SIEBEN MINUTEN LANG BASTIANS HAND AN GORBATSCHOWS BRUST ODER: WARUM WEINTE MARIA SCHELL?

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1987 erschienen.
Systematik: 

Das Ergebnis des Moskauer Friedensforums
SIEBEN MINUTEN LANG BASTIANS HAND AN GORBATSCHOWS BRUST ODER: WARUM WEINTE MARIA SCHELL?

Die Öffentlichkeit ist gespalten. Einerseits geradezu begeistert, was in Moskau alles geht, andererseits - gerade wegen der Begeisterung - richtiggehend erbittert, was das wieder für ein mieser Trick ist. Propaganda!

1.

Abgelehnt wird mit dieser vernichtenden Kritik der Veranstaltung keineswegs das, was die 900 Persönlichkeiten in ihrer einmaligen, handverlesenen Art in Moskau alles propagiert haben. Die unbestreitbare Tatsache, daß ihnen die Machtübernahme im Kreml nicht ganz gelungen ist, wird da enttäuscht zur Kenntnis genommen. Ein gestandener westlicher Beschauer wendet sich beleidigt von einem Schauspiel ab, das aufgrund der schieren Anwesenheit dieser geballten Ladung westlicher Prominenz den Gastgebern zu unverdientem Ansehen verhilft.

2.

So gereichen die gedanklichen Tiefflüge, die unsere Creme unter der Patronage des "Unrechtssystems" mit Sacharow ausgetauscht hat, dem Kreml keineswegs zur Ehre. Gewicht kommt den Meinungsäußerungen des Personenkreises, der bei uns zur Elite zählt - geist- und geldmäßig -, nur insofern zu, als diese Menschen guten Willens hier bei uns im Ruf stehen, bedeutsam zu sein. Armes Moskau, wie tief bist Du gesunken! Jede besoffene Troika an einem Wodkastand am Rande Deiner schönen Parks macht Dir mehr Ehre als die gastfreundliche Beherbergung eines deutschen ' Bankers, einer überkandidelten Schauspielerinnenriege und von eingebildeten Dichtern.

3.

Die maßgeblichen Russen erliegen offensichtlich einem Fehler, der die Ostslawen seit Menschengedenken bewegt. Sie lassen auch in den Jahren der atomaren Waffenkonkurrenz Kultur und Seele hochleben. So sehr, daß es ihnen gar nichts ausmacht, wenn die eingeladene Westprominenz auf feindlichem Territorium westliche Ideale und Werte bejubelt. Die Teilnehmer waren in großer Mehrzahl einfach hingerissen darüber, daß sie sich zu Besuch beim Feind genauso aufführen durften wie zu Hause, nämlich neben der Repräsentation ihrer jeweiligen Persönlichkeit ein bißchen gegen die Gastgeber hetzen konnten und zum Schluß nicht einmal eine matte Einheitsresolution zu unterschreiben brauchten. Genauso wie zu Hause stimmt natürlich nur in einer Hinsicht: Zu Hause bestellt man sich nur die eigenen Lobhudler und keine mit unpassenden Neigungen. Da fliegen ja schon Journalisten, die die falschen. Fragen stellen, aus den Fernsehdebatten heraus, bevor die losgehen. Insofern haben die Russen eine Veranstaltung aufgezogen, die sich kein westlicher Staat jemals leisten würde.

4.

Bloß was für eine. Daß man im Ostblock immer schon besonders viel auf solche Institutionen gegeben hat wie eine "Weltöffentlichkeit" oder genauer: eine "Weltmoral", weiß man ja. Daß man die formelle Differenz von Agenten der Herrschaft und Ausbeutung und den Vertretern der dazugehörigen Moral, Pfaffen und Philosophen, schon immer mit einem sehr kritischen Verhältnis verwechselt hat, ist auch nicht neu. Aber wenn man sich jetzt das komplette Führungspersonal der westlichen Weltmeinung von den Kirchen bis hin in sämtliche Unarten und Idiotien des geistigen Überbaus krallt, um mit denen das dünnste und denkbar dümmste Einverständnis herzustellen, damit man sich darauf berufen kann, dann überschreitet der Opportunismus jede Schamgrenze.

5.

Für das erschütternde Bekenntnis, daß die 900 wahrhaftig alle für und nicht gegen den Frieden sind, hätten sie die Fahrkarten erst gar nicht verschicken brauchen. Das hätten sie von Caspar Weinberger und Yitzak Schamir schriftlich bekommen können, jeden Tag dreimal. Und umgekehrt können sie doch kaum ernstlich glauben, daß z.B. beim nächsten Raketenbeschluß in Italien die italienische Fan-Gemeinde von Claudia Cardinale machtvoll aufsteht: Mit uns nicht! Weil unsere Claudia ist für den Frieden! Oder die Kunden von Yves St. Laurent... oder die von der Deutschen Bank...

6.

