PESSIMISMUS, OPTIMISTISCH GEHALTEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1981 erschienen.
Systematik: 

Iring Fetscher: Überlebensbedingungen der Menschheit. Zur Dialektik des Fortschritts, München 1980
PESSIMISMUS, OPTIMISTISCH GEHALTEN

"Die fehlende Ausdauer und die Anfälligkeit für rasch wechselnde modische Trends, die vor allem Intellektuelle auszeichnet, könnten leicht zu einer vorschnellen (!) 'Ermüdung' und zur Abkehr von der Thematik führen... Es gilt aber, nicht nachzulassen und sich nicht zu scheuen, notwendige Wahrheiten zu wiederholen, auch wenn Snobs und Zyniker schon müde abwinken." (aus dem Vorwort)

Das wäre ja noch schöner, wenn sich der Geistesstand von einer "Thematik" verabschiedete, bevor Intellektueller Fetscher sein Scherflein dazugeben konnte! Nun könnte man zwar munter abwinken und meinen, Fetscher bräuchte solche Befürchtungen gar nicht zu hegen, wenn er nur einmal seinen eigenen Titel ernstnehmen würde: Die Überlebensbedingungen der Menschheit (- und folglich doch auch der Intellektuellen?) könnten doch wohl nicht so einfach an Interesse verlieren! Aber die Angst davor, zu spät zu kommen, bildet eben das Berufstrauma eines geistigen Trittbrettfahrers. Und Fetscher ist oft genug auf einen fahrenden Zug aufgesprungen, um zu wissen, wie man selbst aus derlei Befürchtungen noch Wirkung schinden kann: Bedenkt man das Risiko, ins Leere zu stoßen und in den Remittendenkisten des deutschen Buchhandels zu landen, so erweist sich gerade derjenige, der als letzter aufspringt und "sich nicht scheut, zu wiederholen", als der ernsthafteste und unerschrockenste Verfechter des Anliegens.

Zum Anliegen selbst: Daß es auf Unverständnis treffen würde, der Welt das große

nichts geht mehr

in Aussicht zu stellen, ist vorerst nicht zu erwarten. Schließlich hat der kritische Geist unter diesem Motto eine Radikalität ganz besonderer Art zur Entfaltung gebracht, indem er sich seit geraumer Zeit damit aufführt, "unsere Industriezivilisation" erstaunlich pauschal "in Frage zu stellen". Die Eigenartigkeit solcher Radikalität liegt darin, daß ihr die vielfältig aufgegriffenen übel "Gefahr eines atomaren Weltkriegs"... "Kernenergie"... "Unterdrückung und Ausmerzung ganzer Völker"... "Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen"... - keineswegs von sich aus Ärgernis genug sind, sich für deren schnellstmögliche Beseitigung zu verwenden. Vielmehr legt sich der kritische Geist die aparte Frage vor, wie lange "es" denn noch so weitergehen könne, und das von ihm beschworene "gigantische Ausmaß" aller denkbaren Schweinereien dient ihm dazu, der "Menschheit" die schlechte Aussicht zu eröffnen, sie könne sich solches "nicht mehr lange leisten":

"Das Ende des Fortchritts, oder doch einer Art Fortschritt, wird sichtbar." (47)

Der Philosoph denkt in großen Zügen. Wenn er schon mal das praktische Leben zu seinem Thema macht, so macht er's nicht unter einem Massenssterben, welches ausreicht, die Existenzfrage aufwerfen zu können. Denn - so Gedankenzug 2 - erst so bekommt die Sache eine wahrhaft philosophische Dimension: mit der denkbaren Vernichtung solcher Massen stehen ihm viel exquisitere Subjekte auf dem Spiel - die Zivilisation, der Fortschritt! Da kann man natürlich fragen, der Fortschritt von wem oder was es sei, was hier gefährdet ist: der Fortschritt der Kultur? der Technik? des Individuums? des Staats? der Rüstung? der Abrüstung? Man kann es aber auch lassen, denn alles stimmt und keines interessiert für sich genommen. Der Fortschritt selbst eben, den Fetscher "linearen Fortschritt" nennt (was auch auf jeden Fall richtig ist, denn ein "zirkulärer" wäre ja schließlich auch wieder keiner). Unangemessen wäre dagegen die Frage, was denn zu beklagen sei am Ende einer "Zivilisation", die ihren Fortschritt nach des Philosophen eigener Auskunft durch Gewalt und Zerstörung bewerkstelligt. Da wäre man ja ein "Zyniker", der wohl an "unserer Zivilisation" gar nichts mehr finden kann, was ihm heilig ist! Und genau darum geht es: Wie wenig sich Fetscher einerseits festlegen will, was es denn nun sei, was den "Fortschritt der Zivilisation" ausmache, zugleich aber in dessen Verlauf abhanden komme, so sicher ist andererseits, daß dieser Fortschritt in jedem Fall etwas höchst Positives bedeute. Irgendetwas muß einem daran doch heilig sein!

