PERESTROIKA - DIE ZWEITE RUSSISCHE REVOLUTION

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1988 erschienen.
Systematik: 

Michail Gorbatschow:
PERESTROIKA - DIE ZWEITE RUSSISCHE REVOLUTION

Der erste Mann im Kreml ist unter die Schriftsteller gegangen. "Wir wollen, daß man uns versteht." - rechtfertigt er den kühnen Schritt seines Urlaubs 1987. Seinerzeit ist er aus Moskau verschwunden und hat die westlichen Beobachter der Szene zu den wüstesten Spekulationen bezüglich seines Haltbarkeitsdatums genötigt. Jetzt ist er nicht nur wieder in Moskau und am Regieren, sondern auch auf den Bestsellerlisten - ganz oben, wo Wallraff einst mit "Ganz unten" war.

Zu Weihnachten war seine Verständniswerbung bereits das meistverschenkte Buch im Westen, auch Deutschlands. Gorbatschow als Autor profitiert von seiner Bedeutung und davon, daß Bücher zuerst verschenkt und dann - vielleicht noch nicht einmal - gelesen werden. Zusätzlich kommt ihm das Gerücht zustatten, er wäre so etwas wie ein ganz anderer Russe. Ist er aber gar nicht, und sein "neues Denken" besteht in einer denkbar ungeschickten Aufbereitung alter Fehler.

Mängel des Stils

Der Autor orientiert sich im innenpolitisclien Teil seines Werks geradezu fanatisch am Vorbild der klassischen Musik. Das Prinzip Wiederholung, die Technik, daß es immer wieder von vorne losgeht, hat es ihm angetan. Wohl wissend, wie sehr das den Leser nerven kann, entschuldigt er sich dafür:

"Dieses Problem ist so wichtig, daß ich im Verlauf dieses Buches mehr als einmal darauf zurückkommen werde."

Und das tut er dann auch nach Kräften. Aber nicht, weil das "Problem" so wichtig wäre, sondern weil es nur eines gibt, das er den Menschen in aller Welt verständlich machen will. Sein Land, so klärt er uns auf, leidet unter "Stagnation" (mag er nicht) und braucht deshalb "Fortschritt", "wirtschaftliche Effizienz" und so Zeug (mag er sehr). Zäh und beharrlich spricht er sich noch 60 Seiten später dafür aus, die "Trägheit der Stagnation abzuschütteln"; wenn er und die Seinen keinen "effektiven Beschleunigungsmechanismus in Gang gesetzt hätten" - so versichert er begeistert -, so wäre - genau! - "totaler Stillstand eingetreten". Worauf kommt es da wohl an? Richtig, "man muß die Dinge konsequent zu Ende führen und jeden Tag Fortschritte erzielen". Und wozu das alles? Natürlich "damit der Fortschritt sowohl materiell als auch geistig an Wirkung gewinnt. " Gorbatschow beherrscht das literarische Handwerk - er weiß um die vergeßliche Lesernatur und teilt gnadenlos mit, was ihn stört an seiner Heimat: "Wir können Stagnation nicht länger dulden." Was "Perestroika" eigentlich ist, ergibt sich bei dieser Architektonik des Werkes wie von selbst: "Perestroika bedeutet, die stagnierenden Prozesse zu überwinden, alles zu beseitigen, was bremst..."

Michail Gorbatschow ist einer von den vielen Russen mit Bildung, so daß ihm nicht verborgen geblieben ist, wie leicht den Leser eines dicken Buches das Gefühl der Stagnation beschleicht, wenn die Wiederholung das dominante Stilmittel abgibt. Abhilfe verspricht er sich offenbar von der Kunst, Metaphern und Bilder aufzufahren - eine Kunst, die in der Gattung der politischen Rhetorik seines Landes zutiefst verwurzelt ist. Auch in dieser Hinsicht hält er sich an die Tradition und ist alles andere als ein Neuerer. Vornehmlich die Mechanik der Maschinerie im Produktionsprozeß hat ihn inspiriert:

"das riesige Schwungrad einer gewaltigen Maschine dreht sich, doch die Treibriemen zu den Arbeitsplätzen rutschen ab oder drehen durch."

Das sagt alles, obwohl zwölf Zeilen davor ein "Bremsmechanismus" die gesellschaftliche Entwicklung lähmte und der Defekt nicht im Getriebe, sondern im Motor liegt:

"Die Antriebskraft, der Schwung im Land wurden immer geringer."

Freilich sind die Schwierigkeiten der Reparatur von metaphorischen Gerätschaften selbst nur eine Folge der Ineffizienz im Lande:

"Viele sowjetische Haushaltsgeräte sind von armreliger Qualität."

Deswegen entschließt sich der Autor bei seinen konstruktiven Antworten auf die drängende Frage "Was tun?" zu Bildern aus dem Reiche des Sports und der sonstigen Körperbewegung:

"Es ist sehr wichtig, nicht zu lange auf der Startlinie zu verharren, sondern den Rückstand aufzuholen, dem konservativen Morast zu entsteigen..."

"JEDE AUFGABE DIE MAN ANGEHT MUSS MAN MIT DEM HERZEN ERFASSEN"

Michail Gorbatschow

Die Warnung vor Täuschungen darüber, wo es dann lang geht, wenn der Sumpf verlassen ist, vollzieht der Orator mit einem Hinweis auf die Beschwerlichkeit revolutionärer Ausflüge:

"Unsere Geschichte war alles andere als ein beschaulicher Spaziergang auf dem Gehweg des Newskij-Prospekts."

