PROKLAMATION DER LIEBE GOTTES IN WORT UND TAT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1981 erschienen.

Kirche in Lateinamerika
PROKLAMATION DER LIEBE GOTTES IN WORT UND TAT

"Damit sind dann in der Tat aus theologischen Gründen auch die Fragen danach gestellt, wie wir politisch - wie wir politische und wirtschaftliche Strukturen schaffen können, die mehr Gerechtigkeit beinhalten und so auch die Verkündigung des Evangeliums einfacher machen."

Wann immer Gläubige mit viel persönlichem Verantwortungsgefühl gegenüber dem persönlichen Gott allein und mit anderen das Problem aufwerfen, ob denn der moderne Mensch samt kritischem Gewissen sich in der institutionalisierten und mit einer geistig-weltlichen Obrigkeit versehenen Mannschaft der Brüder in Christo noch heimisch fühlen könne; wann immer die gläubige oder kirchenkritische Öffentlichkeit die Frage ventiliert, ob denn die Kirche ihren sozialen - Auftrag auch erfüllt und ob sie noch lebendig und nicht 'verkrustet' sei; wann immer berufliche Kirchenmänner das eigene Vereinsleben daraufhin begutachten, ob die Schäfchen auch genügend Anteil an ihm nehmen und das Ideal des 'gelebten Glaubens' verwirklichen -

"...einerseits scheint es mir, daß die caritativen Institutionen der Kirche zu wenig in das Leben der kirchlichen Gemeinde integriert, zu wenig von ihnen getragen werden..." (Greinacher, Kirche der Armut, S. 139) -,

jedesmal deuten sie mit ausgestrecktem Finger nach Lateinamerika: Dort könne man sehen, wie sich die Kirche für unterdrückte Menschen einsetze, gegen 'ungerechte' Herrschaft auftrete; dort sei sie wirklich Kirche der Armen, Vertriebenen und Verfolgten, sei selbst der Verfolgung ausgesetzt und damit ein Zeugnis für das Engagement des wahren Glaubens gegen alle Vergehen auf Gottes weiter Erde.

Mit Stolz wird jeder ausgewiesene, verhaftete oder ermordete Priester oder jedes mahnende Hirtenwort an die Adresse der Diktatoren dort zum Beweis (oder zumindest Vorbild) für die (potentielle) Qualität des Glaubens und der Kirche auch hier zitiert.

Nun spricht es zwar nicht gerade für den Glaubensverein, wenn man sich als Mitglied laufend das Problem machen muß, ob die eigene Führungsmannschaft und ihr Fußvolk auch die hehren Grundsätze der 'Nachfolge Christi' ehrlich, aufopferungsvoll und engagiert genug praktiziert; es zeugt zudem von einiger Armut im Geiste, wenn man das mit allen Zügen des Opportunismus und der Heuchelei versehene Gebaren der Gottesdiener mit Verweis auf eine 'bessere Kirche' irgendwo anders für nicht typisch erklärt, um sich den eigenen kirchentreuen Seelenfrieden zu erhalten. Gleichwohl scheinen uns die modernen Märtyrer- und Heiligenlegenden über die 'Befreiungskirche' in Lateinamerika eine Widerlegung wert, weil dieser immergrüne Zweig der 'Solidarität mit den Unterdrückten und Entrechteten' vielen als nachhaltiger Beweis gilt, daß sich Christentum und Marxismus in puncto 'soziales Engagement' doch miteinander verständigen könnten.

Eine gottgefällige Zweieinigkeit

Einmal ganz beiseite gelassen, daß Aufopferung nur für den ein Argument ist, der nicht den Inhalt des Tuns, sondern das Eintreten für eine Überzeugung für einen Qualitätsbeweis hält, der also den Nachweis einer aufrichtigen Gesinnung führen will! Das Lob der Kirche tritt gleich mit einer bezeichnenden Unterlassungssünde auf den Plan. Es wird so getan, als gäbe es die lateinamerikanische Kirche nicht; die an nationalen Feiertagen neben den Generälen und Staatschefs steht; die Bischöfe, welche mit Weihwasser und dem christlichen Gruß 'Friede sei mit Euch' Panzer und Soldaten für ihr christliches Gewalthandwerk so gut wie ausschließlich nach innen segnen; die Kardinäle, die 'sich bei ihren weltlichen Oberen Rücksichtnahme gegenüber der Geistlichkeit ausbitten, ihnen dann unter frommen Sprüchen öffentlich Absolution und Kommunion erteilen und kritische Pfarrer zu mehr Gehorsam und Zurückhaltung anhalten. Die Berufung auf "die Kirche der Armen" unterschlägt wider besseres Wissen, daß "die Kirche Lateinamerikas" aus zwei sehr ungleichgewichtigen Fraktionen besteht, die miteinander unter Einsatz aller Formen von Taktiererei untereinander, gegenüber dem geistlichen Oberhaupt in Rom und gegenüber den christlichen Generälen an den Schalthebeln der Macht um die rechte Art der Verkündigung des Glaubens streiten. Und in diesem Streit bilden sie die eine und einige Mutter Kirche, in der progressive Pfarrer nur in den seltensten Fällen daran denken, ihren 'reaktionären' Vorgesetzten die Gefolgschaft zu verweigern oder gar aus der Kirche auszutreten, etwa weil Leute und Priester mordende Militärs nicht einmal exkommuniziert werden.

