RAKETEN - DIE MITTEL DES ATOMKRIEGS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1987 erschienen.
Systematik: 

RAKETEN - DIE MITTEL DES ATOMKRIEGS

Atomraketen sind die Kriegsmittel, die den Charakter einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen den entscheidenden Staaten bestimmen, die die Weltmacht einer Nation definieren und auf die daher nationalbewußte Politiker und Militärs ganz zu Recht besonders scharf sind. Mit ihrer Zufriedenheit über das eigene Arsenal und mit ihren Sorgen über das des Gegners, sprechen die maßgeblichen Politiker auch aus, woran das liegt: an der Leistungsfähigkeit dieser Waffe. Die "geschoßähnlichen Flugkörper" mit ihren brisanten "Sprengköpfen", die die Herren über Krieg und Frieden um so mehr faszinieren, je gründlicher sie "abschrecken", bilden nämlich die ideale Waffenkombination, machen aber deswegen den Atomkrieg schwierig.

1. Die perfekte Waffe

Atomraketen erfüllen die höchsten Ansprüche, die Strategen an das Gerät stellen, mit dem sie einen feindlichen Staat gewaltsam niederringen. Egal, ob mehr laienhaft die verheerende Wirkung von Atombomben ausgemalt oder expertenmäßig über atomare Abschreckung, atomaren Erst- und Zweitschlag spekuliert wird, die Debatte kennzeichnet die Kriegsrisiken, mit denen heute dank der modernsten Munition kalkuliert wird. Die atomaren Sprengköpfe garantieren nämlich Zerstörung - todsicher und in gehörigem Ausmaß. Die Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs, die Luftangriffe des 'totalen Kriegs', die Dresden, Coventry und andere Städte in Schutt und Asche gelegt haben, verblassen vor den Leistungen der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Und diese sind selbst längst Fossile im Vergleich zur heutigen Bombenmunition, die noch gewaltigere, aber auch abgestuftere Wirkungen ermöglicht. Mit einem Schlag kann ein Sprengkopf eine Unmenge Mensch und Material, Städte, Militäranlagen, Landstriche vernichten, aber auch gegen engbegrenzte Ziele die gewaltigste Durchschlagskraft entwickeln.

Ohne die Rakete als Waffenträger wäre die Veränderung für Strategie und Taktik des Krieges allerdings längst nicht so drastisch ausgefallen. Die Trägerraketen sind die passende Ergänzung zur atomaren Munition und bringen deren Vorzüge erst richtig zur Geltung. Dank moderner Technologie und Elektronik lassen sie in bezug auf Reichweite, Geschwindigkeit und Treffgenauigkeit nichts zu wünschen übrig und entfalten eine von keinem anderen Gerät übertroffene offensive Schlagkraft. In kürzester Zeit bringen sie überall, wo es gewünscht wird, und ganz automatisch die Sprengköpfe in ein oder sogar mehrere Ziele. Die Beweglichkeit der Weltkriegsluftwaffe, auch heutiger Bomber ist dagegen nichts, von Schiffsmanövern, Landoperationen und Panzervormärschen ganz zu schweigen, bei denen die größeren und kleineren Kaliber immer erst mühsam an den Feind gebracht werden müssen. Raketen treffen, ohne daß Truppen marschieren, das Feld überblicken und Gefechte liefern müssen. Elektronik und Antriebskraft führen nicht nur zur 'Unsichtbarkeit des Schlachtfelds'; sie machen diese Waffen überhaupt unabhängig von Geschicklichkeit, Reaktionsfähigkeit, Berechnung und Mut seines Bedienungspersonals und ersetzen außerdem eine Unmenge Mensch und Material.

