POLENS ZWEITER SOUVERÄN, DIE KIRCHE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 12-1985 erschienen.
Systematik: 

POLENS ZWEITER SOUVERÄN, DIE KIRCHE

betreibt, wie überall sonst auch, Seelsorge. In Polen ist das allerdings ein sehr weites Feld, weil sich die Seelen - eigentlich - durch den gesamten atheistischen Staatsapparat gefährdet fühlen, die Kirche in Polen also deren Reinheit vom freien Rübenanbau über den Fahneneid bis zu Untergrundkunstausstellungen verteidigen muß.

Als erstes will einmal der Kult selbst organisiert sein im Land mit der weltweit höchsten Pfarrer- und Kirchendichte pro Kopf, einer blendend organisierten Nachwuchsförderung, mit einer kompletten eigenen katholischen Universität (da kann Lobkowicz sich mit seiner Klitsche, kath. Univ. Eichstätt, nur schämen) und allem, was es an technischen Hilfsmitteln braucht. Geld ist kein Problem, das kommt aus dem Vatikan, von westlichen Episkopaten und anderen der Kirche freundlich gesonnenen Quellen. Wer in Polen schnellstens zu Wohnung und Auto kommen will, hat die Wahl zwischen zwei Berufskarrieren: Milizionär oder Pfaffe.

Grundstücke und Baumaterial für Kirchen, Klöster und Kapellen werden einfach bei der Regierung beantragt und auch prompt bereitgestellt. Irgendwo müssen die Pfaffen ja schließlich ein Plätzchen haben, um gegen den Staat zu hetzen, der seine Leute nicht mal mit dem Nötigsten versorgen kann, dem christlichen Glauben. Früher mußte man manchmal noch Baumaterial klauen und in Nacht- und Nebel-Aktionen schwarz Kirchen bauen, aber diese unmenschlichen Zeiten sind jetzt vorbei. Jetzt muß man allenfalls einmal caritative Westpäckchen gegen Geld verkaufen, um die kirchliche Ausstattung noch etwas aufzubessern. Ohne ein gesichertes Budget läßt sich die ganze Klientel ja auch nicht gescheit betreuen.

Die Bauern in ihrer Landidiotie z.B. brauchen sehr viel Zuspruch: Eine eigene "Bauernseelsorge" mit Gesprächskreisen, Beratungsstellen und Volkshochschulen, damit ihnen Professoren von der Warschauer Akademie Vorlesungen über "Die polnischen Nationalaufstände" und ähnliche urchristliche Fragen halten und andere Seelsorger den Bauernschädeln verklickern können, was der miese Trick bei den neuesten Staatsmaßnahmen ist. Auch der Städter will sein ordentliches Erziehungswesen. Indoktrination mit den Lehren des Marxismus-Leninismus? Nicht in Polen - da hat jeder ein Recht auf seinen Religionsunterricht. Für anspruchsvollere Geister wird dasselbe auf kircheneigenen Akademien, Instituten und Hochschulen geboten. Und für die tagtägliche Verbreitung der göttlichen Ratschlüsse für ein unabhängiges Polen hat man ein florierendes Agitpropwesen zur Verfügung, Tages- und Wochenzeitungen, lokale und überregionale Periodika. Eine Zensur hat man sich schon immer verbeten und mittlerweile bis dahin zurückgedrängt, daß allenfalls etwas zu schmissige Parolen wie: "Nieder mit der kommunistischen Diktatur Jaruzelski!" und "Miliz = SS" getilgt werden. Die Kirchenräumlichkeiten selbst sind sowieso per Gesetz zensurfrei, so daß alle von oben mißbilligten Kunstaufführungen, Wissenschafts- oder Politik-teach-ins für ein pulsierendes Geistesleben unterm Schutz der Bischöfe sorgen.

Leider kann die seelsorgerische Betreuung die staatsfeindliche Opposition nicht total vor behördlicher Verfolgung schützen: Gegen Gerichtsurteile oder den Verlust staatlicher Arbeitsplätze kann sie nur indirekt vorgehen. Aber das kann sie Verfolgten und Unterdrückten garantieren: Reproduktionssorgen brauchen sie sich garantiert nicht zu machen, die Kirche fängt sie als lückenloses soziales Netz auf, stellt bei Bedarf Anwälte und massig Öffentlichkeit für die Fortsetzung der politischen Agitation. Eine gemütlichere Staatsfeindschaft, bei der man seinen eigenen Heroismus prompt mit Massenbädern bestätigt bekommt, ist nirgendwo auf der Welt zu haben.