Auf der anderen Seite läßt auch die herrschaftsfreundliche Kirchenobrigkeit ihre kritischen Söhne an der Basis teils den kirchenförderlichen Gottesdienst vollziehen, teils weist sie sie mit ihrer Amtsautorität in die Schranken gottgewollter Duldung und Demut, die dem Militär den Anlaß zur Belästigung der Kirche nehmen und für die geistliche Macht ein friedlicheres Arrangement mit der weltlichen garantieren sollen - nach der alten kolonialerprobten Devise: 'Gebt Gott, was Gottes ist, und den Generälen, was des Kaisers ist'. In dieser Abteilung lebt die gute alte Tradition der Missionierung ungebrochen fort, die mit jedem Schiff der Spanier und Portugiesen zu den Musketen auch die entsprechende Anzahl Bibeln lieferte, in denen vom entsprechenden Gottesreich und seinen irdischen Statthaltem vorzulesen stand, mit deren Worten den Metzeleien der christlichen Herren der Segen erteilt wurde und die deshalb dem katholischen Glauben den unangefochtenen Rang einer Staatskirche mit all ihren Bequemlichkeiten und Herrschaftsaufgaben bescherte. Die diversen Gegensätze in den eigenen Kirchenreihen, deren Geschlossenheit bei aller Kritik niemand so recht in Frage stellen möchte, und die Auseinandersetzungen mit den politischen Garanten der geistlichen Staatsmacht, welche auch nicht einfach aufs Spiel gesetzt werden soll, erfordert von allen Kirchenmännern eine gehörige Portion Solidarität im Namen des Allerhöchsten. Auch die 'Armenpriester' bei den notleidenden Indios auf dem Land und in den städtischen Elendsvierteln beherrschen diese oberste Kirchentugend und lassen sich vom Papst widerspruchslos daran erinnern, daß in der 'gottgewollten Ordnung' nicht um des Adjektivs willen das Substantiv einfach aufs Spiel gesetzt werden darf. Für die 'Befreiung von einem menschenunwürdigen Leben' arbeiten sie deshalb vornehmlich abseits des politischen Getriebes - nämlich -

