PLANWIRTSCHAFT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1986 erschienen.

Die Verbrechen der Russen
PLANWIRTSCHAFT

Die Russen haben eine Wirtschaft. Sie planen sie. Und sie hören nicht auf damit.

Im Sommer gibt es Winterschuhe zu kaufen. Ganze Waggons mit industriellen Zulieferungen gehen verschütt. Ein Neubau mit Balkonen ohne Zugang steht rum. Ersatzteile für Autos sind nicht zu bekommen, liegen aber bei der Autofabrik im Freien herum und verrosten. Vieh wird mit Brot gefüttert, und Weizen muß importiert werden. Die Liste ist unendlich und wird fast täglich ergänzt. Und das dermaßen gründlich, daß Reisende aus dem Westen sich nachgerade wundern müßten, wie normal angezogen sowjetische Bürger herumlaufen, wieviele Autos fahren und was für moderne Gerätschaften in den Faibriken benützt werden.

Der ständige Deuter auf sozialistische Mißwirtschaft und Armut ist allerdings durch den Augenschein nicht zu erschüttern, und eine fehlende Banane in Taschkent gibt es immer zu entdecken. Diese Beweisführung ist so unerschütterlich und unendlich, weil sie sich einem "System" widmet, das sich einmaal als Alternative zur und als Kritik an der freien Marktwirtschaft eingeführt hatte. Und dem Vorhaben, den Kapitalismus in allen Belangen, vor allem aber in der Versorgung der Bevölkerung zu "überholen", wird seitdem schadenfroh hinterhergerechnet, um der Plaanwirtschaft ihr Scheitern zu beweisen. Und wenn die Versorgung der Sowjetbürger mit weitaus mehr als dem Lebensnotwendigen inzwischen auch längst geregelt ist - davon macht sich der westliche Befund nicht ahhängig: Irgendwelche Produkte westlicher Genialität lassen sich immer anführen, Gucci-Handtaschen und Cartier-Juwelen z.B., wegen denen Raissa Gorbatschow bis nach Paris fahren mußte.

Der Maßstab, an dem sich die Planwirtschaft immerzu blamieren soll, ist andererseits auch deshalb so unschlagbar, weil er exklusiv für sie gilt: Weder wird die überreichliche Armut in der Welt des Imperialismus jemals zu einem Beweis für irgend etwas, noch lassen sich die demokratischen Staaten an so etwas wie der Versorgung ihrer Bürger messen. Das Ziel kennen sie gar nicht; da genügt es, daß es all die begehrenswerten Dinge gibt, an die die Westbürger wegen ihres Lohns nicht herankommen.

Armut, bzw. das, was als sowjetisches Beispiel dafür herhalten muß, fungiert ausschließlich in Sachen Planwirtschaft als schlagendes Argument. Und zwar auch nicht als Argument dafür, daß man dann eben dieser unterentwickelten Ökonomie auf dem Gebiet fortschrittlicher Produktionstechniken und Erfindungen nachhelfen muß. So wörtlich ist das Mitleid mit den geplagten sozialistischen Konsumenten nicht gemeint. Das soll man vielmehr als Beweis für die geradezu unheilbare Fehlerhaftigkeit der Art Wirtschaft verstehen, die dort betrieben wird.

Das an jedem sozialistischen Socken aufgedeckte Verbrechen ist die Planwirtschaft, der logisch gar nicht so einfache Befund, daß eine Planung einer Wirtschaft gar nicht gut gehen kann. Daß jedes kapitalistische Unternehmen intern eine lückenlose Planwirtschaft veranstaltet, die jede Detailoperation mit Material und vorschriftsmäßiger Dauer erfaßt und dirigiert, daß auch andernorts "unglaublich viele einzelne Variablen" zum Beispiel in "einen einzigen" Bundesbahnfahrplan zusammengefaßt werden, der dann wahrhaftig auch noch "klappt", ist als Einwand nicht erlaubt. Der sozialistischen Planwirtschaft wird ihre logische Unmöglichkeit nun schon über 60 Jahre lang nachgewiesen (ohne daß sie bisher zugrundegegangen wäre), weil sie den - nach bürgerlicher Auffassung - einzig wirksamen Motor "jeden Wirtschaftens" ausgeschaltet hat: das Privatinteresse namens Kapital.

