RISIKO!

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1988 erschienen.
Systematik: 

Ulrich Beck , "Risikogesellschaft", Suhrkamp Verlag, Frankfurt
RISIKO!

Endlich wieder ein "großer Wurf', der die Soziologie auf der Höhe der Zeit zeigt und jede gängige Ideologie als Bestandteil eines weltanschaulichen Totalzusammenhangs wiederzufinden erlaubt. Also ein garantierter Verkaufserfolg und ein ziemlicher Mist, das ist Ulrich Becks "RisikogeseUschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne" (edition suhrkamp 1365).

Worauf er hinaus will, sagt der Autor im Vorspann dankenswerterweise gleich selbst:

"Dem in allen Teilen des Meinungsmarktes hinreichend entfalteten Schreckenspanorama einer sich selbst gefährdenden Zivilisation bleibt nichti hinzuzufügen; ebensowenig den Bekundungen einer Neuen Ratlosigkeit, der die ordnenden Dichotomien einer selbst noch in ihren Gegensätzen "heilen" Welt des Industrialismus abhanden gekommen sind. Das vorliegende Buch handelt von dem zweiten, darauf folgenden Schritt. Es erhebt diesen Zustand selbst zum Erklärungsgegenstand. Seine Frage ist; wie diese Verunsicherungen des Zeitgeistes, die ideologiekritisch zu leugnen zynisch, denen distanzlos nachzugeben gefährlich wäre, in einem soziologisch informierten und inspirierten Denken zu verstehen, zu begreifen sind. Die therretische Leitidee, die zu diesem Zweck ausgearbeitet wird, läßt sich am ehesten in einer historischen Analogie erläutern: Ähnlich wie im 19. Jahrhundert Modernisierung die ständisch verknöcherte Agrargesellschaft aufgelöst und das Strukturbild der Industriegesellschaft herausgeschält hat, löst Modernisierung heute die Konturen der Industriegesellschaft auf, und in der Kontinuität der Moderne entsteht eine andere gesellschaftliche Gestalt." (13f.)

Professor Beck bezieht sich darauf, daß auf dem "Meinungsmarkt" immer mal wieder Weltuntergangsgemälde zirkulieren, die "den Menschen" mit seiner "Zivilisation" für alle Übel der Welt verantwortlich machen und ihm mit den schlimmsten Konsequenzen drohen, wenn er nicht rechtzeitig auf die Fortschrittsbremse steigt. Dieser moralische Subjektwechsel - "der" Mensch führt weder Kriege, noch steht "der Fortschritt" in seinen Diensten - ist nicht gerade neu. Vom Untergang des Römischen Reiches bis zu Schillers Lied von der Glocke ("...der Mensch in seinem Wahn") hat er schon unzählige Generationen von Dichtern und Denkern umgetrieben: einfach deswegen, weil diese Tour, jedes Herrschaftsverhältnis in einen Auftrag aller Beteiligten umzulügen und jedermann vor zuviel Materialismus zu warnen, so prinzipiell wie universell anwendbar ist.

Unser Soziologe möchte den blöden Einfall mit der menschlichen Selbstgefährdung aber als charakteristische und darin objektive Aussage des modernen "Zeitgeists" über die heutige Gesellschaft gewertet wissen. Ganz unparteiisch meint er, daß es doch kein Zufall sein kann, wenn die angeführten Schreckenspanoramen heutzutage zum Dauerbrenner der Feuilletons, ja zum Rüstzeug ganzer Friedens- und Umweltbewegungen geworden sind; so daß er sich die Frage nach dem Grund einer solchen Pseudokritik und jede Würdigung ihres Inhalts ersparen kann, weil allein ihre - etwas übertrieben gezeichnete - massenhafte Verbreitung ihm schon verbürgt, daß hier "die Moderne" höchstpersönlich ein Selbstgespräch über ihr Woher und Wohin führt. Das ist zwar nicht wahr, weil selbst der hinreichendst entfaltete Geisteszustand noch immer kein "Zustand" der Realität wird. Aber daß dieses Geist und Zeit in ein begriffsloses Entsprechungsverhältnis quetschende Konstrukt sich sowieso nur einem "soziologisch informierten und inspirierten Denken" als Erklärungsgegenstand zu erkennen gibt, sagt der gute Mann ja selbst. Also findet er auch nichts dabei, wenn sein Versuch, die "Verunsicherungen des Zeitgeists" zu verstehen, bei aller Anteilnahme nichts mit den Anliegen zu tun hat, von denen die herbeizitierten Moralapostel bewegt werden. Sie liefern ihm nur den willkommenen Beleg einer "theoretischen Leitidee", die so grundsätzlich wie inhaltsleer ist: Ähnlich wie im 19. Jahrhundert (das mit "Agrar" und "Industrie" vergißt man am besten gleich wieder) soll sich auch heute wieder ein Totalwandel der Gesellschaft anbahnen, der - unbestimmt wie das ist - mit der lateinischen Leerformel "Modernisierung" passend umschrieben wird. Damit steht für die angestrebte Gegenwartsanalyse jedenfalls schon soviel fest: Einerseits hält ein Soziologe alles für schicksalhaft - eben zur "anderen Moderne" gehörig -, was den besorgten Schwarzmalern immerhin noch Anlaß zur Kritik gibt. Und andererseits weiß er auch schon, wie es mit dieser Kritik bestellt ist was immer an ihr dran sein mag oder nicht, sie gehört zu den Begleiterscheinungen einer überfälligen Neuorientierung der Leute auf gesellschaftliche Verhältnisse, in denen sie sich wohl oder übel einrichten müssen.

