POLITOLOGEN STELLEN DER WELTLAGE EIN HOROSKOP

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1983 erschienen.
Systematik: 

Kleine Zeitschriftenschau
POLITOLOGEN STELLEN DER WELTLAGE EIN HOROSKOP

Wer wissen möchte, wie "es weitergeht", der hat genaugenommen nur eine Chance: Er muß sich die Interessen und Zwecke klar machen, die in der Welt herrschen, nicht weil sie so einleuchtend oder moralisch wären, sondern weil genügend Macht in der Entschlossenheit liegt, sie durchzusetzen. - Man kann es aber auch weniger genau nehmen und ohne derartige Erklärungen für die Weltlage Prognosen erstellen. Die interessanten Sorgen, die so zutage gefördert werden, halten Politikwissenschaftler heute für Wissenschaft von der Politik.

"Was kommt nach der Entspannungspolitik?"

Wer sich hierüber Klarheit verschaffen möchte, wird vielleicht einen Essay dieses Titels von Wilfried von Bredow in der "Politischen Vierteljahresschrift" vom April vorigen Jahres zu Rate ziehen. Der Autor zeichnet dort zunächst den Übergang vom "Kalten Krieg" zur "Entspannungspolitik" nach, wobei er die Ausgangslage folgendermaßen darstellt:

"Die Ost-West-Beziehungen, also die zwischen den beiden ungleichgewichtigen, ungleichartigen und auf eine neue, herkömmliche Kategorien der Machtpolitik übersteigende Weise miteinander verfeindeten Weltführungsmächten USA und UdSSR samt ihren jeweiligen (mehr oder weniger freiwillig) Verbündeten, waren nach dem rapiden Verfall der Anti- Hitler- Koalition durch ein hohes Maß an internationaler Spannung gekennzeichnet." (S. 87)

Gewiß, das Etikett "Entspannung" verlangt geradezu danach, der vorangegangenen Phase das Attribut "Spannung" beizulegen; solche Kinderlogik macht daraus aber noch kein respektables "Kennzeichen". Das hätte mar sich ja fast schon gedacht bei zwei derail kompliiiert "miteinander verfeindeten Weltführungsmächten", daß es dann in dei Staatenwelt kaum lieblich zugeht! Der Autor läßt diese tautologische Gedankenfigur jedoch ernsthaft als sachverständiges Urteil daherkommen und hat damit bereits über den Fortgang seiner "Argumentation" entschieden: All die Gepflogenheiten der seinerzeitigen Politik der Weltmächte, die nach dem darin verfolgten Zweck zu erklären wären, treten als Beispiele für die Abstraktion "Spannung" auf, so als wäre die, wenn schon nicht der Maßgebliche weltpolitisch Zweck, so doch "irgendwie" der erklärende Begriff aller darunter subsumierten Staatsaktionen. So wird für das Etikett "Spannung" - mit der "Entspannung" geht es hinterher kaum anders - der Schein wissenschaftlicher Erklärungskraft erschlichen, ohne daß von Bredow weiter darüber Auskunft geben müßte, inwiefern denn das mit dem Bildwort "Spannung" angepeilte formelle und äußerliche "Merkmal" einer Politik, genauer noch: wie der darin ausgesprochene schlichte Eindruck, den diese Politik auf ihren Beobachter macht, überhaupt deren maßgeblicher Inhalt sollte sein können. Denn daß Zerwürfnisse und Feindseligkeiten zwischen Staaten ein Programmpunkt wären, den diese verfolgen, - und nicht die Konsequenz gewisser weit ausgreifender nationaler Interessen, denen die Souveränität eines anderen Staates zum Hindernis wird, - das würde einen Idealismus der bösen Absicht voraussetzen, für den ausgewachsene Staaten, und "Weltführungsmächte" schon gleich, doch allzu materialistisch sind. Das Interesse auch nur benennen, mit dem die Sowjetunion den USA oder diese jener in die Quere kommen, so daß Feindschaft angesagt ist, erspart von Bredow sich mit seinem Einfall, die "internationale Spannung" wie einen eigenständigen Sachverhalt zur "Kennzeichnung" der "Ost-West-Beziehungen" anzuführen.

