SCHMERZKILLER UND ANGSTDROGEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1980 erschienen.
Systematik: 

Psychopharmaka
SCHMERZKILLER UND ANGSTDROGEN

"Unter dem Schlagwort 'Psychochemie' forscht zur Zeit eine große Zahl von Wissenschaftlern über die biochemischen Mechanismen, die im Zentralnervensystem die molekulare Basis von Empfindungen wie Schmerz und Angst darstellen", meldete kürzlich die Süddeutsche Zeitung unter der Überschrift "Mechanismen der Entstehung der Angst". Ganz seriös und mit dem ihr eigenen Charakterzug unermüdlichen sorgfältigen Forschens tritt hier eine Naturwissenschaft, die aus einer Ideologie ein ganzes Programm gemacht hat, mit praktischen Resultaten an, die Hilfe versprechen.

Die Ideologie, welche dieser Naturerkenntnis Auftrag, Ethos und falsche Interpretation ihrer Ergebnisse liefert, liegt im kleinen Wörtchen 'und': 'Schmerz und Angst'. Als ob es sich um zwei gleiche Störungen des organischen Befindens, um nichts weiter als zwei spezifische Vorgänge im Nervensystem handeln würde. Empfindung und Empfindung sind aber zweierlei, wie jeder weiß. Die Empfindung des Schmerzes beim Biß durch einen Köter ist schließlich nicht dasselbe wie das Gefühl der Angst vor der gewußten oder eingebildeten Bedrohung durch denselben, auch wenn beide durch alle möglichen physikalischen und chemischen Vorgänge im Gehirn vermittelt sind. Ganz abgesehen von dem Wissen, daß die Ursache des Schmerzes nicht durch Aspirin oder "körpereigene Opiate", die "schmerzkillenden" Endorphine, beseitigt wird, ist durchaus bekannt, daß Angst nicht auf körperlichen Ursachen beruht. So gilt es für 'unmenschlich', z.B. ein Blag bei Angst vor Dunkelheit, dem Nikolaus, der Schule usw. statt mit menschenfreundlichem Zureden mit Tranquilizem vollzustopfen und weitere Erziehungshoffnungen auf die Spekulation der Psychochemie zu setzen, "daß es eine körpereigene Substanz gibt, die ausschließlich die Angst steuert, und somit die Chance (bietet), in Zukunft nebenwirkungsfreie Beruhigungsmittel entwickeln zu können." Mit Schmerztabletten werden die Nerven betäubt, die die körperliche Störung als Schmerz vermitteln (was bekanntlich je nach Schmerz auch nicht ohne die entsprechenden Nebenwirkungen geht); bei 'Beruhigungsmitteln' aber wird darauf abgezielt, das Gehirn, die physische Basis für die Gefühls- und Gedankenregungen, also für das Bewußtsein mehr oder weniger außer Kraft zu setzen. Und das gilt als anerkannte Methode nur für den ausgewachsenen bürgerlichen Willen, der sich mit gutem Zureden nicht zufriedengeben will, und auch nur soweit, wie seine Regungen als Störung seines 'normalen Seelenlebens' akzeptiert sind.

Die Suche nach dem 'Stoff der Angst'

Doch brauchen die Feinheiten die Naturwissenschaften nicht zu beeindrucken, die sich selbst mit dem nützlichen Auftrag bedacht hat, wie früher die Magier nach dem Stein des Weisen so jetzt streng wissenschaftlich nach dem "Stoff der Angst" zu suchen. Denn sie hat sich mit dem kleinen 'und', der Gleichsetzung aller möglichen körperlichen und geistigen Regungen als biochemisch bewirkten Nervenvorgängen ein anderes Problem geschaffen: die verschiedenen Empfindungen, die ihre Ursachen teils im Körper selbst, teils in subjektiven Einbildungen, teils in wirklichen Bedrohungen haben, erscheinen jetzt als quantitatir verschiedene Phänomene, als unterschiedliche Schwierigkeit der Forschung, sie eindeutig in den biochemischen Hirn- und Nervenvorgängen zu lokalisieren. Deswegen fällt dem Psychochemiker sein wissenschaftlicher Fehler auch nicht an dem praktischen Resultat auf, daß der Unterschied der Mittel wirklich in ihrer Stärke lieqt.

