POUR LE MERITE!

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1982 erschienen.

Goethepreis für Ernst Jünger:
POUR LE MERITE!

Demokratische - wie alle - Herrscher haben es von jeher gern gesehen, sich mit den Produkten oder gar der persönlichen Bekanntschaft irgendwelcher Kunst- und Geistesgrößen zu schmücken. Nicht, daß ihnen persönlich deren opera besonders zugesagt hätten. Ihnen ist daran gelegen, die Ausübung der Staatsgewalt in den Schein des Kulturellen, Humanen zu tauchen. So kommt es, daß man als guter Deutscher sich die Trostlosigkeiten des demokratischen Alltags mit der Gewißheit verschönern darf, Teil einer Kulturnation zu sein.

Je nach ihren aktuellen Anliegen sucht sich die Demokratie die dazu passenden Geister heraus. Während zu den Blütezeiten reformistischer Ideale die Grass' und Bölls mit Ehrungen und Bonner Cocktailparties überschüttet wurden, ging dieses Jahr einer der größten Literaturpreise der Republik - der Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main an den Weltkrieg-I- und -II-Frontoffizier und Schriftsteller Ernst Jünger.

Entgegen anderslautenden Gerüchten handelt es sich hierbei nicht um einen Mißbrauch des Konstitutionsortes der ersten deutschen Demokratie, der Frankfurter Paulskirche. Vielmehr erweist diese Kulisse sich des demokratischen Lehrstücks für würdig, in dem die eine Seite klarstellte, welche Sorte von Geisteshaltung heutzutage höchstoffizielle Anerkennung erfährt, während an der grünen und spontaneistischen Opposisition zu studieren ist, was anno '82 als Kritik gilt.

Dichter und Werk: Aus Stahlgewittern eine Ästhetik der Macht

Ernst Jünger hat sich Zeit seines Lebens an den relevanten und weniger bedeutenden Metzeleien dieses Jahrhunderts beteiligt und noch aus jeder ein Buch gemacht, in dem der Krieg, also die zwischen Staaten so übliche Regelung außenpolitischer Verhältnisse, als "Fronterlebnis" eines Elitemenschen vorkommt, für dessen sensiblen Intellekt die Strafexpedition der französischen Fremdenlegion zu "Afrikanischen Spielen" romantisiert, die Materialschlachten des 1. Weltkriegs zu "Stahlgewittern" stilisiert und die Naziokkupation in Paris als "Strahlungen" im Offizierscasino literarisiert werden. Noch jede Schlächterei ein inneres Abenteuer für den, der über einen besonderen Geschmack verfügt:

"Zwischen diesen großen und blutigen Bildern herrscht eine wilde und ungeahnte Heiterkeit... Wir gelangen in das kampfzerwühlte Reich der Infanterie. Ein junger Mensch wälzt sich in einem Trichter, die gelbliche Vorfarbe des Todes auf den Zügen."

Diese Abgebrühtheit, mittels derer sich beim Betrachter Jünger, neben dem Verrecken, heitere Gefühle einstellen - von der Literaturwissenschaft als "magischer Realismus" gewürdigt -, verdankt sich dem erzdichterischen Entschluß, die ganze Welt in "große Bilder" aufzulösen und diese als Künstler subjektiv zu reproduzieren. Ob ein Mensch im Schützengraben draufgeht oder die Engländer einen Bombenangriff auf das von den Faschisten okkupierte Paris fliegen, für ihn gibt es

"einen großen historischen Akt. Das ist die Verwandlung der Welt aus einem Zweck- oder Kampfgegenstand in ein Schauspiel."