2. Der strategische Nutzen: Totale Kriegsführung

Durch diese Vorzüge hat die Atomrakete das Kriegshandwerk revolutioniert. Was früher nur mit dem riskanten Großeinsatz eigener Kräfte in einer Schlacht möglich war, das erledigt sie ganz selbständig, materialschonend und unpersönlich, also militärtechnisch problemloser als alle konventionellen Mittel. So erspart sie eine Menge Rücksichten auf die Schranken von Raum, Zeit, Soldatenzahl und Waffenmenge. Sie relativiert also auch die traditionellen Berechnungen, wieviel Mann mit welchen Waffen wo stationiert oder wohin verlagert werden müssen; wie die eigenen Kräfte am besten eine Schlacht schlagen oder vermeiden können; ob und wie sie weit genug vordringen, um den Gegner entscheidend treffen zu können, wieviel Zeit, Aufwand und Verluste das kostet - kurz: Sie macht alle möglichen taktischen und strategischen Probleme, die klassischen Standortberechnungen obsolet, welche das Kriegführen früher aufwendig, risikoreich und für die Nachkommen so spannend machte. Im Prinzip kann das superschnelle, weitreichende und vernichtende Geschoß jeden Feind bei einem Angriff oder zum Zwecke eines Angriffs sofort und überall bekämpfen, egal, wo er sich befindet und wie groß sein Territorium ist.

Das hat zu einem neuen strategischen Verhältnis zwischen den Mächten geführt, die über dieses Kriegsgerät frei verfügen können. Die heutige Kriegsplanung ist auf regionale und globale Raketengefechte - den Weltraum einbezogen - angelegt, und die Waffenkonkurrenz ist durch die massenhafte Aufstellung vielfach gesicherter Großraketenverbände geprägt, die zur uneingeschränkten Offensive fähig sind. Neben und getrennt von den 'klassischen' Truppenverbänden bilden die Interkontinentalraketen, der Inbegriff der Atomraketen; eine Streitmacht für sich, durch die die Landmacht Rußland und die Seemacht USA sich wechselseitig unmittelbar bedrohen. Da diese Raketen auch U-Boote als schwimmende Silos benutzen, wird die Angriffs'front' für diesen Krieg erdumspannend. So bildet diese Streitmacht für jeden denkbaren Kriegsfall das letzte und stets gegenwärtige Mittel für Offensive und Gegenoffensive, ist also der eigentliche Träger des Atomkriegs.

3. Strategischer Nutzen II: Immer gewaltigere begrenzte Kriegsoptionen

Die Atomstreitmacht verleiht dem Land-, See- und Luftkrieg einen neuen Stellenwert als begrenzte, konventionelle Abteilung eines größeren Kriegszenarios. Das hat die zivilisierte Menschheit dazu veranlaßt, das 'konventionell' mit einem 'bloß' zu versehen. Die strategische Neudefinition hat mit der absoluten Kampfkraft dieser Truppen jedoch nichts zu tun. Die ist enorm gestiegen - nicht zuletzt dadurch, daß das Prinzip der Rakete auch hier vielfältig zur Anwendung kommt. Der Operationsradius der Bomber hat sich durch ihre Raketenbewaffnung erweitert; jedes Schiff ist eine schwimmende Abschußbasis, und zu Land steht einiges an Raketenbatterien mit variabler Reichweite und flächendeckender Wirkung. Auf niedrigstem Niveau demonstriert noch der letzte Afghanenrebell mit seinem amerikanischen Gerät, von konventionellen Materialschlachten wie am persischen Golf ganz zu schweigen, was moderne Kriegstechnologie vermag. Die Truppenverbände der führenden Staaten verfügen über Kampfmaschinerie, die die ganze Leistungsfähigkeit einer kapitalkräftigen Industrienation fordern, andererseits die Fähigkeit schaffen, auch einer solchen Nation mehr als nur begrenzte Schläge anzudrohen.

