"REVOLUTION ÜBERFLÜSSIG!"

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Dieser Artikel ist in der MSZ 9-1988 erschienen.
Systematik: 

"REVOLUTION ÜBERFLÜSSIG!"

Die in linken Kreisen so beliebte Frage, "Warum die Arbeiter keine Revolution machen?", sondern den Kapitalismus am Laufen halten, ist eine falsche Frage.

lebt sie von der Unterstellung, daß die 'kleinen Leute' eigentlich etwas anderes tun müßten als sie tun. Müssen sie aber gar nicht. Da wird glatt so getan, als ob es eine wie auch immer geartete höhere Notwendigkeit gäbe, der das Proletariat zu gehorchen hätte, ob es will oder nicht. Eine solche Gesetzmäßigkeit stiftet aber weder die Natur noch "die Geschichte", sondern einzig und allein der Idealismus vulgärmaterialistischer Weltanschauungen.

Daß der Kapitalismus mit seinem Regime von Geschäft und Gewalt den Lohnabhängigen genug Gründe für eine Revolution beschert, heißt keineswegs - wie suggeriert wird -, daß diese deshalb "unvermeidlich" ist. Die Ausbeutung ist kein Reiz, auf den die Arbeiter mit bedingtem Reflex durch ihre Abschaffung reagieren (müßten). Ob jene zur Bekämpfung des Systems der Lohnarbeit schreiten, ist eine Frage der Einsicht in die Natur des kapitalistischen Klassengegensatzes und des Willens, damit Schluß zu machen. Sonst läuft eben nichts, d.h. die alte Scheiße geht weiter!

Die Frage, warum machen "die Massen" die Revolution nicht, tut ferner so, als ob diese sich ständig mit dem einen Problem herumschlagen würden, ob sie jetzt mitmachen oder den ganzen Laden kippen sollen. Das Problem hat aber keiner, der mitmacht. Jedenfalls fragt sich kein Arbeiter, bevor er morgens in die Fabrik einrückt, ob er nicht lieber oder eigentlich das "historische Subjekt der Revolution" sein will. Sondern er geht, weil er Geld braucht, hinein und hinterher nach Hause, wo er zusieht, wieweit seine schmalen Mittel reichen. Nichts alberner als die Vorstellung, damit habe er sich gegen seine "eigentliche Mission" entschieden.

Die ganze Fragestellung ist heutzutage gestellt zur Befruchtung philosophischer Semninardebatten bei Hirsch, Esser und Co ohnehin bloß rhetorischer Natur. Sie ist gleich als Antwort gemeint, nämlich so: Die schiere Tatsache, daß der Aufstand bis heute ausgeblieben ist, ist doch wohl Argument genug. Und zwar dafür, die Gründe für eine Revolution für hinfällig zu erklären. So wird die metaphysische Determinationslehre nicht etwa kritisiert, sondern schöpferisch angewandt. Indem man sie rückwärts buchstabiert; nach dem Motto: Wo kein Aufstand passiert, ist er offenbar nicht (mehr) nötig! "Notwendig" und angemessen ist demnach immer genau der "Widerstand" und die "soziale Bewegung", die es gcrade gibt - weil: sonst gäb's ja nicht die, sondern eine andere. Son kommen Öko-Grün und Frauenehre aus demselben Grund zu akademischer Würdigung, aus welchem der selbsterstellte Popanz einer proletarischen Mission stets aufs Neue geschichtsphilosophisch und soziologisch beerdigt wird.