SIEGEN HEISST DIESMAL NICHT DABEI SEIN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1980 erschienen.
Systematik: 

Olympiaboykott
SIEGEN HEISST DIESMAL NICHT DABEI SEIN

Da bei internationalen Sportlertreffen nicht einfach gelaufen, stabhochgesprungen und mit Kugeln geworfen wird, sondern dieselben und andere Tätigkeiten für die Vereinigten Staaten oder für das Große Sozialistische Vaterland verrichtet werden, da die nationalen Athleten also im Dienst der Politik stehen, wenn sie etwas anderes treiben und ihre Kniescheiben, Sehnen und Wirbelsäulen ruinieren, hat die Debatte darüber, ob sich die Völker wieder einmal rein auf der Ebene des schneller, höher, weiter messen wollen, naturgemäß drei Beteiligte: Sportler, Politiker und zuschauende Massen.

Die Frage, wieweit die sportliche Bekräftigung der Völkergemeinschaft zur Zeit statthaft ist, haben alle drei in vorbildlicher Weise, nämlich von beiden Seiten aus gewälzt mit einem Problembewußtsein, das um so eindrucksvoller ist, als das Resultat, daß die Olympiade nicht stattfindet mit dem Entschluß der Amis schon feststand. Mit der Vollendung dieser Tatsache durch die gleichlautende Empfehlung der Bundesregierung muß diese ergötzliche Veranstaltung daher auch nicht zu Ende sein. Mit Erwägungen darüber, ob man nicht doch gesollt hätte und warum nicht, lassen sich noch einige Sportstudios füllen und Sportlerpersönlichkeiten profilieren.

Als offene Debatte mit feststehendem Resultat hatte ja gerade diese den besonderen Reiz, fern von jeder Entscheidung, die mit der Auffassung der zuständigen Politiker vom Stand des Ost-West-Verhältnisses getroffen war, ganz frei zur Demonstration für die Politik bzw. für das eigene politische Verantwortungsbewußtsein benutzt werden zu können.

Topfit für Deutschland zu Hause geblieben!

Die Freundlichkeit der zuständigen Medien, für das Thema einen Großteil ihrer Zeit und ihres Raums zur Verfügung zu stellen, wurde entsprechend belohnt. Die Stellungnahmen konnten sich sehen lassen, wobei das Vorurteil, Sportler seien dümmer als andere Menschen, bloß, weil sie tagaus tagein statt ihrem Kopf ihre Beine strapazieren, als unhaltbar entlarvt wurde: dümmer als die der anderen waren ihre Stellungnahmen auch nicht.

Da war niemand, der seinen Wunsch, in Moskau mit anderen um die Wette zu rennen oder selbiges am Bildschirm zu betrachten, nicht in die passenden Worte gekleidet hätte nach dem Motto: "Ich weiß ja, daß es unverantwortlich ist, aber ich möchte gerne". Die wenigen Dissidenten, die es gibt, bilden sich soviel ein auf ihre sportliche Mission, daß sie meinen, auf andere nationale Gesichtspunkte keine Rücksicht nehmen zu müssen - so die schnelle Annegret Richter, die ihren sportlichen Fanatismus so weit trieb, daß sie aus purer Goldgier nach Moskau möchte und aus sonst gar nichts, weswegen es der "UZ" (DKP) auch nicht gelang, ihr in einem Interview einen einzigen fortschrittlich -freiheitsliebenden Satz zu entlocken.

Das vorsichtige Aufmucken, daß es enorm ungerecht wäre von Vater Staat, Leuten, die ihre ganze Jugend dem Training geopfert hätten, den Beweis ihrer Tüchtigkeit zu verbieten, bewies schon gleich im nächsten Satz, daß man doch den Sport nicht "einfach" zum "Anhängsel der Politik" machen dürfe, seine Konzilianz. Ob Sportsmann, Sportfunktionär oder bloß Zuschauer - die Zurschaustellung der eigenen Einsicht darin, daß man es sich als Bürger so "einfach" nicht machen darf, wenn es darum geht, staatliche Beschlüsse, an denen die Verantwortlichen schwer tragen, vor- oder vielmehr nachzuvollziehen, gelang allen Beteiligten gleichermaßen perfekt. Als erstes ist die Entscheidung über den Olympiaboykott ein Problem, insofern es "unser" Verhältnis zum Osten, zum Westen, zu der Menschheit schlechthin - und insbesondere zur Menschlichkeit tangiert.