I. Die Risikogesellschaft: Soziologie zur Anschauung gebracht

Der erste Befund über die "andere gesellschaftliche Gestalt" der 80er Jahre erfordert wenig argumentativen Tiefgang, da er sich schlüssig aus der zugrunde gelegten Leitidee ergibt:

"In der fortgeschrittenen Modernen geht die gesellschaftliche Produktion von Reichtum systematisch einher mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken." (25) "Es sind Modernisierungsrisiken. Sie sind pauschales Produkt der industriellen Fortschrittsmaschinerie und werden systematisch mit deren Weiterentwicklung verschärft." (29)

Was für eine Auskunft! Ihr Gegenstand ist weder die kapitalistische Produktionsweise, die in der Tat manifeste Schädigungen - keineswegs nur "Risiken" - von Mensch und Natur in Kauf nimmt; noch die Produktion von Reichtum ohne weiteren Zusatz, bei der die Ausschaltung von gefährlichen Nebenwirkungen mit zum Produktionszweck gehören würde. Stattdessen darf man unter dem Obertitel "Modernisierung" beides miteinander verwechseln, ohne überhaupt noch an einen ökonomischen Inhalt und Zweck zu denken, so daß die ganze Logik in aufgeblasene Gemeinplätze fällt: Wer wollte schon bestreiten, daß jede Unternehmung, also wohl auch die "gesellschaftliche Produktion von Reichtum", von negativen Folgen begleitet sein kann, wie es die Rede vom "Risiko" ausdrückt? Daß diese leere Möglichkeit im Fall des "industriellen Fortschritts" gleich ein Wesensmerkmal sein soll - wohl nach dem Motto: je mehr und Umfangreicheres man unternimmt, desto mehr kann schiefgehen? -, ist erst einmal nur eine lächerliche Zutat Becks, die durch Beteuerungen wie "systematisch" und "pauschal" auch nicht gehaltvoller wird. Ihren Gehalt bekommt sie nur dadurch, daß der Verantwortungsgedanke einer bedenklichen Reichtums-Nebenfolgen-Automatik ("Fortschrittsmaschinerie"), die "wir alle" als ohnmächtige Subjekte der Produktion uns für zuviel Unbescheidenheit eingehandelt haben sollen, hier nicht begründet, sondern abgerufen wird - gäbe es den dummen Gedanken nicht schon, durch das Wortgeklingel eines Beck wäre er kaum jemandem einsichtig zu machen.

Risiko mit System

So allerdings bedient sich unser Soziologe daran, um seinen (im Rahmen) staunenden Lesern die geheimsten Konsequenzen ihrer Ideologie deutlich zu machen. Zunächst will das Allumfassende des modernen Risikos ausgemalt sein:

"Im Zentrum stehen Modemisierungsrisiken und -folgen, die sich in irreversiblen Gefährdungen des Lebens von Pflanze, Tier und Mensch niederschlagen. Diese können nicht mehr - wie betriebliche und berufliche Risiken im 19. und der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts - lokal und gruppenspezifisch begrenzt werden," (was bei "Pflanze, Tier und Mensch" auch schwerfiele) "sondern enthalten eine Globalisierungstendenz, die Produktion und Reproduktion ebenso übergreift wie nationalstaatliche Grenzen unterläuft." (17f.)

