SILVESTER-AUSGABE '81

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1982 erschienen.
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"Der Spiegel"
SILVESTER-AUSGABE '81

Just in der Woche, da der freiheitliche Westen beschloß, die Installierung einer Militärregierung in Polen als Einmarsch der Russen zu behandeln, die Amerikaner "Strafaktionen" gegen die Sowjetunion verkündeten und die Bundesregierung "unter dem Eindruck einer wachsenden Kriegsgefahr" ihrem hehren Standpunkt der "Nichteinmischung" mit einem Forderungskatalog an die polnischen Machthaber Ausdruck verlieh, erschien die Sylvester-Ausgabe des zeitkritischen Magazins "Der Spiegel" mit dem Titel: "Die Lust am Weltuntergang".

Statt dem üblichen Bildrepertoire zu solchen Anlässen von Stacheldraht, brutalen roten Militärstiefeln und finster blickenden Bolschewikenfratzen ziert das Titelblatt des Magazins eine farbenfroh zerstiebende Weltkugel, vor der der "alte Mystifax" Nostradamus mit erhobenem Zeigefinger einherschreitet.

"In Krisen-Zeiten kommt Okkultismus in Mode, biblische Heilserwartungen brechen auf, Frust stärkt die Lust am Untergang."

befindet "Der Spiegel" ganz im psychologischen (Blöd-)Sinne seines Serienschreibers Horst-Eberhardt Richter, um auf dieser von ihm thematisierten - "Welle des Okkulten", das "wie ein vorsintflutliches Ungeheuer in unser aufgeklärtes Zeitalter hineinragt", so mitzureiten, daß er sie nicht einmal mit einem gezwungenen aufklärerischen Lächeln begleitet.

Aktuell sind "Katastrophen-Kalkulationen" von Sterndeutern allemal ("als jüngstes Gerücht grassiert das Jüngste Gericht"), dafür steht "Der Spiegel" mit Madame Teissier in der "Bild-Zeitung" gerade und vermißt selbst ihre Beine. Sein Befund: "Okkultes gehört zum Urväter-Hausrat jeder Kultur, im Herrgottswinkel hält es sich am besten" ist dem Magazin Grund genug, die "Endzeit-Phantasien" diverser Nostradami vom Herrgottswinkel auf seine Hochglanzseiten zu befördern, um ihnen nur eines nachzusagen, daß sie zwar angesichts krisenhafter Weltenläufte nur zu verständlich sind, aber doch recht eigentlich unter dem Niveau aufgeklärten Spiegelbewußtseins liegen. Letzteres darf bezweifelt werden. Denn was - so möchte man fragen - unterscheidet eigentlich noch den Gehalt der Weissagung des Waldpropheten Alois Irlmaier:

"Ganz schwarz kommt eine Heersäule herein vom Osten, eine große Finsternis, die 72 Stunden dauert, hebt an, Potz, Blitz, Donner, Erdbeben: Die Panzer fahren noch, aber die darin sitzen, sind tot."

von politischen Endzeitvisionen Marke "Spiegel":

"Die 'Doomsday'-Maschine des US-Präsidenten, der fliegende Kommandostand für das Welten-Ende im Atomfeuer, steht bereit, Knopfdruck genügt heute für den Salto mortale ins Nichts."?

Daß der eine sein Schreckbild aus den Sternen, der andere aus den gefährlichen Konstellationen von Knöpfen auf Atomwaffen gewinnt. Kommt der "Spiegel" in seiner Sylvesternummer tatsächlich auf Polen zu sprechen, so läßt er einen rübergemachten polnischen General in einem Exklusivinterview ein Hetzbild des Hauptfeindes entwerfen, das die düsteren Prophezeiungen des Visionärs Andreas Rill (anno 1914) vom "Antichrist", der "im äußersten Rußland geboren, von einer Jüdin" mit seinen Horden hereinbricht "an dem Tag, wo Markustag auf Ostern fällt", lässig in den Schatten stellt. Nur eben mit dem kleinen Unterschied, daß es sich heutzutage beim Russ' nicht mehr um die "irrationale" Vorstellung einer im Osten georteten "Geißel Gottes" handelt, die zu einem mystisch verschlüsselten Zeitpunkt dem längst überfälligen sündhaften Treiben der Leute ein Ende machen wird, sondern um die hierzulande politisch verbürgte (und daher ebenso begründensunwerte) Grimasse des Kommunismus, die der praktisch als Aufrüstung betriebenen Feindschaft westlicher Politik - dankenswerterweise! - anhand Polens den Genuß des Beweismittels verschafft. Der "Spiegel" steht nicht an, ganz im Stil eines ZDF-Löwenthal, Fragen der Art an den General zu stellen:

