PROKLA

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Dieser Artikel ist in der MSZ 9-1987 erschienen.
Systematik: 

Neues von der alten "Neuen Linken"
PROKLA

ist ein Zeitschriften-Name und eine Abkürzung. Die Urheber hielten den Klassenkampf von jeher für eine problematische Angelegenheit, statt sich für ihn einzusetzen. Was sie inzwischen als Probleme des Klassenkampfes ansehen, verleitet einen fast schon zu einer Lobeshymne auf die ersten Anfänge ihres Räsonnements.

Verzicht war aus Gründen des Mitleids geboten, als sich Christel Neusüss neulich nicht zu blöd war, ihren fraulichen Werdegang in die neueste Welle der Dummheit in Buchdeckel binden zu lassen. Sie hat ja nur zu Protokoll gegeben, sie habe sich in ihren intelligenteren Tagen verstellt und nur ersatzweise mit Ökonomie und Politik beschäftigt. Nun steht aber in der Zeitschrift, die für politische Ökonomie und sozialistische Politik Zuständigkeiten anmeldet, unter dem Pseudonym Elmar Altvater ein Zeug von der härtesten Sorte. Hier ein paar Kostproben:

"Wenn man den Zeitraum des Handelns auf Null reduzieren könnte, dann würde der physikalische Raum bedeutungslos werden. Solange dies nicht möglich ist, bleiben die Raumkoordinaten der Bezugsrahmen für jedes, also auch das soziale und ökonomische Handeln der Menschen."

Endlich einmal eine orde tlich spekulative Denkfigur, die den Science-fiction-Bogen aus dem Unterhaltungsgewerbe in die Wissenschaft schlägt. Wenn man sich nämlich einmal so richtig in die Möglichkeit der Abschaffung von Raum und Zeit hineinbeamt, dann sieht die Wirklichkeit sofort ganz anders aus. In der nämlich geht es von Stund an darum, etwas anzustreben, was gar nicht geht - und eine Anspielung auf die eigene Kapitallektüre zeigt schlagend, daß Marx zum Kronzeugen für die eigenen Torheiten lässig taugt:

"Auch wenn die Zeit des Handelns nicht auf Null reduziert werden kann, so heißt das noch lange ht, daß nicht gerade dies angestrebt wird. Die Verkürzung der Zirkulationszeiten..."

Wenn Geschäftsleute ihren Kram möglichst schnell versilbern wollen, handeln sie nicht etwa mit Ware und Geld, sondern überhaupt. Wenn sie die Dauer von Transport und Zahlung verkürzen, liegen sie im Krieg mit "Raum und Zeitkoordinaten". Dabei gelingen ihnen erstaunliche Dinge, und zwar durch eine von Altvater mit kindlichem Staunen besichtigte Telex-Überweisung von "500 Millionen Dollar von Singapur via London zu den Bahamas". Sowas haut schwer rein ins Gemüt des Professors, der gleich eine Entdeckung auf sein wissenschaftliches Konto überweist:

"Mit der Loslösung des Geldes von seinem Material (Metall, Papier)",

die den Politökonomen schon 20 geschlagene Jahre beunruhigt, weil er die Falschmeldung so gern hat, ist eine Revolution passiert. Altvater kürzt seine Bedenkzeit gegen Null ab und meldet die

"Verwandlung in energetisches (elektronisches) Geld".

Und rechtzeitig zur 750-Jahrfeier Berlins präsentiert er von dessen Uni aus einen Jubiläums-Kurzschluß:

"Die Zeit wird also verkürzt, um den Raum bedeutungslos zu machen."

Die Bedeutung seiner Gedanken ist dagegen enorm. Der gute Mann äußert sich nämlich zu einem Modethema unserer Zeit, zu den beiden Öko-'s, die sich wie die beiden Astro-'s zueinander verhalten. Und weil er es sich nicht so leicht machen will bei der Verkündung der Dogmen, die im kapitalistischen Raum zirkulieren, wird er von Zeile zu Zeile immer origineller. Dem Naturphilosophen von Weizsäcker lauscht er eine "Entropieproduktionsrate" ab, die ihn einerseits schon wieder mit dem Problem einer Null-Lösung konfrontiert. Andererseits gestattet ihm die Philosophie von Bio-Systemen einen zügigen Übergang zu vertrauten Glaubensbekenntnissen:

"Auch wenn die Entropieprodnktionsrate verringert werden kann, ist sie in geschlossenen Systemen doch niemals auf Null reduzierbar. Daher ist das Problem der alternativen Verwendung aufgeworfen: Ressourcen sind knapp. An dieser Stelle findet die Ökonomie als Wissenschaft der rationalen Verwendung knapper Ressourcen ihren Gegenstand. Ohne Knappheit keine Ökonomie."

Da kann man nur sagen: "Respekt!" Elmar Altvater leitet auf "thermodynamischer Grundlage" ein bürgerliches Dogma, das wahrlich nicht zu knapp vertreten wird, zu allem Überfluß noch einmal ab. Er rettet die Ökonomie vor einem gedachten Angriff seitens der Entropieproduktionsrate:

"Wäre die Entropiezunahme gleich Null oder gar negativ, gäbe es keine Knappheit, und der Ökonomie wäre folglich ihr Gegenstand abhanden gekommen."

Ist er aber nicht. Also kann der Ökonom seinen Lehrstuhl behalten und sich guten Gewissens in ökosophische Zeitprobleme von wahrhaft weltgeschichtlichem Ausmaß vertiefen. An einer Erzlagerstätte ist ihm der Unterschied zwischen "Erdenzeit, Ressourcenzeit und Menschenzeit" in seiner ganzen Länge und Breite aufgegangen. So spricht der Prophet:

"500 Jahre sind eine lange, aber anch endliche Zeit; verglichen mit den Jahrmillionen, seitdem sich das Lager gebildet hat, ein winziger Zeitabschnitt."

Das is ja aber wieder'n Ding!