Sicher, man kennt ähnliche Einlassungen auch von Leuten, denen die eigene Betroffenheit von Schädigungen aller Art immer nur Anlaß dazu bietet, auf der Suche nach höchsten Rechtstiteln ihrer Beschwerden bei Stadt, Land, Fluß fündig zu werden. Von dieser Normalform des Allbetroffenheits-Gedankens unterscheidet die soziologische Fassung sich jedoch nicht nur durch ihre typisch wissenschaftliche Akribie (was da nicht alles für "Grenzen" gesprengt werden!). Vor allem die Auffindung einer "Globalisierungstendenz" ist es, was den nach Gesetzmäßigkeiten forschenden Fachmann ausmacht. Und damit der Zug der Zeit auch richtig herausgehört wird und niemand dieses Ding mit einer platten Wiederholung des Faktums verwechselt, daß dicke Luft nicht "nur" gruppenspezifische Menschen zum Husten, sondern auch Bäume und Hasen zum Grübeln bringt, pinselt Beck die Sache beredt bis zur Unbeschreiblichkeit aus:

"...einer großen Bevölkerungsgruppe stehen heute, mit oder ohne Absicht, durch Unfall oder Katastrophen, im Frieden oder Krieg Verheerungen und Zerstörungen ins Haus, vor denen unsere Sprache versagt," (bestenfalls flüchtet sie in endlose Wiederholungen) "unser Vorstellungsvermögen, jegliche medizinische oder moralische Kategorie. Es handelt sich um das absolute und unbegrenzte NICHT, das hier droht, das "Un" schlechthin, unvorstellbar, unbegreiflich, un-, un-, un-." (68)

Das Ergebnis dieser billigen Manier, die vorgestellten Katastrophen über das Sagbare hinaus zu übertreiben, ist nicht ohne. Verglichen mit dem schlechthin Negativen, dem großgeschriebenen NICHT, in das die Gefahren der "Modernisierung" ab einer gewissen Größenordnung umschlagen sollen, verliert der Unterschied zwischen Zufall und Absicht, Krieg und Erdrutsch glatt seine Bedeutung. Was nichts als eine moralische Betrachtungsweise ist - zu der Fassungslosigkeit vor "unvorstellbaren " Verheerungen gehört immerhin die Unterstellung, die Überschreitung eines dann wohl vertretbaren "Normal"maßes an Schädigungen könne doch von niemandem gewollt werden -, erhält somit ein quasi-objektives Recht. Es bereitet dem Soziologen dabei wenig Kopfzerbrechen, daß sein "unbegreifliches" Geheimwesen sich erst enthüllt, wenn man vom eher durchsichtigen Zweck solcher Errungenschaften wie Raketen oder Atomkraftwerken schon im Ausgangspunkt absieht und sich im Fortgang auch nicht daran stört, daß ein Hokuspokus wie das große "Un-, Un-, Un-" tatsächlich undenkbar ist. Derlei Feinheiten sind nicht seine Sache, weil die Unfaßbarkeit der modernen "Gefährdungslagen" in seiner Sicht sowieso nichts mit ihnen zu tun hat, sondern auf ein Problem im Wahrnehmungsvermögen der Beobachter verweist:

"Der Unmittelbarkeit persönlich und sozial erlebten Elends steht heute die Unbegreiflichkeit von Zivilisationsgefährdungen gegenüber, die erst im verwissenschaftlichten Wissen bewußt werden und nicht direkt auf Primärerfahrungen zu beziehen sind." (68)

Wahnsinn! Sich über selbst erlebte Not aufzuregen und auf Abhilfe zu sinnen, war wegen der "Primärerfahrung" ja noch vergleichsweise einfach. Was wäre aber die schönste Lebensmittelvergiftung ohne einen Mediziner, der die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge ganz genau kennt, ganz zu schweigen von einer Raketenangst ohne exakte Berechnungen von Flugbahn, -dauer und voraussichtlichem Einschlagsgebiet?

Wie das"Wissen" im Quadrat eigentlich dazu kommt, Gefährdungen zu diagnostizieren, wenn ansonsten weit und breit nichts davon zu merken sein soll - wenigstens nicht "direkt" -, mag man angesichts eines so angestrengten Sichdummstellens gar nicht mehr fragen. Zweierlei kann dafür hier schon als Zwischenergebnis über die Wissenschaft des Herrn Beck festgehalten werden.

