RUSSISCHE SEELE IM AUFBRUCH

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1990 erschienen.
Systematik: 

Perestroika im Überbau
RUSSISCHE SEELE IM AUFBRUCH

Die "De-Ideologisierung" der SowjetgeseUschaft - so heißt die Befreiung von "stalinistischem Ungeist" und "weltanschaulichem Dogmatismus" - geht stürmisch voran: mit einer Flut von Ideologien finsterster Art, vor deren fortschreitender Radikalisierung mittlerweile selbst diejenigen mitunter die Ohren anlegen, die diese allzu menschlichen Werte als gediegene moralische Grundausstattung eines humanen Gemeinwesens so sehr zu schätzen wissen.

Das unzensierte sowjetische Geistesleben

hat inzwischen Formen angenommen, die über das kulturelle und publizistische Breittreten von "Fehlern" der stalinistischen Vergangenheit, über die ungehinderte Verbreitung von tristen Filmen, humorlosem Kabarett und weinerlicher Lyrik weit hinausgehen. Da wird nicht nur gebetet und gewallfahrt, was das Zeug hält; da grassieren nicht nur so viele nationale Idiotien, wie sich auf dem Territorium des Riesenreichs Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Landschaft oder Geschichte, Biologie oder Kultur zusammenspinnen lassen; da schießen nicht nur die Angebote ins Kraut, in der Unergründlichkeit des Innenlebens oder des Kosmos Ratschluß zu finden - auch das Moskauer Eisenbahner-Kulturhaus offeriert neuerdings Kurse über

"Extrasensorik, Heilung, Probleme der Astrologie, Telepathie, Telekinese, Wahrsagerei, Hypnose, Probleme von innen".

Kurz: Nicht nur alle partikularen Deutungen haben Hochkonjunktur, die der westliche Zeitgenosse für sein Mitmachen in der modernen Industriegesellschaft offenbar so dringend benötigt. Vielmehr wenden sie sich immer offener gegen ein Mitmachen im reformierten Sowjetsystem, und das um so unversöhnlicher, je dringender sich die Führung die Tugenden des Zusammenstehens zur Bemeisterung der prozessierenden nationalen Krise herbeiwünscht.

Neuerdings als Anschauung zugelassen zu sein, stellt sie gar nicht zufrieden. Unzählige Parteien schießen aus dem Boden, als Repräsentation des Eigenrechts, das jede von ihr vertretene Ideologie für sich einfordert. Ihre Vielfalt ist nur begrenzt durch die Summe aller möglichen Kombinationen aus dem Zaren Nikolaus, dem Generalissimus Stalin, dem Blut diverser Abstammung, dem Boden örtlicher Beschaffenheit und aller anderen Gesichtspunkte, die sich als in Vergangenheit und Gegenwart zu kurz gekommen behaupten. Ihre Gemeinsamkeit: Alle stellen sich feindselig gegen die revisionistische Staatsräson, die letztenendes auch dann gemeint ist, wenn sie sich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Wer der Hauptfeind ist, wird zu Anlässen wie dem 1. Mai deutlich, als Anarchisten und Stalinisten, Zaristen und Radikalreformer ihre Übereinstimmung in dem Wunsch demonstrierten, die Ehrentribüne vor dem Kreml von deren Besitzern gesäubert zu sehen.

Die Führung ist vorderhand perplex und reagiert dementsprechend. Dazu hat sie zwei schlechte Argumente auf Lager, die sie möglichst situationsangemessen zu variieren versucht: zum einen die Warnung vor Übertreibung und die Ermahnung, doch die guten Sitten des Zusammenlebens mehr zu respektieren; zum anderen den Versuch, sich den Rabiatismus der ungezügelten "menschlichen Werte" als eben durchzustehendes Stadium auf dem Weg zur "Demokratie" einzureden, als Kinderkrankheit einer höheren Form des staatsdienlichen Miteinander. Wie sollte sie auch ausgerechnet jetzt, wo sie mit den schädlichen Wirkungen all dieser Idiotien zu schaffen hat, sich über deren Grund Gedanken machen - wo sie sie doch 70 Jahre lang, unter vergleichsweise idyllischen internen Umständen, auch nicht anders als nach dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit und Schädlichkeit für ihr Staatsprogramm sortiert hat?