Wie von selbst geraten dieser Betrachtungsweise die Werke und Konsequenzen der von den "Weltmächten" praktizierten Politik allentbalben zu selbständigen Gegebenbeiten, mit denen diese Mächte in ibrer Politik konfrontiert seien und von denen sie auszugehen hätten. Das gilt schon für die Rede vom "Verfall der Anti-Hitler-Koalition", so als handelte es sich da um ein autonomes Ereignis und nicht um das Resultat eines internationalen Herrschaftsprogramms, das die Aufkündigung einer Notgemeinschaft mit einschloß. Dieselbe Umdeutung setzt sich fort in von Bredows Hintergrundbericht über den übergang zur "Entspannungspolitik":

"Die Herausbildung der - wenn auch nur ansatzweise als politisches Subjekt in Erscheinung tretenden - Dritten Welt eröffnete den Protagonisten des Ost-West-Konflikts ein komplexes Betätigungsfeld für ihren Wettbewerb ("Systemkonkurrenz"), was allerdings auch nicht selten zu politischen Turbulenzen führte, die die Weltführungsmächte in Mitleidenschaft zogen." (S. 88)

Es mag ja durchaus sein, daß die "Dritte Welt" so, wie es sie gibt, nie von irgendeinem Staat vorausgeplant und hergestellt worden ist. Dann aber gleich von ihrer "Herausbildung" zu reden, so als hätten da nicht einige herrschende Mächte Bedingungen gesetzt und politische Aufträge durchgesetzt, nach denen dann die Staatenwelt sortiert ward, ist auf alle Fälle eine Umdeutung des Geschehens in einen subjektlosen "Prozeß", die nur die Fiktion befördern hilft, die "Weltführungsmächte" hätten die Inhalte ihrer Politik als eine "gegebene Weltlage" quasi vorgefunden; eine Fiktion, die mit der meteorologischen Metaphorik fortgesponnen wird. Zwar wird mit "Wettbewerb" jetzt immerhin ein Hinweis erteilt, worum es den maßgeblichen Mächten die ganze Zeit gegangen sei; wie wenig Wahrheit aber auch diesem Hinweis zukommt, das verrät schon die zum Beleg zitierte Ideologie der "Systemkonkurrenz". Sich gegen den anderen durchsetzen zu wollen - wenn das mit "Konkurrenz" gemeint sein sollte -, bleibt so lange eine falsche Bestimmung des Umgangs der USA und der Sowjetunion miteinander und mit dem Rest der Welt, wie damit die Frage nach dem Inhalt des durchzusetzenden "sich" wie des Interesses, das die Kontrahenten überhaupt so eint, daß sie einander n die Quere kommen, nicht aufgeworfen, sondern beantwortet sein soll. "Das System" - so als hätten Ost und West vor den Augen der Welt eine politische Schönheitskonkurrenz aufgeführt - macht diesen Inhalt jedenfalls genauso wenig aus wie der vom Autor angedeutete Anspruch, 'die Welt zu führen' - diese Metapher erscheint sowieso nur solange plausibel, wie man auf jede Auskunft darüber verzichtet, was es denn - beispielsweise - heißen soll: 'Die USA führen die BRD, Zaire, Israel usw...'

"Unmittelbar noch wichtiger für die Verändenng der Ost-West-Beziehungen wurde aber die Entwicklung der Rüstungstechnologie", heißt es weiter. "Das Management dieser Waffensysteme in Zeiten erhöhter Anspannung, also besonders in Situationen, in denen unter größtem Zeitdruck über den Einsatz dieser Waffen entschieden wird, versprach zu mißglücken, wenn nicht ein wachsendes Minimum an Kommunikation und sogar Kooperation zwischen den Weltführungsmächten entwickelt würde, um die bizarren, zugleich durchaus nicht ganz unrealistischen Szenarios eines nuklearen Schlagwechsels aus Versehen (a la Kubricks 'Dr. Strangelove') zu eliminieren." (S. 88)