Relativ schlecht im Rennen lag dabei die schon leicht angestaubte Ideologie, daß man schon allein deshalb nach Moskau sollte, weil "die Menschen miteinander sprechen" müßten - weniger deswegen, weil das recht schwer fällt, wenn man gerade 400 m hinter sich hat: selbst die kasernenmäßige Unterbringung im Gefängnis von Lake Placid hindert ja gewöhnlich niemanden daran, hinsichtlich solcher "Treffen der Jugend der Welt" immer mal wieder die schöne Vorstellung zu beschwören, jeder würde dort oder sollte zumindest mit jedem kommunizieren ("you like the wheather?"), damit die Völker der Welt sich besser verstehen (= "Jeder Mensch liebt schönes Wetter" usw.). Auch nicht deshalb, weil man etwa der Auffassung gewesen wäre, diese Ideologie der Völkerfreundschaft blamiere sich vor der Realität des brutalen Umgangs der Staaten mit ihren eigenen und anderen Völkern, etwa im Fall UdSSR-Afghanistan. Daß nicht dies die Öffentlichkeit juckt, zeigt der Kassenschlager "Buenas dias, Argentina", der ein gelungener Beweis dafür ist, daß über alle geheuchelten Debatten hinweg "darf man in einer Diktatur Fußball spielen - ja oder nein?" eine grundlegende Einigkeit in dem politischen Urteil besteht, daß eine Rechtsdiktatur akzeptabel ist. Ausschlaggebend war vielmehr, daß anläßlich der Weltlage die andere Seite der Ideologie der Völkerfreundschaft herausgekehrt wurde, die im Bezug auf den Osten sowieso jeden Tag Thema ist, daß nämlich die zu den Völkern gehörigen Staaten, sofern sie keine kapitalistischen sind, unmenschlich sind.

"Olympische Spiele mit Friedenstauben im Lenin-Stadion, während in Afghanistan die sowjetischen Panzer angreifen - das wäre so pervers wie ein Freundschaftstreffen von Vegetariern im Fleischerladen. Unser Verhalten Moskau gegenüber ist eine Frage der Selbstachtung und der politischen Moral."

Bringt es die Olympiawaffe?

Deshalb nahmen sich auch Verweise auf einige frühere amerikanische Kriege, neben denen sich die vegetarische Idee ganz gut behaupten konnte, zwar problembewußt, aber nicht ganz zeitgemäß aus. Auf die Friedensideologie wurde zwar auch nicht verzichtet, weil sie sich genausogut dazu eignet, offensiv vorgetragen zu werden - gerade weil der russische Staat so verfährt, muß der Frieden durch Konfrontation gesichert werden. Doch die meisten der Möchtegernpolitiker in Sachen Olympiaboykott ergingen sich, ohne erst lange in Idealen der Völkerverständigung zu schwelgen, in Reflexionen darüber, was "wir" machen sollen, können, müssen:

Beliebtes oft verwandtes Argument: "Ein Olympiaboykott ist kein wirksames Mittel", was, vorgebracht von Helmut Schmidt, Genscher und Konsorten, ein Argument ist, den Beitritt zum Boykott von eigenen diplomatischen Erwägungen abhängig zu machen; vom Normalbürger als Kritik an den USA vertreten, verrät es sowohl grobe Unkenntnis über Sinn und Zweck amerikanischen Entzugs diplomatischer Anerkennung gegen über der UdSSR, nämlich die manifeste Drohung mit der wirtschaftlichen und militärischen Stärke der USA, als auch eine relativ ungeschickte Verkleidung des Ärgers über ein paar entgangene Fernsehabende: "macht doch mit den Russen, was ihr wollt, aber muß es gerade Olympia sein" oder: "Statt die Olympischen Spiele zu versauen, doch lieber gleich richtig zuschlagen!". Die Zustimmung zu einem ordentlichen imperialistischen Umgang des Westens mit der UdSSR ist also nicht nur die Basis der Entscheidung gesinnungsfester Sportlerpersönlichkeiten wie z.B. Neckermann auf Linsenhoff und umgekehrt. Sie stachelt auch die "trotz allem" an der Olympiade Interessierten zu wahren sportpolitischen Diplomatiekunststücken auf: Man könnte beispielsweise sporteln und nicht die Fahnen hissen und/oder nicht die Hymnen spielen und/oder nicht als Nation einmarschieren und/oder nicht zur Siegerehrung erscheinen und/oder den Russen noch nicht einmal die Ehre geben, auf ihrem Boden zu nächtigen, sondern mit dem Flugzeug hinfliegen, raus und die Medaillen geholt, und gleich wieder heim. Kurz: sich als Nation sportlich mit der UdSSR messen, ohne sie als Nation anerkennen - genial!

Konsequente Fortsetzung dieses Prinzips seitens der Olympia-Befürworter: die Spiele deshalb unbedingt stattfinden lassen, weil der Medaillensieg des Westens sowie die westliche Agitation gegen die Politverbrecher auf dem gegnerischen Feld der Tiefschlag gegen die Russen wäre. Ein paar National gesinnte entdecken in sich angesichts von Olympia sogar den Antihegemonisten:

"Es hieße, die Abhängigkeit von Amerika auf die Spitze treiben, wenn sich unsere Regierung der anmahlenden Forderung Carters, die Olympischen Spiele zu boykottieren, beugen würde."