Daß nationale Borniertheit und der Glaube an die höhere Vorsehung gar nicht so aussterben wollten, wie es den Machern des "sozialistischen Vaterlands" ihr eigener Glaube an die historisch-materialistische Vorsehung eingab, hat sie ja theoretisch nie ernsthaft erschüttert. Schließlich ging es ihnen ja praktisch auch nicht um die Einführung einer Produktionsweise, in de.r sich die Leute selbst ihre Umstände einrichten und dadurch tatsächlich die gedanklichen Anstrengungen überflüssig würden, sich mit dem Zwang zum Zurechtkommen durch die Imagination eines höheren Auftrags zu versöhnen. Den moralischen Wahn am Kriterium des Nutzens für den Einzelnen zu blamieren, kam ihnen nie in den Sinn; vielmehr kalkulierten sie ihn fortwährend auf seine Nützlichkeit für ihren Staatsladen durch. Mit dem Ergebnis, daß Gottesglaube und Heimatliebe, solange sie sich loyal gebärden, durchaus eine sozialistische Produktivkraft darstellen können - und auf deren gemeinschaftsförderlichen Beitrag waren sie um so mehr scharf, als der Dienst am realen Sozialismus einer fortwährenden Überwindung des "egoistischen" inneren Schweinehunds bedarf. Den Wahnwitz, die diversen Glaubensbekenntnisse zu irgendeinem Allerhöchsten auf ihre noch höheren gemeinsamen Werte verpflichten zu wollen, praktizierten sie in einem ständigen Hin und Her von Förderung, bedingter Duldung oder Unterdrückung, was die Loyalität der Volksgenossen und Glaubensbrüder auch nicht gerade zu steigern vermochte.

Insofern stellt die gegenwärtige Inflation aller Schattierungen des Wahns tatsächlich einen

Offenbarungseid der realsozialistischen Ideologiepolitik

dar - allerdings nicht in dem Sinn, den sich deren heutige reformbeflissene Exponenten in die Tasche lügen. Das Armutszeugnis liegt in ihren Augen nicht darin, daß ihrem Materialismus offenbar 70 Jahre lang nichts Vernünftiges dagegen eingefallen ist; für sie rächt sich vielmehr jetzt der "Fehler", daß man den ganzen Krempel nicht schon von Anfang an ungehindert zum Zug kommen ließ!

Eine der eigenen Staatsmoral abträgliche Ideologie dadurch nützlich machen zu wollen, daß man sie freisetzt, ist allerdings eine schlechte Idee. Offensichtlich stand auch bei diesem Einfall, wie bei den ökonomischen und politischen Maßnahmen des Kaputtreformierens, der Neid auf das Gelingen der westlichen Herrschaftstechniken Pate, wo man mit dergleichen Schwachsinn ja bestens leben kann. Dem liegt jedoch ein gründliches Mißverständnis des Erfolgsgeheimnisses der kapitalistischen Weltanschauungstoleranz zugrunde: Die privaten Einbildungen der Untertanen sind hierzulande nur insofern gut gelitten, als sie für das politische Geschäft praktisch folgenlos sind - also auch nur solange, wie sie das sind. In aller Regel sorgt hier der stumme Zwang der materiellen Verhältnisse schon dafür, daß die ihm Ausgesetzten ihre praktische Dienstbarkeit als schiere Lebensnotwendigkeit ansehen, die sie sich nebenher mit allen möglichen Einbildungen über einen höheren Sinn ihrer fraglos auf sich genommenen Anstrengungen versüßen. Gott und Kaiser nehmen sich gegenseitig darin nichts weg, wenn die Machenschaften des letzteren als Regelung einer gottgegebenen Ordnung betrachtet werden. Sobald die Untertanen jedoch befinden, ihre miserable Lage hätten sie den falschen, weil nicht ihrer völkischen oder religiösen Prädestination entsprechenden Herren zu verdanken, ist's mit der Gemütlichkeit vorbei.

Die reforminspirierten Materialisten glauben gut beraten zu sein, wenn sie das Verhältnis von praktischer Loyalität und Spinnerei total auf den Kopf stellen. Sie meinen nicht nur, den materiellen Zwang, sich für andere nützlich zu machen - den ihre Hebelwirtschaft ja außer Kraft gesetzt haben will -, durch die "Produktivkraft" Moral etzsetzen zu können. Im Zeichen der Perestroika versprechen sie sich gar noch eine Verbesserung ihres Ladens davon, daß sie gerade die bisher unter der Decke gehaltenen Idiotien mit dem ausdrücklichen Auftrag versehen, sie sollten doch jetzt mal ungeniert herauslassen, was ihnen alles nicht paßt. Durch die vorauseilende Selbstkritik, bisher den falschen Werten gefolgt zu sein - was sich nicht zuletzt an der Unterdrückung jener allzu menschlichen Ideale zeige -, glauben sie, diese zufriedenzustellen - und damit gar noch für eine Verbesserung des Systems gewinnen zu können.