In der Basisgemeinde

Die Leistung der Seelenhirten an der Basis ist dabei zunächst einmal dieselbe wie überall, wo die Armutspflege nicht die zivilisierte Form sozialstaatlicher Aufsicht über die aus der Konkurrenz der Lohnarbeit zeitweilig oder für immer Entlassenen hat, wo sich deshalb die Kirche nicht auf die Teilnahme an einer geordneten Fürsorge und auf den Seelentrost beschränken kann. Auf solchem Nährboden absoluten Elends gedeiht der christliche Glaube in lebendigen Taten der Nächstenliebe, die aus den 'einfachen Menschen' eine 'echte Gemeinde' machen. Sozialhelfende Priester und Nonnen bemühen sich, den Gläubigen wirklich etwas zu 'bieten', was der christlichen Tröstung der Indioseelen Überzeugungskraft verleiht, nämlich Programme und Aktivitäten, die den 'Ärmsten der Armen' beim Aushalten ihres Lebens helfen sollen. Weil man "jemandem, der einen leeren Magen hat, nicht nur die Bibel anbieten" könne, gestaltet sich das Kirchenleben wie überall in den Armenvierteln und -regionen der imperialistischen Welt als wirkliches Leben der mehr oder weniger großen und tröstlichen Solidarität der Not. Das Mitleid, diese antirevolutionäre Kardinaltugend professioneller Christen gegenüber dem Elend, das die weltweite Reichtumsmehrung produziert, wird hier ebenso praktisch wie bei Mutter Theresas Sterbehilfe und den Lebenshilfen der afrikanischen Kirche - als verständnisvolle Aufforderung und Anleitung zur 'Selbsthilfe': Die Priester predigen denen, die nichts besitzen, Nachbarschaftshilfe, gehen selbst mit gutem Beispiel voran, bringen es wohl auch recht und schlecht mit der Gemeinde zum Graben eines neuen Brunnens oder Abwasserkanals, leisten notdürftig erste Hilfe, betteln bei einflußreichen oder Vorgesetzten um ein paar der immer fehlenden Mittel - und halten die Leute gerade dort, wo sie in den favelas notwendig in den Umkreis aller 'Sünden' des städtischen Armenlebens geraten und mit allen 10 Geboten auch den Glauben zu verlieren drohen, zum gläubigen Ertragen an. So trösten sie mit Rat und Tat die im absoluten Elend Lebenden über die Tatsache hinweg, daß selbst ihr nacktes Leben nicht gesichert ist und bemühen sich um den Beweis, daß es sich lohne 'aktiv' zu werden, daß sich mit gutem Willen, Anstand und gemeinsamem 'ora et labora' dasselbe Dasein verbessern ließe und daß gerade unter solchen Umständen ein gottgefälliges Gemeinschaftsleben möglich, ja nötig sei. Andererseits leisten sie damit den immer gelingenden Nachweis, daß die kirchlichen Helfer und mit ihnen der Herrgott die einzigen sind, die sich überhaupt um sie kümmern. Daß die Glaubensvertreter den Zuständen nichts anderes als ein mehr oder weniger tätiges Verständnis für die 'Sorgen' der Gläubigen und den guten Willen zum Helfen entgegensetzen, gilt dabei gerade als Gütesiegel, ihre Person samt moralischen Qualitäten damit als überzeugendstes Argument für die Güte und Gerechtigkeit des Herrn.

Basisarbeit für den Glauben an Gerechtigkeit

Die Basisarbeit, in der sich so mancher Pfarrer und manche Nonne aufreiben, mündet deshalb konsequent in unmittelbar seelsorgerische Veranstaltungen, in denen den Gläubigen statt Aufklärung eine moralische Deutung ihres Schicksals geliefert wird, welche die Armen zur gläubigen Weltsicht anhält, indem ihr Dasein der göttlichen Gerechtigkeit zur wohlgefälligen Beurteilung anheimgestellt wird:

"Das Charakteristische an den Basisgemeinden Lateinamerikas scheint mir zu sein, daß sich Gruppen von Christen gebildet haben, die regelmäßig zusammenkommen, die versuchen, ihr alltägliches Leben, ihre Leidensnöte und Freuden, ihre Probleme und Schwierigkeiten im Lichte des christlichen Glaubens zu interpretieren." (Greinacher, S. 42)

In diesem 'Lichte' kommt es dann zu solch erhellenden Bekenntnissen wie:

"Glaubt ihr, daß Gott unser Vater die Ungerechtigkeit verdammt, die das Leben des Menschen zum elenden Dasein herabwürdigt? - Ja, das glauben wir." (Aus dem Gebet einer Basisgemeinde)

Und die Fortsetzung fordert ganz im Sinne des moralischen Gebots von der rechten und linken Wange die Schäfchen dazu auf, den zuvor getroffenen Schuldspruch auch wirklich Gott zu überlassen, zwischen ihrem Elend und den dafür Verantwortlichen säuberlich zu unterscheiden und sich in der Tugend des Verzeihens zu üben:

"Glaubt ihr, daß Christus mit seiner Botschaft uns lehrt, die Ungerechtigkeit zu hassen und dem Ungerechten zu verzeihen? - Ja, das glauben wir." (ebd.)

