REKRUTENVEREIDIGUNG IM KZ

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Dieser Artikel ist in der MSZ 11-1983 erschienen.
Systematik: 

Österreich
REKRUTENVEREIDIGUNG IM KZ

Am Nationalfeiertag begeht die Alpenrepublik den Jahrestag der Ptoklamation ihrer "immerwährenden Neutralität". Heuer hat sich der "jugendliche" Verteidigungsminister, 39, etwas Besonderes einfallen lassen.

Ort der Inszenierung: das KZ Mauthausen, Appellplatz; die Personen und ihre Darsteller: Rudolf Kirchschläger als Bundespräsident; Friedhelm Frischenschlager als Verteidigungsminister, 600 junge Menschen als Soldaten; die Handlung: Zum Nationalfeiertag der Republik Österreich demonstriert die politische Führung, daß sie für die "kleine, neutrale Nation" (Kirchschläger) gar nicht so kleine und neutrale Ziele ins Auge faßt. Die "Friedensaufgabe", die sie der Alpenrepublik auferlegt hat, geht jedenfalls über deren Grenzen beträchtlich hinaus - bis über die "Mauern und Stacheldrahtzäune, die sich quer durch Europa ziehen und sogar Städte, teilen". (Frischenschlager) Mit "seiner ungewöhnlich durchdachten, ungewöhnlich gut formulierten Rede" bringt der Verteidigungsminister die 600 Statisten der Veranstaltung dazu, sich per Eid spontan auf das zu verpflichten, "was wir verteidigen wollen". Und der Bundespräsident liefert zu diesem dramatischen Höhepunkt die passende feierliche Würdigung: "Heimatliebe läßt sich nicht erzwingen."

Die Moral: Das KZ Mauthausen war der ideale Platz für diese Feier des nationalen Pflichtgefühls. Man soll sich vorstellen, daß "es ein Österreich innerhalb eines solchen Zaunes zu verhindern gilt". Und das, indem man sich vorstellt, der österreichische Staat wäre im KZ terrorisiert worden durch den Faschismus als böse Fremdherrschaft -, als wären es nicht hunderttausende Menschen gewesen, die dort staatlich organisiertem Terror ausgeliefert waren. Die Anti-Moral: Was geht einen Menschen in Österreich eigentlich das "Grenzzaunproblem" an, das seine Politiker "zwischen den Blöcken" ausmachen und im Namen der "Freiheit" (gegen wen geht die wohl?) anzugehen versprechen. Genauer gesagt, haben sie ihr Volk zum Ehrentag der Nation versprechen lassen, sich mit Haut und Haar dafür einzusetzen. Die Vereidigung junger Wehrpflichtiger aut die "Friedensaufgabe" Österreichs stand für diesen Anspruch einer wehrhaften Demokratie, die sich zwar nicht im NATO-Bündnis befindet und dort stark machen kann, aber natürlich auch in dessen Windschatten die Zeichen der Zeit mitbekommen hat und fleißig gegen Osten hetzt.