Die 'Tranquilizer' beeinträchtigen, wie schon der Name sagt, mehr oder weniger den ganzen Hirnapparat. Damit wird der ordentliche Naturforscher durch die säuberliche Unterscheidung in eine angebliche "anxiolytische (angstbefreiende (!)) Wirkung" und in "eine Reihe von - meist unerwünschten - Nebenwirkungen" fertig, die er bei den Schmerzmitteln mehr oder weniger ganz vernachlässigt. Und aus dieser Unterscheidung bezieht er seinen Eifer, sich mit der Konsequenz seiner Einbildung von einem Angststoff anders herumzuschlagen: Die Isolation bestimmter Stoffe oder Vorgänge im Nervensystem läßt sich nie eindeutig mit der Angst identifizieren, deren Grund sie angeblich sein sollen. Das führt Psychochemiker nicht zur Besinnung, sondern zum Fortschreiten. Dabei springen zwar keine Lösungen, wohl aber neue chemische Mittel der Bewußtseinstrübung heraus:

"Bei der Suche nach dem körpereigenen Stoff der Angst jedoch läuft die Entwicklung offenbar anders: die Entdeckung spezifischer Rezeptoren im Zentralnervensystem, an denen die Tranqilantien aus der Gruppe der 1,4-Benzodiazepine ihre Wirkung entfalten, mündete sehr bald in der Erkenntnis, daß die biochemische Basis der Angst sehr komplex ist. Denn einerseits erweist sich die Identifizierung der körpereigenen Angstdroge als ungemein schwierig - die Vermutung amerikanischer Wissenschaftler, eine Purinverbindung namens Hypoxanthin habe damit zu tun, scheint sich - nicht zu bewahrheiten. Auf der anderen Seite mehren sich Hinweise darauf, daß es nicht bloß einen Rezeptor gibt, der angstdämpfende Pharmaka zu binden in der Lage ist. Offenbar sind verschiedene Typen von Benzodiazepin-Empfängern am Werk, die jeweils unterschiedliche Wirkungen hervorrufen."

Also isoliert man munter weiter Pyrazolopyridine wie SQ 20009 und SQ 65396, untersucht ihre Wirkungen auf Benzodiazepin- und GABA-Rezeptoren, filtert aus mehreren tausend Litern Harn eine "hochaktive Substanz, deren chemische Formel bisher noch nicht verraten wird", weil sie "tatsächlich der 'Stoff der Angst" sein könnte und ihre "Anwendbarkeit als Medikament möglich erscheint - Patente sind bereits angemeldet".