"Herr Dubicki, was kann einen polnischen Offizier dazu bewegen, auf Arbeiter, unter denen auch seine Verwandten sein können, schießen zu lassen?",

um in Gestalt von Antworten reiche antikommunistische Ernte zu machen: Erstens ist dieser besagte Offizier, weil im Dienst der anderen Seite, wenn er den Befehl nicht verweigert, eigentlich ein Charakterschwein. Zweites aber doch nicht so ganz, weil schamlos indoktriniert ("steht unter ständiger Einwirkung der Parteiorganisation"); drittens, da kommunistische Indoktrination niemals erfolgreich sein kann, ist er eine arme, willenlose Sau ("Der Mensch muß nicht das glauben, was er tut, der Indoktrinationsapparat steuert sein Handeln.") und viertens - schließlich ist der Freiheitsdrang = Antikommunismus eine menschliche Grundkonstante - läßt sich Gewalt für den Erhalt östlicher Herrschaft nur durch ein teuflisches System aus moralischem Terror, Denunziation und Arrest erzwingen. So hat wohl Leserbriefschreiber Dirk May den neuesten Stand der geforderten Kritikfähigkeit eines Spiegellesers richtig verstanden, wenn er den Aufschwung der Sterndeuterei mit folgendem hochpolitisierten Kommentar quittiert:

"Wir gucken in die Sterne, unten rollen die Russen rein."

Weshalb ein Rudolf Augstein auch nicht aus dem Kaffeesatz, sondern aus Polen geradezu nostradamische Orakel über die geheimen Kräfte einer sich zuspitzenden Weltlage ausbrütet:

"Die Kräfte, die durch die 'Solidarität' freigesetzt wurden, hätten sich mit ihm (Walesa) oder gegen ihn ihr Bett selbst gesucht, der Lauf ins Verhängnis war wohl nicht aufzuhalten."

Es ist schon erstaunlich, wie sich die Durchblickertour dieses Blatts über Seiten weg nur darin bewährt, den von der Politik geschaffenen Tatsachen das bedeutungsschwere Etikett anzuhängen, daß sie ihre sehr zielstrebigen Macher vor schier unlösbare Probleme stellen. Daß seine deutschen Politiker anhand Polens einen wilden Streit darüber ausfechten, wer von ihnen dem großen amerikanischen Freund näher im Anliegen steht, die tatkräftig mitherbeigeführten Schwierigkeiten der östlichen Herrschaften zur "Tragödie" und damit zum Kriegsgrund gegen die Sowjetunion auszubauen, registriert ein "Spiegel"-Redakteur definitionsmäßig:

"Das Wort 'Tragödie' bezogen auf das polnische Dilemma ist nicht zu hoch gegriffen, ausnahmsweise nicht." Vom Standpunkt der Übereinkunft mit den Herren Politikern, ihnen sämtliche praktischen Resultate ihrer Herrschaft theoretisch als "Dilemma" zugute zu halten, betätigt sich die journalistische Interpretationskunst entweder im interessierten Nachvollzug der zur "Tragödie" führenden Ereignisse, um ihnen rückblickend die höheren Weihen einer nicht aufzuhaltenden Notwendigkeit zu verleihen:

"Beide Seiten bewegten sich mit offenbar nicht zu bremsender Zwangsläufigkeit auf die letzte Konfrontation zu, jede Seite, ohne daß man ihr - von ihrem Standpunkt aus - gravierende Fehler vorwerfen könnte."

oder - auf Grundlage derselben gekonnten Witterung für ungünstige Machtkonstellationen - im prophetischen Gestus auf eine zunehmend aus den Fugen geratene Welt:

"Sicher ist, daß die Sowjet-Union mit der jetzt aufgeplatzten Wunde nie mehr fertig wird."