Geistiger Kampf für eine gerechtere Herrschaft

Während aber bei den hungernden Massen Afrikas die kirchlichen Begleitveranstaltungen zu Krankheit und Verhungern, einiges entwicklungspolitisches Modellschaffen und die Organisation des Armenalltags unter Anleitung und im Geiste christlicher Nächstenliebe den Ansprüchen der Massen und der Kirche genügt, die sich so neben und völlig getrennt von den Staatsgeschäften der Kinder Gottes annimmt, die vom Staat nichts zu erwarten haben und von denen der Staat nichts erwartet, tun sich die Basisrepräsentanten der lateinamerikanischen Staatsinstitution Kirche schwerer. Denn als Volkskirchenvertreter, die für das gesamte christliche Volk das Ideal eines Lebens pflegen, wo sich Gehorsam gegenüber der Obrigkeit mit, Verantwortung der Obrigkeit gegenüber den Untertanen irgendwie harmonisch verbinden, stoßen sie laufend auf das Gegenteil. Sie, die sich mit ihrem sozialen Wirken auch gerne als Abgesandte eines besseren Staates verstehen möchten, mit diesem Anliegen vom Staat irgendeine Unterstützung, zumindest aber Duldung erhalten möchten, werden, auch wenn sie es gar nicht beabsichtigen, noch mit der friedfertigsten Armenhilfe in gewalttätige Auseinandersetzungen hineingezogen, wenn das offizielle Militär oder die staatlichen Terrorkommandos ihr Konzept von 'Befriedungspolitik' durchsetzen. Und umgekehrt müssen sie Stellung nehmen zu den diversen Unruhen und Anschlägen verfolgter Oppositioneller oder von Teilen der einfachen Gläubigen, die oft genug in Scharen und ohne große Auslese niedergemacht werden. Da machen sich die Basisgemeinden nicht nur durch ihre bloßen Sozialaktivitäten schon verdächtig, sondern der Gerechtigkeitssinn der Gottesmänner, die den meist ziemlich einseitig gewalttätigen Gegensatz von Volk und Herrschaft tagtäglich vorgeführt bekommen, interpretiert das als Scheitern des Anspruchs nach Friedfertigkeit auch von der Seite des Staates. Von der sorgfältigen Unterscheidung zwischen Schuldigen und Unschuldigen bis zum öfters wohl auch tatkräftigen Verständnis für Aufstände von Bauern oder Minenarbeitem findet sich da haufenweise Gelegenheit, sich zu einer gläubigen Parteinahme für den einen oder anderen durchzuringen. Die endet dann zumeist dabei, dem 'Ungehorsam' gegen die ungerechte Herrschaft einige Berechtigung zuzusprechen und das Volk zugleich zu gläubiger Mäßigung zu ermahnen, andererseits die Grausamkeiten der Soldaten zu verurteilen und an ihr christliches Gewissen zu appellieren, dem Volk doch ein Leben in Frieden zu ermöglichen, bei dem die Kirche die Armenarbeit mit der dauernden Bitte an alle Christen, doch tätig zu helfen, wirklich im ungestorten Geist der Nächstenliebe leisten kann. Im ständig scheiternden Vermittlungsbemühen tut sich so ein neues Feld nationalkirchlicher Verantwortung auf. Im Hoffen auf einen gewissen Respekt vor der geistlichen Autorität öffnen sie den Verfolgten die Kirchen als Zufluchtsort, verkünden beiden Seiten das Ideal des Friedens und beziehen in ihre Hilfsarbeit nicht selten Verfolgte mit ein, kümmern sich aber vor allem um den Trost für die Hinterbliebenen. Konsequente Verfechter eines möglichen Friedensreiches auf Erden, wie der Priesterpoet Cardenal, leben sogar mitten im Terror Somozas ihr Ideal einer harmonischen Staatsgemeinde mit einigen Getreuen auf einer Insel der Seeligen und schreiben dort Gedichte, die den gerechten Kampf für christliche Menschenwürde lobpreisen. Mit 'Befreiung von Not und Elend' hat das also alles nichts zu tun. Äußerstenfalls mit Samariterdiensten für die Opfer und einer verständnisvollen christlichen Interpretation, die dem Volk gnädig zugesteht, nicht anders zu können, das Militär aber noch laufend ermahnt, doch im Namen des Ideals von ordentlicher Herrschaft anders zu wollen.

