PROGRAMMIERTE ENTTÄUSCHUNG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1982 erschienen.
Systematik: 

Jurij Andropow
PROGRAMMIERTE ENTTÄUSCHUNG

Für eine Öffentlichkeit wie die unsrige, die es in der Abteilung Persönlichkeitskult zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hat, ist es Ehrensache, anläßlich des Auftretens eines neuen Sowjetführers Spekulationen anzustellen. Über das, was der neue Mann tun wird, gibt es freilich wenig Vertun - was soll er denn anders machen, als sich der vom Westen geschaffenen "Sachzwänge" erwehren? Einerseits bleibt alles beim Alten, andererseits sind zusätzliche Anstrengungen vonnöten:

"Wie immer sind die Bedürfnisse der Verteidigung in ausreichendem Maße berücksichtigt. Der Armee und der Flotte alles Notwendige zu geben, das hielt und hält das Politbüro für eine Verpflichtung, besonders in der jetzigen internationalen Lage." (Rede Andropows auf dem Plenum des ZK der KPdSU vom 22.11., Einbringung des Plans für 1983)

Die Rüstung wird gesteigert, der Staat setzt Notprogramme durch, alle Ressourcen werden auf diese Programme konzentriert, von anderen Wirtschaftsbereichen Mittel abgezogen. In Fragen individueller Einsatz und subjektiver Verantwortlichkeit wird noch ein Komparativ angehängt:

"...schlechte Arbeit, Untätigkeit, Verantwortungslosigkeit müssen sich in unmittelbarer und unabwendbarer Weise auf die materielle Entlohnung, die dienstliche Stellung und die moralische Autorität der Mitarbeiter auswirken. Die Verantwortlichkeit für die Wahrung der gesamtstaatlichen Interessen des ganzen Volkes muß verstärkt werden,..."

"Der Kannpf gegen Verletzungen der Partei-, Staats- und Arbeitsdisziplin ist entschlossener zu führen."

Die Begrüßung Andropows in der Sowjetunion geschieht nach demselben Verfahren wie hierzulande: Wer oben angelangt ist, wird wohl die entsprechenden Fähigkeiten aufweisen.

"Wir alle kennen J.W. Andropow als talentierten Leiter und Organisator, als Politiker der Leninschen Schule, der über einen großen Geächtskreis und großen Scharfblick verfügt, tiefes Verständnis der Probleme und weise Umächtigkeit beim Treffen von Entscheidungen."

Seine Führung des staatstragenden Organs KGB wird ihm als Vorzug angerechnet, insbesondere da er in dieser Eigenschaft tatkräftig Korruption und Mißwirtschaft aufdeckte.

"Die Organe des KGB erfüllten tatkräftig die Rolle einer Kampfgruppe der Partei uad ihre Aufgabe bei der Verteidigung der Errungenschaften des Oktober."

Gerade in seiner Eigenschaft als KGB-Chef genießt Andropow in der Bevölkerung grosses Ansehen. Saubermänner sind eben hüben wie drüben sehr beliebt.

Anspruchsvolle Vertrauensvorschüsse

Die hiesigen Spekulationen sind kein rätselndes Herumtun, was denn nun alles "passieren" könne, sondern die Anwendung demokratisch-öffentlicher Schreibknechtmanieren auf einen Feind, und zwar auf einen, den man schon einigermaßen in der Tasche hat, von dem man "also" mehr verlangen kann. Warum? - weil er "neu" ist! Alexander Haig, momentan seitwärts getretener Staatsmann, gibt die Linie vor:

"Zu seiner besten Zeit hat Breschnew die Macht des Westens respektiert und damit den gegenseitigen Interessen gedient. Seinen Nachfolgem sollten wir die gleiche Chance geben." (Stern 47/82)

Zur Untermauerung des eigenen Anspruchs an den "Nachfolger" eignet sich die Vergabe von Vertrauensvorschüssen, denen der Beehrte nun nachzukommen hat:

"Seit Lenins Tod waren die Herrscher der UdSSR intuitive, impulsive, gewalttätige Männer von recht bescheidenem intellektuellem Niveau. Andropow ist ein ganz anderer Typ. Natürlich muß man sehr blauäugig sein, will man einer Figur, die 15 Jahre lang Chef des KGB war, 'liberale' Absichten nachsagen. Die Menschenrechte bereiten Andropow sicher keine schlaflosen Nächte, aber sein Beruf hat ihn dazu gebracht, sich mehr für die Tatsachen als für ideologische Klischees zu interessieren. Er hat sich die Mühe gemacht, Englisch und Deutsch zu lernen. Er soll viel lesen, mit Vergnügen westliche Filme ansehen und sogar ein Jazzliebhaber sein. Die 'Times' sagt ihm eine persönliche Abneigung gegen Orden und alle anderen Zeichen des Personenkults nach, was ein gutes Vorzeichen ist." (Le Monde vom 25.11.)