Das dürfte daher kommen, daß die russische wie die Geschichte überhaupt mit ihren Abteilungen vom Sklavenhalterwesen bis zum Sozialismus eine Leiter ist:

"Wir sind der Überzeugung, daß es sich dabei um natürliche Sprossen auf der Leiter der Geschichte handelt."

Seltsamerweise hat Gorbatschow nicht vor, die noch fehlende Sprosse zu erklimmen, sondern seine Leiter an das

"gemeinsame Haus Europa"

anzulehnen. "Diese Metapher fiel mir während einer Unterredung ein." - berichtet er stolz; und wozu er die Leiter braucht, ist nach solchen Erläuterungen auch kein Rätsel mehr - sein Eingang ist ein Fenster der oberen Stockwerke:

"Um die Metapher weiter auszuführen, könnte man daher sagen: das Haus ist ein gemeinsames, das ist richtig, aber jede Familie hat darin ihre eigene Wohnung, und es gibt auch verschiedene Eingänge."

"WIR HABEN DIE REALITÄT EINER FARBENREICHEN WELT NEU ERKANNT"

Michail Gorbatschow

Mit dieser Metaphorik hat Michail sogar schon namhafte Repräsentanten der westlichen Welt angesteckt - darüber ist er ziemlich begeistert, daß ihm jetzt der Antrag zur Auflösung der Familie und zur Gründung einer Wohngemeinschaft vorgetragen wird:

Richard v. Weizsäcker: "Es ist ein Bezugspunkt, der uns hilft, uns vorzustellen, wie die Dinge in diesem gemeinsamen europäischen Haus geregelt werden sollten. Speziell, was den Umfang betrifft, in dem die Wohnungen darin für gegenseitige Besuche zugänglich sein werden."

Michail Gorbatschow: "Sie haben ganz recht. Doch möglicherweise mag nicht jeder in jeder Nacht Besucher empfangen."

Richard v. Weizsäcker: "Wir sind auch nicht besonders erfreut darüber, daß sich ein tiefer Graben durch ein gemeinsames Wohnzimmer zieht." usw.

Der Autor gefällt sich jedoch nicht nur im außenpolitischen Verkehr in der Rolle des Baumeisters; seine bescheuerte Bilderwelt erachtet er auch und gerade dann für passend, wenn er sich Fragen stellen läßt, auf die er keine gescheite Antwort weiß:

"Oft werden wir gefragt, was wir mit der Perestroika erreichen wollen, was unsere Endziele seien. Es fällt uns schwer, darauf eine detaillierte und genaue Antwort zu geben. Es entspricht nicht unserer Art, Prophezeiungen abzugeben. Wir können nicht alle architektonischen Elemente des Gesellschaftsgebäudes vorherbestimmen, das wir im Verlauf der Perestroika errichten werden."

Gebaut wird also aufjeden Fall, auch wenn das dritte, der russischen Tradition entsprechende Stilmittel zum Einsatz gelangt - die Parabel. Die setzt Michail Gorbatschow ein, um sagen zu können, wie sehr alles davon abhängt, je nachdem, wie man es sieht. Um den uralten, ebenfalls von seinen Vorgängern ererbten kategorischen Imperativ darzulegen, daß dem Sozialismus eine "optimistische Grundhaltung" zur Zier gereiche, läßt er folgendes Gleichnis vom Stapel:

"Alles, was wir tun, kann verschieden interpretiert werden. Dazu gibt es eine alte Geschichte: Ein Reisender trifft auf ein paar Leute, die ein Bauwerk errichten, und fragt einen nach dem anderen: 'Was baut ihr da?' Einer antwortet verärgert: 'Siehst du denn nicht, von morgens bis abends schleppen wir diese verdammten Steine...' Ein anderer erhebt sich von den Knien, wirft sich stolz in die Brust und sagt: 'Schau, wir bauen einen Tempel!' Wenn man ein großes Ziel vor Augen hat - einen strahlenden Tempel auf einem grünen Hügel - 'dann werden die schwersten Steine leicht, die anstrengendste Arbeit wird zum Vergnügen.'"

"DIE KULTUR JEDES VOLKES IST EIN SCHATZ,

DEN MAN NICHT VERLIEREN KANN"

Michail Gorbatschow

Ob der Reisende, sicher ein "Passagier an Bord des Schiffes Erde", derselben Ansicht war, verrät uns das Besatzungsmitglied und 1. Offizier einer Mannschaft dieses Schiffes nicht. Immerhin verrät er dem Leser aber, worauf er mit seinem biblischen Sockenauszieher hinauswill - er möchte die Menschheit, seine sowjetunionige ganz gründlich bessern. Insofern aber gehört Anwendung der ziemlich alten, historisch wie begrifflich primitiven Parabel-Gattung bereits nicht mehr bloß zur Form - sie betrifft schon eindeutig den Inhalt des Werks.

"ein ganzes Arsenal konstruktiver Ideen"

Gorbatschow legt enormen Wert darauf, mit der Verkündigung der neuen "Strategie der Perestroika" keinen Geniestreich verbrechen zu wollen. Nicht er hat Kritik anzumelden und ein Programm ausgeheckt, sondern eigentlich alle wesentlichen und guten Kräfte der Sowjetunion haben festgestellt, daß es so nicht weitergeht:

"Die Partei fand die Kraft und den Mut, die Situation nüchtern zu beurteilen und zu begreifen, daß grundlegende Veränderungen und Wandlungen unumgänglich waren."