Kriege, Leichen kommen ihm gerade recht, um sich als Zuschauer in einem gigantischen Theater zu imaginieren, den das ganze Geschehen einzig als Material seines Genusses interessiert. Bloß, was wird eigentlich am Tod eines jungen Soldaten genossen? "Heiterkeit" kommt Jünger nicht einfach, weil hier ein Mensch stirbt, sondern weil er in dessen Tod einen ungeheuren Sinn sieht, dem er seine Anerkennung nicht versagen mag. Während für jeden gewöhnlichen Staatsbürger Opfer an Menschenleben sinnvoll und daher gerechtfertigt sind, wenn sie für die politischen Zwecke ihrer jeweiligen Staatsgewalt opportun sind, begrüßt Jünger sie unter einer anderen Hinsicht. Ihn fasziniert, daß hier die Macht ohne Umschweife zuschlägt. Ihre Rücksichtslosigkeit, die Perfektion, mit der die staatliche Gewalt sich gegen ihre Gegner durchsetzt ist es, die ihm Bewunderung abnötigt. Je unmittelbarer, blutiger, gewaltsamer die Formen der Durchsetzung der Macht sind, desto extatischer begeistert Jünger sich für die "Wollust des Blutes". Nicht die tatsächlichen und damit maßgeblichen Erfolge einer Staatsmacht sind es, die Jünger in Verzückung geraten lassen. Da hätte ihm die bundesdeutsche Demokratie der 80er Jahre sicherlich einiges zu bieten. Nein, in seine Freiheit, die Staatsgewalt auf den eigenen ästhetischen Genuß hin zu reflektieren, ist Jünger gleich so verliebt, daß er die Gewalt gar nicht anders denn als "Stilfrage" wahrnimmt.

Wie kommt es eigentlich zustande, daß ein Mensch, dessen Werke von dem "Ethos des Blutes" nur so triefen, der die "Demokratie haßt wie die Pest", demokratische Politiker wie Wehner und Strauß genauso schätzt wie die Sitzordnung am Hofe Ludwig XIV. und die Einordnung von Käfern und Kräutern in biologische Systeme? Er hat sich ein "Faible für Ordnungssysteme" zugelegt, d.h. daß etwas in Ordnung sei, begeistert ihn, und wenn die wirkliche "Ordnung" aller Dinge, die staatliche Gewalt, von der diese fromme Abstraktion lebt, rücksichtslos zuschlägt, so bewertet ein Jünger diese zur Darstellung umphantasierte Ausübung der Macht allein gemäß ästhetischer Kategorien. Die bis zum Exzeß zelebrierte Idiotie, angesichts der Brutalitäten der Macht wegen ihrer Perfektion vor Begeisteiung feuchte Augen zu bekommen, gehört einerseits zum Repertoire jedes braven Untertanen - die Kommentierung der letzten NATO-Kriege auf Falkland und in Nahost hat dafür genügend Anschauungsmaterial bereitgestellt. Normale Bürger begegnen der Staatsgewalt immer, wenn sie sie zum "Aufräumen mit...", "Immer feste druff..." ermuntern, zugleich mit furchtsamem Respekt, der eine begriffslose Ahnung davon enthält, daß man als Untertan seiner Herrschaften beiliebe nicht ihnen ebenbürtig ist. Jüngers Verdienst bleibt es aber, diese Verrücktheit bis zum Größenwahn gesteigert zu haben: Nicht nur, daß er die Herrschaft wie ein Freiherr von Knigge zu beurteilen beliebt, daß er also die Rücksichtslosigkeit der Gewalt als ihre Tugend verhimmelt, er ist von seiner eigenen Deutung, Gewalt sei eine Stilfrage, gleich noch so eingenommen, daß seine Darstellung von Gewalt jeglichen Moments von Furcht entbehrt. Gänzlich respektlos veredelt er die Rücksichtslosigkeit staatlicher Gewalt zu ihrer Tugend und bildet sich ein, weil er imstande ist, sie so zu genießen, über die wirkliche Macht damit meilenweit erhaben zu sein. Zu der britischen Bombardierung des von Faschisten besetzten Paris fällt ihm ein:

Da kommen also 1944 englische Bomber, die wollen das 'Raphael' bombardieren, und der Jünger sitzt gerade bei einem Gläschen Sekt und hat eine Erdbeere drin. Diese Engländer denken, der geht jetzt in den Bunker. Da haben sie sich aber getäuscht. "Auf diese Spielregeln lasse ich mich nicht ein... Ich gehe in die oberste Etage und sehe mir den Luftangriff an. Und sehe vielleicht durch das Sektglas. Dann ist das noch ein gewisses Bruderschaftstrinken mit dem Tode."