Fetscher rückt der Welt mit dem herben Vorwurf zu Leibe, daß sie seine Bereitschaft, sich für sie zu begeistern, allmählich schwer enttäuschen könnte - und nimmt die Erwartungen, die sein philosophischer Geschmack an die Geschichte richtet, gar noch so wichtig, daß er deren Nichterfüllung dem "Fortschritt" als dessen Widerspruch ans Bein bindet:

"Die Dialektik des Fortschritts besteht darin, daß sein durchschlagender Erfolg die eigenen Vorauasetzungen zerstört." (53)

So geht also Dialektik: Indem man sich um so unerhebliche Differenzen wie die zwischen Herrschern und Opfern, Reichtum und Zerstörung großzügigerweise einen Dreck schert, vielmehr alles zusammen in Gegensatz zu sich selbst stellt, erscheinen die auf den ersten Blick sehr eindeutigen Fortschritte als recht eigentlich ganz

eitler Wahn!

"Ein Sublekt, das die längst global gewordenen Fragen beantworten, die blinde Entwicklung im humanen Interesse steuern könnte, existiert noch nicht. Die Menschheit - die Summe der Menschen auf der Erde - ist nach wie vor Objekt, nicht Subjekt ihres Schicksals." (58)

Immerhin ist die Menschheit, wenn auch nicht als "Summe", so doch in Gestalt eines ihrer erlesensten Exemplare, Subjekt genug, die "globale Frage" aufzuwerfen, wo denn ein Subjekt sei. Um sich damit, was die lieben Humana den guten langen Tag so treiben; nicht weiter abzugeben, sondern all das als "blinde Entwicklung" vorstellig zu machen, setzt Fetscher Dinge in die Welt, von denen man vor ein paar Jahren noch gedacht hätte, einem linksliberalen Marxismusexperten müßte so etwas peinlich sein. In der Beschwörung einer dem menschlichen Zugriff entzogenen Macht, die deren Geschicke prädestinieren soll, entdeckt der aufgeklärte Herr Fetscher den Aberglauben für sich: Das Schicksal lenkt, der Mensch denkt sich, wenn's hoch kommt, dumme Fragen aus!

Der Augur stellt natürlich Unerklärlichkeiten auf, um sich an ihrer Deutung zu bewähren, und was dem antiken Propheten sein Bart, ist dem modernen Sinnsucher sein psychologisches Menschenbild. Fetscher ist so konsequent, die monströse Verrücktheit, die er den Zeitläuften diagnostiziert, auch der Summe seiner Artgenossen als deren ganz persönliche "emotionale Disposition" zu attestieren:

"Sie fliehen aus der Gegenwart, und da (!) ihnen religiöse Zukunftserwartungen meist fremd geworden sind, kann diese Flucht (ganz im Gegensatz zur christlichen Heilserwartung!) nur in eine imaginäre Zukunft oder eine illusionäre andere Welt führen." (36)

Was macht die Menschen in der Gegenwart aus? Daß die Menschen aus der Gegenwart fliehen! Auch ein guter dialektischer Gedanke, der aber nicht als Bonmot verstanden sein will. Denn wiewohl Fetscher die Menschen zu Objekten ihres Schicksals degradiert - daß die Zukunft ein Produkt einer ureigensten menschlichen Macke sei, sich in der Gegenwart nicht aufhalten zu wollen, meint er ganz wörtlich. Und das geht so zusammen: Objekt Menschheit, von seinem allgegenwärtigen Ausgeliefertsein frustriert, verlegt sein ganzes Streben in eine "Hoffnung auf den unendlichen Progreß". Und aus diesem Antrieb heraus wird das Würstchen der Gegenwart so aktiv, daß es sich zum Gigantomanen der Zukunft aufschwingt, indem es sich an seiner stummen Umwelt vergreift und sich "ohne jede Einschränkung zur Herrschaft über die Natur ermächtigt". "Entwicklung der Naturwissenschaften und Produktionstechniken als Selbstwert" (71) - nichts Geringeres also als die Verrücktheit, sich die Natur zum Mittel zu machen, um sie zu beherrschen und sonst nichts (die Neutronenbombe wurde ja auch dazu entwickelt, um es den Neutronen mal zu zeigen!) - so lautet das Programm der von Fetscher konstruierten "Epoche", für das dieser Mann auch noch die Nerven hat, en passant die "schwerwiegende Fehlernährung von 60% der Weltbevölkerung" zu zitieren. Damit hat sich der Frager, Denker und Deuter die Welt absurd genug hergerichtet, um seine Beanstandung loszuwerden, die Leute wüßten nicht so recht, was sie eigentlich wollen, weil die Natur ihnen solches nicht vorschreibt:

"...daß die Wissenschaft und die Produktionstechnik zwar extrem mächtige Mittel, aber keine Zwecke und Ziele liefern können und unserem Leben wie der Geschichte keinen Sinn zu geben vermögen." (71)