"Dem treuen deutschen Waldi scheint mal wieder nichts anderes übrig zu bleiben, als hinter seinem US-Herrchen herzudackeln."

Hochpolitische Problematisierung

Daß es auch bei solch despektierlichen Bemerkungen nie am gebührenden Respekt vor den Entscheidungen des "treuen deutschen Waldis" mangelt, versteht sich von selbst. Denn daß die öffentliche Debatte von vornherein angezettelt war als eine Gelegenheit für Leute, die nichts zu sagen haben, auch mal das Wort zu ergreifen und das, was geschieht, zu kommentieren, war jedem klar und daran hielt sich jeder, sei es in hochpolitischen Problematisierungen:

"Viele schreien heute: Keine Olympischen Spiele in Moskau. Doch wo waren die Schreier früher? 1958 intervenierten US-Truppen im Libanon: Vorbereitung der Spiele in Squaw Valley...

1970... Vietnam. ...Denver

1974... Kambodscha, Vietnam... Lake Placid...

Diejenigen, die gegen Vietnam und Kambodscha waren, wurden mehr oder weniger verfolgt. Vnd wer heute gegen den Olympia-Boykott ist, wird wieder verfolgt."

Sei es in der maßvollen Kommentierung der Ereignisse, in der man auf eigene Entscheidungen ganz verzichtet, um sich als Kenner des politischen Geschehens und seiner Problematik aufzuspielen: so in der immer wieder aktuellen Frage, ob denn der Sport nun politisch sei, die Politik sportlich, wenn sie den Sport behindert, und ob man denn eigentlich aus der Tatsache, daß letztlich Sport und Politik nicht zu trennen sind, die Konsequenz ziehen müsse, solle, könne, daß die Politiker den Sport Sport sein lassen sollten, oder die Sportler die Politik Politik, oder vielleicht lieber die Sportler den Sport Sport. Ein heißes Thema für Sportschau und Sportstudio: widmeten sich doch hochstehende Politikerpersönlichkeiten der wichtigsten Nebensache der Welt und Sportreporter mit Ambitionen konnten ihre ganze Stirn in politisctie Falten legen. Im Unterschied zur amerikanischen Öffentlichkeit, die im Selbstgefühl einer Weltmachtnation ihren Standpunkt als offensive Unterstützung bzw. Gegnerschaft der Regierungspolitik vorträgt - T-Shirts und Beschimpfung der Russen in Lake Placid mit der erfrischenden amerikanischen Unbefangenheit - präsentiert sich die deutsche Öffentlichkeit als Übungsfeld für verantwortliches Argumentieren.

Die ideale Ergänzung hierzu das bundesdeutsche OK mit Willi Daume an der Spitze, der sich nicht nur in der allgemeinen Beachtung als Sportpolitiker sonnt, sondern auch seine entsprechenden Qualifikationen zu präsentieren weiß

"Wir haben alle Freiheiten und bilden uns unsere endgültige Meinung in aller Ruhe. Die Zeit arbeitet für uns, wenn wir sie gewähren lassen... Es ist zutreffend, unsere politische Lage ist schwierig. Die Verantwortung ist groß und auch erkannt. Aber Politik ist nicht alles... Der Riß würde durch alle internationalen Sport-Organisationen gehen. Natürlich gibt es wichtigere Dinge in der Welt. Aber wichtig genug waren die Spiele ja, um sie an die Stelle der Verminung von Häfen und Seewegen oder auch eines weltweiten Handelsembargos treten zu lassen, wie das alles angekündigt war woraus nun offenbar nichts wird. Gott sei Dank." (Spiegel Nr. 8/80)

Während Daume, laut Urteil der Presse ein "romantischer Idealist", einerseits die Bedeutung seinesgleichen immer noch und unerschütterlich mit der Zuversicht demonstriert, daß die Olympisehen Spiele hoffentlich doch noch stattfinden werden, andererseits devotest seine Reverenz in Richtung 'hohe' Politik verrichtet:

"Es braucht auf dieser Welt nicht immer alles weiterzugehen."

nämlich das, wozu er staatlicherseits eingesetzt wird, spielt Kollege Willi Weyer, von der Presse als "Realpolitiker" in Sachen Sport durchschaut, in seinem begrenzten Wirkungskreis sogar selbst ein bißchen große Politik und verteilt

"gezielte Elfmeter": "Die Russen müssen ein Zeichen geben und ihre Truppen abziehen - sonst geht's nicht!"

Alles in allem, eine Hintermannschaft, auf die deutsche Politiker sich verlassen können.