Die Heerscharen von Sachverständigen und Ostforschern, die in westlichen Instituten und Zeitungen den Mißständen der Sowjetökonomie auf der Spur sind, brauchen keinen Gedanken darauf zu verwenden, was den zitierten Mißständen zugrundeliegt, wie der Plan funktioniert und welche Wirkungen die Befolgung der sozialistischen Hebel zeitigt. Das interessiert sie deshalb einen Dreck, weil der Universalschlüssel zur Erklärung der Untubarkeit der Planwirtschaft längst feststeht: Sie ist eine einzige Verhinderung einer freien Marktwirtschaft.

Ein Betrieb mit staatlichen Auflagen: Na klar, ohne den wagemutigen Unternehmer mit seinem gesunden Gewinnstreben können ja gar keine brauchbaren Bügeleisen hergestellt werden. Und nicht einmal pleite machen dürfen sozialistische Betriebe - welch eine Sünde gegen vernünftiges Wirtschaften! "Lebensfremde Bürokraten" bestimmen anstelle des sachverständigen Unternehmers, der eben sein unerklärliches Gespür betätigt, weil er für alle Unterabteilungen seine Bürokraten hat. Staatlich festgelegte Preise: Die sind per definitionem "falsch", zu hoch oder zu niedrig, weil der segensreiche Markt fehlt, durch den bei uns doch alle auf ihre Kosten kommen, zumindest mit "rationalen" Preisen bedient werden, was immer das sein mag. Staatlich festgelegte Löhne, Arbeitsplatzgarantie und soziale Fürsorge: Da kann doch keine echte Leistunpsmotivation entstehen! Keine saftigen Rationalisierungen und Entlassungen, keine Arbeitslosigkeit: Wie soll denn da der von Natur aus faule Mensch zu produktiver Arbeit gebracht werden?!

Und so darf sich auch der einfache Mann hierzulande darüber entrüsten, daß seinen Klassenbrüdern drüben all die segensreichen Zwänge fehlen, die seine Lohnarbeit so lohnend machen - fürs Kapital. Auch sonst niemandem bereitet es ideologische Kopfschmerzen, wenn in einem Atemzug das russische Volk dafür bemitleidet wird, daß ihm westlicher Reichtum und westliche Ausbeutung abgehen. Das Dogma, daß Reichtumsproduktion nur mit und zum Nutzen von Privateigentümern gelingen kann, holt sich da sein Belegmaterial.

Daß die Planwirtschaft ein Verbrechen wider die Menschennatur ist, insofern sieh dieses unbekannte Wesen nur nach Maßgabe von Profit und Kapitalakkumulation, mit per Lohnarbeit garantierter Armut und Banken- und Staatsreichtum so richtig selbst verwirklicht, mag ja für VWL-Professoren und deren Dolmetscher in den Zeitungen ein Ärgernis sein. Wenn es aber bloß das wäre, daß da ein Stück Wirtschaft nicht vorschriftsmäßig kapitalistisch abgewickelt wird, dann gäbe es allerhand zu kritisieren in der Welt. Und wenn es umgekehrt nur das wäre, daß im Osten kein gescheiter Reichtum zustandekommt, da gäbe es auch noch ein Paar andere Nationen, über die man sich die Mäuler zerreißen könnte. Das Ärgerliche an der Planwirtschaft, das ihr die ganzen Unsinnsvorwürfe einträgt, daß sie gar nicht klappen kann, hat praktische Gründe: Sie klappt viel u gut - für die Ansprüche der westlichen Geschäftswelt und ihrer politischen Macher.

