PERSON: HEINER GEISSLER

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Dieser Artikel ist in der MSZ 7-1985 erschienen.
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PERSON: HEINER GEISSLER


ABTEILUNG: DEMOKRATISCHE STAATSPROPAGANDA



RUF: "ETHISCH FUNDIERTE DRECKSCHLEUDER"

Seit 1977 ist Heiner Geißler Chef der Propagandaabteilung der Christlich Demokratischen Union (bürgerliche Berufsbezeichnung: Generalsekretär). Er hat sich in der Ausübung dieses Amtes großes Auf- und Ansehen erworben.

Wenn Geißler die Giftspritze gegen politische Gegner in Anschlag bringt, so ist inzwischen bekannt, kommt kaum einer unter dem Verdikt "Russenfreund" und/oder "Staatszersetzer" weg. Das Niveau der Auseinanders.etzung ist hoch angesetzt: Stets geht es dem CDU-General um die letzten Gehorsamspflichten gegenüber der Staatsgewalt, um Werte, deren Grundsätzlichkeit das Beharren auf "Geist" und "Stil" schwachbrüstig und mimosenhaft erscheinen läßt. Wie sehr dieser Herr in den letzten Jahren "nur seine Pflicht für die Partei erfüllt" hat (Kohl), zeigen der Erfolg der wieder an die Macht gelangten Christdemokraten ebenso wie die breite Palette von Ehrentiteln: "Tiefschlagspezialist", "Brunnenvergifter", "Diffamierungskünstler" oder jüngst "schlimmster Hetzer seit Goebbels", die Geißler wohlkalkuliert auf das Konto seines Politikerimages verbucht. Solche Anwürfe haben seinen Ruf als "Moralist und gnadenloser Kämpfer" gemacht.

Warner vor staatsgefährdender Armut

So war es auch mehr als gerecht, daß er wenn es denn schon die Staatspropaganda aus nationalmoralischen Gründen nur noch in der erbmäßig unbelasteten Form eines Parteisekretariats geben sollte - nach der "Wende" mit einem Ministeramt im Kohl-Kabinett doppelbelastet wurde. Da mochte zwar manch einer den traditionsgemäfß befrauten Sessel des Familienministeriums durch einen Männerarsch verunziert glauben, Heiner Geißler belehrte ihn eines Besseren:

"Es ist für die Familienpolitik und die Frauenpolitik gut gewesen, daß der Generalsekretär der CDU diese Aufgabe in den letzten zwei Jahren übernommen hat. Es kommt dieser Politik zugute, wenn sie mit mehr Pep vertreten wird."

Zu Recht läßt Geißler hier keinen Widerspruch zwischen seinem hohen Staatsamt und dem Posten des professionellen Parteihetzers zu. Der "Pep" bestand für ihn schon immer darin, die von der Politik in die Welt gesetzten Härten fürs einfache Arbeitsvolk propagandistisch zur Feindbekämpfung auszuschlachten: Von daher übte das Metier des Sozialpolitikers schon früh seinen Reiz auf Geißler aus.

Mit 33 Jahren saß der promovierte Jurist in leitender Funktion im Büro des Arbeits- und Sozialministers von Baden-Württemberg. Von dort aus gelang ihm 1965 der direkte Start in den deutschen Bundestag wo er nur 2 Jahre auf den Ruf aus Rheinland-Pfalz warten mußte, um dort seine gesammelten Erfahrungen mit der staatlichen Armutsverwaltung auf dem Posten des Sozialministers zur Anwendung zu bringen.

H Geißler wußte also, wovon er redete, als er den Buchmarkt 1976 mit einem bescheiden dimensionierten, aber brisant betitelten Taschenbuch aufschreckte: "Die Neue Soziale Frage". (Daraus, soweit nicht anders vermerkt, die folgenden Zitate.)