Erstens ist es kein Zufall, daß Beck jeden wirklichen Schaden immerzu als nur mögliches "Risiko" kennen will. Wer jede "Zivilisationsgefährdung" zum Bestandteil eines tautologischversteckten Risikomechanismus. mystifiziert und auch beim "Atompilz" um ein passendes Paradox nicht verlegen ist -

"Der Effekt ist aber erst da, wenn er da ist, und dann ist er nicht mehr da, weil nichts mehr da ist. Diese apokalyptische Drohung hinterläßt also keine greifbaren Spuren im Jetzt ihrer Drohung." (50) -,

der glaubt doch nicht im Ernst daran, daß an seiner farbenfrohen Schwarzmalerei was dran ist. Den Atomkrieg erst dann für eine "greifbare" Drohung zu halten, wenn er "da ist" (daß ihn dazu auch irgendwer wollen und vorbereiten muß, fällt in dieser Optik ganz weg), ist ja dasselbe, wie diese "Drohung" für reichlich unwahrscheinlich zu erklären.

Zweitens ist die Gemütsruhe solcher apokalyptischen Scherze dann auch kein Geheimnis mehr. Beck kennt einfach keinen Grund für die Gefahren, mit deren zutiefst unwirklicher Möglichkeit er hausieren geht; daß er keinen gesellschaftlich maßgeblichen Zweck entdeckt, für den Atomkrieg wie Naturzerstörung Sinn machen, trägt er natürlich wieder als Eigenschaft der "Risikogesellschaft" selbst vor:

"Der Systeminterdependenz der hochspezialisierten Modernisierungsakteure in Wirtschaft, Landwirtschaft, Recht und Politik entspricht die Abwesenheit von isolierbaren Einzelursachen und Verantwortlichkeiten." ("Entspricht" ist gut!) "Mit anderen Worten: der hochdifferenzierten Arbeitsteilung entspricht eine allgemeine Komplizenschaft und dieser eine allgemeine Verantwortungslosigkeit." (Spezialist = Komplize = unschuldig! In welchem Irrenhaus lernt man denn diese "Logik"?) "Jeder ist Ursache und Wirkung und damit Nichtursache. Die Ursachen verkrümeln sich in einer allgemeinen Wechselhaftigkeit von Akteuren und Bedingungen, Reaktionen und Gegenreaktionen. Dies verschafft dem Systemgedanken soziale Evidenz und Popularität." (42f.)

Das ist schon gelungen. Als hochspezialisierter Modernisierungsakteur versteht Beck von der "Systeminterdependenz" des heutigen Kapitalismus zwar rein gar nichts bzw. gerade soviel, daß da allerhand miteinander zusammenhängt. Diese wertvolle Einsicht genügt i hm aber vollauf, um eine Dialektik von Ursache, Wirkung und Wechselwirkung vom Stapel zu lassen, die jeden bestimmten Zusammenhang um die Ecke bringt und wie besoffen auf ein Ziel lossteuert: Die "Risikogesellschaft" ist, Ursachen in, Verantwortlichkeiten her, der zusammenhängendste Zusammenhang, das grund-, subjekt- und zweckloseste Faktorenkarussell der bisherigen Weltgeschichte, mit anderen Worten - der endlich evident und fleischgewordene "Systemgedanke"!

Mit der Allgegenwart der tollsten Risiken wäre somit zugleich bewiesen, daß es über die Schwierigkeit hinaus, sie überhaupt zu erfassen, auch noch ganz überflüssig ist, etwas Genaueres über sie und ihre Herkunft herauskriegen zu wollen. Das schönste und übrigens einzige Argument für diesen Unsinn ist wieder einal seine vorebliche Popularität. Daran ist nur soviel: Demokratische Politiker haben ihre Untertanen weitgehend daran gewöhnt, alle ihre Maßnahen als "Sachzwängen" geschuldet hinzunehmen, über die man außer der Unusweichlichkeit ihrer Wirkung nichts zu wissen braucht; jedenfalls darf man nie und nimmer einem Verantwortlichen unterstellen, daß die Folgen seiner Entscheidungen wohl auch seine Absicht gewesen sein werden. Allerdings: Um so verrückt wie Beck zu sein, der mit solchen Legitimationen gleich noch die Anlässe mit wegdefiniert, zu deren "Einsicht" sie agitieren sollen, also im "Systemgedanken" sogar noch die Gesellschaft und ihre Politik ersäuft, die man sich als saukompliziertes "System" vorstellen soll, muß man schon Soziologe sein und Legitimation und Wirklichkeit von vornherein nicht unterscheiden wollen.