Daß die USA wie die Sowjetunion, jede Seite auf ihre Art, alles daran gesetzt haben, ihren Gegner militärisch tödlich zu gefährden, ihn also aufs Äußerste bedrohen zu können, das muß man schon sehr selbstverständlich finden, um es, wie von Bredow hier, glatt zu vergessen und den Weltmächten die Sorge um mögliche unliebsame Wirkungen als den originären Inhalt ihrer Politik zu unterstellen; Wirkungen noch dazu, die nach Auffassung des Autors nicht aus dem Vernichtungswillen beider Seiten gegen die andere erwachsen, sondern aus "der Entwicklung der Rüstungstechnologie" hervorgehen, daher auch nicht im Bereich der beabsichtigten Erpressung des anderen liegen, sondern in der Sphäre der Ausnahme und des Unfalls zu Hause sind; so daß sich das paradoxe Resultat herstellt, Hauptsorge der Weltmächte bei ihrer Aufrüstung gegeneinander wäre nicht der Aufbau einer politisch verwundbaren militärischen Drohung gewesen, sondern die Vermeidung gewisser "Gefahren", die unbeabsichtigt daraus hätten erwachsen können. Im Lichte dieser Umkehrüng kommt von Bredow zu dem Schluß, daß "der Kalte Krieg an Bedeutung verlor" - und das "trotz unvermindert heftig anhaltender Systemkonkurrenz" (S. 89): ein wahrhaft rätselhaftes "trotz". Denn nichts als eine heftige "Systemkonkurrenz" hat der Autor bis dahin als Grund für den "Kalten Krieg" angedeutet (sieht man einmal ab von seiner Ernennung des Attributs "Spannung" zu einer eigenständigen Determinante des Weltgeschehens, was also offenbar doch ganz dinglich gemeint war!); und umgekehrt ist als Inhalt der "Systemkonkurrenz" bislang nichts als eben jene in dem Begriff "Kalter Krieg" "zusammengefaßten inter-systemaren Verhaltensweisen in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Kultur" vorgekommen, die nunmehr "ihre Verbindlichkeit verloren" haben sollen (S. 89). Nahelegen will von Bredow auf jeden Fall die Vorstellung, die Entspannung, die die "Weltführungsmächte" untereinander praktiziert hätten, sei stets nur relativ gewesen und habe den Ost-West-Gegensatz nie beendet - was nun durchaus stimmt, aber unmöglich in der vom Autor angedeuteten Weise und aus den von ihm angeführten Gründen. Daß der "Konflikt" das Unverbindlichwerden aller seiner Verlaufsformen überdauert hätte, "begründet" von Bredow nämlich mit der tiefen Erkenntnis:

"Die Konfrontation zwischen Ost und West kann also nicht als ein herkömmlicher machtpolitischer Konflikt verstanden werden" - das "also" bezieht sich auf den zuvor ergangenen Hinweis, man dürfe "die Dimension der Weltanschauungen, der Ideologien und damit auch die Bedeutung der durch diese beeinflußten Perzeptionen (Selbst- und Feindbilder)" nicht vergessen. "Seine Wurzeln reichen tiefer." (S. 90)

"Machtpolitik" ist für den Autor offenbar kein Pleonasmus, sondern die Angabe von Zweck und Inhalt der Außenpolitik gewisser Staaten - ein sehr unbefangenes Bekenntnis zu dem bereits kritisierten Fehler, "Macht" selbst, insbesondere die, die Staaten überein ander gewinnen wollen, als ihren eigenen Gnnd und Inhalt zu nehmen, so als wären ausgerechnet moderne Staaten nicht die Urheber und Verfechter sehr materieller Interessen weit über ihren eigenen Hoheitsbereich hinaus, sondern Idealisten eines - inhaltlich ziemlich beliebig zu füllenden Vorrangs. Daß USA und Sowjetunion nun außerdem noch als Interpreten ihres "machtpolitischen" Gegensatzes auftreten, die zu ständigen Regierungen im Namen von Deutungen und entsprechenden "Perzeptionen" zu Werk gehen, soll im Falle des Ost-West-Konflikts das über "bloße" Machtpolitik Hinausgehende darstellen, das noch nicht bereinigt sei, selbst wenn nach "machtpolitischen Kategorien" "Entspannung" eingetreten sei: ein zweiter, noch seltsamerer Idealismus, der die staatliche "Macht" in diesem Fall als Exekutivorgan für Weltarischauungen auffaßt - und damit nebenher deutlich macht, wie von Bredow theoretisch die Inhaltslosigkeit der "Kategorie" "Macht" ausnutzt, die er andererseits als Inhalt von "Politik" ausgibt. Welche Verharmlosung der Feindschaft zwischen den USA und der Sowjetunion dem Autor bei dieser Freilegung ihrer 'tieferen Wurzeln' unterläuft, wird an seiner Auffassung darüber deutlich, wie denn. der "Konflikt" trotz "Entspannung" fortbestanden habe:

Dürfte man das liebliche Bild von der "Spielregel" ernst nehmen, so wäre von Bredows Botschaft die, die "Weltfühnngsmächte" hätten von Epoche zu Epoche den "machtpolitischen" Inhalt und die Austragungsformen und -stätten ihres ideologisierten Konflikts vereinbart - so ist es vom Autor offen bar nicht gemeint; was aber dann das Gerede von "Spielregeln" an einer Stelle soll, wo zumindest eine Weltmacht eine andere als Feind, also als nicht hinnehmbare Behinderung ihres Souveränitätsanspruchs behandelt, wird nicht deutlich. In der Argumentation des Verfassers ist die Vorstellung von geänderten Spielregeln allerdings ohnehin nicht mehr als ein Hilfsmittel, um - als den eigentlichen Grund und Inhalt von "Entspannungspolitik" - ein Nebeneinander von "parallelen" und "konträren Interessen" zu skizzieren, das sich der Unterscheidung von "Konflikt" und "Spielregel" ohnehin nicht fügt - leider aber trotzdem nicht richtig ist. Als "parallele Interessen" auf dem "Politik-Feld Sicherheit" behauptet von Bredow: "Verhütung eines Ost-West-Nuklearkriegs, kooperative Rüstungssteuerung": eine Wiederaufnahme des bereits kritisierten Fehlers, den rüstungstechnisch realisierten Willen zur Vernichtung des Gegners als Grund und Inhalt aller "Sicherheitspolitik" glatt wegzulassen und dieser als ihren Inhalt die Kontrolle eines möglichen, unbeabsichtigten Risikos anzunehmen, das aus einem quasi unverfügbar vorgegebenen Aufrüstungsprozeß erwüchse. Für das "Politik-Feld Wirtschaft" erachtet der Autor das westliche "Interesse an östlichen Märkten" und das östliche "Interesse an westlicher Technologie" für parallel, womit er zwar zahllose Communiques und hochoffizielle Trinksprüche auf seiner Seite hat, aber keine Wahrheit: Wo würde denn deutlicher als im Osthandel, wie gegensätzlich die Interessen von Verkäufer und Käufer an ein und derselben Ware sind, wie unverrückbar dieser Gegensatz im Preis existiert und was für verheerende Konsequenzen seine Abwicklung über Kredit für die schwächere Seite hat - ?! Als auch in "Entspannungszeiten" konträre Interessen benennt der Autor für den Westen die "'Liberalisierung der östlichen Regimes'", was nun allerdings nichts mit "internationaler Gesellschaftspolitik" zu tun hat; es sei denn, man versteht darunter Subversion, was aber wiederum bedeuten würde, daß "Liberalisierung" nur eine Variante von Zersetzung darstellt. Umgekehrt hätte der Osten ein Interesse an der "Stärkung antimonopolistischer Gruppen im Westen" - als wäre die Sowjetunion, schon gleich im Zeichen der "Entspannungspolitik", jemals bereit gewesen, ihren Wunsch nach Respektierung durch auswärtige Regierungen der Unterstützung einer "linken" Opposition unterzuordnen, was ja mindestens der Fall sein müßte, um von einem dem Westen konträren Interesse zu sprechen.