Was für ein Mann?! Die Engländer sind eigens nach Paris geflogen, um die Standfestigkeit eines Ernst Jünger mit einem Bombenangriff auf die Probe zu stellen - und der trinkt Champagner! Mit solchen Koketterien demonstriert Jünger geradezu seinen Stolz darauf, die Macht und den Krieg als Schauspiel genießen zu können. Nur konsequent, daß dieser Mann an den Nazis keinen Gefallen fand. In dem 1939 erschienenen Roman "Auf den Marmorklippen" dämonisiert er die Heere des Faschismus zu groben Horden eines barbarischen "Oberförsters", die eine bereits räumlich von den "bewaldeten Ebenen" abgehobene Gelehrtenrepublik zerstören. Dieses, heute als Jüngers "Abkehr vom Faschismus" gerühmte Buch zeugt von der Enttäuschung eines elitären "konservativen Revolutionärs" darüber, daß an Stelle der von ihm geschmähten Macht demokratischer Krämerseelen nun der Pöbel selbst das Sagen hat. Für den Pour-le-merite-Träger von Weltkrieg I, dem der Krieg ungeachtet seiner Zwecke, Gründe und Resultate als solcher eine Herzens- und Bildungsangelegenheit war, personifizierte eine Figur wie Hitler genau jenen Typus des "Untermenschen", den die Nazis auszurotten versuchten. So groß ist die Verachtung des intellektuellen Kriegers Jünger für den hochgekommenen Kriegsgefreiten, daß er ihn in allen drei Bänden der "Strahlungen" nicht beim Namen nennen will. Es ist keine nachträgliche Verschönerung der eigenen Biographie, wenn Jünger, der im besetzten Paris mit französischen Literaten "fraternisierte", Bibel und Talmud las und die Juden für ein höchst faszinierendes Volk hielt, im "Spiegel-Gespräch" die faschistische "Endlösung der Judenfrage" für "unmoralisch und daher auch unlogisch" erklärt. Eben unter diesen Kriterien betrachtete er von seiner Pariser Etappe aus das kriegerische "Gesamtschauspiel" und imaginierte sich selbst als kompetenteren Regisseur. Für einen geistigen Herrenmenschen ist es ohnehin viel zu abgeschmackt, sich in die Niederungen realer Machtausübung herabzubegeben:

"Der Nero, das ist doch ein Mann, der war zum Künstler geboren; jetzt mußte der arme Kerl noch Kaiser werden."

Für einen Künstler vom Schlage Jüngers, der die Niederbrennung Roms noch als grandiosen Einfall zu würdigen weiß, erscheint der 2. Weltkirieg als dilettantische Unternehmung, deren wirkliche Regisseure mit Verachtung gestraft werden. Im Räsonnement des von den täglichen Nachrichten aus allen Frontabschnitten "gelangweilten" Autors der "Strahlungen" taucht die reale Gewalt als schlechte Inszenierung auf, und der geschmäcklerische Kritiker genießt zunehmend, daß die niederen Gestalten, die sie befehlen, ihm frühzeitig den Gefallen der Nicht-Würdigung erwiesen haben. Mit dem gleichen distanzierten Amüsement, mit dem Jünger heute die Preisverleihung durch den Frankfurter Magistrat und die wütenden Proteste dagegen registriert, gefiel er sich damals darin, keinen Preis erhalten zu haben und nicht in die Akademie der Künste gewählt worden zu sein:

"Da wollte ich nicht hinein... die Sache paßte mir nicht."