Das Risiko am Risiko

Auf seine Art sieht Beck das genauso. Seine penetranten Anspielungen auf das heutige "Bewußtsein", den "Zeitgeist", der das Wesen der 80er Jahre so trefflich auf den Punkt bringen soll, dienen nämlich nicht dem Zweck, die Damen und Herren "Betroffenen" für ihren Scharfsinn zu beglückwünschen und dem eigenen Beitrag insofern seine Überflüssigkeit zu bescheinigen. Im Gegentum. Gerade indem sie merken, in was für einer "Risikogesellschaft" sie leben, merken Leute ohne soziologische Inspiration wieder gar nichts. Die "im Kern unsichtbare" Natur der Damoklesschwerter über ihrem Haupt verführt sie entweder dazu, aus Gründen des seelischen Gleichgewichts das Wahrgenommen-Unergründliche zu verdrängen:

"In der Erfahrung der materiellen Not sind tatsächliche Betroffenheit und subjektives Erleben, Erleiden unauflösbar eins. Nicht so bei Risiken. Für sie ist im Gegenteil charakteristisch, daß gerade Betroffenheit Nichtbewußtsein bedingen kann: Mit dem Ausmaß der Gefahr" (so wenig man sie "subjektiv erlebt" - es ist schon eine vertrackte Sache mit den "Risiken"!) "wächst die Wahrscheinlichkeit ihrer Leugnung, Verharmlosung. " (100)

Oder sie verdrängen nichts - auch wenn das gerade noch extrem unwahrscheinlich war - und stellen sich den Gefahren; dann verfehlen sie die Hauptsache eben andersherum:

"Der kausale Nexus, der in Risiken hergestellt wird zwischen aktuellen oder potentiellen Schädigungseinwirkungen und dem System der Industrieproduktion, eröffnet eine schier unendliche Vielzahl von Einzelinterpretationen. ... Wesentlich aber ist, daß selbst bei der unübersehbaren Fülle von Interpretationsmöglichkeiten immer wieder Einzelbedingungen zueinander in Beziehung gesetzt werden." (41)

Die Rede von der "Risikogesellschaft" will also ausdrücklich nicht als allgemeine Zusammenfassung der negativen Wirkungen der kapitalistischen Produktionsweise verstanden werden. Mit den beispielhaften Risiken wird ebenso wie mit der Floskel vom "System der Industrieproduktion" zwar an sie erinnert, aber nur, um sich von ihnen gedanklich wieder abzustoßen und gegen ihre Bestimmtheit zu polemisieren. So sehr Beck die ökologische Empörung über die Verschmutzung von Luft und Wasser zwecks Bebilderung seines Globalrisikos zupaß kommt, - wer darin das Problem sieht, handelt sich den argumentlosen Vorwurf ein, willkürlich eine "Einzel"bedingung herauszugreifen und "mit dem Bannstrahl der ökologischen Moral zu belegen", statt die "Fülle der Interpretationsmöglichkeiten" (wenigstens eine hätte man ja gern vernommen!) in ihrer ganzen Fülle auf sich wirken zu lassen. Wer gar noch praktische Gegenmaßnahmen verlangt, der ruft vollends einen "Totalitarismus der Gefahrenabwehr" hervor, der

"mit dem Recht, das eine Schlimmste zu verhindern, in nur allzubekannter Manier" (wir vermuten: Hitler, der erste Grüne?) "das andere Noch-Schlimmere schafft. Die politischen "Nebenwirkungen" der zivilisatorischen "Nebenwirkungen" bedrohen das politisch-demokratische System in seinem Bestand." ( 106)

Wenn's drauf ankommt, vermag eben auch ein Soziologe seinen Systemgedanken auf deutsch auszudrücken. Warum soll man die "Gefahren unserer Zeit" weder verharmlosen noch für einen Einwand gegen irgendetwas halten dürfen? Warum ist es umgekehrt ganz wichtig, hinter den "Risiken" ein schwer modernes "System" zu verorten, das keinesfalls in "Einzel"beziehungen aufgelöst werden darf? Weil einem sonst mit der "heilen Welt", die es ja im späten 20. Jahrhundert nicht mehr gibt, am Ende noch das sehr grundsätzliche Verantwortungsbewußtsein abhanden käme, das nicht zuletzt für den Bestand unseres "politisch-demokratischen Systems" so bedeutsam ist! Dieses Risiko der heftig unterstrichenen Ohnmacht moderner Staatsbürger bereitet Beck im Gegensatz zu unsichtbaren Strahlenschädenfolgewirkungsgefahren echte Sorgen, so daß er sich zu einer ganz neuen Frage gedrängt sieht: Wenn "RISIKO" schon eine Globalformel für einen gesellschaftlichen (Bewußtseins-)Zustand ist, der das Sich - Einnisten schwierig macht, dann muß sich derselbe Zustand wohl auch nach der Seite hin studieren lassen, wie der soziale Zusammenhalt dennoch bewerkstelligt wird. Denn daß "es" irgendwie weitergehen muß, versteht sich für einen Fan "der Gesellschaft" trotz aller düsteren Prognosen von selbst.