Dem Autor geht es aber sowieso nicht um eine wissenschaftliche Abklärung des Interesses, das "West" und "Ost" überhaupt und in der "Entspannungsära" aneinander genommen haben - in dieser Hinsicht entlastet er sein Gewissen durch die Forderung nach zukünftigen genaueren Untersuchungen, was seine fehlerhaften Bestimmungen allerdings auch nicht besser macht! -, sondern um Übereinstimmung mit den offiziellen Sprachregelungen über die jeweiligen Anliegen der "Enspannungspolitik". Er will nämlich auf eine - "Bestandsaufnahme" ihrer Resultate hinaus, die die kontroversen Würdigungen dieser Politik in dem Gemeinplatz zusammenfaßt:

"Insgesamt gesehen hat sich die Entspannung in den Ost-West-Beziehungen auf wichtigen Politikfeldern also erheblich weniger positiv (gemessen an den Erwartungen) ausgewirkt als ursprünglich proklamiert wurde," (S. 93)

Womit der Autor sich schließlich wieder zu seiner Titelfrage vorgearbeitet hat: Was kommt nun? Das gemeinplätzliche Endergebnis ist allerdings überhaupt nicht dazu angetan, darüber Bescheid zu geben, welchen und wessen Zweck die Entspannungspolitik wie befördert hat und welche Fortschritte deshalb fällig sind. Von Bredow knüpft denn auch eine andere gar nicht mehr wissenschaftliche Frage daran:

"Heißt das, man (?) sollte (!) fürderhin also besser gleich auf Entspannungspolitik verzichten?" (S. 93)

Die Problemstellung wird hier ganz offen moralisch, und gleichermaßen fällt die Antwort aus: Man sollte natürlich nicht! Das "Argument" für diesen Wunsch fällt vollends unter den Erz-Widerspruch des moralischen Denkens, die "Schlechtigkeit" der Welt, gemessen an der eigenen ethischen Forderung an sie, nicht als die Klarstellung zu nehmen, daß der Weltlauf sich offenbar nicht nach seinen moralischen Idealen richtet, ihm damit also auch nicht beizukommen ist, sondern gerade umgekehrt als Beleg für die Richtig- und Wichtigkeit dieser Ideale:

"Obwohl die Weltlage" - als wäre die etwas anderes als die Lage der Interessen der maßgeblichen Weltmächte! - "es erforderlich machte, Kommunikation und partielie Kooperation zwischen Ost und West zu intensivieren, sieht es gegenwärtig eher danach aus, daß das Entspannungs-Konzept von anderen abgelöst wird" - als würden dafür andere Mächte sorgen als diejenigen, die "die Weltlage" definieren und herstellen! -, "die Kooperation beschneiden und Kommunikation verzerren" usw. (S. 94) Und obwohl es ganz "danach aussieht", "gibt es keine plausible Legitimierung oder schlüssige Erklärung für das Ende der Entspannung." (S. 95)

Ein sehr aufschlußreiches "oder"! Wenn man unter "Erklärung" von vornherein nichts anderes versteht als den Vergleich des Weltlaufs mit den eigenen Vorstellungen davon, wie er zu legitimieren, also als pflichtgemäß und die ihm Ausgelieferten zu Recht verpflichtend auszuweisen sei, dann, aber auch nur dann erscheinen ihre Brutalitäten unerklärlich. Umgekehrt: hier offenbart ein Politikwissenschaftler abschließend, daß für ihn das Erklären zusammenfällt mit der Entdeckung von Gesichtspunkten, unter denen es als gerechter Anspruch der "erklärten" Sache erscheint, sich ihr u fügen: Gelingt dies nicht, so ist das moralische Denken mit seiner Sehnsucht nach plausibler Unterwerfung dennoch nicht am Ende. Dem unglücklichen moralischen Bewußtsein bleibt als lohnendes Vergnügen die besserwisserische Beschwerde über die Unmoral der Verantwortlichen: Es bleibt keine "schlüssige Erklärung für das Erde der Entspannung" -

"Außer einer: der Dilettantismus der politischen Systeme und ihre Repräsentanten." (S. 95)

"Die Zukunft der Atlantischen Gemeinschaft"

kann man sich gemeinsam mit Ernst-Otto Czempiel zum Anliegen machen; Gelegenheit dazu bietet ein so übertitelter Aufsatz in der ersten April-Nummer dieses Jahres, Heft 13/83, der Zeitschrift "aus politik und zeitgeschichte", die als Beilage zur Wochenzeitung "das parlament" eine recht weite Verbreitung erreicht. Zum Anliegen macht sich allerdings auch dieser Autor seinen Gegenstand nicht im trivialen theoretischen, sondern in dem sehr moralischen Sinn einer Voreingenommenheit für ihn, die allen seinen Interpretationen. als Leitfaden dient.