Bei soviel Aufgaben kann die Kirche gar nicht anders, als auf die weltliche Ausübung der Macht ein strenges Auge zu haben. Schließlich wird sie ja auch von der immerzu um ihren guten seelsorgerischen Rat gebeten. Da braucht der polnische Führungsbischof schon ein komplettes Schattenkabinett, sogenannte "katholische Experten", um die ganze Regierungsarbeit zu kontrollieren, den richtigen Standpunkt zur Reform des Hochschulwesens, zu eigentumsrechtlichen Fragen auf dem Land, zu christlichen Preissteigerungen usw. im Blätterwald gründlich zu verbreiten und ihren Einfluß bei den entscheidenden Stellen geltend zu machen. In Gipfeltreffen oder den laufenden Geheimverhandlungen oder über ihre U-Boote im Parlament. U-Boote deshalb, weil die Kirche, wenn sie schon große Stücke säkularer Gewalt unmittelbar ausübt, doch nicht ihre saubere Weste durch den Eindruck beschmutzen kann, sie würde mit dem Staat einvernehmlich zusammenarbeiten. Das wäre eine unnötige Beeinträchtigung ihrer schon so weit legalisierten Subversionsarbeit.

Nachdem sie es schon geschafft hat, eine gewisse Konkurrenzsituation mit einer anderen Oppositionsbewegung zu bereinigen und die Mitgliedschaft der "Solidarität" komplett in ihren Machtbereich zu überführen, war eigentlich der Einstieg in die ökonomische Konkurrenz zum Staat zur Stärkung der eigenen Klassenbasis geplant. Mit Westgeldern für einen kirchlichen Landwirtschaftsfonds sollte mal ein bißchen Schwung und kapitalistischer Unternehmungsgeist in die mickrigen Kleineigentümer auf dem Land gebracht werden - zum Nutzen der Kirche und zum Schaden der Planwirtschaft. Daraus wird jetzt leider nichts, weil die westlichen Finanziers die Lust daran verloren haben, aber auf alle Fälle läßt sich gut damit agitieren: Der Staat hätte diese Wohltat verhindert, weil er unverschämterweise seine Steuerhoheit für diese Sphäre nicht aufgeben wollte.

Denn, bei aller Selbstzufriedenheit und aller Freude über das Erreichte, das muß man doch einmal festhalten: Die menschenrechtswidrigen und gotteslästerlichen Anfeindungen, denen man als Kirche in der Volksrepublik Polen ausgesetzt ist, werden langsam unerträglich. Der Regierungssprecher z.B. wagt es, einen Artikel gegen "klerikalen Chauvinismus und Expansionismus" zu veröffentlichen, mit folgender, ungeheuerlicher Aufforderung zur Toleranz:

"Einige Priester und selbst Bischöfe lassen völlig außer acht, daß auch Nicht- oder Andersgläubige Gefühle haben. Hielte ein Parteiaktivist eine Rede ähnlich wie manche Prediger, nur in anderer Stoßrichtung, so würde dies zweifellos als Beleidigung der religiösen Gefühle bezeichnet. Die wissenschaftliche Weltanschauung dagegen kann man öffentlich verleumden und in den Schmutz ziehen.

Der Klerus schürt Intoleranz, bezeichnet Unglauben als Verbrechen gegen die Welt. Unsere Verfassung stellt Volksverhetzung unter Strafe, wäre es da nicht angebracht, ein Gesetz zu erlassen, das dem Atheismus und dem Theismus gleichen Rechtsschutz sichert?

Beide, Religion und Atheismus, können doch den Menschen zu einem würdigen Leben bewegen..."

Grund genug jedenfalls, dieses kleinbürgerlich-demokratische Toleranzideal zurückzuweisen und dem Staat einmal klar und deutlich die Regeln der Gesellschaft aufzuzeigen, die er zu tolerieren hat, wenn er will, daß die Kirche überhaupt mit ihm verhandelt. Der Regierungssprecher von Bischof Glemp, der "gesellschaftspolitische Ratgeber" Micewski:

"Wir (pluralis maiestatis maximae) nehmen unsererseits gewisse objektiv bestehende Verfassungsprinzipien zur Kenntnis.

Die - ihrer Ideologie nach von uns getrennten Gesprächspartner akzeptieren den Univerialismus der Kirche", (d.h. die religiöse Verpflichtung sich in so gut wie jede Staatsmaßnahme einzumischen) "ihre Verbindung mit dem päpstlichen Rom, ihr Recht auf Ausübung des religiösen Kults, aber auch die bestehende katholische Kultur und die katholischen Prinzipien des gesellschaftlichen Lebens."

Punktum, Schluß, aus und 1987 wird der Papst wieder ins Land geholt.