Das Ergebnis ist dazu angetan, nachträglich den Gründen rechtzugeben, die die revisionistische Obrigkeit bisher für das Niederhalten jener Anschauungen hatte: Jetzt demonstrieren sie selbst ihre Unvereinbarkeit mit den "sozialistischen Prinzipien", derer sie bislang verdächtigt worden waren.

Als Ausweis der Berechtigung, heute Gehör zu beanspruchen, gilt immer ausschließlicher die Tatsache, bisher unerwünscht gewesen zu sein. Daß manche, wie die Vergangenheitsbewältiger von "Memorial", das bekenntnismäßige Herumreiten auf stalinistischer Schuld und demokratischer Sühne zu ihrem Hauptberuf gemacht haben, ist dabei noch das Harmlosere. All das, was offiziell unter den Kräften der Finsternis rangierte, feiert fröhliche Urständ: Kadettenpartei und Adelsvereinigung lassen den Zarismus hochleben, "Pamjat" trägt seine Bewunderung westlicher Faschismen öffentlich vor, aber auch die Berufung auf Stalin taugt dazu, der real existierenden Sowjetunion vor den Koffer zu scheißen. Da es darum geht, bemüht man sich geradezu um einen Gestus, der den

Affront gegen die offizielle Staatsmoral

möglichst wirkungsvoll unterstreicht: Die Sezessionisten bezeichnen sich, in Anspielung auf die Diktion des moralischen Antiimperialismus, als "nationale Befreiungsbewegungen"; umgekehrt gefällt man sich angesichts der fortschreitenden Verarmung darin, die revisionistischen Sozialstaatsideale durch die demonstrative Befürwortung eines "natürlichen Verhältnisses" von arm und reich zu desavouieren - als ginge es darum, die Vorwürfe zu bestätigen, mit denen sich die Organe der Staatssicherheit bisher der Berechtigung ihres Zuschlagens gegen Oppositionelle versicherten: Verächtlichmachung des Staats, Provokantentum, Asozialität, Störung des friedlichen Zusammenlebens.

Daß die freigesetzte Kritik immer weniger in einen gedeihlichen Wetteifer um die besten Ideen münden will, und daß die Ermahnungen zu mehr Achtung vor der Staatssouveränität dementsprechend immer hilfloser werden, bräuchte die Staatsführung freilich nicht nur deshalb nicht zu verwundern, weil sie ja bisher wohl ihre Gründe hatte, sie niederzuhalten. Daß sie sich jetzt zu der Warnung gezwungen sieht, Kritik nicht mit "persönlicher Abrechnung" zu verwechseln, sollte sie auch nicht überraschen: Schließlich hat sie ja selbst das Ihrige dazu getan, daß als "Kritik" gar nichts anderes herauskommen konnte! Nicht nur hat sie selbst keinen einzigen kritischen Gedanken darüber zustandegebracht, warum sich die gepriesenen Leistungen des realen Sozialismus die ganze Zeit nicht einstellen wollten; sie hat ja auch selbst die Methode vorgegeben, nach der dieser Frage statt dessen beizukommen sei: die Suche nach Schuldigen. Wo ist denn die Grenze zwischen der Aufforderung des Generalsekretärs, den "Apparat" und seine nichtsnutziyen "Bürokraten" für alle möglichen Mißstände verantwortlich zu machen, und z.B. der folgenden "Kritik" des Dichters Bukowski:

"Das totalitäre Regime (ersetzt) alle gesellschaftlichen Einrichtungen und Regierungsstrukturen durch seine eigenen Pseudo-Institutionen und erzeugt damit jene ganze KLasse von berufsmäßigen Organisatoren, Überwachern und Herrschern, die für jede andere gesellLschaftliche Funktion untauglich sind. Unfähig, nach einer weniger primitiven Methode zu herrschen als 'Befehl und Kontrolle', werden sie zu einem Hindernis auf dem Weg zum Fortschritt. ... Sie sind ein Staat im Staate, eine Besatzungsarmee..." ("Kontinent", 2/90)