Begrenzt sind Heer, Marine und Luftwaffe auch nicht dadurch, daß ihr vorgeplanter Tatendrang an der entsprechenden Feuerkraft des Feindes scheitern würde. Daß die schwimmenden Festungen immer schon im gegnerischen Visier sind, Flieger nie schnell genug reagieren können, Panzer und Raketensilos durch Stahl und Beton nicht mehr zu sichern sind, hat nur dazu geführt, die Kriegstechnik zu perfektionieren nach dem Kalkül: Gegen Raketen helfen nur bessere Raketen und Abwehrwaffen. Auf dem konventionellen Feld gibt es längst, was als SDI gegen die Interkontinentalraketen geplant ist.

Die Strategie des konventionellen Krieges ist erst recht alles andere als begrenzt. Auch mit ihren konventionellen Kräften operieren Truppen immer schon ein ganzes Stück im Hinterland des Feindes; die Marine mischt mit ihren verschiedenen Kalibern im Landkrieg mit; die Landkräfte greifen in die Auseinandersetzung schwimmender oder fliegender Verbände ein. Das Kriegsgeschehen ist also schon auf den untersten Stufen ziemlich total. Die Fronten sind im Prinzip von Beginn an überall. Und jede Waffengattung, jede Weiterentwicklung und die mit ihr eröffneten gewaltsamen Möglichkeiten zählen als strategische 'Option', die die eigene Planung noch ein Stück umfassender und freier macht. Militärs und ihre Techniker haben ihre Szenarios, also die Kriegsmittel, so vielfältig gemacht, daß selbst der Unterschied zwischen konventionell und atomar in mancher Hinsicht hinfällig geworden ist. Manche normale Munition erzielt inzwischen atomgranatenähnliche Wirkung, und die Atombombe ist für verschiedene Zwecke zu handlichen Formaten verkleinert und verfeinert worden.

Begrenzt sind diese gewaltigen Möglichkeiten allein insofern, als sie als lauter Vorstufen zum Einsatz der Interkontinentalraketen eingeplant sind. Gerade diese Funktion im Rahmen eines noch weiterreichenden Weltkriegskonzepts macht ja das Interesse an ihrer unbegrenzten Fortentwicklung aus. Denn jedes Stück Kampfkraft, das die Truppen zu Wasser, zu Lande und in der Luft gewinnen, ist ein Eskalationsmittel, das vor und statt der äußersten Option ergriffen werden kann -

4. Das Atomkriegsdilemma: Totale Kriegsfähigkeit auf Kosten der Kalkulationsfreiheit

Soviel die Kriegsplaner auch unternehmen, um vor dem strategischen Atomkrieg eine möglichst breitgefächerte und steigerungsfähige: Palette kriegerischer Möglichkeiten in die Welt zu setzen - an die Chance; die letzte Eskalation zu vermeiden oder zu ersetzen, können sie selbst nicht glauben. Sie hat allerdings ihren Haken. Ausgerechnet, wenn die Raketen ihre Vorzüge voll entfalten, wenn sie als selbständiges Kampfmittel und nicht mehr bloß zur Unterstützung von Schlachtoperationen und Geländegewinnen dienen, werfen sie für ihre Einsatzplaner grundsätzliche Probleme auf. Nicht, weil da ganze Landstriche entvölkert und Städte vernichtet werden, also viel brauchbares Staatsinventar von der Erdoberfläche verschwindet, oder weil der Schaden überhaupt unermeßlich wäre. Einseitig wären den nationalen Einsatzleitern diese Wirkungen atomarer Kriegführung durchaus recht, um den Gegner sturmreif zu schießen, sei es, um ihn zu erobern, sei es, damit er kapituliert. Sobald man aber mit demselben auch umgekehrt rechnen muß, wechselseitig angewandt also, macht eine solche Strategie gar keinen guten militärischen Sinn. Das garantierte Ausmaß der Zerstörung, das die entsprechenden Gerätschaften der Gegenseite androhen, macht nämlich das eigene Kriegsziel fraglich.