Schon die als "überspitzt" bezeichnete Eingangsfrage: "Ist die NATO noch zu retten?" wie erst recht die Gegenfrage:

"Die gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Basis des Westens ist unverändert stabil - warum soll nicht auch die NATO, das Kernstück der Gemeinschaft, stabil bleiben?" (S. 10)

machen deutlich, daß Czempiel die NATO wenige untersuchen, als mit seinen Sorgen um und Wünschen für ihr weiteres Wohlergehen bekanntmachen will.

Nun braucht es deswegen nicht gleich falsch zu sein - könnte ja im Gegenteil zu schönen Hoffnungen berechtigen... -, wenn Czempiel "gravierende Schäden" an der NATO entdeckt,

"weil Amerikaner und Europäer in der Interpretation des Ost-West-Konflikts nicht mehr übereinstimmen." (S. 10)

Was der Verfasser allerdings als die Sicht beider Seiten anführt, ist objektiv nur in dem Sinn, daß die politischen Ideologien von diesseits und jenseits des Atlantik ungefähr so geglaubt werden wollen.

"Für die Europäer ist der Ost-West-Konflikt schon aufgrund ihrer geographischen Lage vielleicht nicht mehr der einzige, aber noch immer der wichtigste Herd eines militärischen Konflikts. Da Ausbruch und Austrag eines Krieges für sämtliche Westeuropäer, wenn auch in einer Ost-West-Staffelung, das physische Ende bedeuten würden, sind sie primär an dessen Vermeidung interessiert." (S. 10)

Man begegnet hier derselben Gedankenfigur wie in von Bredows Entspannungstheorie:

So selbstversvändlich ist dem Autor die Feindschaft zwischen "Ost" und "West", die Parteinahme der Westeuropäer innerhalb dieser Gegnerschaft und die darin implizierte Kriegsbereitschaft, daß er von der damit konstituierten Kriegsgefahr als von einem festen, als Vorgegebenheit hinzunehmenden Datum ausgeht und die ihrer Kriegsbereitschaft logisch wie praktisch nachgeordneten militärischen Sorgen und Kostenkalkulationen der europäischen NATO-Staaten für deren 'primäres Interesse' nimmt. Auch hier soll man sich das Paradox zueigen machen, daß dem Subjekt eines kriegsträchtigen Konflikts an nichts so sehr gelegen sei wie an dessen "Vermeidung" - diese Sorge könnte es doch gar nicht geben, wäre sie dem Interesse, das den Konflikt zur Folge hat, nicht untergeordnet!

"In der Sicht der Vereinigten Staaten hingegen stellt sich der Konflikt mit, der Sowjetunion ganz anders dar. Er hat sich, infolge der sowjetischen Aufrüstung" längst von Europa getrennt und sich auf die ganze Welt ausgedehnt," (S. 11)

Es mag ja sein, daß 'aus amerikariischer Sicht' die Feindschaft der USA gegen die Sowjetunion ein Eigenleben gewonnen hat und ihrem Urheber jetzt aus allen Weltwinkeln entgegenblickt - dann gehört diese 'Sichtweise' aber mit hinein in die solide Selbstgerechtigkeit, mit der die USA erstens ihre Interessen, zweitens deren gewußten und praktisch geltend gemachten Gegensatz gegen die Selbstbehauptungsansprüche der Sowjetunion auf jedes Subjekt und jede Affäre der Weltpolitik erstrecken.