Es ist ja auch idiotisch genug: Kaum verwirklicht die Menschheit ihren Zukunftswahn, ist ja auch die Zukunft wieder zur Gegenwart geworden, und die Menschheit, reicher an Mitteln, aber arm an Sinn, findet sich als getrogenes Objekt ihrer eigenen Obsession wieder, was ihre "verkrampfte Hingespanntheit auf die Zukunft" nur von neuem erregt... Schicksalsmelodie...! Angesichts eines solch trostlosen Szenarios muß es denn tröstlich wirken, wenn Fetcher einlenkt "Nach einer vielschichtigen Problematisierung des Fortschrittsbegriff kehre ich damit zu einer neuen (!) Fortschrittshoffnung zurück (!)," -

und die (von Aristoteles aufgeworfene) Frage nach der "Möglichkeit des Glücks" immerhin

"mit skeptischer Hoffnung"

beantworten will.

"Diese alternative Zivilisation kann ziemlich plausibel vorgestellt und ausgedacht werden. (...) Die Menschen könnten auch - freilich nie allein - in der Gegenwart leben. Das Moment des 'ganz anderen' würde wieder auf ein Jenseits ihres irdischen Lebens sich beschränken. (...) Der Widersinn des unendlichen Fortschritts auf einem endlichen Planeten könnte verschwinden..." (36 f.)

Schön gedacht: Könnte der Mensch das Glück, das er in dem "ganz anderen" sucht, nicht ganz in dem Einen finden? Könnte er nicht mit der "erdrückenden Gegenwart und Not" dadurch ins Reine kommen, daß er die Hoffnung, diesem entfliehen zu können, als Hoffnung pflegt? Könnte er nicht "jene eingebaute Dynamik, die den Wunsch nach 'mehr' erzeugen muß", überwinden, indem er sich den Gedanken zu Gemüte führt, daß weniger mehr ist? Könnte er sich nicht, anstatt sich "verkrampft hinzuspannen", locker zurücklehnen? Fürwahr, das Ei des Philosophen - mit dem Fetscher gleich damit angibt, alleine dazustehen:

"Eine neue Utopie? Vielleicht." (38)

Wir müssen das zurückweisen:

"...denn die Hälfte seines Lebens

lebt der Mensch total vergebens,

weil er sich sein Glück vermiest

statt es genießt!" (Katja Epstein)

Gärtner im Garten Eden

Aber nicht nur sehr gepflegt ist eine solche Vorstellung, sondern auch "ziemlich plausibel". Lautete nicht die umfassende Diagnose des gegenwärtigen Weltgetriebes auf "Verwechslung von Lebenssinn mit 'quantitativem Fortschreiten'" - daß die Leute also in allem, was sie unternehmen, "Glückssurrogate" und "Ersatzbefriedigungen" anstreben? Insofern all das, wodurch die Menschen "ihr Glück zu verwirklichen" suchen, sich dadurch auszeichnet, nicht das Wahre zu sein, ist doch auch nichts leichter, als den Gedanken umzukehren - hin zu der ermutigenden Perspektive, das Wahre sei es doch schließlich, von allem, was man zu erreichen sucht, abzulassen!

Betrachtet die Vöglein des Himmels, und ihr werdet sehen, daß es noch nicht einmal eine "Hoffnung auf das ganz andere" dazu braucht, um aus der Freude am Dasein (natürlich verbunden mit erfüllender Betätigung in der frischen Luft) "genuine BefriediUung", "wirkliche Sättigung" zu beziehen:

"Das biblische Gebot 'Macht euch die Erde untertan' sollte im Sinne von Rene Dubos" (das ist wahrscheinlich der, der sich immer als Taube verkleidet hat!) "durch die Erinnerung an die Betrauung des ersten Menschenpaares mit der Sorge um den 'Garten Eden' korrigiert werden. Wenn wir die Erde als einen der Menschheit zur Pflege überantworteten Garten begreifen," (dann, ja dann) "werden wir Naturbeherrschung nicht mehr im Sinne des unbegrenzten Rechts auf Naturausbeutung mißverstehen." (35 f.)

Die Menschen einer "derart befriedigten und damit zugleich befriedeten Gesellschaft" gehen im Garten so für sich hin... und freuen sich: a) daß es sie gibt, b) daß es die andern auch noch gibt, c) daß es den Garten gibt, d) daß sie sich anstrengen, damit es all das weiterhin gibt - wodurch sie auch morgen wieder was zum Freuen haben. Kurzum:

"In ihr würde die Befriedigung der Menschen wieder (?) in erster Linie durch ihr Tun, ihre humane Praxis bestimmt werden, wie es zur Zeit vielleicht nur bei wenigen Künstlern, Wissenschaftlern, Dichtern der Fall ist..." (36)

Golden Iring und charming Katja - Adam und Eva einer "qualitativ anderen Weltzivilisation"!