Zum realen Faschismus paßte der Edel-Faschist Jünger damals ebensowenig, wie er heute seinen Laudatoren, die in ihm den Edel-Demokraten entdeckt haben, durch Bekenntnisse zur real existierenden Bundesrepublik die Reverenz erweist. Damals wie heute braucht ein Mann kein Hofdichter zu werden, dessen zentrale Gedanken bei Hofe durchaus goutiert werden, weil und soweit sie brauchbar sind. Mit keiner existierenden Staatsgewalt mag so einer sich rundherum eins fühlen, weil er auf ungleich höherer Warte poetische Messen für Macht und Ordnung schlechthin zelebriert.

Die Demokratie feiert einen reaktualisierten Autor

Anno '82 bekommt dieser Mann von demokratischen Politikern den Goethepreis verliehen, die in ihm den dichterischen Advokaten von Tugenden schätzen, die auch heute und gerade jetzt gefragt sind, die mitnichten durch den Faschismus kompromittiert worden sind, sondem die die Nazis "mißbraucht" haben sollen. Da Jünger die Ingredienzien der Macht an sich schätzt, Ordnungsprinzipien hochhält und von deren Warte aus noch jede reale Ordnung sich blamieren läßt, gelangt er über die BRD durchaus zu Urteilen der folgenden Art:

"Unter uns gesagt, leben wir doch in Verhältnissen, wo man sich quasi alles erlauben kann."

Obwohl Jünger hier an den westdeutschen Verhältnissen insgesamt Qualitäten vermißt, die sie für einen elitären Abendländer genießbar machen - keine Zucht und keine Ordnung -, entnehmen die Preisverleiher dieser pauschalen Distanz zum politischen Geschäft eine konkrete Kritik an den Relikten eines öffentlichen Bewußtseins in der Republik, mit dem sie endgültig Schluß machen wollen. Das obige Jünger-Zitat könnte verbatim von Franz-Josef Strauß stammen oder von jedem Kanzler des Jahres 1982, der Helmut mit Vornamen heißt - und deshalb ist es für alle drei auch gleichermaßen brauchbar.

Daß der Staat noch nicht jenem Bilde entspricht, das sie gerne realisieren möchten, läßt sich noch jeder amtierende Demokrat gerne sagen und gibt diesen Hinweis an die Bürger weiter, wobei es sich günstig trifft, daß die politische Losung vom Tage von den Höhen des Geistes herab in so "brillanter" und "literarisch wertvoller Weise" formuliert wird..

"Jünger war ein Nationalist, kein Nationalsozialist!", so würdigt Frankfurts OB Wallmann den Preisträger. Literaturpreisträger wird man heute nicht mehr, indem man die demokratische Form der Herrschaft über den grünen Klee lobt. Der Verehrer der staatlichen Gewalt wird geehrt, weil Demokraten heute Wert darauf legen, die Nation jenseits ihrer demokratischen Form, die fraglose Unterordnung jedes privaten Interesses unter die Absichten der Staatsgewalt mit Jünger als Tugend vorzustellen.

Während der Faschismus die Feier seiner Macht mit Massenaufmärschen und pompösen Reichsparteitagen mit Flakscheinwerferbeleuchtung selbst in Szene setzte, läßt die Demokratie sich von anderen zu ihrer Wucht beglückwünschen. Kriegsvorbereitungen werden heutzutage lässig und geschäftsmäßig als notwendige faux frais der "Freiheit unserer weltweiten Interessen" getroffen; was dazu an politischer und militärischer Instandsetzung des Kriegskörpers getan werden muß, wird getan. Die dazu passende "Bewußtseinsbildung" passiert unter anderem auch als Dichterwürdigung: die für's organisierte Töten und Verrecken notwendigen Einstellungen und Charaktermerkmale werden in Gestalt des Dichters Ernst Jünger und seines Lebenswerks öffentlich und offiziell geehrt und damit zur persönlichen Nachahmung empfohlen. Daß "Nationalist" kein Schimpfwort mehr ist, dokumentiert die Preisverleihung; daß die damit prämierte Geisteshaltung vorbildlich ist, dafür zeugt die Person des Geehrten.