Fragen werden hier heine gestellt; dafür greift der damalige Pfalzminister auf ihm zur Verfügung stehendes reiches statistisches Material zurück, um die gewagte These zu belegen, daß die von ihm mitverantwortete Staatsgewalt doch glatt einen Haufen Elend organisiert:

"In der Bundesrepublik Deutschland gibt es wieder (?) bittere private Armut. 5,8 Millionen Menschen in 1,1 Millionen Haushalten verfügen nur über ein Einkommen, das unter dem Sozialhilfeniveau liegt. Es handelt sich dabei nicht um 'Gammler, Penner und Tippelbrüder',...",

sondern um wertvolleres Menschenmaterial wie "Arbeiterfamilien", "Angestellten- und Rentnerhaushalte". (27)

Das Schöne (Geißler nennt es wissenschaftlicher "das Neue") an dieser Armut liegt für den Sozialminister nun nicht darin, daß er ihr immerhin seinen Posten mit einem Einkommen weit über "Sozialhilfeniveau" verdankt, sondern daß sich anhand der Tatsache, "daß der Arbeitnehmer... vom Lohn, und zwar von dem Lohn, den er am Arbeitsplatz aufgrund (?) seiner Leistung erzielt, allein nicht leben kann. Er ist auf Sozialeinkommen angewiesen...", der seinerzeit regierenden SPD als "Arbeitnehmerpartei" schwer eins reinwürgen läßt. Versagt haben sie - wie erwartet -, die Sozis, und zwar nicht bei der Versorgung breiter Volksschichten mit dem Lebensnotwendigen, sondern bei der Sicherung der Grundfesten staatlicher Ordnung. "Bedroht" soll viel was Höheres sein: "die Legitimität" - dafür hat Geißler die ganz normale Armut der Lohnarbeiter aus der Schublade geholt und läßt sie als "Unruhepotential" noch (!) "schlummern".

"Zwar gibt es Menschen, die dazu neigen, die Tatsache, daß sie 'unten' stehen und von den Glücksgütern (!) des Daseins weitgehend ausgeschlossen sind, als Teil einer notwendigen 'Ordnung' zu interpretieren. Doch die Fähigkeit zur Abschirmung ist keine dauernde Garantie für Ruhe." (30)

Ja, das schwebt einem Heiner Geißler vor, eine "dauernde Garantie für Ruhe". Um seinem praktisch verfolgten Ideal einer gänzlich unbehelligten Herrschaft Ausdruck zu geben, schürt er Zweifel in die Zuverlässigkeit des Nationalismus (Geißlerisch als "Interpretationsneigung" gefaßt, die in Ordnung geht) der gebeutelten Untertanen.

Betrachtet man nämlich die vorhandene Armut differenziert soziologisch als Ordnungsproblem, so stößt man auf eine Reihe "neuer Konfliktfelder", die allesamt keinen Grund zur Aufregumg von unten mehr bieten. Um so mehr taugen sie als Beleg dafür, daß die legitime Gewalt des Staates zur Entschärfung ihrer vermeintlichen Störpotentiale gefordert ist. Daß "die ökonomisch begründete Unterteilung unserer Gesellschaft in Klassen von Arbeit und Kapital, wie sie uns die Marxisten und Neomarxisten anbieten,... zur Erklärung unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht taugt", liegt für Geißler äußerst platt auf der Hand:

"Zum anderen ist die Schablone Kapital/Arbeit nicht deckungsgleich mit dem vielschichtigeren und auch breiteren Interessenspektrum der Verbände. Der Deutsche Sportbund als mitgliederstärkster Verband ist mit seinen sozial- und gesellschaftspolitischen Aufgaben sinnvoll in ein Spannungsverhältnis von Kapital und Arbeit nicht einzuordnen." (18)

Und wenn auch die national organisierten Körperertüchtiger nicht unbedingt unter die Geißlersche Verelendungstheorie fallen, eines beweisen sie zusammen mit den weniger sportlichen, ausrangierten Rentnern und für unbrauchbar erklärten Krüppeln allemal: "Der Sozialismus" mit seinem überkommenen Klassenkampfdenken "gehört auf den Prüfstand". Denn worunter leidet heutzutage ein "Taubstummer, Gehirngeschädigter und Querschnittsgelähmter mit Mastdarmkomplikationen"? - an seinen gesetzgeberisch festgelegten miesen Lebensumständen? - mitnichten! An der "Macht der Verbände" und deren gemeinwohlschädlichem "inflationären Verteilungskampf", der eigentlich ins 19. Jahrhundert, aber nicht in unsere schöne Republik gehört:

"Zu den Mächtigen unserer Gesellschaft gehören heute nicht mehr allein die Kapitaleigner, mächtig sind Kapitaleigner und Arbeitnehmer zusammen."

