PREIS DER MACHT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1989 erschienen.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Vaclav Havel
PREIS DER MACHT

Gegen Dummheit hilft kein Ausreiseverbot. Deshalb wurde uns die Rede des Preisträgers leider nicht erspart. Ein Schauspieler hat Havels "Wort zum Wort" einem andächtig zuhörenden und beifällig nickenden Publikum vorgetragen. Weder der breitgetretene Schwachsinn noch die Holprigkeit der vielen Worte zum Wort bewegte auch nur einen Zuhörer zur Andeutung einer Mißfallenskundgebung. Dabei glaubte wohl keiner der Anwesenden länger als diese Feierstunde lang auch nur ein Wort über die beschworene Macht des Wortes:

"Ich lebe wirklich in einem Land, in dem ein Schriftstellerkongreß oder eine dort gehaltene Rede das System erschüttern kann, wo das Wort alle Machtapparate erschüttern kann, wo das Wort stärker sein kann als zehn Divisionen..., wo das Wort Solidarität imstande war, einen ganzen Machtblock zu erschüttern."

Den in Frankfurt versammelten Machtapparat - an seiner Spitze der Bundeskanzler - haben diese uralten dichterischen Machtphantasien tatsächlich erschüttert. Dazu brauchte keiner im Saal daran denken, daß die "Solidarität" kein Schriftstellerkongreß - geschweige denn bloß ein Wort - war, sondern eine Streikbewegung, die der Not gehorchte und nicht der gehaltenen oder nicht gehaltenen Rede eines Dissidenten. Dafür reichten schon ihre Sympathie für die Erschütterung des feindlichen Machtapparats und die Gewißheit, daß ihre "Standfestigkeit" in Sachen Kredit den polnischen Staat viel mehr in Not gebracht hat als Streiks und gute Worte. Deshalb durfte der Redner sein Garn auch ins Gegenteil fortspinnen, das war er sich als Dichter schuldig. Ohne knackige Paradoxien wäre für ihn alles Reden umsonst:

"Das Wort ist eine geheimnisvolle, vieldeutige, armbivalente, verräterische Erscheinung. Es kann eiri Lichtstrahl im Reich der Finsternis sein.., doch es kann auch ein todbringender Pfeil sein."

Am Beispiel des Wortes "Frieden" verrät er uns - vieldeutig und ambivalent zugleich - das tiefe Geheimnis dieser Erscheinung:

"Vierzig Jahre lang bin ich so, wie alle meine Mitbürger, zur Allergie gegen jenes schöne Wort erzogen worden, weil ich weiß, was vierzig Jahre bedeuten: mächtige und immer mächtigere Armeen als angebliche Garanten des Friedens."

Daß er diese Allergie nicht hat gegen die "größte und wirksamste Friedensbewegung" (wie ein ehrlicher deutscher Kriegs-, ach was!, Verteidigungsminister die NATO zu nennen beliebte), genau das ehrt den Preisträger. Daß er im Lob der Macht des Wortes so unverhohlen der wirklichen Macht huldigt, die dem System drüben wirklich zu schaffen macht und alles dran setzt, seine Auflösung herbeizuführen, das macht's, daß der Mann jeden Unsinn erzählen darf und dafür Geld, Medienaufmerksamkeit und den Beifall der Mächtigen bekommt.

Und als wär's damit nicht genug: Artig macht der Freiheitskämpfer seinen Diener vor denen, denen er seinen Preis verdankt. Wie es sich gehört, preist er die Verleiher für ihre Verdienste:

"Sie leben in einem Land, in dem es eine große Freiheit des Wortes gibt. Diese Freiheit kann jeder zu allem möglichen nutzen, ohne daß die übrigen das unausweichlich beachten oder sich gar damit befassen müßten."

Das haben wir gern: Erst angeben wie eine Steige voller Affen und dann ausplaudern, wie bescheiden die Ansprüche eines professionellen Geistesriesen an die große Freiheit des Wortes sind: Für mehr als das: daß die Mächtigen ihn seinen Unsinn waffeln lassen - ohne sich damit befassen oder gar danach richten zu müssen -, will er nicht kämpfen wollen. Immerhin: Die Geistesverfassung demokratischer Intellektueller mitsamt dem Geheimnis der Meinungsfreiheit hat er damit auf den Kopf getroffen.