PROFIT ALS MORALISCHE KATEGORIE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1985 erschienen.
Systematik: 

PROFIT ALS MORALISCHE KATEGORIE

Seitdem es den bürgerlichen Zirkus gibt, steht der Profit, bzw. was man dafür hält, in schlechtem Ruf. Zwar hat sich seit Marx kaum jemand sonderlich dafür interessiert, was er ist; doch als Urheber für allerlei Ungemach ist diese ökonomische Größe stets ausgemacht worden. Immer wieder wurde er für zu hoch befunden, Bomben und Panzer sollen ihm ihre Herstellung zu verdanken haben, und auch für die Leiden der "Umwelt" wird er bis auf den heutigen Tag haftbar gemacht. Erst in neuester Zeit ist er wieder wegen seiner unbestreitbaren, guten Wirkungen rehabilitiert worden: Mehr oder minder unbestechliche Wirtschaftspolitiker haben die Öffentlichkeit darauf hingewiesen, daß im Profit jene Kraft am Wirken ist, die Arbeitsplätze, also Gutes schafft.

Da heißt es sich entscheiden. Alle diejenigen, die meinen, gewisse Leute hätten Profit gemacht, - ihn eingesteckt und bei amerikanischen (!) Banken angelegt, statt die Arbeitslosen von den deutschen Straßen zu holen, haben sich sogar schon entschieden. Auch manche ehrbare Gewerkschaftler zählen zu den Verehrern des Profits, solange er nicht mißbraucht wird - und sie verachten nicht das in Profit bemessene "Wachstum", sondern den unseligen Egoismus, der sich bei den Inhabern von neun- und mehrstelligen Konten bemerkbar macht. Diese verwerfliche Einstellung ist bei Liebhabern der geschändeten Natur ebenfalls verpönt. Deshalb sind sie auf den originellen Vorschlag gekommen, Investitionen zur Restaurierung der Umwelt zu fordern. Für den Fall, daß dieses Gewerbe erst einmal zu einer rentablen Branche ausgebaut ist, versprechen sie sich von deren Wachstum jede Menge Arbeitsplätze sowie einen Aufschwung des Friedens. Statt mit der Herstellung von Panzern ist dann nämlich mit der Produktion von Wäldern, Wiesen und Windmühlen etwas zu verdienen.

Gegen solche Anträge, den zum Motiv heruntergebrachten Profit zur Verrichtung menschenfreundlicher Werke zu kanalisieren, nimmt sich die alte Beschwerde, er sei zu groß, fast materialistisch aus. Immerhin wird mit dem "zu" der Armut gedacht, mit der jener Zuwachs an in Geld gemessenem Reichtum einfach nicht zu versöhnen sein soll. Ist er aber leider; wie die schönen Rechnungen zeigen, die anführen, wieviel lumpige Märker auf jeden kleinen Mann entfallen, wenn die Millionäre ihr Vermögen unters Volk verteilen, liegt im friedlichen Nebeneinander von Arm und Reich sogar die denkbar beste Lösung vor. Schließlich wären die Gelder dann dem Konsum - und zwar einem unerheblichen - geopfert, und niemand hätte mehr genug beisammen, um eine Fabrik zu unterhalten.

Man sieht, wieviel man gerade von den Apologeten des Profits lernen kann. Zwar ist der logische Ertrag ihrer Weltsicht gering, da sie nichts begründen. Immerhin aber berufen sie sich auf die "Sachgesetze" einer Ordnung, in der ohne Profit nichts läuft, weil es eben auf ihn ankommt. Als "Motor" der (Markt-) Wirtschaft gebührt ihm das Verdienst, bei allem das Entscheidende zu sein. Diese Geldgröße ist die Frucht einer Kapitalanlage und duldet daher keinen Vergleich mit "Einkommen", welche zum Gebrauch und Verzehr gewöhnlicher Güter verwendet werden. Der Teil des Profits, der sich in Revenue derer verwandelt, die ihn machen, ist zwar vom Standpunkt eines armen Schluckers enorm, für den Zweck dieses Überschusses an Reichtum aber unerheblich. Als Gradmesser von lohnenden Geschäften gebietet er, daß sämtliche gewöhnlichen Einkommen als Kosten behandelt werden.