Und wofür ist die "materielle Not vieler alter Menschen" ein "wichtiges Indiz"? Für den sehr freien staatlichen Umgang mit den zwangseingezogenen Rentengeldern, die offensichtlich für alles andere als die Existenzsicherung im Alter da sind? Abwegig! Laut Geißler verbirgt sich dahinter nicht nur eine unmoralische Lebenseinstellung, sondern mehr noch - typisch egoistisches sozialistisches Gedankengut:

"Nicht länger kann davon ausgegangen werden, daß die erwerbstätige Generation wie früher selbstverständlich bereit ist, zugunsten der Kinder und der alten Menschen Verzicht zu leisten. (...)

Diese Entwicklung ist so ausgeprägt, daß man fast den Eindruck gewinnen könnte, als ob von der heutigen Generation deshalb so anklagend auf die Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital hingewiesen würde, um so unbehelligter die künftigen Generationen ausbeuten zu können." (22)

Viel ehrlicher dagegen der Sozialpolitiker Geißler! Wenn er von oben der "Entdeckung" frönt, daß es in unserer blühenden Republik bei relevanten Teilen des Volkskörpers am Lebensnotwendigen fehlt, dann hat er keine systemschädlichen Hintergedanken, sondern nur ein Angriffsziel: "Der Kampf um die Interpretation dessen, was sozial ist, muß offensiv geführt werden." Das sozialdemokratische Deuten auf ein paar Millionen Sozialfälle als Staatsversehen beherrscht ein Unionschrist wie Geißler längst. Hier holt er lässig den "Kompetenzvorsprung bei Fragen der Sozialpolitik" auf Seiten der SPD ein. Damit haben die guten Armen aber noch nicht ihren eigentlichen propagandistischen Dienst erfüllt. Hier gehören sich falsche "Feindbilder" mit richtigen außer Kraft gesetzt. Falsch ist es auf jeden Fall, nach dem Grund der Armut zu fragen und sich keinen ideologischen Reim aus ihr zu machen, der die unterwürfige Hinwendung an ihre Macher ermöglicht. Warum? Ganz einfach - laut Geißler: Da kommt noch immer "Kapitalismuskritik" dabei raus! Und wozu führt Kapitalismuskritik ? Richtig: zum Klassenkampf. Weil der aber stört, hat man hier auch eindeutig das falsche "Feindbild" erwischt. Solche Fehlschlüsse haben sich aufzuhören:

"Diese politische Zementierung eines Feindbildes wird allerdings in Zukunft ohne die Gefährdung des sozialen Friedens und der Grundlagen unseres Gemeinwesens nicht mehr tolerierbar sein." (35)

Absolut "tolerierbar" ist dagegen das national verbindliche "Feindbild", mit dessen abstoßender Fratze Geißler so gern den inneren Feind behängt. Es heißt "Sozialismus" oder schlagender noch "Sowjetunion". Die Armut hierzulande ist nämlich schon deshalb kein Grund zur Aufregung, weil ihre Verursacher keine Russen sind.

"Es wäre völlig verfehlt, die neuen sozialen Konflikte zu integralen Bestandteilen der Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme der westlichen Länder zu erklären. So ist etwa die Lage der Nichterwerbstätigen in den sozialistischen Ländern bedeutend ungünstiger als in den westlichen Demokratien." (33)

Welche deutsche beruftstätige Frau ist nicht bei allen "Geschlechter- und Rollenkonflikten", die ihr Heiner Geißler wohlwollend bestätigt, froh, diese in Freiheit haben zu dürfen, wenn sie solch abgrundtiefe Schweinereien aus dem diktatorischen Osten erfährt:

"Weit über die Hälfte der Frauen in der Sowjetunion arbeiten nur deshalb, weil der geringe Verdienst ihres Mannes sie dazu zwingt." (33)

Propagandist der größten Keimzelle

"Wir wollen einen Staat mit Autorität, der die Ziele unserer Gemeinschaft durchsetzt, sie nach den gemeinsamen Grundsätzen von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit gestaltet und weiterentwickelt. Wir werden geschlossen jeder Ansicht entgegentreten, die unseren Staat so begreift, als ob er ein Selbstbedienungsladen sei."

Seit 1982 kann Geißler dieses - übrigens nie in Vergessenheit geratene - Konzept in der Regierung der "Wende" praktisch verwirklichen. Wie es sein Amt befiehlt, hat sich der Bundesminister über Jugend, Familie und Gesundheit hergemacht und in den bisher 2 1/2 Jahren alle drei reichlich mit der Autorität des Staats bedient.

