PSYCHOLOGISCHES ZUM WELTKRIEG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1981 erschienen.

Gewerkschaftliche Bildungsarbeit
PSYCHOLOGISCHES ZUM WELTKRIEG

Die IG Druck und Papier, die neben den auf ihr Handwerk, nach all den Dequalifizierungen durch die umfassende Rationalisierung des Gewerbes, besonders stolzen "Jüngern der schwarzen Kunst" vornehmlich auch die Meister der Kunst des Schwatzens aus den Redaktionsstuben organisieren will, verfügt über ein Publikationsorgan, die "drupa", das bereits durch die Kleinschreibung der Form nach verrät, wer den Anspruch erhebt, intellektuelle Avantgarde im DGB zu sein. Hier kommt neben Schöngeistigem auch mal ein Vertreter des Geisteslebens zu Wort, der dessen modische Errungenschaften besonders schön zu Papier bringen kann. Ende letzten Jahres durfte der Psychologe Horst Eberhard Richter eine "allgemein verständliche Beurteilung der herrschenden Politik" (sprich: der "Weltkriegsgefahr") in den Kleinsatz geben.

Durch einen globalen Elektroschock...

Der bekannte Psychoanalytiker und Sozialtherapeut weiß, wovon er schreibt, hat er sich doch schon in seinem letzten Buch über einen von ihm exklusiv entdeckten "Gotteskomplex" wie folgt ausgelassen:

"Bisher waren es stets nur Naturkatastrophen und Kriege, die über die traditionellen sozialen Barrieren hinweg kooperative Solidarität in großem Rahmen hervorzurufen vermochten. Nun sieht es so aus, als seien wir nicht mehr weit von einer globalen Notlage entfernt, die so der Tat alle psychischen und sozialen Abwehrmechanismen unseres kulturellen Allmachts-Ohnmachts-Komplexes aufbrechen könnte. Das Gespenst einer ökonomisch-ökologischen-atomaren Weltkatastrophe könnte sich als der gemeinsame Riesenfeind erheben, demgegenüber wir uns plötzlich aufeinander angewiesen und voneinander abhängig fühlen würden."

Hinsichtlich der Natur und der näheren Umstände der anstehenden Reinigungskatastrophe ist der Psychologe damals noch nicht konkreter geworden. Wie er sich allerdings die Läuterung der Menschen gemäß seinem Ideal vorstellt und wo hierbei Vorbilder zu entdecken sind, darüber hat er keinen Zweifel gelassen:

"Die befreiende Erfahrung von echter sympathischer Solidarität innerhalb kämpfender Verbände, in der Bewohnerschaft zerbombten- Städte, innerhalb mancher Gefangenen- und Flüchtlingslager bedeutet in der Erinnerung vieler einen kostbaren Lebenshöhepunkt, Im Nachhinein erscheint es zahlreichen Kriegsteilnehmern, als hätten sie sich niemals so menschlich gefühlt wie damals."

Zur inhaltlichen Füllung des neuen Menschenschlags, der damals in Stahlgewittern geboren wurde und dessen im Frieden verdrängte Tugenden durch einen globalen Elektroschock wieder freigelegt werden sollen, greift ein fortschrittlicher Psychologe ungeniert ins faschistische Soldatenleben, wo jeder noch einen Kameraden hatte:

"Sie (die Überlebenden der Wehrmacht) schwärmen nachträglich von den Zeiten bedingungsloser kameradschaftlicher Verbundenbeit, des spontanen Eintretens und Opfems füreinander in Not und Gefahr - und sind dadurch verwirrt, daß diese als erlösend empfundene mitmenschliche Solidarität an die Umstände des Kriegsterrors gebunden war. Sie fragen sich, ob es nicht und warum es nicht möglich ist, ein ähnliches Gemeinschaftsbewußtsein in friedlichen Zeiten zu beleben."

