SÄUFT DIE INSEL AB?

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1981 erschienen.
Systematik: 

SÄUFT DIE INSEL AB?

"Rostet die Lady?" so ähnlich fragte - "um im Bild zu bleiben" - ein ZDF-Reporter angesichts der Gelassenheit, mit der am budget day die englische Premierministerin die "Fortsetzung ihrer Roßkur" verkünden ließ und die Kritik der Gewerkschaften, Labour, Industrie und vorausschauend um Wahlstimmen besorgter Mitglieder der eigenen Partei mit der Lady einig war, daß die Engländer den Gürtel enger zu schnallen hätten, damit es England wieder besser gehe, nutzt man nun wieder eifrig die Not der Engländer (Arbeitslosenzahlen!), um Englands Untergang befürchten zu können. Jedoch mußte so mancher Totengräber, der Spaten bei Fuß auf den Tod einer Volkswirtschaft gewartet hat, um ihr den letzten Dienst zu erweisen, unverrichteter Dinge selbst in die Grube fahren. Da also staatliche Konkursverfahren eine Seltenheit sind und allenfalls in Revolutionen oder Kriegen ganz formlos eröffnet werden, ist die Zähigkeit diesbezüglicher Unkereien nicht dem wirklichen Zustand einer Volkswirtschaft geschuldet, sondern allein dem Willen, hiesige Verhältnisse in rosiges Licht zu tauchen. Daß bei diesem Ländervergleich etwa die Löhne für jedes Land doppelt und gegensätzlich auftauchen, scheint niemand zu stören: Als Grund und Ergebnis des (Nicht-)Florierens der Wirtschaft. Für seinen interessierten Vergleich braucht er die Löhne zweimal hoch und zweimal niedrig: als beanspruchte hoch in England und niedrig in der BRD, als realisierte eben umgekehrt. Und das alles, um die raffiniert-dummdreiste Gleichung: "Bescheidenheit schafft (nicht fremden, sondern eigenen) Wohlstand" zu kolportieren. In seinem bestreben, überzogene Ansprüche der Löhner für die wirtschaftliche Schwäche einer Nation zur Verantwortung zu ziehen, offenbart er mit dem Verweis auf vergleichsweise höhere Löhne in der BRD, daß das Kapital seinen Erfolg nicht nur auf Lohndrückerei baut, die Moral des Klassengegensatzes also noch lange nicht seine Wahrheit ist. Zur Propaganda dieser Moral reist so ein Zeitungsmensch in aller Welt herum, fotografiert kinderreiche Familien in Ein-Zimmer-Löchern und berichtet schaudernd vom Blick in armselige Kochtöpfe, um solche Verhältnisse hierzulande als Ausnahmen erscheinen zu lassen, in der gewißheit, daß seinem intellektuellen Leser derlei unbekannt ist, der Prolet sein Penny-Matsch-Konserven-Huhn immer noch für Fleisch hält und Lumpenproletarier seinen Quatsch eh nicht lesen. dabei könnte eigentlich allein die ständige Dringlichkeit dieser Deuterei auf Armut anderswo ein Hinweis sein, auf die Beschaffenheit hiesigen Wohlstands, der solche Vergleiche wohl nötig hat.