Nein, diese 'Analyse' kam "nicht aus heiterem Himmel"; was der Parteisekretär bekennt, beruht "auf einer eingehenden Beurteilung", die von langer Hand und im ganzen Land vorbereitet wurde:

"Arbeiter, Bauern und Intellektuelle, Parteifunktionäre in der Hauptstadt und in den verschiedenen Regionen machten sich ihre Gedanken über die Situation im Land."

Daß es "auf diese Weise nicht mehr weitergehen konnte", ist nicht nur allen Instanzen und "ehrlichen Menschen" eingefallen, sondern auch noch allen zusammen:

"Die Notwendigkeit einer Veränderung reifte nicht nur in den höheren politischen Kreisen, sondern auch im Bewußtsein der Öffentlichkeit immer sichtbarer heran."

Die Anstrengungen, die der neue Mann mit dem neuen Denken unternimmt, nur um zu beteuern, daß er nur ein "Ausdruck von..." was ist, was unabhängig von seinem Willen längst und überall herumtöbert, sind schon süß. Bevor er überhaupt etwas zu kritisieren anfängt, lobt er erst einmal alle, denen seine Kritik gilt. Das Volk noch einmal extra, weil es sich nix vormachen läßt:

"Unser Volk hatte schon immer ein gutes Gespür dafür, wenn Taten und Worte auseinanderklaffen."

"NEUE UNORTHODOXE LÖSUNGEN FINDEN"

Michail Gorbatschow

Insofern kann eigentlich gar nichts mehr schiefgehen in der Sowjetunion - der "mahnenden Stimme unseres Gewissens" folgt dort sowieso die ganze Mannschaft. Zumindest einige zig Seiten lang sind unsere Erfolge "immens und unbestreitbar." Die Geschichte des Landes und seiner Insassen ist die eines neuen Lebens:

"Die Menschen dürsteten nach Wissen und Kultur und sie lernten. Sie freuten sich am Leben, zogen ihre Kinder groß und gingen ihrer täglichen Arbeit nach."

Endgültig spannend wird die Frage, wozu dieser Gorbatschow einen Umbau vornehmen möchte, wenn er das Denken von Staat und Volk preist:

"Zum Wesen unserer Ideologie gehört, daß sie kritisch und revolutionär ist."

"Ernüchterung über den Sozialismus"

Das ist nun auch wieder kein Wunder, daß ein solches Lob kleineren Relativierungen Platz machen muß. Mit dem Wesen der Ideologie ist es schon eine halbe Seite später nicht mehr so weit her; Michail muß sich fragen:

"Wie konnte es zu einer Dogmatisierung des gesellschaftlichen Bewußtseins und der Theorie kommen?"

Und nicht nur das - "Mittelmäßigkeit, Formalismus und Lobhudelei" muß er seiner geistigen Szene auch noch bescheinigen. Das Volk mit seinem guten Gespür läßt ihn mit seiner erzguten Meinung von ihm ebenfalls im Stich zumindest, soweit es aus "unredlichen Leuten" besteht, die ewig die "Vorteile des Sozialismus" ausnützen:

"Sie sind schlechte Arbeiter, Drückeberger und Trinker."

"NICHT VERZAGEN; SUCHEN SIE NACH EINEM WEG"

Michail Gorbatschow

Während sie als Parteigenossen, Bestandteil der Öffentlichkeit und Erben der Revolution prächtig nach dem Geschmack von Gorbatschow ticken, saufen sie sich auf einer anderen Seite die Hucke voll. Und da will der Vorsitzende andere wie sich selbst zum "Lernen" anhalten:

"Uns ist klar geworden, daß wir lernen müssen, die chronische Diskrepanz zwischen der Wirklichkeit und politischen Erklärungen zu beseitigen."

Einen ersten Schritt in die richtige Richtung hat er bei der Sauferei schon unternommen. Die guten Menschen haben vielleicht ihre Kinder großgezogen, ihre tägliche Arbeit verrichtet und ein wenig nach Kultur gedürstet - aber bei soviel Anstand fanden sie doch viel Zeit und gute Gründe, ihren gewöhnlichen Durst nicht zu vernachlässigen:

"Dieses soziale Laster ist seit Jahrhunderten bei uns verwurzelt und zu einer schlechten Gewohnheit geworden... Der Alkoholmißbrauch hat besonders in den vergangenen zwei Jahrzehnten alarmierende Ausmaße angenommen..."

"WIR HABEN NICHT DAS RECHT, UNS AUCH NUR EINEN TAG AUSZURUHEN"

Michail Gorbatschow

So wird Gorbatschow eine Illusion nach der anderen los, weil er Kritik nach der Dialektik von Lob und Tadel abwickelt - was in der KPdSU auch schon eine ziemlich verwurzelte Gewohnheit darstellt, Diese jedes Wissen um Gründe und Notwendigkeiten entbehrende Weltanschauung, die einzig brauchbare und schädliche, gute und böse Erscheinungen auseinandersortiert, bekennt der Kreml-Führer auch sehr aufdringlich, Ihn beschleicht noch nicht einmal eine blasse Ahnung davon, wie begriffslos und billig seine Methode ist:

"auf der einen Seite großartige Errungenschaften, auf der anderen drastische Fehler und tragische Ereignisse."