Heiner Geißler hält den "Gesundheitszustand der Bevölkerung insgesamt für gut". Als Beleg dient ihm das freche und bodenlose Argument: "Anstieg der Lebenserwartung". Das muß wohl an den bekannten Mittelchen liegen, die er zur "Bekämpfung der Volkskrankheiten" einsetzt: Da die eigentliche Volkskrankheit darin besteht, daß die zimperlichen Bürger das staatliche Gesundheitswesen zu teuer machen, spricht Geißler sich sogar für Früherkennung und Bekämpfung der Ursachen der Krankheiten aus, freilich ohne seinen Haushalt damit besonders zu belasten. Größere kurierende Wirkung verspricht aber seine kontinuierliche "Kostendämpfung", die er einfach mit dem Kostenanstieg begründet. Denn Geißler weiß ja ganz genau, daß die Leute in der ambulanten wie in der stationären Behandlung mit Gesundheitsmitteln versorgt werden, die "über das medizinisch Notwendige hinausgehen". Und gegen die langen Bettgelage im Krankenhaus, die er auch dämpft, fällt dem Mann ein Argument ein, das er sicher nicht für zynisch hält:

"Die Pflege (von Kranken/Alten) in der häuslichen Umgebung ist in der Regel menschlicher und sinnvoller, weil der Pflegebedürftige weiter in der gewohnten Umgebung leben kann und seine bisherigen sozialen Bindungen erhalten bleiben." (Leitantrag "für eine neue Partnerschaft zwischen Mann und Frau")

Die Jugend hat der Minister mit der Klarstellung des verfassungsrechtlichen Vorrangs des Militärdiensts vor dem Zivildienst bedient: Verlängerung des Zivildienstes und prinzipielle Erschwerung des Anerkennungsverfahrens als Kriegsdienstverweigerer. Die Achtung des Gewissens des einzelnen bleibt dabei natürlich gewahrt - solange es das richtige ist:

"Die Gewissensentscheidung richtet sich dagegen, einen anderen töten zu müssen; das eigene Leben einsetzen zu müssen für den anderen oder für die Gemeinschaft, kann mit dem eigenen Gewissen nicht in Widerspruch stehen."

Vor allem aber hat sich Geißler in Sachen Frau und Familie in kurzer Zeit einen Namen gemacht. Und nicht etwa, weil er als ehemaliger Jesuitenzögling gelernt hat, daß Fruchtbarkeit zum gottgewollten Wesen der Ehe gehört. Nein, weil die Produktion des Nachwuchses für den Staatsladen stimmen muß, ist er, der ja bei der Abtreibung von Erwachsenen kein Problem hat (s.o.), für den "Schutz des ungeborenen Lebens" aktiv geworden, oder für die "Renaissance der Famiiie", was dasselbe meint. Das ist sein Feld, wo der Minister den Schutz der Privatsphäre dadurch gewährleistet, daß er im Intimbereich der Familie rumfummelt und das Kinderkriegen gleich mitplanen will. Damit diese seine Planungsvorhaben bei deutschen Frauen auf fruchtbaren Boden fallen, ist er gegen "pro familia " angetreten, deren Rechtsberatung schwangerer Frauen in Not dem Geißler zu kinderfeindlich erscheint, zu sehr Hilfe, zu wenig Nachhilfe, und hat dagegen eine moralische Propagandainstitution zur kinderfreundlichen Bearbeitung werdender Mütter gegründet: "Bundesstiftung Mutter und Kind - Schutz des ungeborenen Lebens". Diese Stiftung sorgt nach dem Willen Geißlers dafür, daß höchstens noch sichere Mißgeburten mit ihrer armen Seele den Abgang machen dürfen, weil für die Nation zwar jeder Embryo eine Seele hat, verkrüppelt aber ein schlechtes Menschenmaterial abgibt.

Heiner Geißler verwechselt selbstverständlich seine Anstiftung zum verantwortungslosen Kind, trotz seines Wissens um die materiellen Schwierigkeiten, die so ein Kind für sehr viele Familien bedeutet, nicht mit dem Versprechen, solche materiellen Probleme aus der Welt zu schaffen. Die Gleichungen: Mutter = Opfer; Familie = Opfergemeinschaft, bereiten diesem Mann, der moralische Gnndsätze zielsicher einsetzt, kein schlechtes Gewissen.