Sich zu fragen, inwiefern und mit welcherart "Befehlen" denn die "berufsmäßigen Organisatoren" so total danebenliegen, wäre hier offensichtlich unangebracht. Im Desinteresse dagegen ist sich schließlich die ganze Sowjetunion einig - und folgt insofern der vom Politbüro selbst vorexerzierten Methode, das bisherige Regieren mit einem völlig inhaltlosen Ideal eines erfolgreichen Regierens zu konfrontieren. Kann die "Überwacher" denn da die oppositionelle Retourkutsche überraschen, daß es sich folglich bei dem bestehenden System um "Pseudo-Institutionen" handle, die zu nichts anderem eingerichtet seien als zu einem ebenso inhaltslosen Miß-regieren, einer Herrschaft ohne nachvollziehbaren Zweck? Oder hat der Generalsekretär im Ernst geglaubt, er würde lauter sachliche Verbesserungsvorschläge ernten, nachdem er selbst seinen Laden der pauschalen Verdächtigung ausgesetzt hat, ein "Hindernis auf dem Weg zum Fortschritt" darzustellen?

Und daß dieses Monstrum systematischen Fehlverhaltens, als das das Sowjetsystem somit dasteht, sich dem Wirken entsprechend abartiger Figuren verdanken muß, kann da ja ebensowenig in Frage stehen. Und welche sind's, die da dem Vaterland so übel mitspielen: vaterlandsloses, parasitäres Gesindel eben. Und das sitzt natürlich überall - oder glaubt die KPdSU, daß sich ausgerechnet ihre Gegner auf die Suche nach irgendwelchen schwarzen Schafen machen, um anschließend ein unbekümmertes Loblied auf die Integrität der großen restlichen Mehrheit der Genossen anstimmen zu können?

So kommt, je mehr der "Reale Sozialismus" materiell herunterkommt, die politische Denunziation desto besser in Schwung und erhält der losgelassene Moralismus immer mehr Gelegenheit, sich im Anprangern der Verdorbenheit der Agenten des Systems sowie seiner tatsächlichen oder vermeintlichen Nutznießer auszutoben. Das ist das Schöpfertum, das die Perestroika entfesselt hat:

Die moralische Ursachenforschung

bringt eine Vielzahl von Verschwörungstheorien hervor. Betreibt Gorbatschow die Sache der Armenier gegen die Aserbeidschaner, oder die der Russen gegen die Armenier, oder die der Juden gegen die Russen? Oder die eines "internationalen Kartells" gegen alle zusammen?

"Es gibt eine Geheimmacht, die versucht, die ganze Welt zu erobern. Sie hat den blutrünstigen Vampir Lenin großgepäppelt, heute hat sie sich unverhohlen in Gestalt der Organisation der Vereinten Nationen legalisiert. Diese Geheimmacht ist die internationale Freimaurerei im Dienste des Judaismus. " (Kulakow, "Pamjat")

"Der Träger von Macht und Gewalt im sowjetischen Imperium ist ein denationalisiertes Element aller Völker des Landes, das nach den Prinzipien der Ideologie des Kommunismus zusammengeschweißt und vereint ist. Aus unserer Sicht können wir alle Fragen dann lösen, wenn wir das Monopol dieses Lumpen-Internationalismus überwinden. Deshalb ist es für uns die erste Aufgabe, uns zum Kampf mit den Kräften der Unterdrückung zu vereinigen." (Aksjucits, Russländische Christlich-Demokratische Bewegung)

Diese Leute lassen sich die Gelegenheit, mit ihrer Weltanschauung nach Kräften zur moralischen Gesundung des Staatswesens beizutragen, nicht entgehen: Allesamt sind sie sich darin einig, daß "es nicht ausreicht, sich mit der geistigen Erneuerung zu befassen" ("Pamjat"), sondern daß dazu zuallererst das kommunistische Personal hinausgesäubert werden muß.

Beim Genuß der neuen Geistesfreiheit lassen sie es nicht bewenden. Sie beanspruchen auch das Recht, ihren Weltanschauungen praktische Wirkung zu verschaffen. Die einen, indem sie sich so wild aufführen, wie ihr neues Denken es gebietet. Sie bereiten den Staatsorganen durch ihr freches Auftreten manches Ordnungsproblem. Die anderen, indem sie ihrem wüsten Zeug den respektablen Status einer Stimme n der Partei oder als Oppositionspartei verschaffen wollen. Sie wirken als gar nicht konstruktive Opposition in der Politik mit und verschaffen sich Macht.