Was er an der stets treuen und kritischen Arbeitermannschaft abzieht - hochanständig, aber verdorben bis hin zur "spießbürgerlichen Konsummentalität" -, bleibt seiner Parteielite nicht erspart. Auch ihr räumt er nicht nur strebendes Bemühen in jeder Preislage ein:

"die Parteiorganisation verrichtete ihre Arbeit, und die überwältigende Mehrheit der Kommunisten erfüllte gewissenhaft und selbstlos ihre Pflicht."

So geht beim Argumentieren eines kritischen Revisionisten eben jeder Einwand los - mit einem dicken "zwar", dem dann ein geharnischtes "und doch" folgt. Nein, schlecht machen will Gorbatschow nichts und niemanden, es sei denn, es ist wirklich unübersehbar und echt grundlos, also unwidersprechlich schlecht. Dieses "und doch" zielt auf die Nicht-Vermeidung wirklich schlimmer Betragensweisen:

"Und doch muß man sich darüber im klaren sein, daß keine wirkungsvollen Versuche unternommen wurden, den Aktivitäten durchtriebener Streber und Egoisten einen Riegel vorzuschieben."

Was sich da alles abgespielt hat, als die "Parteiführung die Zügel schleifen" ließ!

"politisches Kokettieren und massenhafte Vergabe von Auszeichnungen, Titeln und Prämien... pompöse Kampagnen, Veranstaltungen und Feiern anläßlich unzähliger Jubiläen... Die Welt des Alltags und die Welt des vorgetäuschten Wohlstands klafften immer weiter auseinander."

Nein, Michail Gorbatschow weiß wirklich nicht, daß er hier lauter Veranstaltungen geißelt, die sein Lob des verdienstvollen Einsatzes im und für den Sozialismus zu dessen höchstoffizieller Sache gemacht haben. Ihm sind am Kontrast zwischen gefeierten und gewürdigten Diensten auf der einen Seite, der mangelnden "Sorge um die Menschen, ihre Arbeits- und Lebensbedingungen und..." auf der anderen, nur zwei Gedanken geläufig: Erstens ist das nicht gut, und zweitens extrem schlecht. Er traut sich "Parasiten" und "Schmarotzer" anzuklagen; er versteht es, die Vernachlässigung der Pflicht, ja der eigenen Sache, jeder Instanz vorzuhalten:

"Viele Parteiorganisationen in den Regionen waren nicht in der Lage, unsere Prinzipien hochzuhalten..."

Aber wenn es aufs "Warum" ankommt, schlägt er sich noch jedes Mal auf die Seite des "zwar" seiner "im Prinzip gut"-Diagnose. Alles Gute ist vorhanden, aber seine Anstrengungen verpuffen. Die Umgestaltung ist längst das Bedürfnis im Land, wurde aber nur halbherzig betrieben, gebremst, verschoben, ging nicht weit genug etc. Das geht so weit, daß er die im Westen so beliebte Materie der "Engpässe bei Lebensmitteln", eine zutiefst verwerfliche Erscheinung, nicht unter der Rubrik "aber" auftreten läßt, nachdem er den unaufhaltsamen Aufstieg des Ernährungswesen zugestanden hat. Er kann es auch andersherum. Das "aber" liegt in diesem Fall auf der anderen Schiene, weil Michail meint, so ginge ein gutes Wort für die Kollektivierung der Landwirtschaft einzulegen:

"Hunger und Unterernährung... ausgemerzt"

"Aber ohne die Kollektivierung hätten wir nicht..."

Und was endgültig zieht:

"Am Kaloriengehalt der Nahrung gemessen, rangiert die Sowjetunion unter den Nationen mit dem höchsten Entwicklungsstand."

Ob er den Alkohol mit seinem exorbitanten Brennwert mitgerechnet hat?

"PERETROJKA BEDEUTET, ALLES ZU BESEITIGEN, WAS BREMST"

Michail Gorbatschow

Die fälligen Umwälzungen

Michail Gorbatschow ist ein leidenschaftlicher Sammler von Erscheinungen, die dem Sozialismus erstens wesensfremd sind und zweitens weg müssen. Politische Ökonomie ist seine Sache nicht, weil er seine Befunde auf diesem zentralen Gebiet auch des realsozialistischen Ladens sehr bescheiden, aber dogmatisch zurechtstrickt. Seine Liste für unerträgliche Fälle von Ineffizienz ist ansehnlich, und auch die von ausgemachten Ungerechtigkeiten kann sich mit der von antikommunistischen Beobachtern lässig messen. Daß "Abrechnungen bloß des Gewinns wegen" frisiert werden, ist ihm ebenso bekannt wie eine Qualitätskontrolle die nicht läuft, ein Transportwesen, das nicht zweckmäßig organisiert ist etc. Nachlässigkeit, Korruption und persönliche Bereicherung im Amt - der Generalsekretär wird nicht müde, aufzuzählen und anzuprangern.

