. Früh- und Vorwarnsysteme und Smogalarme verschiedener Stufen haben überall blendend funktioniert. Kein Fall ist bekannt geworden, bei dem die Behörden zu spät darauf aufmerksam gemacht hätten, was auf die Leute zukommt; kein "älterer Mitbürger", dem der Dreck in der Luft den letzten Rest gegeben hat, ohne vorgewarnt gewesen zu sein; kein Säugling, dem nicht eindringlich vor Augen geführt wurde, mit welchen gesundheitlichen Konsequenzen er beim Atmen zu rechnen hatte. Und was den dazwischenliegenden Rest der Menschheit betrifft: "Ein Guter hält's aus" (Ein Experte im "heute-journal"). Autofahrer waren mit DM 40.- dabei, wenn sie trotz Fahrverbots auf ihre Luftverschmutzer nicht verzichten wollten oder konnten. Denn daß die an dem Dreck schuld sind, ist einfach deshalb schon klar, weil es aus den behördlichen Alarmplänen eindeutig hervorgeht. Aber auch die Industrie, deren Ausstoß irgendwie am Smog beteiligt sein soll, hat ihr Fett abgekriegt. In Braunschweig mußten 12 Betriebe kurzzeitig schließen, und andere wurden verpflichtet, schwefelarme Brennstoffe zu verwenden. Glücklicherweise kam es kaum zu Produktionsausfällen, so daß z.B. Berliner Arbeiter wenigstens wußten, wofür sie bis zu vier Stunden länger in Sonderbussen und überfüllten U-Bahnen unterwegs waren - statt sich in ihren verrauchten Wohnzimmern zu Hause den Tod zu holen.

Die Komplimente, mit denen die Behörden allenthalben überschüttet wurden, treffen den Nagel auf den Kopf: Noch nie haben es staatliche Organe so blendend geschafft, die inversionsbedingt unvermeidliche Vergiftung der Leute dermaßen reibungslos über die Bühne zu bringen.

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Kanzler Kohl hat es ihm noch einmal vor seinem geplanten Weggang nach Hessen bescheinigt: Sein Umweltminister Walter Wallmann ist in Sachen Dreck und Gift aus Bonn kaum noch wegzudenken. Das hat der so Geehrte gerade wieder einmal an in Bremen, Köln und Rosenheim abgestellten Güterwaggons voll verstrahlten Molkepuluers bewiesen. Lange sah es so aus, als ob niemand das Zeug haben wollte, nicht mal die Ägypter, die doch sonst auf alles scharf sind, wenn es das Markenzeichen "Made in Germany" trägt. Bis eben Kohls Umweltminister "mutig" die Verantwortung übernahm und sich für zuständig erklärte, obwohl er - das mußte deutlich gesagt werden - die Molke gar nicht selbst produziert hatte.

Die Republik und Teile von Nordafrika können jetzt aufatmen, denn auf Wallmanns Geheiß wurden die Bürger entsorgt und die Güterwaggons samt Molke statt in Bremen und Nordrhein-Westfalen in Niedersachsen und Bayern gelagert; und zwar in Bundeswehrdepots, was wieder einmal beweist, wozu wir die auch noch ganz dringend brauchen. Wer allerdings diese Standortentscheidung als ersten Schritt zur radikalen einseitigen Abrüstung versteht, liegt schon deshalb ganz schief, weil die verstrahlte Molke eigentlich überhaupt nicht kontaminiert ist, beziehungsweise höchstens ein bißchen. Das zumindest hat die bayerische Staatsregierung klargestellt, als sie ihren Umweltminister Dick vor versammelter Presse eine kleine Dosis des inkriminierten Pulvers verspeisen ließ. Der Beweis war durchschlagend: Dick lebt noch immer, und das sollte den unzufriedenen Emsländern zu denken geben, die fordern, die gesamte Molke statt bei ihnen in Bayern zu lagern. Jetzt wird sie erst einmal "zwischengelagert", bis Gras über die Sache gewachsen ist und sich die Behörden über die zweckmäßigste Form der "Vernichtung" geeinigt haben, also darüber, wie man die Molke so verdünnt, daß sie als "natürliche Hintergrundstrahlung unserer Lebensmittel" abgebucht werden kann. Das macht dann den verängstigten Bürgern garantiert nichts mehr aus. Gefürchtet haben sie sich ja bloß wegen ihrer Einbildung, daß Säcke mit verstrahlter Molke kleine Atombomben wären.

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Man sieht: Die Umwelt ist bei ihren staatlichen Verwaltern bestens aufgehoben und das Gift endgültig im regierungsamtlichen Griff. Was will man mehr?