Soweit "Der Spiegel" überhaupt noch auf die Subjekte der Politik zu sprechen kommt, treiben sie sich mehr oder weniger ungeschickt im Szenario der von ihm entworfenen "Krise" um. Am Maßstab von deren Bewältigung mißt er sie.

Die besten Jahres des "Spiegel" allerdings, wo er noch durch die Aufdeckung von Politiker-"Affären" selbst zur Affäre wurde, wo er noch schonungslos in den dunklen Gründen von Politikerkarrieren wühlte und solange Zweifel an der "Glaubwürdigkeit" hochgestellter Persönlichkeiten recherchierend nährte, bis durch deren würdigen Ruhestand ein Hoch auf die "Abwehrstoffe" des sauberen "Organismus Bundesrepublik" ausgebracht werden konnte, sind wohl vorbei. In Zeiten, wo der Feind wieder von außen dräut, heißt es im Innern eng zusammenstehen.

Wenn der "Spiegel" in seiner Endnummer 81 das Augenmerk seiner kritischen Leser auf eine "Spenden-Affäre" der Bonner Parteien lenkt, so nicht ohne den strengen Vorsatz, daß

"...jetzt nicht politische Differenzen zur Debatte (stehen). Vielmehr geht es um Grundsatzfragen von Recht und politischer Moral."

Es ist die Position der verantwortungsvollen Sorge um die Hygiene und damit Durchsetzungsfähigkeit der Politik in schweren Zeiten pur, den das Magazin zum allgemeinverbindlichen erklärt.

"Und wie die Bonner das Kunststück fertigbringen wollen, das Recht zu wahren und dabei die Köpfc der in der Affäre verstrickten Politiker zu retten, ist offen."

Daß beides geht, ja gehen muß (schon damit "die Parteien weiternin inren" (segensreichen) "grundgesetzlichen Auftrag erfüllen können" - Lambsdorff) ist auch dem "Spiegel" klar. Er bringt sich als Moraltante der Gewalt ins Spiel ("schlimmer läßt sich der Einfluß des Geldes auf die Politik kaum darstellen"), bejammert breit den angeblichen Verlust an Glaubwürdigkeitsessenz für die so dringend erforderliche Handlungsfähigkeit des Staats und verteilt strenge Zensuren unter den Parteien für die Methoden der Beweisführung, daß Geld für eine ordentliche Machtausübung eben unabdingbar ist. Der Anschein von Skrupeln auf Seiten der regierenden SPD über die etwas verwinkelten rechtlichen Wege der Spenden von finanzkräftigen Parteimäzenen und über den Zeitpunkt ihrer Begradigung, genügt dem "Spiegel", um sein "politisch - moralisch" um das Ansehen der Staatsgewalt aufgewühltes Gewissen zu beruhigen, denn immerhin gab es

"solche Probleme... in der CDU/CSU-Fraktion nicht. Wenn's um Geld oder Macht geht, rührt sich bei den Christdemokraten kein Gewissen. Keine Debatte über den Gesetzentwurf, keine Abstimmung über den Inhalt."

Die Parteienlandschaft unter dem Aspekt kritisch zu durchleuchten, wer wohl durch Geschlossenheit, Ideenreichtum und Überzeugungskraft zur Handhabung der Staatsnotwendigkeiten taugt, war von jeher ein trostloses Geschäft. Bitter wird es in Zeiten, wo nicht einmal mehr dem ideologischen Schein nach sich zwischen Regierung und Opposition oder innerhalb der Parteien ein Streit um die Erfordernisse staatlicher Maßnahmen am Kriterium eines vermeintlichen Bürgerwohls abspielt. Wo die von oben angezettelte Diskussion um Sparprogramm, Arbeitslosigkeit und Aufrüstung die Sicherheit der Betroffenheit des größeren, arbeitenden Teils des Volks an den Anfang stellt, um sich dann ganz der Frage zu widmen, ob die derzeit Regierenden noch den nötigen Mumm besitzen, um den Bürgern mit der gebotenen Effizienz ans Leder zu gehen, da verliert auch die betont lockere Tour des "Spiegel", mit der er Intimkenntnisse aus dem Innenleben der Macht kolportiert, sogar noch ihren fadenscheinigen besserwisserischen Reiz.