"DIE JUNGEN MÜSSEN FREI SEIN VON KLEINLICHER OBHUT"

Michail Gorbatschow

Leider ist damit seine neue "Sozial- und Wirtschaftspolitik" auch schon fertig. Auch ihr widmet er zehn Seiten, auf denen allerdings von den Eigentümlichkeiten der alten wie der vorgestellten neuen Wirtschaft nur zum Schein die Rede ist. Seine neue "Konzeption" ist die alte, abzüglich aller Miß-Wirtschaft. Der moralische Verstand dieses Neuerers funktioniert nach den Regeln der Subtraktion. Die "wirtschaftliche Rechnungsführung", die in Kraft ist, wird für ihn zur "vollen wirtschaftlichen Rechnungsführung", insofern ihre schlechten Resultate unterbunden werden. Selbst wo Gorbatschow von diesen Resultaten des gültigen Rechnungswesens redet, kennt er nicht die Notwendigkeit der Übel, die er beschwört:

"Der Betrieb erhältja durch das System der Plankennziffern Auflagen und Ressourcen. Praktisch werden alle Kosten gedeckt, und der Absatz der Produktion ist weitgehend garantiert. Und was am wichtigsten ist: Die Einkommen der Werktätigen hängen nicht von den Endresultaten der Arbeit des Kollektivs ab - weder von der Erfüllung der Vertragsverpflichtungen, der Qualität der Erzeugnisse noch vom Gewinn. Ein solcher Mechanismus erbringt mit großer Wahrscheinlichkeit Arbeit von mittelmäßiger oder schlechter Qualität."

Das klingt fast wie ein Angriff aufs System der sowjetischen Betriebs- und Volkswirtschaft - und ist doch nur eine pseudo-ökonomische Übersetzung des Gedankens der organisierten Schadensvermeidung. Wie sonst könnte der Mann behaupten, daß im überkommenen "Mechanismus" keine Abhängigkeit zwischen den von ihm erwähnten Größen hergestellt sei? Er vermißt schlicht die Sorte Abhängigkeit, die zu seiner Vorstellung von Gerechtigkeit und Effizienz führt! Wenn er seine Subtraktionslogik in positive Vorschläge übersetzt, wird es peinlich:

"Den Betrieben müssen Bedingungen geschaffen werden, durch die..."

- na was wohl?

"Die Neustrukturierung der Wirtschaft muß die Dinge zurechtrücken. Sie muß zu einem starken Hebel, zu einer motivierenden Kraft für gute, schöpferische und initiative Arbeit werden."

Selbstverständlich ist die Leistung der Perestroika in nichts Geringerem zu sehen als in einem großangelegten Besserungsprogramm aller Beteiligten - und dafür läßt sich die Partei sicher auch ein paar neue Kennziffern und Auflagen für die Betriebe einfallen. Eben solche, die auf die gewünschten Verhältnisse zwischen diversen ökonomischen Größen abzielen; so wenig sich Gorbatschow auf politökonomische Gedanken einläßt, wenn er Stichworte wie "wirtschaftliche Rechnungsführung" und "Eigenfinanzierung" erwähnt, als wäre damit alles klar, so sicher ist er sich über das Ideal und Prinzip seiner Reform:

"Der ökonomische Mechanismus selbst verlangt, daß man energisch, klug und initiativ an die Probleme herangeht und als Eigentümer handelt."

Und an die Wiedereinführung des Privateigentums denkt er ganz bestimmt nicht, wenn er sein Volk zu eigentümlerischem Handeln hinhebeln will; vielmehr bekennt er sich zum Versuch, die Ankurbelung der schmerzlich vermißten Produktivkraft Moral per kalkulatorischer Vorschrift zu bewerkstelligen. Die Veränderungen, die er vorhat, beschreibt er nirgends so, daß er ökonomische Maßnahmen erläutert, sie aus halbwegs klar bezeichneten ökonomischen Mängeln begründet und dergleichen. Den großartigen Umbau seines Ladens bestimmt er einzig durch die Beschwörung des Wunsches, der seine russische Revisionistenseele gesprächig macht. Und der ist - mit Verlaub - überhaupt keine Neuerung im realen Sozialismus. Das Programm, Wirtschaft und Politik so zu lenken, daß die Tugenden des Volkes gefördert werden und die Laster zugunsten allsowjetischer "Effizienz" unterbleiben - diese so schön prinzipielle Antwort auf die Frage "Was tun?" gehört zu den jahrzehntelangen Aufs und Abs der KPdSU wie der Kreml zum Stadtbild.

"DIE ZUKUNFT GEHÖRT UNS. WIR SIND PIONIERE"

Michail Gorbatschow

Als wollte Gorbatschow dartun, daß die ganze Neuerung nicht in einer neuen Sorte Kritik und in einer ebenso neuen Reform besteht, sondern nur in der Absicht, es ganz, ganz ernst zu nehmen, definiert er seinen gar nicht originellen Befund über die schlechten Zustände wie ein Prediger. Das Ideal eines gelungenen Sozialismus wiederholt er unter Ausschöpfung des politischen Verbalsystems, zu dem es das Russische über sieben Jahrzehnte Hebelwirtschaft gebracht hat. Seine Leser in aller Welt informiert er über das Ziel seiner Wünsche,

"das gesellschaftliche Eigentum und das individuelle Interesse miteinander zu verschmelzen".

Wie seine Partei das Kunststück fertiggebracht hat, die beiden Instanzen auseinanderzubringen, scheint er nicht so genau zu wissen; zusammengehören tun sie zwar im Sozialismus, aber im realen sind sie auseinander. Einerseits leidet das gesellschaftliche Eigentum unter dem verbreiteten individuellen Desinteresse, andererseits kommt das individuelle Interesse dauernd zu kurz. Es kann sich nämlich nicht genügend verlustieren - die "Wohnungssituation", die "Nahrungsmittel", die "Qualität der Waren", also die Bestandteile des gesellschaftlichen Eigentums sind nicht so prächtig, daß die Leute begeistert wären. Das lähmt wiederum ihren Einsatz bei der Arbeit, die dem individuellen Interesse zwar manchen schlechten Ertrag garantiert, diesen aber unabhängig von ihrem Einsatz sichert. Man sieht: Gorbatschow versteht nicht nur nach den Regeln der Subtraktion zu denken, er beherrscht in seinen Diagnosen auch die Denkfigur des Karussells.