II. Leben in der Risikogesellschaft: Perspektiven eines halt-losen Daseins

Es trifft sich gut, daß der neuen Frage durch die klare Begriffsbildung der alten bereits ein beachtliches Stück vorgearbeitet ist. Denkt man bei "RISIKO" nämlich an den soziologisch gemeinten Witz mit der überhauptigen Bewußtseins-/Daseins-Unsicherheit und nicht an die vordergründigen Beispiele a la "DDT im Tee", dann zeigen sich rasch noch etliche Risiken mehr, von denen bisher gar nicht die Rede war:

"Die so entstehenden Globalgefährdungslagen sind neu und beträchtlich, werden jedoch überlagert durch gesellschaftliche, biographische und kulturelle Risiken und Unsicherheiten, die in der fortgeschrittenen Moderne das soziale Binnengefüge der Industriegesellschaft - soziale Klassen, Familienformen, Geschlechtslagen, Ehe, Elternschaft, Beruf- und die in sie eingelassenen Basisselbstverständlichkeiten der Lebensführung ausgedünnt und umgeschmolzen haben." (115)

In diesem Fall spricht die Auflösung des Gewohnten aber nicht dafür, daß die geplagte Menschheit nun endgültig nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht. Beck erlaubt sich vielmehr, in Sachen "soziales Binnengefüge" seine Betrachtungsweise zu wechseln und die postulierte Unsicherheit des seiner alten "Basisselbstverständlichkeiten" beraubten Verhaltens als ersten Schritt in eine neue Sicherheit vorzuführen.

"An die Stelle von Ständen treten nicht mehr soziale Klassen, an die Stelle von sozialen Klassenbindungen tritt nicht mehr der stabile Bezugsrahmen der Familie. Der oder die" (oder das) "einzelne selbst wird zur lebensweltlichen Reproduktionseinheit des Sozialen." (209)

Dieser Durchblick erfordert ja nur, das Individuum von seiner sozialen Bestimmtheit zu trennen und fortan alles doppelt zu sehen. Dann sind die Leute auf einmal keine Arbeiter, Familienväter (und -mütter!) und Kegelbrüder mehr, sondern "beziehen sich " zwecks "Bindung" und so auf ihre verschiedenen Tätigkeiten, als ob sie außerhalb davon noch einmal unterwegs wären; umgekehrt kommt "das Soziale" einmal als Oberbegriff der wohldefinierten Stellung der Gesellschaftsmitglieder daher - in Beruf, Klassenlage, Ehe, usw. - und dann wieder als Material von Einstellungen der Einzelnen", die am Arbeitsplatz und anderswo ihre "Lebenswelt" finden, als ob die "lebensweltliche Reproduktion" etwas ganz anderes als die wirkliche wäre.

Die Gesellschaft als "Gefüge" (noch ein Wort für "System"), das seinen individuellen Bestandteilen zu genau der Orientierung verhilft, die sie brauchen um "es" am Laufen zu halten, damit ihnen die Orientierung nicht abhanden kommt: Mit diesem Wahn haben Soziologen noch gestern die Frage in den Raum gestellt, ob einer "Arbeitsgesellschaft" mit dem Wachstum der Arbeitslosigkeit nicht das "soziale", ihre Mitglieder (ein)"bindende" Band verloren geht. Als Soziologe von heute dreht Beck denselben Kreisel einfach weiter, und das alte, erschütternde Sinnproblem ist schon erledigt. Wenn die "soziale Wirklichkeit" sowieso nur eine Metapher für das Soziologenbedürfnis ist, sich bei jedem wirklichen Zweck einen sinnstiftenden "Bezugsrahmen" hinzu zu denken, dann - eine durchaus konsequente Fortführung - wird sie dieser holden Bestimmung wohl kaum ein Hindernis in den Weg legen können.

