RAUS AUS DEM LINKEN GHETTO

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1981 erschienen.
Systematik: 

Vorkonferenz zur 2. Sozialistischen Konferenz
RAUS AUS DEM LINKEN GHETTO

Rudi Bahro und die "Nationale Koordinationsgruppe Sozialistische Konferenz" hatten geladen - Marburger und auswärtige Studentenschaft kam und (über)füllte den größten Hörsaal der Universität Marburg. Es ging darum, auf die 2. Sozialistische Konferenz, die im Februar in Marburg abläuft, "vor Ort" einzustimmen. Das Ergebnis: eine Sozialistische Konferenz in Marburg ist nicht nur möglich - das idyllische Städtchen ist "in der gegenwärtigen Situation" sogar der "geeignetste Ort" für ein Treffen der Palaversozialisten, "weil die beiden Seiten der linken Tradition hier Tradition haben und diese beiden Seiten einander nötig haben" (Bahro).

Erfolgskriterium und Ziel der 2. Sozialistischen Konferenz waren damit erschöpfend angegeben und so konnte deren Initiator über die Feststellung:

"Ich will hier nur meine persönliche Meinung und sonst nichts darüber Hinausgehendes vorstellen."

sich ganz darauf beschränken, ein "Tableau offener Fragen" aufzustellen:

"Woher kommt, wohin geht heute die Staatsgewalt? (Nicht zu verwechseln mit der Frage, was sie macht; vielmehr: Bietet sie uns, den Gegnern, eine Perspektive?) Abschied vom Proletariat jenseits des Sozualismus? Wenn das stimmt, wer soll dann das alles ändern? (Tu doch nicht so, als wärst du nicht sicher, daß es zu stimmen hat! Freilich: erst Abschiednehmen und dann das Proletariat mit einem herzlichen 'Grüß Gott' in deiner Menschheitsbewegung begrüßen, das könnte dir so passen!) Erst den Staat stürzen und dann das Leben ändern oder umgekehrt? (Sehr süß! Wie wäre es mit einem Kompromiß: Halbe-Halbe?)."

Sein Gesamtgedanke:

"Mein Gesamtgedanke: maximale Öffnung für den Ausbruch aus dem linken Ghetto; Orientierung nicht auf Positionsbehauptung, sondern auf Diskussionsverhalten und damit Überprüfung der bestehenden Position - einschließlich meiner eigenen."

Das ist also der Maßstab, an dem sich Linkssein heute entscheidet: Werden die teilnehmenden politischen Richtungen der Anforderung gerecht, jeglichen Verdacht von Dogmatismus und Kaderschmiedentum von sich zu weisen? Nur so qualifiziert man sich nämlich für die gemeinsame Diskussion, die folglich auch nicht in der Klärung konträrer Ansichten über die Welt besteht, sondern dann erfolgreich ist; wenn sie ihre eigene Möglichkeit beweist. Das braucht's in den 80er Jahren!

Ein historischer Kompromiß

Diejenigen, die speziell in Marburg gemeint waren - die revisionistische Linke und die Reste der Marburger Schule - hatten den Wink vom Einheitsrudolf verstanden. Frank DEPPE ließ stellvertretend für seine Genossen keinerlei Gram gegenüber dem Ex-DDRler BAHRO erkennen, obwohl dieser trotz (oder wegen) des solidarischen Abends sich einige Seitenhiebe auf das Ideal hiesiger Freunde des "real existierenden Sozialismus" nicht verkneifen konnte: "Alle bisherigen Muster sind durch ihre Praxis in Moskau oder Peking desavouiert." Freilich allzuschwer scheint den Revisionisten der Kotau mittlerweile nicht mehr zu fallen, schließlich wollen auch sie bei der Ökologiebewegung abstauben. DEPPE bewies messerscharf, daß der alte revisionistische Kalauer von der Notwendigkeit, den ökonomischen Kampf der Arbeiterklasse (übrigens: Wenn es den gäbe, könnten sich BAHRO und DEPPE ihren Senf sparen!) in den politischen Kampf überzuführen, nicht nur unter das Dach des heiligen Rudolf paßt, sondern die Revisionisten damit sogar schon vor BAHRO die Vorreiter der Öko- und Menschheitsbewegung waren:

"Bahro reduziert die Arbeiterklasse auf rein ökonomische Probleme. Aber bei uns gibt es doch täglich tausendfach (?) soziale Kämpfe, in denen es um die Qualität der Befriedigung von Lebensbedürfnissen geht... Für die sozialistische Bewegung kommt es gerade auf die Überwindung des Ökonomismus an, auf die Überwindung der Bornierung auf die unmittelbaren ökonomischen Interessen einzelner Klassen und Schichten... Es kann daher keinen Abschied vom Proletariat geben, sondern nur einen kollektiven Bündnisprozeß."