Gegensatz ohne Gegnerschaft: Die Vermittlung von Volks- und Staatskirche

Auf der anderen Seite erfreuen sich die sozialhelferischen Aktivitäten der Armenpriester und ihre Friedensdienste in den gewaltsamen Auseinandersetzungen durchaus einiger Unterstützung bei vielen Kirchenoberen, die als Staatskirchenpolitiker manches an der Herrschaft auszusetzen haben, und zwar umso mehr, je mehr sie den Verlust des Respekts vor der Geltung des Kirchenwortes auf beiden Seiten, bei Volk und Regierung, fürchten. Denn die Rücksichtslosigkeit der Herrschaft, die den Aktivitäten, mit welchen die Kirche ihre Massen zu einem ordentlichen Leben und zum Gottesdienst anhält, keinerlei Sympathie, sondern Mißtrauen, und alles andere als Unterstützung entgegenbringt, läßt die Volksmassen nicht einfach zufrieden und in ihren Umständen vegetieren, sondern vertreibt sie vom Land, schlägt Minenarbeiterstreiks brutal nieder, macht städtische Armensiedlungen dem Erdboden gleich und zerstört damit die paar Ansätze kirchlicher Sozialarbeit und immer wieder auch die Duldsamkeit der Betroffenen. Einerseits ist das selbstgenügsame und mit kirchlicher Autorität gestaltete Leben im Elend einer zerstörten Subsistenzwirtschaft erschüttert, wenn es mit Mord und Totschlag von staatlicher Seite begleitet und durchbrochen wird, wenn die vertriebenen Massen in den favelas zwar nicht dem Glauben, wohl aber der kirchengemäßen 'Daseinsgestaltung' 'entfremdet' werden und in allen Schichten sich stille oder offene Opposition gegen die Obrigkeit breitmacht. Andererseits wird damit der geistlichen Macht ihr Anspruch auf die Seelen des Volkes und ihre Kompetenz für geistliche Ratschläge an die Herrschaft bestritten, ja, das kirchliche Leben dauernd in den Umkreis des Terrors hineingezogen, Die Kirchenpolitiker werden deshalb laufend im Interesse ihrer geistlichen Autorität und der Verträglichkeit zwischen Kirchen- und Militärmacht, die diese Autorität als Staatskirche sichern soll, zu Entscheidungen in den Auseinandersetzungen gezwungen, die sie am liebsten zu einem friedlichen 'Ausgleich' bringen möchten. Einzelne Bischöfe, deren Berufsideal die große, einige und gläubige Gemeinde im Schoße der brasilianischen, argentinischen, peruanischen usw. Kirche ist, machen sich deshalb angesichts des 'Ausmaßes von Gewalt und Elend' ausgerechnet Gedanken, wie sich die Kirche am besten verhält:

"Die Kirche muß sich ändern: Wenn wir sie nicht ändern, läuft uns die Welt davon." (Maurer, bolivianischer Kardinal)

So läuft die Kirche mitten im staatlichen Terror der Regierung nach und hält ihr mit göttlichem Segen die Verhinderung eines besseren Verhältnisses zwischen Regierung und Regierten vor, in dem die Kirche endlich auf beiden Seiten anerkannt wirken und der Politik die Absolution erteilen könnte:

"Allerdings mangelt es diesen Armen nicht nur an materiellen Gütern, sondern sie haben auch kaum eine Möglichkeit der vollen Mitwirkung in Gesellschaftsleben und Politik, was doch zur menschlichen Würde gehört." (Dokument von Puebla)

Mit Teilen der politischen Opposition teilt die Kirche also das Ideal der Demokratie, allerdings im Interesse eines 'neuen Menschen', der unter einer 'gewaltfreieren Herrschaft' auch der geistlichen Betreuung der Kirche zugänglich und mit ihr zufriedengestellt wäre. So interpretiert die Kirche ihre Arbeit unter den Massen ganz im Sinne dieses Herrschaftsideals als volksdienliche Erziehungsarbeit:

"Eine so verstandene Erziehung führt zur Schaffung eines neuen Menschen und einer neuen Gesellschaft; eines sozialen Menschen und einer gemeinschaftsorientierten Gesellschaft, in der Demokratie verwirklicht ist durch die effektive politische Mitbestimmung der Mitglieder der Gesellschaft auf der Basis des Gemeineigentums an Produktionsmitteln, eines humanistischen Begriffs der Arbeit und ihrer humanen Ausgestaltung vermittels einer Unterordnung des Kapitals unter die Bedürfnisse der ganzen Gesellschaft." (Dokument der peruanischen Bischofskonferenz 1971)

Die kirchliche Propaganda einer Staatsgewalt im Geist der Nächstenliebe und eines Volkes, das sich den Staat wie eine einzige Basisgemeinde vorstellen soll, stößt bei den Staatsmännern natürlich auf wenig Gegenliebe. Wo ihnen die offiziellen Mahnungen der Kirche zu lästig werden, weisen sie kritische Bischöfe zurecht, ausländische Priester aus dem Land oder bringen Priester um. Und getreu ihrer selbstgewählten und gottbefohlenen Verantwortung gegenüber Volk und Staat beklagt die Kirche ihre Märtyrer, versichert den Massen ihre Solidarität und den Regierenden ihren guten Willen und ihr grenzenloses Verständnis für die Seelennöte eines gepeinigten Peinigers:

"Uns für die Unterdrückten zu entscheiden, ist für uns eine wirksame Art der Liebe zu denen, die vielleicht unbewußt unterdrückt sind, gerade deswegen, weil sie unterdrücken." (zit. nach Diakonie 3, Greinacher, S. 35 )

So geht befreiungskirchliche Dialektik! Die zur christlichen Verantwortung ermahnten Machthaber werden zugleich gegen die für ungerecht befundenen Weisen ihrer Machtausübung in Schutz genommen und ins Programm göttlicher Befreiung gnädig aufgenommen:

"Indem die Kirche für die Unterdrücktein eintritt, befreit sie auch die Unterdrücker:" (Pinochet, Figuereido und Co. können aufatmen!) "von ihrer Abhängigkeit zu herrschen, von ihrer Angst, von ihrem Leistungszwang, von ihrem Hunger nach Reichtum und Einfluß." (Greinacher, S. 35)

Nationale Versöhnungskirche

Gegenüber der Macht geistliche Ermahnungen zu gerechterer Gewalt und der auf dem Fuße folgende geistliche Trost, die armen Herrschaftssünder würden nicht verdammt; gegenüber dem Volk aber umgekehrt ganz viel Trost und Verständnis für ihre 'Leiden' und Beschwerden und die auf dem Fuße folgende Ermahnung; nicht zu 'ungerechter Gewalt' zu greifen - so sieht das Programm der Nationalkirchen Lateinamerikas aus. Gegenüber den Regierenden machen sie sich zum Fürsprecher für mehr Demokratie und zu Warnern vor der Gefahr drohender Anarchie, gegenüber den brutal regierten Massen aber führen sie sich als Vertreter ihrer berechtigten Anliegen und Helfer beim Ertragen der Gewalt auf. Während an der Basis Priester neben ihrer alltäglichen Betreuung alle möglichen sozialen Forderungen und Kämpfe für gerecht erklären, betreiben die Kirchenoberen Kirchenpolitik, indem sie zwischen den immer wieder aufbrechenden Fronten die nationale Versöhnung predigen und in Hirtenbriefen an das Gewissen der Regierenden appellieren, die Menschenrechte zu achten, staatliche 'Übergriffe' anprangern, mehr Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit von der öffentlichen Gewalt fordern, auf der anderen Seite aber zur kritischen Solidarität mit dem Staat und zur Gewaltlosigkeit gegenüber der öffentlichen Gewalt aufrufen. So begleiten sie die täglichen brutalen Auseinandersetzungen, die das glaubensfördernde soziale Engagement der Kirche um politische Stellungnahmen erweitern, mit einer beständigen innerkirchlichen Gewaltdebatte, bei der alle Fraktionen im Geiste gut christlicher Versöhnung sich darüber zu einigen versuchen, wieweit das Verständnis für den Widerstand im Volk reichen darf, bei dem sich die Kirchenmänner aber auf jeden Fall zur Gewaltlosigkeit verpflichtet haben. Selbst und gerade angesichts der Opfer in den eigenen Reihen, angesichts der laufend bewiesenen Rücksichtslosigkeit der Militärs vor den kirchlichen 'Stätten des Friedens' bekennen sich Oberbefreier wie Dom Helder Camara dazu, in christlicher Nächstenliebe nicht den Opfern staatlicher Gewalt, sondern ihren Trägern 'die Augen darüber zu öffnen', daß ein volksfreundlicherer Einsatz der Macht und damit ist das Ideal einer ganz ordentlichen, menschenrechtsachtenden, demokratischen Regierung gemeint - letztlich im Interesse aller Beteiligten liege:

"Nie klage ich an auf Grund von Haß oder um zu Gewalt aufzurufen. Im Gegenteil: Ich versuche die Augen derjenigen zu öffnen, die Ungerechtigkeiten begehen." (O Cruceiro, 7.1.78)

So führt sich die Kirche mitten im Terror als das bessere schlechte Gewissen einer nationalen Regierung auf, die sich von diesem Gewissen nicht beeindrucken läßt, sondern es trotz aller Bekenntnisse zur Gewaltlosigkeit für eine Gefahr hält, die man in Grenzen halten und gegebenenfalls auch mal unter die kommunistischen Umtriebe oder die unvermeidlichen Opfer bei der Bekämpfung solcher Umtriebe einreihen muß. Wie überall sonst auf der Welt, wo die Kirche die geistige Macht im Staate und als solche auch sehr weltlich engagiert und etabliert ist, führen die lateinamerikanischen Gottesdiener Gott und die Nation im Munde - aber als Empfehlung und Bitte an die Verwalter der Nation, die ihr nicht gestatten, friedlich Staats- und Volkskirche zugleich zu sein und durch die geistliche Pflege ihrer Basis auch der weltlichen Macht zu dienen:

"Wir beobachten mit Trauer die Neigung der Behörden, in den internationalen Anklagen nur eine Art Angriff auf das Vaterland zu sehen. Aber hier geht es nicht um unser Image, sondern hier steht unsere nationale Identität, unser ureigenstes Selbstverständnis auf dem Spiel." (Erzdiözese Santiago, Der Spiegel, 15/78)

Diese solidarische Kritik an der herrschenden Gewalt, die zum Ideal einer christlichen Nation missioniert werden soll, und das solidarische Bekenntnis zum Volk, dem im Namen des Allerhöchsten die Schwierigkeit zugestanden wird, ein christliches Leben zu führen, hat seine programmatische Rechtfertigung und Untermauerung in der

"Theologie der Befreiung"

erhalten. Praktizierende und lehrende Theologen, vor allem auch an den Fakultäten hierzulande, haben aus dem unerschöpflichen Fundus christlicher Glaubenslehre die Sprüche zusammengesucht, mit denen sich die Praxis der Basisgemeinden und die politischen Stellungnahmen der Kirche als Kampf um eine bessere Welt in der Nachfolge Christi interpretieren lassen. In dem uralten theologischen Streit zwischen dichotomischem (die Erde ist nun einmal ein Jammertal, das Reich Gottes fängt erst jenseits an) und eschatologischem Weltbild (das Reich Gottes wird schon schrittweise hienieden verwirklicht) schlagen sie sich auf die Seite des letzteren und erklären die sozialhelferischen Bemühungen und die Predigten gegen die 'Unterdrückung des Menschen' zu einem fortschrittlichen und diesen Ländern gemäßen Programm, die "Erlösung des Menschen" voranzutreiben:

"Wer gegen eine Situation des Elends und der Ausbeutung kämpft und eine gerechte Gesellschaft auf, baut, hat Anteil an der Bewegung der Erlösung, die freilich erst noch auf dem Wege der Vollendung ist." (Gutierrez, in: Greinacher, S. 42)

Dem göttlichen Gebot nach einer gerechteren - und das heißt in heutiger Zeit demokratischeren - Staatsgewalt entsprechend, entwickeln diese Theologen ein moraltheologisch-kirchenpolitisches Programm, das Bibelsprüche, demokratische Einheitsparolen, Gerechtigkeitsphrasen und Antimaterialismus zu einem harmonischen Seelenfortschrittsbrei vermengt:

"Als Diener der Befreiung haben wir vor allem uns selbst allezeit zu bekehren, um besser dienen zu können. Wir haben den Aufschrei der nordöstlichen Menschen aufzunehmen, der nach dem Dienst der Befreiung schreit, der uns in seinem Hunger und Durst nach Gerechtigkeit anruft, sein Schicksal zu teilen." (Dok. d. Bischöfe des brasilianischen Nordostens)

Wer an den Opfern der Gewalt nicht diese, sondern die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und den Aufruf zu ganz viel persönlicher Anteilnahme entdeckt, der interpretiert auch die Armut in guter alter Christenmanier als evangelische Tugend:

"Sie (die Kirche) sieht in der evangelischen Armut den Ausdruck ihrer Solidarität mit den Unterdrückten und klagt die unterdrückende Konsumgesellschaft der Schuldhaftigkeit gegen Gott an, weil sie künstliche Bedürfnisse und überflüssigen Konsum schafft." (Dok. d. Bischöfe Perus)