"Wenn die Leute an nichts mehr glauben und wenn sie sich auf rein materialistische Ziele konzentrieren, dann gehen eben auch Grundsätze flöten im menschlichen Zusammenleben innerhalb der Familie."


Welche 'sind das?

"Die Familie kann nur funktionieren, wenn klar wird für alle, daß nicht nur Rechte vorhanden sind, sondern auch Pflichten." (Spiegel, 15. Okt. 1984)

In diesem Sinne hat der Geißler seiner Propaganda gegen Abtreibung und für gebärfreudiges Verhalten noch eins draufgesetzt. Weil er findet, es sei "in einem so reichen Land wie der Bundesrepublik ungeheuerlich, daß unter Verweis auf soziale Notlagen abgetrieben wird", soll unter seiner "mutigen Initiative" das "Erziehungsgeld" (8 Monate 600 DM pro Monat für Frau oder Mann) Gesetz werden, damit die Mütter ihr Opfer nicht sofort merken. Ja, gegen schweren Protest der Unterneherschaft will er sogar eine "Arbeitsplatzgarantie" (für 10 Monate nach der Niederkunft) durchsetzen. Um alle Zweifel an der moralischen Durchschlagkraft der Veranstaltung auszuräumen, hat der ehemalige Jesuit doch glatt noch eine Kosten-Nutzen-Rechnung nachgeschoben.

"Es ist nicht nur humaner, sondern auch ökonomischer, einer Mutter oder einem Vater die Möglichkeit zu geben, das eigene Kind selbst zu erziehen.... es geht nicht an, aus sozialen und wirtschaftlichen Gründen beide zur Berudstätigkeit zu zwingen und dann das eigene Kind von Sozialmüttern möglicherweise mit Universitätsabschluß (Geißler?) - in gesellschaftlichen Einrichtungen unter hohen Personalkosten erziehen zu lassen und dann hinterher die schweren seelischen Schäden, die sogenannten Deprivationsschäden, ...mit noch höheren Kosten - meist vergeblich - in anderen gesellschaftlichen Einrichtungen - Kinderheimen, Sonderschulen bis hin zu den Jugendgefängnissen - wieder reparieren zu müssen. Das ist nicht nur unmenschlich gegenüber der Familie, sondern auch ökonomisch ein Unsinn ersten Rangs." (Rede vom 21.3.85)

Seinen bisher größten "Coup" soll dieser Mann aber auf dem letzten CDU-Parteitag gelandet haben, auf dem er das Thema Frau in den Mittelpunkt stellte: "Für eine neue Partnerschaft zwischen Mann und Frau" (Leitantrag). Da hat sich doch ernsthaft die linke und die rechte Welt gewundert, welcher "Wandlungen" dieser Mann fähig ist: "Ist Geißler ein Feminist?" So ziemlich aller Welt ist der Parteitag von 1979 eingefallen, zu dem der Generalsekretär noch barbusige Tänzerinnen geladen hatte. Man kann sich das Grinsen Geißlers ob dieser Reaktion vorstellen. Was hat er denn gemanaged: Damals hat er die nackten Weiber rangeholt, um zu zeigen, daß auch christliche Konservative mal zu einem Spaß aufgelegt sind (Ha!). Heute hat er sich gedacht, daß es gut wäre, das Image der CDU bei den Frauen demonstrativ aufzupolieren. Also, hat sich der Generalsekretär gesagt, machen wir einen auf Frau, auf Gleichberechtigung, auf Partnerschaft und so'n Zeug. Dem Typen ist es nicht schwergefallen, sich faltig-ernst "als gewandelter Mann" hinzustellen oder grinsend-verschmitzt die Forderung zu vertreten, "daß der Mann von seinem Paschathron heruntersteigt"; oder ernst-grinsend zu erzählen: "Ich mache mein Frühstück selber!" Die Pflaume traut sich was!