Fürwahr ein erlesener Streit: BAHRO hält die Proleten für konsumorientiert (ausgerechnet!) und deshalb für mitschuldig an der angeblich drohenden Menschheitskrise - DEPPE dementiert eifrig und wirft BAHRO vor, er sehe nicht, wie sehr das Proletariat schon seinen, "auf die Lohntüte" bezogenen Forderungen abgeschworen habe und stattdessen seine sozialen, dem Ganzen verantwortlichen, Qualitäten in die Waagschale werfe. (Als Beispiel führte DEPPE nicht zufällig die Dortmunder Hoesch-Demo mit Ministerpräsident RAU an der Spitze an.) So halten beide Seiten der "linken Diskussion" Materialismus für eine Todsünde und versehen ihn mit dem Attribut "borniert" oder "egoistisch" - nur, daß DEPPE meint, die deutschen Arbeiter hätten solche Vorwürfe nicht verdient! Das sind also die Alternativen, um die sich die erweiterte Konferenzlinke streitet!

(GIEGEL, ein Marburger Professor mit SB-Touch, wollte bei diesem einigen Streit nicht fehlen und bezog energisch Position: Wie wär's mit einer Vermittlung zwischen BAHRO und DEPPE? Es kann kein Zufall sein, daß er bei seiner Suche nach "vermittelnden Formeln zwischen Arbeiter- und Ökologiebewegung" zu einer Affirmation DGB-offizieller Parolen gelangte. In der "Forderung nach Arbeitszeitverkürzung" sah er wie die Gewerkschaft eine Alternative zu einer "materiellen Besserstellung" der Arbeiter (= mehr Lohn) und meinte, daß sich darauf auch die Ökos einlassen könnten!)

Grüße von der Sozialdemokratie

Der Höhepunkt des Abends: zweifellos der Auftritt des Bundesgeschäftsführers der Jusos HARTUNG. Er griff BAHROs Motto "Raus aus dem linken Ghetto" zustimmend auf und ließ keinen Zweifel daran, daß er als Sozialdemokrat diese Forderung schon längst verwirklicht hätte. Fürwahr! Dann wandte cr sich gegen die "akademische Abgehobenheit" der Diskussion und lieferte eine erschütternde Schilderung der Leiden der deutschen Arbeiterklasse: Arbeitslosigkeit, Schichtarbeit, Arbeitsunfälle, Frühinvalidität, Wohnungsnot etc. - da wolle er sich "einmischen", natürlich als Sozialdemokrat. Es wirft schon ein bezeichnendes Licht auf den Stand der versammelten Linken "links von der SPD", daß der Vertreter dieser Partei, die in den letzten Jahren für eine handfeste Verarmung der Arbeiter gesorgt hat, sich auf ihren Kongressen als Verfechter der Interessen des geschundenen Proletariats aufspielen kann, ohne daß ihnen auch nur ein Argument gegen den Herrn Jungsozialisten einfällt. Für sie ist es sogar ein Fortschritt, daß die sozialdemokratischen Nachwuchspolitiker auf ihrem Weg ins Parlament künftig höchstoffiziell bei den linken Konferenzen Zwischenstation machen - von wegen der "Verbreiterung des Spektrums ".

Die langfristige Perspektive

Apropos "Raus aus dem linken Ghetto!" Rudi BAHRO widmete sein Schlußwort ganz diesem seinem Lieblings- und Gesamtthema. Für ihn steht jetzt schon fest, daß die 2. Sozialistische Konferenz in dieser Hinsicht nur einen Teilerfolg bringen wird: Zwar sind diesmal DKP und Jusos dabei, aber die Jusos seien noch nicht die SPD, und die SPD sei noch nicht die CDU/CSU. Dies sei schade, zumal er entdeckt habe, daß die CDU/CSU "nach ihret Wahlniederlage die Ökölogie diskutiert". Mehr noch:

"In Bayern hat die CSU 60% der Wählerstimmen. In diese Diskussion (!!), die dort läuft, müssen wir hineinkommen und denen unsere Formulierungen für ihre Probleme anbieten."

Wohlan denn, auf zur 3. Sozialistischen Konferenz! Vielleicht wäre das schöne bayerische Wildbach Kreuth der "geeignetste Ort"?