Daß dem Profit diese außergewöhnliche Rolle zufällt, ist weder dem lieben Gott noch der Natur zu danken. Wenn sich die einen nach ihm richten, um ihren Reichtum zu vermehren, und die anderen, um "von" seiner Schaffung wenigstens leben zu können, so schulden sie diese marktwirtschaftlichen Rechte und Pflichten ihrem Staat. Der schützt mit "dem" Eigentum auch die Klassen, von denen er etwas Entgegenkommen erwartet: Die einen haben sich als Mittel des Eigentums zu bewähren, das die anderen haben.

An den Wirkungen dieser gewaltsam entstandenen und erhaltenen "Sozialpartnerschaft", zu der man als guter Demokrat nie Ausbeutung sagen darf, haben kritische Geister offenbar immer wieder den Profit als Ursache ausmachen wollen. Traurig an diesem Protest, der schon so lange in Mode ist wie das Kapital selbst, ist das Kunststück zu nennen, durch das die allgegenwärtige Verdammung des Profits zur staatsbürgerlichen Pflichtübung verkommt. Das Kunststück besteht aus einer psychologisch-moralischen Fehlleistung, aus einem dafür unerläßlichen logischen Kraftakt und einer Dummheit des politischen Verstandes.

Die Klagen über den Profit zeugen stets vom festen Willen zur Unterscheidung - zwischen "normalen", akzeptierten Opfern und solchen, die für außergewöhnlich und unerträglich gelten. Der Grad der Betroffenheit scheint für manche Leute erst bei einigen Millionen Arbeitslosen und einer handfesten Kriegsvorbereitung kritikwürdig zu werden - und unter einem auch allgemein und regierungsamtlich zum "Problem" gekürten Übel, das sie dann in den Rang eines Skandals erheben, fangen moralische Kritiker des Profits gar nicht erst an.

Deshalb gerät ihnen offenbar auch die Zeit, in der die Ursache ihre Wirkung entfaltet, selbst noch rückblickend zu einer Periode mit rosigen Perspektiven. In der Ära der sozialliberalen Koalition will so schnell keiner die Fortschritte des Kapitals festmachen, die der Nation ihren "Sockel" an Arbeitslosen beschert haben; und der Profit der Rüstungskonzerne kam erst ins Gerede, als manche über die "Nachrüstung" erschrocken sein wollten. Insofern deuten die Anhänger allgemeiner Bürgerbetroffenheit, wenn sie den Profit geißeln, sehr eindeutig an, daß es sich ihrer bescheidenen Meinung nach um eine Verfehlung, und nicht um ein von ihnen entdecktes Prinzip handelt, was ihnen mißfällt. Logisch: Sie widerrufen ständig ihre Behauptung, daß es sich bei den ungeliebten Mißständen, die sie dem Profit zuschreiben, um dessen Wirkung handelt. Eher schon zielen sie auf die Schuld von hemmungslosen, ungezügelten und rücksichtslosen Exemplaren der Profitmacher.

So ist es auch nicht verwunderlich, daß sie statt Klassenkampf eine Empfehlung und Alternative propagieren. Der Klassenstaat, immerhin Garant internationalen Geschäftserfolgs und Abnehmer des Kriegsgeräts, hätte ihnen zufolge die Aufgabe, sein höchstes Prinzip zu bremsen. So sehr schätzen Moralisten des Allgemeinwohls den gewöhnlichen Gang von Geschäft und Gewalt, daß sie die politische Herrschaft des Kapitals zum Anwalt des sterbenden Waldes, des Friedens und der "sozial Schwachen" ernennen! Bis zu dem haarsträubenden Ansinnen hin, die Politik möge durch alternative Gestaltung des Staatshaushalts den Verfehlungen Einhalt gebieten, die sie bislang übersehen hätte!

Die maßgeblichen Politiker ihrerseits können diese Einwände bequem zurückweisen. Denn die sog. "Sachzwänge" von Geschäft und Gewalt stellen ja die Moraltanten des geläuterten und sozial gelenkten Profits nicht in Frage. Insofern hält auch der Profit selbst die Angriffe der politischen Moral schon lange gut aus.