Klarstellungen dieser Art sind Czempiels Anliegen nicht. Ohne sich um Grund und Inhalt des Kriegsbündnisses NATO weiter zu kümmern - diese Frage ist für ihn ganz zu Anfang mit dem Verweis auf dessen Entstehungszeit, den "Kalten Krieg", erledigt -, also auch ohne die bis zur Kriegsbereitschaft reichende Einigkeit der USA und ihrer westeuropäischen Partner und deren Inhalt weiter in Betracht zu ziehen, nimmt der Verfasser das "Folgeproblem", die Unterschiede der zusammengespannten nationalen Berechnungen, für die Hauptsache, nämlich als Konkurrenz zweier Methoden, nicht etwa: das gemeinsame; der Sowjetunion schädliche Anliegen geltend zu machen, sondern: dem - so erst erzeugten - "Konflikt" gerecht u werden. Statt ihre Politik zu untersuchen, macht Czempiel sich so zum Regierungssprecher einerseits der westeuropäischen, andererseits der amerikanischen Führungsmannschaften - und drittens zum Anwalt eines gemeinsamen Nenners der beiden politischen Linien, deren divergierende Selbstdarstellung er so unbesehen für bare Münze nimmt.

Und wie es sich für einen "redlichen Mittler" gehört, gibt der Autor erst einmal beiden Seiten ziemlich recht, allerdings mit Unterschieden gemäß dem tatsächlichen Kräfteverhältnis. Den Westeuropäern wird attestiert, ihr Beharren auf einer Trennung zwischen "Ost-West-" und anderen, vor allem zwischen "Nord" und "Süd" stattfindenden Konflikten sei immerhin der "geopolitischen Position Europas" ( S. 16) angemessen.

"Die Vereinigten Staaten hingegen, aufgrund ihrer bis in die Mitte der siebziger Jahre reichenden tonangebenden Machtfülle, stehen vor dem Problem, ob sie diese Machtfülle freiwillig einschränken und die Sowjetunion auch politisch als gleichberechtigten Partner in der Weltpolitik akzeptieren sollen, ...Hier stellt sich eine Machtfrage, und sie stellt sich nur den USA, weil nur sie aufgrund ihrer militärischen Vormachtstellung als Adressat in Frage kommen," (S. 16)

Eine solche "Machtfrage" stellt nicht "sich", sondern sie wird von einer Weltmacht aufgeworfen; wenn es dabei darum geht, der Sowjetunion eine "Gleichberechtigung" zuzugestehen, dann sind die USA nicht "Adressat" dieser "Machtfrage", sondern mit ihrem Anspruch auf uneingeschränkte Weltherrschaft deren Urheber; und deswegen kommt in dieser "Machtfrage" die Sowjetunion auch nie als "Partner" vor, sondern prinzipiell als sperriges Hindernis. Der Verfasser möchte aber auf den Gedanken hinaus, daß die USA mit ihrer universellen Zuständigkeit die größere Last, also auch Verantwortung tragen und deswegen auch die korrektere Weltsicht besitzen:

"Während Westeuropa recht hat darin, daß es in der militärischen Auseinandersetzung mit der Sowjetunion keine Alternative zur Entspannung gibt," - eine wahrhaft kühne Gedankenkonstruktion: "Entspannung" hätte ihren unverzichtbaren Platz "n der militärischen Auseinandersetzung..."; immerhin erspart der Verfasser sich mit dieser absurden Formulierung die Peinlichkeit, seinen Entspannungsudealismus allzu offensichtlich durch die "Nachrüstung" Westeuropas blamiert zu sehen! "trifft der amerikanische Hinweis zu, daß die Sowjetunion auch außerhalb des in Art. 6 des NATO-Vertrags genannten Gebietes Probleme aufwirft, von denen die Europäer betroffen werden. ... Die weltpolitischen Interessen Westeuropas gehen über die NATO hinaus, dafür ist sie zu eng." (S. 17)

Wenn den Westeuropäern die Welt nördlich des Wendekreises des Krebses "zu eng" ist, so handelt es sich um "weltpolitische Interessen", denen die theoretische Fürsorge Czempiels sicher ist; befaßt sich die Sowjetunion mit Afghanistan und mischt sich so "in die Konfliktzone des Nahen und Mittleren Ostens sowie des Indischen Oieans" ein, dann wirft sie "Probleme" auf, auf die "auch die Europäer reagieren müssen" (S. 17): Das ist wieder objektiv gedacht, im Sinne des Realismus nämlich der stärkeren Macht, die ihr Interesse der Welt als deren "unproblematische" Ordnung auferlegt. Ganz im Sinne solcher Objektivität übersetzt Czempiel seine Frage nach der "Zukunft der NATO" in folgendes "Hauptproblem der achtziger Jahre":