Mit ihm wird das, wofür er stehen soll, als verbindlich erklärt. Kritik an Jünger gehört sich schon deshalb nicht, weil dies einen Anschlag auf den mittlerweile erreichten Standpunkt der Demokratie darstellt. Wallmann:

"Das Kuratorium hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht und nicht gleich in der ersten Sitzung entschieden... Wer gegen diese Preisverleihung votiert, betreibt eine Indizierung des Denkens und bedient sich damit faschistischer Methoden."

Wer also gegen Jünger noch Einwände hat, soll gleich ein potentieller Bücherverbrenner sein und das Dogma demokratischer Toleranz tritt unverhohlen als Kritikverbot auf. Als einziges "Argument" für sich reklamieren die Juroren die Tatsache, daß sie sich erstens was dabei "überlegt" haben, und zweitens, daß ihr Beschluß demokratisch war. Natürlich ist der hier militant vorgetragene Respekt vor der Freiheit dichterischen Denkens die blanke Heuchelei aus dem Munde von Leuten, die zu anderer Gelegenheit die Poeten der Nation auch mal als "Pinscher" disqualifiziert haben: Ihre Hochachtung gilt einer Gesinnung, die sie in Jünger ehren wollen, und ihr Verdikt zielt auf jeden, der diese Gesinnung mit welchen Argumenten auch immer in Frage stellt.

Grüner Widerspruch

Die Preisverleihung an Jünger hat einigen Staub aufgewirbelt. Vor allem die grüne Opposition im Frankfurter Stadtparlament versuchte aus dem "Fall Jünger" einen politischen Skandal zu machen, den sie darin erblickte, daß mit der Ehrung eines "ideologischen Wegbereiters des Faschismus" "menschenfeindliches und antidemokratisches Gedankengut wieder 'hoffähig' gemacht wird."

"Jünger arbeitete für eine reaktionäre Revolution, die die Demokratie, das Individuum und die Freiheit vernichten und einen totalen Militärstaat aufbauen soll."

Die Grünen erschrecken keineswegs davor, daß die von ihnen so hochgeschätzte Demokratie einen Militär- und Zuschlagspoeten als würdigen Sänger ihrer aktuellen Ideale auszeichnet, werden also nicht an der Demokratie irre. Dabei könnte ihnen eine Befassung mit dem, was Jünger wirklich im Letzten treibt, nur allzu leicht verraten, daß hier gerade ein exzessiver Kultus des Individuums und der Freiheit sich eu seinem Ende phantasiert hat. Blind gegen die aktuellen Leistungen der Demokratie, die die Freiheit, des Individuums im bedingungslosen Dafürsein dekretiert, wird die Demokratie gegen angebliche falsche Freunde verteidigt. Jünger sei kein guter Demokrat, wird den demokratischen Juroren ins Gewissen geredet, wo diese gerade klarstellen, daß die Demokratie gerade auf Jünger vom Schlage Jüngers ganz aktuell Wert legt! Als einzige Menschen in der Republik nehmen die Grünen deren - mittlerweile auch schon etwas überholte - Ideologie des Antifaschismus als Zweck des hiesigen Staatswesens ernst. Demokratische Politiker haben mit dem Fingerzeig auf den Faschismus diesen als unrechtmäßige und daher als zu Recht zum Scheitern verurteilte Herrschaftsmethode verworfen, um darüber die Demokratie in umso ehrenvollerem Licht dastehen zu lassen. Die Grünen sind gleich dermaßen in die Demokratie verliebt, daß ihnen überhaupt nicht auffallen mag, wie problemlos diese sich mit faschistischer Dichtkunst zu schmücken versteht. An den menschenfreundlichen Schein dieser Herrschaft mögen sie so sehr glauben, daß sie über den Standpunkt der freiheitlichen Entnazifizierungskampagne nach dem 2. Weltkrieg nicht hinausgekommen sind. Das fehlende Bekenntnis zur Demokratie, die Abweichung von ihren Zielen stört sie an Jünger. Wäre er ihnen als Preistrager vielleicht willkommener, wenn sie ihm ein paar Distanzierungen vom Faschismus hätten abkaufen können? Nicht, daß sie ihm damit Unrecht täten - man kann an dieser Sorte Kritik allerdings studieren, daß auch Alternative die Methode perfekt beherrschen, mit der Demokraten für ihre Herrschaft werben:

ganz ohne Argument sie als fraglos zu akzeptierenden Wert vorstellen. Als ob es ihnen auf nichts so sehr ankäme, als bei sich und ihren Mitmenschen den Wahn der Menschenfreundlichkeit der Staatsgewalt am Leben zu halten, sehen sie in der Jünger-Preisverleihung eine Gelegenheit, um sich als die allerverantwortlichsten Politiker herauszustreichen:

"Fast 40 Jahre danach (sc. den 1. Weltkrieg) zeigt sich über die Parteigrenzen hinweg eine bedrückende Empfindungslosigkeit gegenüber faschistischem Denken... Sind wir wieder so weit, daß Kultur-Politiker im Magistrat und anderswo meinen, seit 1945 sei so viel Wasser den Main hinuntergeflossen, daß man sich ein bißchen militaristisches Denken ruhig leisten kann... "

Als ob "militaristisches Denken" verantwortlich wäre für den Primat des Militärs im Staate! Dies ist die Aktualisierung der alten, törichten Rede von den "geistigen Wegbereitern des Faschismus", als die man gerne Jünger und andere Intellektuelle der Weimarer Republik (oder noch schärfer, wie bei Lukacs, das halbe deutsche Geistesleben seit dem alten Schelling!) in die Verantwortung nimmt. Wenn es mindestens fraglich ist, ob Hitler und die Seinen je eine Zeile von Jünger gelesen haben, so steht fraglos die völlige Unsensibilität der auf die Faschisten setzenden Massen gegenüber exquisiten Rauschzuständen durch Stahlgewitter fest, was die deutschen Volksgenossen nicht daran hinderte, sich mehr oder weniger freiwillig den Stahlhelm aufsetzen zu lassen. Und für die aktuelle Bereitschaft von Bundesbürgern, ihrem Staat alle Mittel für Weltkrieg III bereitzustellen, die demokratischen Schriftsteller Böll, Grass und Co. verantwortlich zu machen, ist bislang noch niemandem eingefallen. Staatsbürgerliches Bewußtsein braucht keine Vordenker: Seine falschen Urteile denkt es sich ganz allein zurecht; dafür gibt es Gründe, die im Reich der Ideologie zwar ebenfalls auftauchen, nicht aber durch sie in die Welt gesetzt werden.

Spontane Sympathie

Den Spontis der Frankfurter scene ist das Gemosere der Grünen viel zu radikal. Die Väter des Dogmas "Wir wollen alles" sind zahm geworden. An dem grünen Gejammer, die Preisverleihung an Jünger würde unserer schönen Demokratie einen Zacken aus ihrer ideologischen Krone brechen, entdecken sie ein "penetrantes Düftchen von Zensur", weil die Grünen

"die kulturpolitische Toleranz..., (die) den vielgepriesenen Unterschied und die Andersartigkeit (schützt), ohne die es weder geistige noch politische Freiheit gibt",

vermissen ließen. Kaum rührt sich eine Kritik, wirft sich ein autonomes Individuum anno '82 die Kutte eines Stadtvaters über und doziert ganz wie die Wallmänner, daß Freiheit ihre Grenze an der Freiheit des Andersdenkenden habe, obwohl doch auch ihnen dieser Ton bekannt vorkommen müßte. Spätestens an der Startbahn ist doch noch dem einfältigsten Pflasterstrandschreiber ein- oder vorgeprügelt worden, was es mit diesem demokratischen Gebot auf sich hat: daß die 'Meinung' der Politiker unverbrüchlich gilt und in Zweifelsfällen gewalttätig durchgesetzt wird, während die Untertanen ihre Absichten als praktisch belanglose Ansichten zu deuten haben.