Seelenhaushalts-Debatten

Der naturwissenschaftliche Fortschritt ist ebenso unrerkennbar wie seine Brutalität. Die stillschweigende 'Ausgangshypothese', Gefühle seien chemisch-physikalisch zu erklären, ist ja die naturwissenschaftliche Interpretation der psychologischen Vorstellung, alles hinge von einem 'seelischen Gleichgewicht' ab. Schon der Gründervater Freud erklärte die sogenannten Seelenstörungen mit seelischen Energiemengen, die Frei oder gehemmt, gerade oder auf Umwegen fließen; bebilderte und verstand also die Psychologie naturwissenschaftlich. Während Psychologen aber mit solchen Bebilderungea ihrer Auffassung, Gefühle seien ein Problem des Individuums mit sich, ihren Vorschlag begründen wollen, die 'Patienten' zur 'Selbstzufriedenheit' anzuleiten, seinen Willen einzuspannen, gehen die naturwissenschaftlichen Seelendoktoren in die umgekehrte Richtung: Sie setzen die 'seelischen Energien' mit Hirnpartien und Nervenbahnen in eins, die nicht normal funktionieren und entwickeln immer neue Substanzen, die das Him, also den Willen betäuben. Die Findigkeit biochemischer Bastelei wie ihre Unbedenklichkeit gegen alle möglichen gewußten oder auch nicht gewußten Wirkungen der diversen 'Angst' und sonstiger 'Hemmer' beruht dabei auf der Gewißheit, einem anerkannten gesellschaftlichen Problem - die bürgerliche Menschheit leidet unter sogenannten seelischen Störungen ebenso allgemein wie unter Schmerzen, und auf dieselbe Weise, nämlich als Störung - die anerkannte Lösung zu verschaffen: Es wird am Leiden behandelt, von dem man den einzelnen doch seine körperliche oder seelische Umstellung zu erlösen hat. Wie der Analy@ker dem 'Patienten' weismacht, daß er keine Gründe zur Angst außer sich selbst hat, so liefert ihm der Chemiker die Mittel, einen 'Seelenhaushalt'durch körperliche Beeinträchtigung des Bewußtseins zu sanieren.

Rücksichtslose Hilfe zur Selbsthilfe

Man sieht, die aufgeklärte@ Industriegesellschat hat es weit gebracht gegenüber den finsteren Zeiten des 'Manchester-Kapitalismus', in denen Opium ein Volksnahrungsmittel war und unersetzliche Dienste bei der Aufzucht der proletarischen Nachwüchslinge leistete, die "in kleine alte Männchen verrumpelten oder zu kleinen Affen rerschrumpften" (Karl Marx, Kapital, I, S. 421, Fußnote). Die Betäubung des Geistes, die Abtötung aller willentlichen Empfindungen durch Opium zählt zu den verbotenen Genüssen. Andererseits dient die immer ausgeklügeltere offizielle Verabreichung von Drogen der Befreiung freier Individuen von so quälenden Zuständen wie Angst, ohne daß sie gleich vollständig wegzutreten brauchen. Schließlich ist hier wie beim unentbehrlichen Arbeitsmittel Alkohol alles nur eine Frage der Gewöhnung, wie 'dauerstreß'-geplagte Tablettenschlucker beweisen. Der moderne Bürger darf seine Angst, d.h. sich betäuben (oder muß es, wenn er für allzu störend erachtet wird) und an sich die naturwissenschaftlichen Entdeckungen exekutieren, die den psychologischen Umgang des modernen Menschen mit sich und anderen aufs beste ergänzen. Die menschenfreundlichen Psychologen streiten sich derweil mit den menschenfreundlichen Drogenforschern, wie die richtige Therapie auszusehen hat: Die einen halten Tabletten für unmenschlich (natürlich nicht in allen Fällen), weil sie ihr Ideal verletzen, der Betroffene solle sich selbst als 'Störung' empfinden und ausräumen. Die anderen aber halten diesen Appell an den 'normalen' Willen des Betroffenen für unpraktisch (natürlich nicht in allen Fällen), weil er ihrem Ideal einer unmittelbaren Beseitigung der Willens'störung' widerspricht. Einig sind sie sich dabei in der Trennung subjektiber Empfindungen, die für störend angesehen werden, von irgendwelchen objektiven Gründen. Der Patient hat also die mehr oder weniger freie Wahl zwischen der Eigenanstrengung, sich die Angst selbst zuzuschreiben und sich selber an die Kandare zu nehmen oder pseudoobjektiv naturwissenschaftlich die körperlichen Voraussetzungen als Gründe seiner Angst behandeln zu lassen und sich pharmakologisch zurechtzustumpfen. Beidemale praktiziert er an sich selbst das brutale Urteil, daß es an ihm liegt, und darf dabei die psychologische wie die pharmakologische Verstandestrübung als Hilfe verbuchen.