SIEBEN GLORREICHE HELDEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1986 erschienen.
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Der Challengerknall-Effekt
SIEBEN GLORREICHE HELDEN

Am 27. Januar hat es sechs Astronauten und eine Lehrerin kurz nach dem "Bilderbuchstart der 25. Space-Shuttle-Mission" infolge einer "major malfunction" in ihre Bestandteile zerlegt. Die sieben hatten Glück. Im Unterschied zu einem ordinären Betriebsunfall sind sie fürs Vaterland und unter größter öffentlicher Anteilnahme draufgegangen und leben so "in unser aller Herzen" weiter.

Die amerikanische Nation war geschockt. Die "nationale Tragödie" wurde mit der Ermordung J.F. Kennedys verglichen, und die technische Panne mit dem Brand der Hindenburg vor 50 Jahren. Die nationale Erschütterung galt also nicht dem Tod der Besatzung, sondern dem amerikanischen Raumfahrtprogramm, dessen Sicherheit versagt hatte. Das Vertrauen in die technischen Mittel amerikanischer Überlegenheit hatte einen Knacks bekommen.

Daß hier die Strategische Verteidigungs-Initiative (SDI) der USA auf dem Programm stand, ist kein großes Geheimnis, und wurde in großen Balkenüberschriften unters Volk gebracht: "Auch SDI-Programm gefährdet". Ein diesbezügliches Mißverständnis gibt es allerdings auszuräumen: Daß die Raumfahrerei einen anderen Grund hätte als den militärischen. Wenn der zivile Nutzen der Raumfahrt in Frage gestellt wird mit dem Hinweis, daß es auf der Erde noch genügend ungelöste Probleme gäbe oder der "militärische 'Nutzen' insgesamt ein ganz kleines bißchen größer ist", wird ihr immer noch die "friedliche Eroberung des Alls" zugute gehalten. Kaum einer, der nicht dem zivilen Anstrich der NASA auf den Leim geht und aus den Ungereimtheiten, daß die "Kostendeckung" der Shuttle-Flüge durch private Auftraggeber nicht im entferntesten gegeben sei, den Schluß zöge, daß es bei der kommerziellern Nutzung eben nur um Kostenminderung geht.

Das Shuttle-Programm war 1978 von US-Präsident Jimmy Carter abgesegnet worden, ausgerechnet mit dem Argument der "Verifizierung von SALT 1". Es sollte dem Transport größerer Nutzlasten dienen, als mit den Titan-2-Raketen befördert werden konnten; es sollte die Rückkehr zur Erde ermöglichen und es sollte ein bemanntes Raumfahrtprogramm sein, dessen Zweck der Zusammenbau größerer Einheiten im All war, die man nicht auf einen Schlag hochschießen kann. Das Shuttle war also von seiner Bestimmung her für eine ausgedehntere "Nutzung" des Orbits ausgelegt, als die, welche das übrige Satellitenprogramm für militärische Aufklärung, Nachrichtenübermittlung und Waffenleitsysteme bereits leistet. Die Wiederverwendbarkeit der Raumfähre war für den geplanten Dauerverkehr unerläßlich; bis 1990 sollen die Dinger alle 14 Tage in die Lüfte gehen.

1983 verkündete Ronald Reagan öffentlich den nächsten Schritt in der Eroberung des Weltraums, die Ausschreibung des Ideenwettbewerbs, wie Orbitalstationen im nationalen Interesse tatsächlich auszusehen haben. Von der Science Fiction, die sich im übrigen ohnehin hauptsächlich Kampfstationen im All vorgestellt hat, wird übergangen zur Ausarbeitung und Erprobung von Mitteln, mit denen man einen Krieg gegen die UdSSR im All führen kann. Vernichtung gegnerischer Raketen und Satelliten steht an, ebenso wie der Schutz der eigenen (durch irgendein Sommerloch ist der von Atomexplosionen ausgelöste elektromagnetische Impuls gegeistert, gegen den man seine Elektronik "härten" muß).

Vorgestellt wird dieses Programm, das die Führung eines Krieges gegen die SU kalkuliert, der Öffentlichkeit als Wunderwaffe, als gigantischer Schutzschirm, der die USA vor einem Raketenschlag der Sowjetunion bewahren soll. Mit den realen Leistungen eines SDI hat das wenig zu tun. Weder wird dargelegt, was im All schon alles stationiert ist und was man für Ernstfälle in der Tasche hat. Noch würde ein - noch längst nicht realisiertes - Raketenabwehrsystem jenen "undurchdringlichen Schild" darstellen, an dem es durch seine Kritiker gemessen wird. So sind tatsächlich einige Mitarbeiter des angelaufenen Projekts aus ihren lukrativen Jobs mit dem Argument 'nicht realisierbar' ausgestiegen - und haben den Witz verpaßt.