Richters vor Menschlichkeit triefende Forderung, die im Krieg erzwungenen Opfertugenden "bedingungslose Verbundenheit" und "Gemeinschaftsbewußtsein" wiederherzustellen, bloß, bitteschön, wenn es geht, ohne gleich einen totalen Krieg hier in Europa - das paßt in die politische "Großwetterlage", deren Pflege sich auch eine deutsche Gewerkschaft zur Aufgabe macht: Gerade zur Verschärfung des Weltfriedens ist doch nichts so förderungswürdig wie eine gesunde Einstellung zu den positiven Seiten des Krieges!

...zum "sozialen Verantwortungssinn"

Professor Richter verkündet in der "drupa", daß zur Abwendung der "Weltkriegsgefahr" "jeder bei sich selbst ansetzen" muß, handelt es sich doch um ein zutiefst menschliches Phänomen. In "unser aller" Verantwortung fällt der Krieg, weil er der inneren Zerrissenheit der Menschenseele entspringt. Die sehnt sich nicht nur nach der Solidarität der Not, sondern versagt auch angesichts der schweren Aufgabe, sich der drohenden Katastrophe richtig zu stellen:

"Man reagiert sich in der Bekämpfung von vergleichsweise greifbaren Schädlichkeiten ab, die unbewußt das bei weitem gefährlichste, aber eben deshalb unerträglich gewordene Angstobjekt ersetzen. Man verstellt sich den Blick auf den wichtigsten Feind der Menschheit durch kleinere Feinde, die weniger Grauen erregen. Es belastet uns zu sehr..."

Wirklich ein "allgemein verständlicher" Gedanke: Die Leute haben einfach viel zu viel Angst davor, vor einem Krieg richtig Angst zu haben - und schon sind sie die eigentlichen Versager in Sachen Kriegsverhinderung. Soll auch keiner glauben, in den Kriegsdrohungen der Politiker kämen die gegensätzlichen Zwecke der Nationen in Ost und West zur Geltung: Nein, der schwache, größenwahnsinnige Mensch braucht einfach ein Feindbild, um seine innere "Schwäche" auf einen "Sündenbock" abschieben zu können.

Es ist schon eine intellektuelle Leistung, die "Weltkriegsgefahr" so zu "ergründen", daß die Politiker aus dem Schneider sind, dafür aber der Mensch sich richtig problematisch vorkommen kann: Ein gescheites "Wir-Gefühl" braucht er halt, dieser Seelenkrüppel, der sich im Krieg mit sich selbst befindet!

Für den studierten Psychologen ist die derzeitige Weltlage eben eine Riesenchance, daß die egoistische Menschenseele ihrem Größenwahnsinn abschwört und zu einem anständigen "sozialen Verantwortungssinn" kommt.

Wir entnehmen derselben Ausgabe der "drupa", daß die Gewerkschaft für diese Sorte intellektueller Kommentierung der großen Politik vom Standpunkt der Moral aus, die sich der realen Macht als kritisches Gewissen an die Seite stellt, gar keinen Gastreferenten gebraucht hätte. Denselben psychologischen Tiefsinn hat sie zwar nicht drauf, aber gerade die IG Druck und Papier gefällt sich darin, sich um die "Überzeugungskraft der offiziellen Politik" Sorgen zu machen. So wirft sie angesichts der Aufrüstung und der neuen NATO-Strategie die bohrende "Frage nach dem Sinn der Rüstung" auf. So als würden die Macher der "offiziellen Politik", wenn sie als treue Sachwalter der Nation aufend die militärische Schlagkraft erhöhen, vielleicht gar politisch unzweckmäßig handeln. Das schöne Problem, ob ein Krieg heute noch gewonnen werden könnte, und das und nichts anderes ist auch für die Gewerkschaftsstrategen die "Sinnfrage", haben die Staatsmänner längst gelöst: Sie tun alles dafür.

Nicht nur die Druckgewerkschaft, auch die übrigen Interessenvertretungen der Arbeiter in der BRD haben die Zeichen der Zeit erkannt, wo die Machthaber offen damit kalkulieren, das Arbeitsvolk nicht nur auf dem Schlachtfeld der Produktion zu verheizen. Die Gewerkschaft wird schon wissen, wo sie nach dem Krieg wieder Mitglieder hernimmt.