Ein Joschka Fischer ist freilich kein Walter Wallmann. Nicht weil er über die Macht verfügt, macht er sich zum Verfechter demokratischer Toleranzgebote. Ganz autonom hat er einen höchst eigenen Grund gefunden, dieser Methode des Staates ihre guten Seiten abzugewinnen. Man ist ja nach wie vor, als ein kritischer Mensch, mit der "konsenativen Tendenzwende", die sich in der Preisverleihung Ausdruck geben soll, überhaupt nicht einverstanden.

"...sollte (ihr aber dennoch) all dieselben Artikulationsmöglichkeiten... zubilligen, wie in all den anderen Jahren davor der anderen Tendenz. Das heißt noch lange nicht, daß man sie billigt, daß man sie mitzufeiern und zu schweigen hat, im Gegenteil." Denn: "Skandale lassen sich auch auf andere Weise bewerksttelligen, ohne daß man an dem Ast sägt, auf dem man, Gott sei Dank, sitzt."

In Frankfurt gibt es eine Batschkapp, in deren kulturellen Aktivitäten sich und anderen ein Joschka Fischer bestätigen kann, daß er an der "konservativen Tendenzwende" so fürchterlich viel zu kritisieren hätte. Weil hierzulande das Kritisieren erlaubt ist, und das heißt im Klartext, daß die maßgeblichen Leute auch ganz anders können..., nutzt ein autonomer Basismensch dies so, daß er vor lauter Kritik im Potentialis glatt jegliche Kritik vergißt und stattdessen eine Ode auf die Demokratie anstimmt. Vor lauter Sorge, den Ast, auf dem er sitzt, vor dem Absägen zu bewahren, sägt er ihn gleich selbst ab.

Klar, daß diese verantwortungsbewußt genutzte Autonomie nicht zurückstecken mag, wenn es gilt, an Jünger akzeptable Seiten zu entdecken:

"Zivile Gesellschaften brauchen eine Art inneren Krieg. Dabei wird das Mittel, der Kampf, möglicherweise wichtiger als das Ziel, der Sieg des Ordnungskonzepts einer Partei. Die Formen der Auseinandersetzungen werden ebenso wichtig wie die Inhalte, weil sich in ihnen der Verzicht ausdrücken muß, den Gegner auslöschen -zu wollen... Die Wahrung gewisser Regeln gewinnt so hohen Wert wie der temporäre Sieg. Gehegte 'kultivierte' Gewalt schwächt nicht, sondern stabilisiert eher den zivilen Rahmen... Zynische Leser könnten folgern, die zivile Entsprechung des Typus Jüngers sei so etwas Ähnliches wie der Frankfurter Sponti. Sie hätten vielleicht nicht ganz unrecht, gäbe es ihn noch."

Während der "Frankfurter Sponti" seine Zivilität sich in einer angeblich unzivilen Gesellschaft bewahrt und damit in ihr zum Aussteiger wird, entdeckte Ernst Jünger mitten in der Zivilisation den Reiz alle Formen des zivilen Lebens abstreifender Gewalt- und Machtausübung und gefiel sich immer wieder einmal als Aussteiger aus dem bürgerlichen Konsensus: Man denke nur an seine intimen Kenntnisse in der Welt der Drogen! Im halbironischen Aufweis gewisser Affinitäten eigner Extravaganzen mit der Jüngerschen Lebensart liegt der bierernste Verweis der um konstruktive Respektierlichkeit bemühten Szene, die die verblichene Militanz seliger Zeiten als Zitat aufmarschieren läßt, um mit Jünger zu beweisen, daff die Regelverletzung letztlich und immer schon der Bewahrung "gewisser Regeln" gewidmet war.