Da Intelligenz nach moderner Auffassung auch nichts anderes ist als Einsicht in die Notweridigkeiten, wird sich der neue Mann den vom Westen aufgemachten Notwendigkeiten wohl mit "pragmatischerem Stil" (Newsweek ) und mit weniger "Dogmatismus" z.B. in Sachen Afghanistan zuwenden müssen.

Dafür läßt sich auch die klassische Losung eines jeden Sowjetführers, nämlich daß man mit Losungen nicht weiterkomme, zum Beleg hernehmen. Man muß nur schnell behaupten, Breschnew sei ein ausgesprochener Fan von "Losungen" gewesen, und Andropow habe sich jetzt "kritisch" dazu geäußert. Wenn das kein Zeichen von "frischem Wind" ist? Schließlich läßt sich sogar die KGB-Tätigkeit in positivem Lichte betrachten: Andropow sei "informiert" und wisse also - dies die insgeheime Unterstellung - genauestens Bescheid über die unerbittliche Stärke dessen, der ihm da wohlwollend fordernd gegenübertritt. Da bürgt (angeblich) der so verhaßte KGB plötzlich für eine "realistischere" Weltsicht contra ideologische Verbohrtheit.

Der von ihm vergebene Vertrauensvorschuß verleitet den Vergeber natürlich nicht zu Vertrauensseligkeit, im Gegenteil: er will damit sein Verlangen nach zusätzlichem Entgegenkommen des Bedachten mit selbstgeschaffener Berechtigung vorstellen. Da steht jetzt schon fest, daß ein Andropow die freundlichen Angebote zu "besseren Beziehungen" - die er herzustellen hat! - enttäuschen wird. Darauf waren diese Vertrauensvorschüsse ja berechnet. Und daran ist dann genau dieselbe "Intelligenz " schuld, auf die zuvor gebaut werden konnte: Dieser "Technokrat der Macht" hat teuflische Proben seines (KGB-) Verstandes abgelegt, als er als ungarischer Botschafter am Tag des Einmarsches 1965 der ungarischen Regierung noch die unverbrüchliche Freundschaft der Sowjetunion zusicherte - wo doch der CIA seine Invasionen immer via satellite vorher mitteilt, und CIA-Chef George Bush sich bekanntlich mit dieser demokratisch-offenherzigen Manier für seinen jetzigen Posten als US-Vizepräsident qualifizieren konnte. Oder: Andropow hat mit den Dissidenten aufgeräumt, ohne sie laufend zu erschießen:

"Auch ohne Erschießungen und Massenverhaftungen hielt Andropows KGB das Riesenreich im Inneren stabil... Daß er dabei ohne Henker auskam, rühmen selbst Dissidenten, deren Szene Andropow gleichwohl erfolgreich ausräumte, mit Verbannung und Arbeitslager, Einweisung in Irrenhäuser und Zwangeverbringung ins Ausland.

Wollte es gar nicht anders gehen, griff freilich auch Andropows Truppe zu bewährten Methoden der Vergangenheit zurück." (Spiegel)

Dadurch werden so die Methoden des KGB nur umso hinterhältiger - statt des ehrlichen Mordes wurde z.B. Solschenizyn ausgewiesen. Kann solch ein Mann überhaupt "Reformwillen" zeigen?

"Die Erfahrung lehrt freilich, daß Geheimdienst und Geheimpolizei - und das KGB ist beides - gemeinhin nirgendwo Freiheiten und Reformen einfallen, wenn es schlimm steht um den Staat, eher Disziplin und Repression."

Nein, "Reformwillen" ist von diesem Menschen nicht zu erwarten. Denn auch ohne alle "Erfahrung" steht ja eins fest: es wird dafür gesorgt werden, daß "es schlimm steht um den Staat" - und daß Andropow seinen Staat widerstandslos in den Westen hineinreformiert, glaubt gerade der Vorschußlorbeerenverteiler nicht im geringsten.