So bleibt es nicht beim "Verschmelzen". Er will auch "die menschlichen Interessen voll berücksichtigen" und dann mitsamt dem Obersten Sowjet eine "Politik der aktiven Einbindung des Volkes in die Wirtschafts- und Produktionsprozesse" verankern; das geht freilich nur, wenn "die Interessen des Staates mit denen der Einzelpersonen eng verflochten" sind. Dreizehn Seiten später ist es dann wieder so weit:

"Wir halten die Verschmelzung individueller Interessen mit dem Sozialismus nach wie vor für eine grundlegende Frage."

Und die wird in Angriff genommen; also lautet der Beschluß,

"für eine stärkere und direkte Einbindung des einzelnen zu sorgen" -,

was natürlich seinen unwidersprechlich guten Grund hat:

"Nur so werden wir die Vorteile einer weitgehend kollektiven Wirtschaft mit den individuellen Interessen verknüpfen, und das ist es, was wir brauchen."

"EINFALLSREICHE, KLARDENKENDE PERSÖNLICHKEITEN UNTERSTÜTZEN" Michail Gorbatschow

Daß das Analysieren und Argumentieren die Stärke Gorbatschows nicht ist, stimmt uns nicht gerade heiter. Ebenso wenig sein verbissenes Festhalten an der sowjetischen Tradition, das rhetorische Handwerk betreffend.

Anderen Lesern geht es da jedoch anders. So einem Rezensenten der Süddeutschen Zeitung, der folgende abenteuerliche Lesefrucht gesammelt haben will:

"Seine Analyse unterscheidet sich bereits dank ihrer sprachlichen Frische vom Parteichinesisch und den gebetsmühlenartig wiederholten Formeln aus den hierzulande kaum bekannten Werken seiner Vorgänger..."

Interessant, welche Erlebnisse ein Buch vermittelt, wenn man mit der Erwartung an es herangeht, seine Chinesischkenntnisse aufzufrischen! Wenn dazu noch die im Buch von Gorbatschow x-mal dementierte Hintergrundinformation kommt:

"Gorbatschow ist seit Lenin der erste Kremlführer, der Mängel in der Gesellschaft geißelt" -,

dann wird die Begeisterung noch verständlicher. Endgültig erklärlich wird der Stein, den der brillante Stilistiker und Kritiker im Brett vor dem Kopf einer westdeutschen Leseratte hat, durch einen "neuen Gedanken". Es scheint zu den faszinierendsten Augenblicken im Lektüreleben eines westlichen Intellektuellen zu gehören, wenn ihm die Prüfung von Gedanken vom genüßlich besichtigten Autor selbst abgenommen wird. Also wird wohlwollendzitiert:

"Wir glauben nicht, daß wir der Wahrheit letzten Schluß gefunden haben."

Noch schöner als diese Relativierung der eigenen Gedanken scheint bei Gorbatschow aber eine Relativierung ganz anderen Typs zu klingen:

"Er nimmt Abschied von der Idee der weltweiten Durchsetzung des Sowjetsystems, die seine Vorgänger noch als Weltrevolution deklariert hatten."

Das also macht den Russen so sympathisch. Erst gibt er zu, daß er nichts Gescheites weiß und dann hat er nicht einmal mehr was Böses vor!

"WIR BRAUCHEN EINEN KONSTRUKTIVEN DIALOG, UND ZWAR JETZT"

Michail Gorbatschow

Glasnost

Diese Neuerung, die Michail Gorbatschow tatsächlich vertritt und inszeniert, wird im freien Westen nicht nur falsch ausgesprochen, und zwar 400mal täglich. Sie wird auch fast rückhaltlos begrüßt - mit dem Argument, "wir" hätten so was schon immer. Das ist ärgerlich und stimmt auch gar nicht. Sooft die Sorge breitgetreten wird, Gorbatschow könnte sich gezwungen sehen - oder gar gezwungen werden -, die Freiheit der Kritik wieder rückgängig zu machen, wird eines deutlich: Hier schließt wieder einmal der Westen von sich auf den Osten. Daß Kritik kontrolliert und dosiert gehört, daß sie entweder konstruktiv ist oder unterbleibt, daß sie also bei Bedarf auch verboten gehört - diese erzfreiheitliche (Selbst-) Zensuridee ist jedenfalls ganz bestimmt nicht der Witz am moralischen Imperativ zur Kritik, den Gorbatschow ausgerufen hat.

Das öffentliche und allgegenwärtige Kritisieren ist dem Generalsekretär nämlich als der Hebel eingefallen, der wirkt.

"Wir haben damit begonnen, Gesetzesvorlagen zu entwerfen, die Glasnost verankern sollen. Diese Entwürfe sollen bei der Arbeit der Regierung und der Massenorganisationen für größtmögliche Offenheit sorgen und den Werktätigen ermöglichen, ihre Meinung zu allen Fragen des gesellschaftlichen Lebens und der Tätigkeit der Regierung ohne Angst zum Ausdruck zu bringen."