Der Druck auf den roten Knopf, der den puren Schlagabtausch der beiderseitigen letzten Mittel auslöst, macht alle Ergebnisse der vorangegangen Kriegsführung schlagartig hinfällig. Alle niederen Kriegsoptionen werden zweifelhaft. Das Losmarschieren, Schlachten schlagen, Besetzen zum Zwecke einer genehmen staatlichen Neuordnung ist sinnlos oder unmöglich, wenn jeder Erfolg zuguterletzt durch die Atombomben umkehrbar ist. Und ein lohnendes Ergebnis des Zerstörungswerks, das man trotz aller erlittenen Niederlagen oder auch zur endgültigen Sicherung errungener Siege beim Feind anzurichten imstande ist, ist eine unkalkulierbare Sache. Im Ernstfall sind Sieg und Niederlage unter Umständen gar nicht mehr auseinanderzuhalten, weil überhaupt nicht ausgemacht ist, ob genug an staatlicher Substanz übrig bleibt, um einen Sieg auszunutzen. Militärisch gesehen ist so ein Schlagabtausch mit Raketen also eine destruktive und primitive Angelegenheit.

Die einschlägigen Szenarien zeugen deshalb auch nicht von Siegesgewißheit, sondern von einer strategischen Notlage. Ob die nun "atomares Patt" oder "Abschreckung" getauft wird, in jedem Fall ist die mangelnde Freiheit ausgesprochen, einen atomaren Waffengang bis zum letzten Schritt zweckdienlich zu planen. Diese Tatsache hat die imperialistischen Strategen nicht von der Sinnlosigkeit des Krieges überzeugt, sondern ihr operatives Denken beflügelt. Der Absurdität des Schlagabtausches haben sie das Bedürfnis des entwaffnenden "Erstschlags" entnommen. Der verlangt die Verbesserung der Zielgenauigkeit sowie Geschwindigkeit, also Verkürzung der 'Vorwarnzeiten'. Auf diese Weise ist die Frage des Standorts, die Nähe zum Feind auch für die höchste Waffengattung wieder zu Ehren gekommen.

Die Gewißheit, daß die Kriegstechniker der anderen Seite die entsprechenden Fortschritte ebenfalls in die Wege leiten, hat die Atomkriegslogik um das Konzept des atomaren "Zweitschlags" bereichert, welches nach technischen Lösungen verlangt, durch die eigene Waffen in ausreichender Menge einsatzfähig zu Gebote stehen, noch nachdem der Gegner zugeschlagen hat. Mobilität - unterirdische Raketeneisenbahn und U-Boote - war gefragt sowie die beim heutigen Stand des Spionagewesens schwierige Technik heimlicher Dislozierung. Hinzu kommen Versuche, Raketensilos bombenfest zu bauen. Darüber ist es zum Fortgang des Wettrüstens gekommen, durch das beide Seiten die Spitzengarnitur ihrer Kriegsmittel schwer verbessert haben, aber nicht entscheidend in dem angestrebten Sinn. Die Konsequenz daraus haben die USA mit ihrem SDI-Programm gezogen. Es zielt auf eine wirksame Raketenabwehr, die den Gebrauch der eigenen Atomwaffen von den mißlichen Folgen eines bloßen Schlagabtauschs befreien soll. Auf jeden Fall werden damit die Optionen für den Atomkrieg erweitert, auch wenn die strategische Defensive bis auf weiteres ein Ideal bleibt.

Bei den Errungenschaften des Wettrüstens handelt es sich nämlich um lauter Ausgeburten und nicht um die Beendigung des Widerspruchs, daß das atomare Vernichtungsmaterial in Kombination mit den Großraketen die vorzüglichsten Möglichkeiten zum globalen Einsatz bietet, andererseits aber die Möglichkeiten, diesen Einsatz auch erfolgreich zu kalkulieren, also die Kriegsplanung beschränkt.

So hat diese strategische Ohnmacht 'begrenzte' Kriege nicht unmöglich, den Atomkrieg nicht unführbar, den Frieden nicht sicher, die Rüstungsausgaben nicht geringer, Politiker und Militärs nicht zurückhaltend gemacht. Die Atomrakten haben mit ihrer Eigenart die Weltpolitik beflügelt.