Das "neue Denken", das Gorbatschow vor dieser eindrucksvollen Versammlung von Moralisten, Spinnern, Fatzken und Profitgeiern wieder einmal verkündet hat, bedeutet zumindest in der Hinsicht offensichtlich eine Entscheidung zu hemmungslosem Idealismus: Kein noch so abartiges Exemplar für gutes, weil beliebtes Menschentum im Westen darf als Argument für die Bedeutung des Friedens, also: für die sowjetische Opposition gegen die Kriegsentscheidung der NATO ausgelassen werden. Opposition in irgendeinem anderen Sinne kann sich die Sowjetunion überhaupt gar nicht mehr vorstellen. Sie lädt sich lieber die Meinungsführer - und seien es auch die hinterletzten Wurmfortsätze von freier Meinung - ein als Kritiker der westlichen Welt. Oder einige der von ihr sattsam zitierten Opfer des Imperialismus: Neger, Arbeitslose, Arbeiter, die sie sich offensichtlich nur noch als Friedens-Berechtigte und nicht mehr als Interessenten an Klassenkämpfen vorstellen kann.

7.

Ein garantiert hundertprozentiges Bekenntnis zum Frieden haben die Veranstalter dann auch bekommen, von vielen auch noch das Zusatzkompliment, daß sie glauben, daß die Russen zur Zeit mehr für den Frieden tun als die Amis. Das war's denn auch. Mehr können Karel Gott gemeinsam mit Pierre Cardin, Yoko Ono "im Gespräch" mit Max Frisch, ein paar abgewrackte Filmdivas und Wirtschaftsbosse wohl kaum an Gedanken über die Weltlage ausbrüten. Sie können an den Kameras vorbeilaufen und den Stuß erzählen, den sie auch sonst immer erzählen. Grinsen kann der senile Gregory Peck immer noch. Der alte Galbraith, den es unter dem Etikett "Sozialist" auch dahin verschlagen hat, scheint seine Lebenserfindung, der Kapitalismus wäre eine "Leistungsgesellschaft", in irgendeiner Art und Weise in ein Friedensthema vermantscht zu haben. Graham Greene war begeistert, weil er so viel Gemeinsamkeit angetroffen hat. Die gefällt ihm schon so gut an Nicaragua, wo Kommunisten und Katholiken Seite an Seite kämpfen - herrliche Zustände! -, daß er sich jetzt nur noch einen Sowjetbotschafter im Vatikan wünscht. Max Frisch erzählt live im Sowjet-Fernsehen, daß keiner - und erst recht nicht die KPdSU die "Prawda" gepachtet hätte. Maria Schell weint wie immer - jetzt für den Frieden, und weil sie bedauert, daß ein resolutionsähnlicher Brief an Friedensfreund Reagan diesen verprellen und ungnädig stimmen könnte. Egon Bahr hetzt wie immer - für den Frieden: Die Russen sollen SDI billigen und abrüsten. Sacharow stimmt ihm zu und plädiert für viele, viele AKWs. Sein neuer Tip: unterirdisch! Genau der richtige Gast für die deutschen Grünen. Und dann geht endgültig alles in Rührung über. Petra Kelly darf Gorbi die Hand geben; sie (Eigenton) "fleht ihn auch noch an, alle, aber auch alle politischen Häftlinge freizulassen", und hat jetzt für immer und ewig in ihrem geistigen Poesiealbum stehen: "Wie ich einmal mit dem zweitmächtigsten Mann der Erde viele unglückliche Gefangene befreit habe..." Und wenn nichts daraus wird, aus dem Frieden oder den Gefangenen, ist ja auch egal, weil die Sowjetunion nach wie vor ein Staat ist, der sich mit dem Rest der Welt in einer militärischen Konkurrenz befindet und zur Entscheidung gefordert wird, dann bleibt unserer Petra immer noch die Erinnerung plus die Erkenntnis, daß es letztlich doch an dem häßlichen russischen Menschenschlag gelegen haben muß. "Mit den Grünen war sich Ellsberg darin einig, daß das Ehepaar Gorbatschow 'ganz anders ist als alle anderen hier'. Petra Kelly hatte von Gorbatschow sogar den Eindruck, 'der paßt gar nicht zu den anderen'." (Süddeutsche Zeitung 18.2.) Paß' bloß auf, Petra!

8.

Zumindest ideologisch geschieht es den Russen recht: Wer so ein Feindbild entkräften will, dem saufen lauter falsche Freunde den Wodka weg.

9.

Wenn man dpa glauben kann, geht der Wahnsinn überhaupt erst richtig los:

"ROM, 16. Februar. Zwischen dem Vatikan und der Führung der UdSSR gibt es erste Kontakte, um 1988 in der Sowjetunion einen großen Kongreß von Katholiken und Marxisten zum Thema 'Ist Gott wirklich tot?' zu organisieren." (Frankfurter Rundschau, 17.2.)

Wenn Gott noch lebt, prüft er gerade seine Teilnahme.