Dabei bringt ein Emil Nichtsnutz lässig die alte Sozialkundelehrerideologie zum Vorschein, daß der Mensch des Menschen Wolf sei, weshalb die demokratische Gewaltausübung ein Mittel allgemeiner Friedfertigkeit sei. Spontimäßig liest sich das so: Wenn die ganze Welt aus Spontis bestünde, die sich militante Techtelmechtel mit der Staatsgewalt liefern würden, dann würde die "Friedensfähigkeit einer Gesellschaft gestärkt". Daher trifft sich auch ein Frankfurter Sponti mit Jüngers faschistischen Lobreden auf den Kampf als höchste Tugend: Wer so brav damit zufrieden ist, Harlekin des demokratischen Alltags sein zu dürfen, findet auch umgekehrt am faschistischen Stolz auf den Stil der Macht Gefallen und kommt mit Jünger in der Klage überein, daß

"das moderne Kriegsszenario" "soldatische Tugenden (wie) Ritterlichkeit, Tapferkeit, die Bereitschaft, durch eigenes Todesrisiko einer Gemeinschaft zu dienen", "gegenstandslos gemacht (hat)."

Sauber, mittlerweile beschweren sich die Spontis darüber, daß die alten Tugenden des Krieges nicht mehr gelten sollen und daß deshalb das Soldatensein heute keinen rechten Spaß mehr macht!

Geschmäcklerische Einwände

Die Literaturkritik ist schnell abgehandelt. Die einen befinden die Preisverleihung für korrekt, weil Jünger in seiner "präzisen und brillanten Sprachtechnik" ihren ästhetischen Geschmackskriterien Genüge getan hat und billigen damit das, was er geschrieben hat, wegen der Gefälligkeit seiner Form; stellvertretend für andere Fritz Raddatz, der sich aus den Höhen eines Literaturpapstes daran macht, Jünger zu exkommunizieren:

"Ernst Jüngers Bücher beschreiben Blut, aber sie sind blutleer... Kälte und Kitsch..." Zu einem Zitat, in dem mal wieder ein Soldat von einer Granate zerfetzt geschildert wird: "Herrenreiterprosa. Es überwiegt aber ein seltsam buchhalterischer Ton, kein 'Stahlgewitter'-Vokabular, sondern - das blechscheppernde Geräusch einer Registrierkasse... Das Buch (ist) durchzogen von Gefühligkeit statt Gefühl... Was er geschrieben hat, ist kein Lied, keine Ballade von Mord und Mut, - sondern es sind niedliche Notate."

Wenn schon Blut- und Boden-Literatur, dann aber bitte eine, die Herrn Raddatz so mitten ins Herz packt, ihn fesselt und mitreißt. Vom Standpunkt des guten Geschmacks (= F.J.R.) wird Jünger an seinem eigenen Anspruch gemessen und verworfen. Großartig als faschistischer Poet auftrumpfen wollen und dann bloß stümperhaftes Geklapper zustandebringen, so was fordert einen Raddatz heraus, die imaginierte Größe Jüngers an sich selbst zu blamieren. Die billige Distanzierung von den damit für belanglos hingestellten Inhalten ist schnell gesagt:

"...einen Hymnus auf Kampf, Härte (und) Bewährung (zu) schreiben..., wäre sein gutes Recht. Es gäbe dann vielleicht Leute (wie mich), die dieses Credo ablehnten",

um so zu dem eigentlich wuchtigen Vorwurf zu kommen: "Jünger war ein präfaschistischer Denker", aber eben einer, der "schlechtes Deutsch" geschrieben hat, weshalb für mich, Raddatz, dieser Mann vöUig indiskutabel ist, genügt er doch schließlich meinen Ansprüchen nicht, die ich als Schöngeist an eine geschmackvolle und gefällige reinrassige Dichtung stelle. Wenn ein bißchen ergreifender und geschliffener, statt mit "Kälte und Kitsch", vielleicht mit Grass und Goethe, der Gewalt ästhetische Gesichtspunkte abgewonnen würden, dann wäre so ein kritisches Intellektuellenseelchen anscheinend rundum zufrieden.