Der demokratische Hetzer

Ist er nun der "begabteste Demagoge seit Goebbels"? Diesen Vergleich mag die Öffentlichkeit: Zwei Bilder zu entdecken, auf denen sich Geißler und Goebbels in der Pose sehr nahe kommen; Geißlers Stil zu untersuchen und daran auch ungeschminkte Beleidigungen und Diffamierungen des politischen Gegners und lauter Lügen aufzufinden. Der langweiligste Vergleich, den man sich vorstellen kann! Seit wann sind denn in der Demokratie Lügen, Beleidigungen und Diffamierungen kein Mittel der Politik? Seit wann muß man denn, um den jeweiligen Gegner als Verräter an den höchsten und gemeinsamen Anliegen der Nation hinzustellen, ein geistreicher Kopf sein ? Klar bedient sich der Geißler dieser Mittel, weil er sich von ihrer Anwendung etwas verspricht. So bleibt es bei der Stilkritik, von der der "Demokrat" Geißler nicht berührt wird. Im Gegenteil, was den Inhalt seiner Propaganda anbetrifft, will man den Vergleich mit Goebbels ausdrücklich nicht gemacht haben.

"Inhalt und Zweck Goebbelscher Propaganda - die Vernichtung des politischen Gegners, die gewaltsame Gleichschaltung einer Gesellschaft, die psychologische Vorbereitung des totalen Kriegs und des Völkermords - verbieten in der Tat jeden Vergleich mit Geißler." (Spiegel, 10. Mai 1985)

Ein inhaltlicher Vergleich hat also nie stattgefunden. Gerade der wäre aber lohnend!

Denn wo ist da der Unterschied,

- wenn Geißler das Sterben für das Vaterland und den "Schutz" des Lebens für den Dienst an der Nation für einen unumstößlichen Wert hält?

- wenn Geißler die Autorität des Staates über alles setzt? - wenn Geißler selbst harmlose Kritiker der laufenden (Aufrüstungs-) Politik als "undeutsch" und "antinational" hinstellt?

- wenn Geißler die Grünen zu kommunistischen Verbrechern abstempelt, die abserviert gehören, weil sie nur "der Sowjetunion in die Hände" arbeiten?

- wenn Geißler selbst der staatstreuen Konkurrenzpartei SPD bescheinigt, daß ihr Verbrechertum darin besteht, "Fünfte Kolonne Moskaus " zu sein?

Den Feind im Staate stellen, ihn verteufeln, weil er mit dem Bolschewismus identisch sei - dieses Verfahren beherzigt der Demokrat Geißler, ganz ohne aus der Geschichte lernen zu müssen. Freilich taugt für diesen souveränen deutschen Standpunkt die Vergangenheit dann doch wieder. Auf "Staatsfeind", "Kommunist", "Freund Moskaus" kann der Generalsekretär noch "Faschist" draufsetzen, weil wegen der bekannten Mißerfolge der Nazis diese fast genauso böse gewesen sind wie die Bolschewisten heute, eben "typisch totalitär". Die frage, ob Geißler der "schlimmste Hetzer seit Goebbels" ist, wäre damit eigentlich beantwortet. Sie ist unwichtig. Es reicht doch wohl, was - der Mann tut und sagt. Wenn dieser Typ übrigens noch theoretischer wird als sonst und sich locker zum Ideal der Manipulation bekennt, verblüfft das wahrscheinlich keinen aufrechten Demokraten, der gerade über die "Methode Geißler" die Nase rümpft.

"Man muß es tun. Denn wie ein großer Philosoph einmal gesagt hat: Nicht die Taten bewegen die Menschen, sondern die Worte über die Taten. Derjenige, der die Ideen hat und der auf die auch die richtigen Begriffe wählt, hat die Macht auch über das Denken der Menschen. Dies dürfen wir nicht den Sozialisten überlassen, auch nicht den Kommunisten oder den radikalen Parteien. Wir müssen uns der Auseinandersetzung stellen. Und in dem internationalen Bürgerkrieg, in dem man sich im Grunde genommen ja bereits befindet, weltweit in allen Kontinenten, wird eben die Frage, wer in dieser Auseinandersetzung gewinnt, letztendlich auch über die Geschichte des Erdballs entscheiden. Ich bin nicht bereit, in dieser Auseinandersetzung das Feld den anderen zu überlassen, sondern wir müssen klar und deutlich sagen, was wir wollen. Und dies ist nicht zu machen ohne Ja zur geistigen Auseinandersetzung."

Um alle Mißverständnisse auszuschalten: Das erste Zitat des Artikels ist von Goebbels, das letzte von Geißler.