...und ihre Bewunderer hierzulande

Befreit werden durch diese Theologie also nur zwei: Erstens die Kirchenvertreter in Lateinamerika von dem Widerspruch, ihre Basis von revolutionärer Gewalt abhalten und bestenfalls mit viel Geziere - wie in Nicaragua und El Salvador - dem stattfindenden Volksaufstand die Absolution erteilen zu wollen, sie aber nicht zu umstandslosem Gehorsam anhalten zu können, zweitens die fortschrittsbewußten Kirchenverteidiger hierzulande von ihrem selbstgeschaffenen Zwiespalt, 'weltverbessernde' Christen sein zu wollen und in der hiesigen Institution Kirche diesen Standpunkt gar nicht verwirklicht zu finden. So lassen sie zum Beweis für ihr kritisches Gewissen und zur Verteidigung ihres Ideals einer besseren Kirche den Vorreitern und Opfern der lateinamerikanischen Kirche dieselbe Verehrung zuteil werden, mit der die 'alte' Kirche ihre Heiligen und mit der Legendenbildung, die südamerikanischen Glaubensvertreter seien im Unterschied zur verkrusteten Kirchenhierarchie hierzulande Gegner von Gewalt und Unterdrückung und Zeugen eines echten, lebendigen Glaubens, beweisen sie sich ihre kritische persönliche Verantwortung in der und für die Kirche hier, und fordern andere auf, ihr 'soziales Engagement' anzuerkennen und sich gerade als kritischer Mensch zu Christus zu bekennen. Die hiesigen Plädoyers für eine ganz und gar nicht umstürzlerische Sozialarbeit im Schoße der Gemeinde verbinden sich so aufs Harmonischste mit ein paar Debatten in kirchlichen Hochschulgruppen über die Notwendigkeit von Befreiung und sozialer Revolution gegen Armut und Gewalt. Dafür sollen ausgerechnet die bürgen, die durch die Betreuung der Armut und Plädoyers für mehr Gerechtigkeit mit ihrer Herrschaft kritisch als Kirche leben. So sind sie das praktische bessere Gewissen dieser weltweiten geistigen Kolonne des Imperialismus. Als solches taugen sie deshalb auch für den modernen Christenintellektuellen im Schoße der 'reichen Kirche' unserer zivilisierten demokratischen Breiten.

Ein agent theocrateur?

Die Ansicht, daß es Befreiungstheologen irgendwie mit der tatsächlichen Aufhebung des Massenelends in Lateinnerika hätten, fühlt sich ungemein bestärkt durch solche Figuren wie den Priesterpoeten Ernesto Cardenal aus Nicaragua, besonders dann, wenn sie es noch zum Minister gebracht haben. Cardenal gilt jenen, die auf Teufel-komm-raus an eine bessere "Realisierungsform von Kirche" irgendwo in der weiten Welt glauben wollen, weil sie es auf einen größeren Einfluß des Glaubens hierzulande abgesehen haben, als "glaubwürdiger" Repräsentant der logischen Unmöglichkeit, Christ "und zugleich Marxist" zu sein. Mit dem Nachweis der Existenz besserer Christen, die schon immer auf die "Ungerechtigkeit des Reichtums" hingewiesen haben (Marx, der sich mit dem Kapitalismus - einem ziemlich jungen Phänomen - befaßte, wird so beiläufig zum Jünger des Herrn Jesu erklärt), schaffen sie es nicht nur lässig, den Kampf gegen die ganz konkrete Ausbeutung in Lateinnerika in den ewigen (und daher nie endgültig zu entscheidenden) Kampf zwischen Gut und Böse, denen dort die Namen Arm und Reich gegeben werden, einzuordnen, sondern vollziehen den Übergang dazu, daß ihnen jede stattgefundene Revolution als vorgezogenes Himmelsreich hienieden erscheint. Zweimal Cardenal:

"Befreiung ist ein Kampf, der nie endet, weil der Mensch sich immer mehr befreien muß, bis wirklich das Königreich Gottes auf Erden existiert."

"In Kuba ist der neue Name für christliche Nächstenliebe Revolution."

Für seine Qualifizierung als Minister im nachrevolutionären Nicaragua traf es sich ganz gut, daß Cardenal bereits vor der Revolution mitten in einem einsamen See sein "Experiment" einer "christlichen Urgemeinde" ausprobiert hatte.

"Mit meiner Arbeit erfülle ich ganz einfach Gottes Willen. Gottes Wille führte mich zuerst in ein Trappisternkloster in den Vereinigten Staaten, danach führte er mich auf eine Insel im See von Nicaragua und brachte mich dazu, mich einer Revolution anzuschließen. Jetzt hat mich Gott in ein Ministerium geführt."

Der Herrscher der himmlischen Heerscharen, der seinen gehorsamen Knecht so glücklich durch alle Fährnisse des Lebens geführt und ihm das Kommando erteilt hat, keine ökumenische, sondern eine ökonomische Allianz einzugeben -

"Wir wollen einen demokratischen und pluralistischen Sozialismus. Man könnte auch sagen, einen gemäßigten Sozialismus, der das Privateigentum respektiert und mit dem Bürgertum eine Allianz bildet." -,

dieser komische Kautsky über den Wolken hat den hiesigen Christen wohl auch die Order zukommen lassen, den Dialog mit den Marxisten zu suchen.