PRESSEFREICHEIT: KENNZEICHEN D

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1989 erschienen.

PRESSEFREICHEIT: KENNZEICHEN D

In ihrer nationalen Besoffenheit über die Öffnung der Berliner Mauer und der DDR durch die SED zeigt die westdeutsche Öffentlichkeit, daß sie sich als geistiges Kind der Wiedervereinigungspolitik der Bundesrepublik versteht - und zwar so radikal, daß der wirkliche Anschluß längst nicht vollzogen sein muß, um den Schreibtischtätern von "Bild" bis zur "Tagesschau" schon jetzt die vielfältigsten Einheitsschlagzeilen zu liefern: "Deutschland umarmt sich". Was als "Thema der Nachkriegszeit" daherkommt, entspringt reinem nationalen Anspruchsdenken, keiner Wirklichkeit - aber die Sowjetunion zählt da nichts. "Deutschland" ist "unser" Thema für den Rest der Welt, meint die Öffentlichkeit, und es muß hier und heute gnadenlos inszeniert werden. Mehr als das - es installiert sich (unter gütiger Mithilfe der SED) selbständig im Osten und schafft so seine eigene Faktizität.

Das öffentliche Leben der Bundesrepublik kennt fast nur noch das Großereignis Deutschland, es kreist um das "Symbol" des Brandenburger Tors, das es mit Kameras diesseits und jenseits der Grenze umstellt hat.

Die nationale Selbstgleichschaltung der westdeutschen Öffentlichkeit auf das eine grenzüberschreitende deutsche Thema nimmt nicht nur gedanklich ziemlich frei vorweg, was allenfalls der SED-Chef persönlich und ein paar sonstige Russen noch nicht mitbekommen haben sollen: Die deutsche Einheit lebt. Wenn" wir" die Tagesordnung bestimmen und die Medien stellen, dann dürfen eben auch Vopos in die Kamera winken, so als trügen sie nicht die Uniform eines anderen Staates, der bislang als "größtes KZ aller Zeiten" gehandelt wurde. "Wir" lassen selbstverständlich auch die radikale Opposition zu Wort kommen, wenn sie, wie Pfarrer Eppelmann, in Ostberlin sitzt und nicht ausgerechnet bei uns, wo sie aus demselben nationalen Grund weniger gelitten ist. Daß die DDR gegen solche Leute Gesetze haben könnte, die sie auch früher - man erinnert sich vage - schon manchmal in Anschlag gebracht hat, interessiert die freie Presse in ihrem Siegeszug erst recht nicht.

Leicht überspannt mag der Propaganda-Rummel "unserer Leute vor Ort" ja sein, daß er gleichwohl seine Wucht hat, rührt daher, daß in der Bundesrepublik der Anschluß der DDR politisch und ökonomisch tatkräftig vorangebracht wird und daß insbesondere die Führung der DDR auf dem Standpunkt steht, sie müsse bei ihrem vom Westen betriebenen Abgang an entscheidender Stelle mitwirken. So hat sie eben auch medienpolitisch die Wende vollzogen und stellt sich weltmännisch den Fragen in- und ausländischer Journalisten, um möglichst glaubhaft zu demonstrieren, daß ihr Reformwille mit dem alten politischen Führungsanspruch der Staatspartei gebrochen hat. Daß immerhin noch mit ihr über all die westlichen Zumutungen gesprochen werden soll, die nicht direkt auf den völligen Verlust der Eigenstaatlichkeit der DDR zielen, ist für westliche Interviewer geradezu eine Steilvorlage, den ansonsten in Demokratien genial praktizierten Dreh mit der politischen Glaubwürdigkeit in totalen Verruf zu bringen. Bei einer solchen Gelegenheit darf sich Staats- und Parteichef Krenz von einem gewissen Herrn Pleitgen, einem ansonsten professionellen Stichwortlieferanten für Politiker (West), die rhetorische Frage abholen, er stehe doch wohl selber für eine abgewirtschaftete Herrschaft, für die in Deutschland kein Platz mehr sei:

"Sehr beliebt scheinen Sie nicht zu sein ? Nichts gewußt vom Schießbefehl? - Und was macht der Alkohol, etwa Probleme damit?"

Daß es dem ostdeutschen Führer bei solch erlesenen Frechheiten eines "freien Dialogs" nicht das Grinsen verschlug, zeigt nur, daß er mit einer "demokratischen Gesprächskultur" zu leben gewillt ist, deren Unverschämtheiten frontal auf die DDR-Souveränität berechnet sind und die sich ein Kanzler Kohl niemals auch nur anhören müßte.

So stehen denn nun mit Hilfe einer plötzlich gar nicht mehr so veralteten DDR-Post Standleitungen in den letzten Winkeln dieses angefeindeten Staatswesens und transportieren die umstürzlerischen Ansichten unserer freien Berichterstatter von Originalschauplätzen des vormaligen "Völkergefängnisses". Dabei geht es - sofern es gerade mal nicht einen führenden Genossen in die Schranken zu weisen und zu blamieren gilt - so gepflegt zu, wie es die Techniken der Moderation nun auch wieder verlangen, wenn auf das große nationale Anliegen eingestimmt werden soll. Da avanciert mit einem Mal so ziemlich alles und jedes in der DDR zum Hoffnungsträger des Westens, was bis vor 2-3 Monaten noch mit äußerstem Mißtrauen betrachtet wurde. 40 Jahre antikommunistischer Hetze westlicher Medien sind fast über Nacht dem Standpunkt gewichen, die DDR sei jetzt plötzlich voller guter "Beiträge" zur "Lösung" all der "Probleme", die zwar ganz banal die BR Deutschland auf die politische Tagesordnung gesetzt hat, die aber als quasi unabweisbare Menschheitsfragen bequatscht und ordentlich "bedacht" gehören sollen. Für die westlichen Öffentlichkeitsfanatiker ist es wichtig, diesem herbeiphantasierten "Problembewußtsein", das sich auf einmal "weit in die SED erstreckt" (diesen ehemals "monolithischen Block"), ein Dauerforum zu verschaffen. Auf dem dürfen sich "Stalinisten" und "Wendehälse" nach Herzenslust unglaubwürdig machen. Andererseits können dort auch die Bürger der DDR noch viel von unserer Öffentlichkeit lernen. So vor allem, daß dauerhafter Zweifel an der Qualität ihrer Herrschaft nur insofern nützlich ist, als er sich zu der Sicherheit durchringt, in der Herrschaft des westlichen Systems über die DDR sein höchstes Menschenrecht zu sehen und den dazugehörigen politischen Figuren die Angelegenheiten der Nation vertrauensvoll in die bewährten Hände zu legen.