RÜCKTRITT FÜR DIE FORTSETZUNG EINER KARRIERE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1981 erschienen.
Systematik: 

RÜCKTRITT FÜR DIE FORTSETZUNG EINER KARRIERE

Es ist schon zum Kotzen: da entschließt sich ein Machthaber, von seinem Amt zurückzutreten - wofür er schon seine Gründe haben wird - und alle Welt einschließlich derer, über die er die Macht hatte, ist "überrascht", "entsetzt", "erfreut" oder sonst was - mal ganz abgesehen von den schreibenden Hofschranzen, die mit Kommentaren und Bildern - Uli mit Sohn Johannes (ganze 3 Jahre - mein Gott, ist der Klose nett!) auf dem Fahrrad usw. - das Material für diese Anteilnahme liefern.

Dabei könnte es den Hamburgern ja wirklich scheißegal sein, wer ihnen die nächste Strompreiserhöhung etc. beschert - aber nein: dieses Interesse an der Politik wollen sie sich nicht nehmen lassen. Was der und nächste mit ihnen anstellen, haben sie offenbar geschluckt, und dazu paßt prima, daß sie sich unbedingt eine Freie-Hansestadt-Meinung leisten wollen nach dem Motto: "Was wird jetzt aus Hamburg und aus Hans-Ulrich Klose?"

Ziemlich emanzipiert, diese Hamburger: Sie tragen genau die Geschmacks- und Stilfragen als Maßstab ihres Für und Wider an die Politiker heran, nach denen diese sich in der Öffentlichkeit beurteilt sehen wollen.

Elisabeth Strack (37):

"Der hat kein Einfühlungsvermögen bei den einfachen Leuten. Er schwebt auf einer geistigen Ebene, die die wenigsten verstehen."

Therese Schnitzer (42), Hausfrau:

"Klose war einer der wenigen Potitiker, die Mut gezeigt haben. Er ist voll hinter seiner Meinung gestanden, die er immer vertreten hat. Er war ehrlich und intelligent."

Ein begnadeter Schauspieler -

In gekonnter Ausnützung dieser Untertanenhaltung versteht es Klose ganz hervorragend, die Selbst-Stilisierung seiner Person als Mittel der Macht einzusetzen: In der Pflege des Scheins, sich von der Politik, die er treibt, zu distanzieren, hat er es weit gebracht:

Ständig ringt er öffentlich mit sich um Entscheidungen, die er gefällt hat, und zweifelt an dem, was er macht, monatelang publikumswirksam herum:

"Wenn in der Extremistenfrage der Begriff der freiheitlich-demokratischen Grundordnung wieder umdefiniert würde als ein Begriff, der einengen, strangulieren soll, dann wäre das für mich wohl hart am Rande dessen, was ich (!) ertragen könnte. Dann würde ich mir überlegen, ob ich das noch mittragen kann."

Bekanntlich konnte er - dem von ihm in die Welt gesetzten Gerücht keineswegs zum Trotz - prima: Er wandelte sich vom Berufsverbotebefürworter zum Berufsverbotebefürworter mit Augenmaß; genauso leicht wie vom Kernkraftwerksmitbeschließer zum Wärmekraftwerkenergetiker mit 50%igem AKW-Anteil.

Ständig ist er überhaupt die ärmste Sau auf der Welt, weil's ja er ist, der die Politik, die er gar nicht so recht machen mag, machen muß:

"Im Arbeitszimmer des Hamburger Bürgermeisters hängt... ein Bild. Es zeigt: das Kreuz, Maria weinend, ein Engelsprofil, eine Wolke, eine Sonne. Und das Gesicht von Hans-Ulrich Klose. So sieht der Wahlsieger und Malerdilettant sich selbst: die Politik als Opfergang. "

Und ständig ist er der menschlichste Mensch, den die Politik je gesehen hat: Da erzählt er immerzu, daß auch "er immer mal Fehler macht", auch als Bürgermeister "Anlässe habe, sich zu betrinken" und überhaupt auch seine "Emos" brauche.

Alles in allem: In Klose liegt eine recht gelungene Charaktermaske der Macht vor, die mit ihrem Markenzeichen "Glaubwürdigkeit" des Politikers als Mensch = Sicherung der Sympathie bei den Untertanen eine ganze Menge Konkurrenten auspunkten konnte.

...kalkuliert seine Chancen

Ja, wenn der Kanzler noch unumstritten regieren würde, gerade Wahlen anstünden, wo man kritische Wählerstimmen für die Regierung und nicht die parteiinterne Opposition für sich zu gewinnen hat; wenn nicht im nächsten Jahr in Hamburg gewählt würde, und sich Klose in der Brokdorffrage soweit festgelegt hätte, daß ein Aufschub der internen Auseinandersetzung bis nach den Wahlen ihn offiziell in den Ruch gebracht hätte, normaler Parteitaktiker zu sein; wenn ihn nicht der "Schulterschluß" mit seinen Parteigenossen zwecks demonstrativer Einigkeit vor dem Wahlvolk die Stimmen zu kosten droht, auf die er sich gerade stützt; wenn es also einen Kompromiß gegeben hätte (und jahrelang gab es ihn ja!), der sich für ihn lohnend ausnimmt; oder wenn es nur die "Parteibasis" und nicht der Landesvorstand und die Mitsenatoren gewesen wären, die eine andere Linie verfolgen - Uli Klose, wie ihn Genosse, Freund und Feind anerkennend schimpft, hätte es sich wohl noch einmal überlegt, ob er gegen die "Gewissensentscheidung" seiner Hamburger Parteimitoberen öffentlich seine "Systemfrage" gestellt hätte:

"Nach welchen Kategorien gestalten wir unsere Zukunft? Geht es um den gesellschaftlichen Nutzen oder - den Gesetzen des Marktes folgend - immer nur um die Realisierung des technisch Machbaren und des (angeblich) wirtschafttich Profitablen? Entscheiden wir blind oder bewußt? Und wer entscheidet?"

So aber entschied sich der SPD-Bürgermeister dazu, im Bundesland basiswirksam das weitsehende Opfer zu spielen und endgültig das mit seinem Gewissen nicht mehr vereinbaren zu können, was er jahrelang vereinbart hat. Das Ideal zukunftsorientierter, gesellschaftlich nützlicher, technisch machbarer und wirklich profitabler, unbehelligter Politikerentscheidungen formuliert er dabei so systematisch in Richtung Parteimitglieder, daß das Jungvolk auch gleich zu Solidaritätsdemos für den abgetretenen Jungmacher aufbrach. Das Versprechen:

"Ich selbst werde jetzt dort weiterarbeiten, wo ich angefangen habe: an der Basis.",

stimmt also: Hier schafft sich einer, der zu wenig Macht besaß, um die zu ihrer Erhaltung nötigen Arrangements schließen zu wollen, der aber zu viel besaß, um nicht für seine Person mit ihrer Stärke zu kalkulieren, systematisch die alternative Basis für eine Karriere gegen die Führungskonkurrenten.