Daß die staatliche Bevormundung einer Wirtschaft ein Verbrechen ist - gegen die freie Marktwirtschaft -, dieser Befund hat darin seine Wahrheit, daß deren Vertreter sich einem ganzen Stück Erde mit einer ansehnlichen Reichtumsproduktion darauf gegenübersehen das sie sich nicht einfach mit ihren andernorts fraglos gültigen Mitteln zugänglich machen können, mit Geld, Kredit, Warenhandel. (Falls sich noch jemand dran erinnern mag: Zu Zeiten des KSZE-Abkommens war der entsprechende "Korb" mindestens so interessant wie der mit den "Menschenrechten".) Handel und Wandel mit der Sowjetunion bestimmen sich nach wie vor danach, was das dort zuständige Staatswesen für seinen Plan für zuträglich hält. Bezeichnenderweise lauten die Beschwerden von der Osthandelsfront unverändert immer noch so, daß viel u wenig läuft, daß man viel mehr verkaufen und viel mehr kaufen möchte, als es das hinderliche staatliche Außenhandelsmonopol gestattet.

Auch wenn sich Handelsbeziehungen eingebürgert haben und auch die Sowjetunion per Kredit darauf hingewiesen worden ist, daß sie sich die Befriedigung westlicher Geschäftsbedürfnisse um ihrer Zahlungsfähigkeit willen zu eigen zu machen hat - ein richtig freier, ausnützbarer Markt ist sie deswegen noch lange nicht. Immer noch unterliegen Käufe und Verkäufe der staatlichen Aufsicht über die eigene Zahlungsfähigkeit, die sich manchmal sogar die Freiheit herausnimmt, den Handel zu reduzieren, um Schulden abzubauen, sich also unverschämterweise der Kreditverpflichtung ein Stück weit zu entledigen. Immer noch gehorcht dort der Plan rein nationalen Gesichtspunkten, z.B. dem der inneren Versorgung statt dem gesunden Kriterium, die Waren dort zu verkaufen, wo sich das meiste Geld damit machen läßt. Und eine ehrliche Konkurrenz mit Kapitalimport und westlicher Maschinerie, mit der man die innere Zahlungsfähigkeit erst so richtig ausschöpfen könnte, ist auch nicht gestattet. Alles Beschwerden, mit denen die Geschäftswelt andererseits aber auch ganz gut leben kann. Sie klagt und nimmt alles mit, was sich machen läßt.

Ein Verbrechen ist die Planwirtschaft nämlich eigentlich wirklich erst für die letzte Instanz: die freiheitliche Politik. Der nationale Eigensinn, mit dem sich die Planwirtschaften einmal aus unserem herrlichen Weltmarkt ausgeschaltet haben und ihm immer noch lauter "Handelshemmnisse" entgegensetzen, ist - wenn man ihn politisch betrachtet - eine Art Kriegserklärung, nämlich die Weigerung, sich ökonomisch den Interessen der westlichen Nationen nützlich zu machen. Zweitens ist diese Sorte Wirtschaft auch noch viel zu potent: Sie läßt sich nicht ökonomisch dazu erpressen, sich zu "öffnen" und beispielsweise den IWF als sachkundigen Ratgeber zu akzeptieren. Trotz der ganzen Mängelliste taugt die Planwirtschaft drittens nicht dazu, den politischen Eigensinn der sowjetischen Staatsmacht zu beugen: Der Weizenboykott der USA hat zwar allerlei Schäden, aber nicht einmal richtigen Hunger hervorgerufen. So kann man die Sowjetunion zwar dazu bringen, das eine oder andere teuer zu bezahlen und ihre Naturreichtümer reichlich und billig herzugeben - zur Korrektur ihrer Politik taugt die ökonomische Einflußnahme aber mitnichten. Daher hat die herzliche Feindschaft des Westens die Theorien, warum der Laden drüben wirtschaftlich zum Bankrott verurteilt ist, um eine weitere ergänzt: um die Theorie des Totrüstens. Und nicht einmal an dieses tröstliche Konzept können seine Erfinder so recht glauben. Das wissen sie viel zu gut, daß die Sowjetwirtschaft immer noch genügend Reichtum für die Waffenproduktion zustandebringt, daß der erwünschte Tod also gar nicht eintritt, ohne daß die Rüstung auch zur Anwendung kommt.