Einmal abgesehen von unzähligen Resultaten, die aus diesem "Manhattan-2"-Projekt todsicher herauskommen, liegt der Clou der öffentlichen Verkündung einer Verteidigungsinitiative in der Kriegspsychologie. Es kann in der Tat nicht sein, daß sich die USA in ihrer Politik gegen die UdSSR von einer noch gar nicht existenten Waffe abhängig machten. Ihr Gehalt allerdings ist deutlich wie nur was: "to render nuclear weapons impotent and obsolete" (Reagan). So ist der nationale Aufruf nach den technischen Mitteln, die die Wissenschaft austüfteln soll, Bestandteil der antikommunistischen Politik, die sich von keiner Atomwaffe der Gegenseite mehr abschrecken lassen will. Der politische Befund lautet also nicht, man könne mit den vorhandenen Mitteln keinen Krieg gegen die Sowjetunion führen und ohne SDI seien einem die Hände gebunden. Die diversen Auslassungen über die Enthauptung der SU, die Führbarkeit eines Atomkriegs usw. seit 1978 stehen für den Beschluß, sich über die bisher als Hindernisse eines Atomkriegs betrachteten strategischen Probleme hinwegzusetzen, also für den entsprechenden Sieges-Willen. Die praktischen Anstrengungen zur Realisierung des SDI-Programms sind der Ausdruck des Willens, alle Kräfte der Nation auf diesen einen Zweck zu konzentrieren. Praktische Fortschrite bei SDI mögen da noch manches zur nationalen Schlagkraft beitragen. Einen russischen Vergeltungsschlag machen sie damit nicht "obsolet", dafür sorgen schon die Russen. Aber die Amis verkünden vor aller Welt, daß sie sich davon nicht mehr beeindrucken lassen wollen, bei allen ihren Aktivitäten auf dem Globus, die SU "zurückzudrängen".

Die Verteidigungsinitiative ist der sich selbst erfüllende Wille zur Überlegenheit. Die konsequente Nutzung aller ökonomischen und geistigen Reserven kann schließlich nur zum Sieg führen. Und wenn einem die Mittel dazu vom Himmel fallen, dann führt das nicht zu Defätismus, sondern zu einer einzigen Selbstbestätigung der Nation, daß sie in ihrer Entschlossenheit nicht nachläßt. Ein amerikanischer Kommentar will der Welt die amerikanische Psyche erklären:

"Für Außenseiter gibt es einen Anflug von Hybris in der Vorstellung unvermeidlichen Triumphes, aber Amerikanern erscheint es vorherbestimmt, daß sie die Nr. 1 in allem, was sie anpacken, sind. Über Generationen erzählten amerikanische EItern ihren Kindern, daß die Vereinigten Staaten ihre Kriege gewannen, weil sie im Recht waren. Aber in den letzten zweieinhalb Dekaden ist das Leben komplizierter geworden. Der Aufstieg der Sowjetunion, Niederlage in Vietnam, Erniedrigung in Iran, die offensichtliche Unfähigkeit der Vereinigten Staaten, wenigstens ihre Bürger im Ausland vor Terror und Mord zu beschützen - solche Ereignisse haben Amerikaner vor die Frage gestellt, ob ihr Land wirklich die Nr. 1 war.

Durch 25 schwierige Jahre hindurch war das Weltraumprogramm ein andauernder Talismann der Vormachtstellung, der um so verletzlicher war, als sich die Leute daran erinnern, daß die Russen an dieser Front zuerst gestanden sind.

Als Neil Armstrong am 20. Juli 1969 den Mond betrat, war das amerikanische Selbstvertrauen wunderbar aufgefrischt. Und das gewöhnliche Volk, nicht zu reden von den Zeitungen und dem Fernsehen, hatte sich daran gewöhnt, daß das Space-Shuttle-Programm reibungslos wie ein Uhrwerk läuft. Das bestärkte in der Sicherheit, daß das etwas war, womit es die Russen nicht aufnehmen konnten." (Int. Herald Tribune, 3.2.1986)

Eine solch empfindliche Psyche, die peinlich genau jede Verletzung des Rechts ihrer Nation auf die Weltmachtstellung Nr. 1 fühlt, bedarf der Aufrichtung.

"Das Unglück traf tiefer, als jemand vorhergesehen hatte, weil es dort ein Versagen darstellte, wo es Amerikaner als ihr offenkundiges Schicksal betrachteten, Erfolg zu haben, und Mr. Reagans einfache Erklärung, daß 'nichts hier ende', bedeutete so viel für so viele, weil sie zu verstehen gab, daß sie noch voller Kraft waren." (ebd.)

Zur entscheidenden Wunderwaffe hatte der Präsident den unbedingten Willen zum Sieg bestimmt. Challenger war noch nicht verdampft, da stand schon fest, daß der Geist der Verblichenen, "ihr Wagemut und ihre Tapferkeit" weiterleben müsse. Reagan inszenierte ein paar Heldengedenkveranstaltungen, in denen die "kühnen Opfer" gewürdigt wurden, und er die Nation daran erinnerte, daß sie aus "Pionieren" bestünde, die zu neuen Grenzen aufbrechen müsse, weil sonst die Zivilisation nicht vorangehe.

Pathos durfte nicht fehlen: "Sie entschlüpften den beengenden Fesseln der Erde, um das Gesicht Gottes zu berühren." Der Mut und Wille zum Risiko wird zum Programm der NASA erhoben.

"Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der NASA haben sieben Mitglieder ihrer Familie verloren. Sie müssen weitermachen mit einem Weltraumprogramm, das wirkungsvoll, sicher und leistungsfähig, aber auch kühn und verantwortungsbewußt ist." (Reagan)

Die eingesetzte Untersuchungskommission hat 120 Tage Zeit, die Unfallursache zu bestimmen. So wird auch offiziell von dem gerühmten "Sicherheitsfanatismus" (unser Ulf Merbold) der NASA Abstand genommen. Nur Pannen dürfen keine passieren. Dann werden sowohl die Herstellerfirmen des nationalen Verrats verdächtigt, als auch die verantwortliche Person ausfindig gemacht, die sich die Fehlentscheidung hat zuschulden kommen lassen. So steht einem Start des nächsten Shuttle im Juni nichts mehr im Wege. Eine neue Lehrerin haben sie schon.

Und die Nation weiß, daß es für den Sieg etwas mehr braucht als nur Technik.