Der Mann will "Gleichgültigkeit und Passivität" beseitigen, hetzt seine Staatsgewerkschaften zu Sachen auf, an die der DGB ebensowenig denkt wie unser Kanzler - und sichert das ganze von ihm gewünschte Opponieren nach Kräften rechtlich ab:

"Gewerkschaftskomitees sollten Zähne zeigen und keine anpasserischen Partner für die Wirtschaftsführung sein. Schlechte Arbeitsbedingungen in einigen Betrieben, ein mangelhaftes Gesundheitswesen, unzulängliche Umkleideräume - an all das haben sich die Gewerkschaftsorganisationen anscheinend gewöhnt. Doch die sowjetischen Gewerkschaften haben das Recht, die Einhaltung von Arbeitsverträgen von seiten der wirtschaftlichen Leitung zu überwachen und die Leitung zu kritisieren, und sie können sogar verlangen, daß ein Direktor, der den legitimen Interessen der Werktätigen nicht nachkommt, von seinem Posten entfernt wird."

Aus solchen und ähnlichen Äußerungen geht eindeutig hervor, daß weder die Komplimente noch die Verdächtigungen westlicher Mißtrauensprofis am Platze sind. Gorbatschow hat es nicht mit einer großzügigen Gewährung kritischer Meinungen, wenn er Demokratie sagt. Er fordert auch nicht im mindesten Dankbarkeit für die großartige Erlaubnis ein, überhaupt eine Meinung haben zu dürfen. Umgekehrt dringt er auf praktische Veränderungen, die seine großartige Verschmelzungsinitiative zum Inhalt haben; und die Frage "Wo anfangen?" mit der "Umgestaltung der Wirtschaftsführung" - "oben" bei der Leitung oder "unten" im Arbeitskollektiv - hat er auf seine Weise beantwortet. Mit der großspurigen Idee, daß sich "im Arbeitskollektiv die individuellen, kollektiven und gesellschaftlichen Interessen der Menschen verflechten", hat er sich seine "Systemkritik" erspart und die der Betroffenen bestellt. Als wollte er sagen, daß die von den Mängeln des sowjetischen Sozialismus Geschädigten nur aus ihrer Unzufriedenheit praktische Konsequenzen zu ziehen brauchen, und schon wäre die Laube fertig, in der Mensch und Sozialismus eins seien, ist er an sein Volk herangetreten: Ändert den Laden entsprechend euren Klagen über Mißstände, die ihr selbst am besten und aus nächster Nähe kennt!

"MASSENMEDIEN, MÄCHTIGSTE BÜHNE FÜR GLASNOST"

Michail Gorbatschow

Und das ist einigermaßen befremdlich. Denn solche Einwände - über alles, was nicht klappt; über alle, die sich zu viel herausnehmen; über fehlende Qualität und Quantität von Lebens- und Produktionsmitteln zur rechten Zeit und am rechten Ort etc. - hat es auch bislang reichlich gegeben. Die Leserbriefe in den Zeitungen mögen jetzt häufiger abgedruckt werden, vielleicht auch in größerer Zahl einlaufen - gegeben hat es die realsozialistische Beschwerde über die schlechte Organisation des guten Willens und über die gute Organisation der Vorteile schlechter Menschen schon immer!

Insofern hat die Veranstaltung namens "glasnost" einen unübersehbaren Haken: Gorbatschow und die Partei tun sehr unschuldig so, als wäre die fehlende Harmonie zwischen "Sozialismus und menschlichen Interessen" samt ihrer "Ineffizienz" und "Stagnation" allein dem Umstand zu verdanken, daß die Partei die Massen zu wenig hat machen lassen. So fordert Michail, der von den Notwendigkeiten der sowjetischen Sorte Planwirtschaft kaum spricht, das Volk dazu auf, seine gemäß dem offiziellen Menschenbild ziemlich lebendigen guten Seiten zu mobilisieren. Gegen die Laster und Mißstände, die ein jeder anständige Sowjetbürger aus dem ff kennt, soll er sich kehren und durch diesen Einsatz alle Bedingungen ungeschehen machen, die mit den Grundrechnungsarten des Systems der Planung und Leitung den Gang der Dinge bestimmen!

So beschwört der große Reformer die Maßstäbe der Kritik, auf die er im Volk setzt, unentwegt und karussellmäßig, als könnte er sich gar nicht vorstellen, daß an seiner Hebelwirtschaft etwas anderes faul ist als das Uersäumnis, die Moral zum Zuge kommen zu lassen.

Ein gesamtrussisches Gejammer über alles, "was dem Sozialismus wesensfremd ist", ist eines jedoch ganz bestimmt nicht - eine "zweite russische Revolution"!