Mit den Klassen eine Heimat verloren

Die beklagte Auflösung der alten Sinnzusammenhänge läßt sich demgemäß auch als "Strukturwandel" der Gesellschaft deuten, der nicht den Sinn, sondern seine bisherigen Stifter zum Verschwinden bringt:

"Die gesellschaftlichen Institutionen - politische Parteien Gewerkschaften, Regierungen, Sozialämter, usw. - werden zu Konservatoren einer sozialen Wirklichkeit, die es immer weniger gibt. Während die Lebenslaufbilder von Klasse, Familie, Beruf, Frau, Mann an Wirklichkeitsgehalt und zukunftsleitender Kraft einbüßen, werden sie in den "Betreuungsorganisationen" konserviert... Eine Gesellschaft jenseits der Industriegesellschaft spaltet sich ab (!!) von einer in den Institutionen konservierten Industriegesellschaft, die die Welt nicht mehr versteht." (158)

Was tut es, daß in solch surrealistischen Konstruktionen die Welt auf dem Kopf steht? Daß alles, was man gemeinhin unter "sozialer Wirklichkeit" verstehen könnte - von den Parteien bis zum Sozialamt, "usw." -, kraft soziologischer Analyse unwirklich wird, während so gleichgültige Albernheiten wie "Lebenslaufbilder" auf der Suche nach neuen "Wirklichkeitsgehalten" zukunftsleitend werden und allen Ernstes die Gesellschaft spalten, ist ja erklärtermaßen nicht als Sachbehauptung gemeint. In dieser Hinsicht will sich Beck nicht weiter festlegen:

"Für den marxistischen Klassentheoretiker ebenso wie für den Schichtungsforscher hat sich möglicherweise nichts Wesentliches geändert. Die Abstände in der Einkommenshierarchie und fundamentale Bestimmungen der Lohnarbeit" (was das auch immer heißen mag) "sind gleichgeblieben." (116)

Für den Soziologen hat sich ungeachtet dessen alles Wesentliche geändert, weil er sich schlicht für etwas anderes interessiert und seinen Gesichtspunkt humorig die "andere Seite" derselben Sache nennt:

"Auf der anderen Seite tritt für das Handeln der Menschen die Bindung an soziale Klassen eigentümlich in den Hintergrund." (ebd.)

Wer ihm wohl verraten hat, daß es eine Haupteigenschaft sozialer Klassen ist, wie ein Fußballclub für stabile "Bindungen" ihrer Mitglieder an sich zu sorgen? Wie mögen sie das anstellen (oder bisher angestellt haben), da der von den "Abständen der Einkommenshierarchie" ausgehende Zwang offenkundig nicht in Frage kommt? Und welches "Handeln" ist eigentlich gemeint, wenn sich z.B. an der "fundamentalen Bestimmung" der Lohnarbeiter, vorwiegend mit Arbeiten beschäftigt zu sein, schon nichts Wesentliches geändert haben soll? Alles Fragen, die im soziologischen "Klassenbegriff" eine glasklare Antwort erfahren; der ist nämlich absichtsvoll so hingedreht, daß die Realität an ihm zuschanden wird und nicht umgekehrt.

"Im Zentrum steht das ständische Gepräge und die soziale (Selbst-) Wahrnehmbarkeit der Klassen im Sinne real in ihrem Handeln und Leben aufeinander bezogener Großgruppen, die sich durch Kontakt-, Hilfs- und Heiratskreise nach innen abgrenzen und in Prozessen wechselseitiger Identitätszuweisung mit anderen Großgruppen ihre bewußte und gelebte Besonderheit immer wieder suchen und bestimmen. Es ist damit ein Klassenbegriff gemeint, dessen zentrales Merkmal darin besteht, daß er niemals nur als wissenschaftlicher Begriff gegen das Selbstverständnis der Gesellschaft möglich ist." (140)

Statt eines übertrieben wissenschaftlichen Begriffs macht Beck lauter Forderungen auf, die wenn schon nicht die Existenz, so zumindest die "Bedeutung" von Klassen für das "reale" Leben höchst elegant in ein anderes Zeitalter verweisen. Wenn z.B. die Kapitalisten so ein Haufen wären, immer nur untereinander zu heiraten, keine Neuzugänge aus den anderen Abteilungen zu dulden und abends im Casino Spottlieder auf die Proleten zu singen, dann könnte Beck sie begriffsgemäß als gute alte Klasse titulieren; da sie mit ihrer "bewußten , und gelebten Besonderheit" aber nicht so intensiv beschäftigt sind, weil sie eher an das nächste Profitchen als daran denken, sich "aufeinander zu beziehen", - sind sie leider keine Klasse, jedenfalls keine übermäßig wahrnehmbare! So kann's gehen.