"Welche anderen Möglichkeiten stehen der Atlantischen Allianz zur Verfügung, um auf solche Konflikte zu reagieren?" (S. 17)

So viel hat der Verfasser also mitbekommen von der bereits angebrochenen "Zukunft der NATO", daß der "Ost-West-Gegensatz", den sie in die Staatenwelt hineinträgt, der selbsterteilte Auftrag zur Weltherrschaft ist, mit "Aufgaben", weil Interessen auch außerhalb ihres definierten Zuständigkeitsgebiets. Und so sehr leuchtet dieser Anspruch ihm ein, daß er ihrn mit Ratschlägen beispringen will, die sich in ihrem brutalen Realismus von der streitig durchgehaltenen Umdeutung der NATO in eine Organisation zur Bewältigung vorgefundener "Probleme" nicht irritieren lassen:

"Die EG unterhält enge wirtschaftliche Beziehungen zu diesen Ländern," (sc. Mittelmeerraum, Nord- und Schwarzafrika...) "trägt zu deren sozialer und wirtschaftlicher Stabilität bei. Dazu muß für den auswärtigen Notfall, sollte die Sowjetunion ihn auslösen, auch eine militorische Schutzfunktion treten können, die Europa nicht einfach den USA zuschieben darf. ... Nur dann läßt sich in der Atlantischen Gemeinschaft die neue Arbeitsteilung durchsetzen, die mit der Asymmetrie auch die Neigung der Reagan-Administration kompensiert, ihre militärischen Machtmöglichkeiten zum Okular ihrer Weltansicht zu machen." (S. 18)

Wenn den Europäern Reagans Militarismus nicht paßt, dann gibt es nur ein Heilmittel: sie müssen die nötigen Kriege selber führen - dann erübrigen sich die überflüssigen. Dieses einleuchtende Rezept entnimmt Czempiel der "Asymmetrie" der NATO, wonach bislang die USA für "weltweite Verantwortung", die Europäer für "Entspannung in der militärischen Auseinandersetzung mit der Sowjetunion" zuständig sind. Sein Aufsatz klingt sachgerecht aus mit Ratschlägen für eine konfliktfreie Verwirklichung dieser "Zukunft der NATO".

So wenig Czempiel sich in seinem Aufsatz als Moralist gibt: Moralisch gedacht wird da in einem sehr zeitgemäßen Sinn - ob die Person oder das eine dazwischenliegende Jahr für den gedanklichen Fortschritt gegenüber von Bredow verantwortlich sind oder beides, mag dahingestellt bleiben. Der politischen Lage mit hochberechtigten Wünschen und Forderungen kommen und sie daran messen: Diese Logik moralischen Denkens ist beiden Aufsätzen gemeinsam. Der Fortschritt liegt in dem Entschluß, das Ideal, als dessen Inkarnation die Weltpolitik sich bewähren soll, nicht "kritisch" gegen eine Welt zu halten, die ersichtlich andere Sorgen hat als ihm nachzukommen, sondern "realistisch" in den Aufträgen wiederzuentdecken, die die eigene Regierung und deren Verbündete sich selbst erteilen. Logisch ist es tatsächlich nur ein ganz kleiner Schritt von der idealistischen Deutung westlicher Weltpolitik als Kampf um die Bewältigung einer vorgefundenen schwierigen "Weltlage" zu der Konsequenz, die Mittel hierzu müßten den allfälligen "Schwierigkeiten" entsprechen - Krieg eingeschlossen, wenn "die Sachlage" es gebietet. Daß es einer Politikwissenschaft mit "kritischer" Tradition auch praktisch wenig Skrupel und keine Schwierigkeiten bereitet, diesen Schritt zu tun - dafür steht nicht nur Ernst-Otto Czempiel ein.