Strauß-Interviews etwa, die die Zeitung von jeher ihren Kunden als besonderes Schmankerl verkaufte - einfach weil die Interviewpartner eine gewisse feindschaftliche Verbundenheit über eine fast zwanzig Jahre zurückliegende "Affäre" aufwiesen und auch sonst die Unverwüstlichkeit beider in ihrem jeweiligen Metier für anregende Widerreden bürgern sollte - gehen zur Jahreswende 81/82 so an:

"Herr Strauß, die Bonner Koalition befindet sich in einem Dauertief: Die Konjunkturlage ist schlecht, in diesem Winter werden voraussichtlich zwei Millionen Arbeitslose gezählt, in der Raketenaufrüsturig fällt es den Sozialliberalen schwer, mit den eigenen Parteien zurechtzukommen - Zustände, die eigentlich die Stunde der Opposition einläuten. Nur, uns scheint, die Opposition weiß auch nicht so recht, was sie will. Sie tritt nicht in Erscheinung."

Was soll ein Strauß, der als Opposition in Erscheinung tritt, auf dieses sorgenvolle Bekenntnis zu den Bewältigungsnöten heutigen Regierens schon antworten? Sinngemäß: Ich teile Ihre Sorge um eine kraftvoll auftretende Staatsgewalt, begrüße den "dramatischen Vertrauensschwund" der Koalition und bin im übrigen der Meinung, daß die CSU/CDU die Politik der SPD/FDP wesentlich effizienter betreiben würde, wenn die davon Betroffenen - als ihr Kreuz zum letzten Mal gefragt war - nicht falsch gewählt hätten. Leider konnten wir damals Polen noch nicht zur Wahl stellen, obwohl

"der Einmarsch der Sowjets in Afghanistan zum Beispiel... den Trend zugunsten der CDU/CSU eigentlich (hätte) verstärken müssen."

Alles andere, was der "Spiegel" sonst noch aus der Mottenkiste seiner großen Strauß-Nummern vergangener Tage zieht (ob es denn nicht doch ein Anhaltspünktchen für Streit innerhalb der Union gebe / ob Kohl tatsächlich der richtige Mann für den anstehenden Regierungswechsel sei und nicht doch Strauß etc. etc.) steckt der CSU-Führer als gut gemeintes Kompliment weg und verweist ansonsten seine journalistischen Gesprächspartner auf den grundlegenden Unterschied zwischen denen, die die Politik machen und sich dazu die passenden Sprüche einfallen lassen und denen, die so blöd sind zu meinen, vom Standpunkt dieser Sprüche aus ließe sich den Machern am Zeug flicken:

"SPIEGEL: Das Etikett 'Raketenpartei' für CDU/CSU beschwert sie nicht?

STRAUSS: Das hat Helmut Schmidt schon 1958 gesagt und hat dann die von mir gekauften Raketen als Verteidigungsminister übernommen, vermehrt, modernisiert und gepflegt."

Was der "Spiegel" sonst noch zu bieten hat in seiner Sylvester-Ausgabe? Rein seitenzahlmäßig erwähnenswert: Das dritte Stück einer vierteiligen "Spiegel"-Serie über ein schon leicht verstaubtes, aber scheinbar durchaus wiederholungswürdiges Thema diesmal aus amerikanischer Sicht. Die Millionärstochter Patty Hearst ("Es war so emiedrigend".) gewährt in ihrer "own Story" dem Spiegelleser direkten Einblick in die finster-schmutzigen Abgründe des Terrorismus (Fortsetzung folgt).

Weiter einen mindestens genauso spannenden "Spiegel"-Report:

"Wie das eigentlich passieren konnte, ist nicht mehr nachzuweisen. Es 'fing schleichend an', meint der Tübinger Professor Hermann Bausinger, 'wie meistens diese Dinge schleichend anfangen'. Und 'als es die Wissenschaft gemerkt hat, da war es schon zu spät'."

Es handelt sich um nichts weniger als den "Wandel zur Anrede du"!

"Das mag einem nun läppisch vorkommen, doch" (aufgepaßt!) "Sprache ist", wie der Bochumer Psychologie Professor Hans Hermann sagt, "soziales Geschehen".

Ja und auf Seite 104:

"Der Disco-Kult ist wieder da!"