Masseneremiten mit Zukunft

Eine solche Beweisführung für die Überwindung der Klassengesellschaft in unserer postmodernen BRD ist (mit Verlaub) idiotisch. Trotz der um nichts besseren Selbsteinschätzung Becks, damit bewußt dem klassenlosen "Selbstverständnis der Gesellschaft" entsprechen zu wollen, ist aber der Hinweis angebracht, daß dieser Grund für den vorgetragenen Quark zu kurz greift; die soziologische Theoriebildung ist weniger opportunistisch, als sie tut. In Wahrheit sind ja die Klassen und ihre geringe Geltung in den heutigen Selbststilisierungen der Leute nur ein Vorwand des Soziologen, seinen immergleichen Idealen "realer" = echter sozialer Zusammengehörigkeit Raum zu verschaffen - unter gruppenzentrierter Hilfe, zielbewußter Heirat und klaren Identitäts- bzw. Abgrenzungsgefühlen ist da nichts zu machen, weswegen der fiktive Verlust der zumindest "ordnenden Dichotomien" des alten Industrialismus/Kapitalismus durchaus auch seine fragwürdigen Seiten hat. Man besehe sich nur das von Regierung und Ausbeutung allein gelassene, die Nestwärme von Fabrik und Großfamilie entbehrende und der Ersatzdroge Fernsehen ausgelieferte Massenindividuum:

"Individualisierungen liefern die Menschen an eine Außensteuerung und -standardisierung aus... Das Fernsehen vereinzelt und standardisiert. Es löst die Menschen einerseits aus traditional geprägten und gebundenen Gesprächs-, Erfahrungs- und Lebenszusammenhängen heraus. Zugleich befinden sie sich alle in einer ähnlichen Situation: sie konsumieren institutionell fabrizierte Fernsehprogramme, und zwar von Honolulu bis Moskau und Singapur... Auf diese Weise entsteht das soziale Strukturbild eines individualisierten Massenpublikums oder - schärfer formuliert -" (das ist scharf) "das standardisierte Kollektivdasein der vereinzelten Massen-Eremiten." (212 f.)

O Gott, o Gott! Wem diese einsame Spitze der "zivilisatorischen Selbstgefährdung", das gemeinsam isolierende Gemeinschaftsprogramm von TV Aloha und Radio Moskau, nicht zu denken gibt, dem ist nicht mehr zu helfen. Was für eine "andere Moderne"! Welch Glück für uns alle andererseits, daß sich auch die "neue Unmittelbarkeit von Individuum und Gesellschaft" jenseits des gewohnten und unwiederbringlichen "Sozialgefüges" in bewährter Manier positiv drehen läßt. Am Ende gehen die wahren Revolutionen vor und unter dem Fernseher vor sich:

"Damit gewinnen aber die viel geschmähten "Refugien der Privatheit und der Innerlichkeit" einen zentralen Stellenwert. ... So nah und so weit man zu sehen vermag," (von Honolulu bis Singapur) "wird heute im Alltag von Beziehungen... unter der Last zukunftsunfähig gewordener Lebensformen schwere Arbeit geleistet. In der Summierung kommen hier Änderungen zustande, die man sich wohl abgewöhnen muß, für ein privates Phänomen zu halten. Was sich da zusammenläppert an empfindlicher Praxis in Lebensgemeinschaften aller Art, an rückschlagserfahrenen Neuerungsversuchen im Verhältnis zwischen den Geschlechtern... geht der Gesellschaft vielleicht sogar anders an die Wurzel" (ach, Wurzel nennt man das heute?) "als "systemverändernde Strategien", die auf der Höhe ihrer Theorie hängengeblieben sind." (203)

Da wird uns doch schlagartig ein Zwiefaches klar: Weshalb die radikale - stimmt, kommt auch von Wurzel - Bestandsaufnahme des Herrn Beck bezüglich der Gefahren unserer Zeit von allen Gescholtenen eine gar so wohlwollende Aufnahme gefunden hat. Und warum sich Ehefrau Elisabeth hat scheiden lassen.