"ALLES WAS VON ZWEITRANGIGER BEDEUTUNG IST, AUSMISTEN"

Michail Gorbatschow

Die Weltlage

Gegen die Fortschreibung des Feindbildes, die im freien Westen das Material von 'Perestroika und Glasnost' in bewährter Manier zur Kenntnis nimmt, hat sich Michail Gorbatschow schon ein bißchen gewehrt in seinem Buch. Die im Westen zirkulierenden Würdigungen sind ihm zugetragen worden: Die einen sehen wie immer das morsche System, das nicht mehr aus noch ein weiß, die anderen die Gefahr einer erstarkten Sowjetunion, die sich nach gelungener innerer Erneuerung wohl um einiges frecher gebärden werde. Manche entdecken im Programm des Kreml die schiere Not, manche eine löbliche, längst fällige, aber wohl vergebliche Tugend. Den frecheren Vertretern der NATO-Mannschaft gegenüber reicht es bei Michail immerhin zu solch erfrischenden Zurückweisungen:

"Aber wir werden erst dann an den demokratischen Charakter der westlichen Gesellschaftsformen glauben, wenn Arbeiter und Angestellte im Westen die Besitzer von Fabriken und Betrieben und die Präsidenten der Banken selber wählen und wenn die westlichen Medien Aktiengesellschaften, Banken und deren Direktoren mit einem Sperrfeuer der Kritik eindecken und anfangen über die in den westlichen Ländern wirklich ablaufenden Prozesse zu diskutieren..."

Leider beflügelt dieser kleine kokette Systemvergleich am Maßstab demokratischer Ideale den politischen Schriftsteller nicht dazu, selbst ein paar Urteile über die besagten "Prozesse" im Westen beizusteuern. Mit der Weigerung, sich von den antikommunistischen Hetzern vorschreiben zu lassen, was für Veränderungen in Moskau und Umgebung eigentlich fällig wären, ist seine Kritik an ihrem Lager schon zur Hälfte fertig:

"Ich für meinen Teil bin der Versuche einiger Politiker überdrüssig, andere darüber zu belehren, wie sie leben und welche Politik sie führen sollen. Sie gehen von der überheblichen Annahme aus, Leben und Politik ihres Landes seien ein mustergültiges Vorbild an Freiheit, Demokratie, wirtschaftlicher Leistung und sozialem Standard. Bei weitem demokratischer wäre meiner Meinung nach die Einsicht, daß andere Völker womöglich nicht mit dieser Perspektive übereinstimmen."

Die zweite Hälfte leitet er ebenfalls mit der Zerstreuung eines Verdachts ein. Des Verdachts, die Russen würden sich nicht nur nichts sagen lassen in Richtung Abschaffung ihres verkehrten Systems, sondern umgekehrt selbst auf Einmischung scharf sein!

"Die Sowjetunion und ihre Perestroika stellen also für niemanden eine Bedrohung dar, es sei denn dadurch, daß sie ein Beispiel geben - wenn jemand sich denn von diesem Beispiel überzeugen läßt. Und doch wird uns immer wieder vorgeworfen, daß wir auf der ganzen Welt den Kommunismus einführen wollen. Was für ein Unsinn!"

Somit lautet die Kritik des anderen Lagers: Die nehmen unseren Wunsch nach Frieden nicht ernst und lehnen unsere Angebote zur friedlichen Koexistenz ab. Und in der weitschweifigen Unterbreitung solcher Angebote besteht der gesamte zweite Teil des Buches. Er heißt "Das neue Denken und die Welt" und ist ein Zeugnis dafür, wie selbst Menschen in leitenden Positionen m Gedanken n Frieden verblöden.

"TRÄGHEIT UND KONSERVATIVISMUS ÜBERWINDEN"

Michail Gorbatschow

Wie gesagt, kommt Gorbatschow ohne größere Anstrengungen in Sachen Kapitalismuskritik aus. Als würde es ihn gar nicht interessieren, ob es vielleicht in der Eigenart seiner Kontrahenten und ihres demokratischen Kapitalismus liegt, wenn sie ihm eine Absage nach der anderen erteilen, legt er Bekenntnisse ab, die wie Tränengas wirken:

"Wir - die ganze Menschheit - sitzen in demselben Boot, und wir können nur zusammen untergehen oder schwimmen. Deshalb sind Abrüstungsgespräche kein Spiel, das eine Seite gewinnen kann. Alle müssen gewinnen, oder alle werden unweigerlich verlieren."

Das sagt der gute Mann ausgerechnet einer westlichen Menschheit, deren beliebte und stets flott ermächtigte Regierungen seit 70 Jahren Front gegen die Sowjetunion machen! Die Deduktion eines globusumspannenden gemeinsamen Interesses am Schwimmsport vollzieht er wie ein Pfaffe aus der Neuendettelsauer Friedensbewegung:

"Mit dem Auftauchen von Massenvernichtungswaffen, von Waffen, die die ganze Welt zerstören können, hat sich jetzt eine objektive Grenze für die Konfrontation der Klassen in der internationalen Arena gebildet: die Drohung universaler Vernichtung."

"WIR BRECHEN FESTGEFAHRENE POSITIONEN AUF"

Michail Gorbatschow

Das gibt einer zum Besten, der sich selbst verschämt die rhetorische Frage gestellt hat, ob nicht vielleicht ein bißchen Klassenkampf auch in sein politisches Poesiealbum gehört. Er betet den wirklich systemübergreifenden Mist von der erzwungenen Vernunft zum Frieden herunter:

"Zum ersten Mal überhaupt hat sich ein reales, nicht spekulatives und abwegiges" - das hat er also einmal gelernt! - "allgemeinmenschliches Interesse gebildet - die Rettung der Menschheit vor der Katastrophe."

"UNSERE LEHRER SIND DAS LEBEN UND DIE ZEIT"

Michail Gorbatschow

Und warum muß er für dieses nicht spekulative Interesse die Trommel rühren: Weil sich keine Menschheit nicht daran hält. Zumindest gibt es gewisse uneinsichtige Gesellen, im Westen, wo er bestsellert:

"Wir sehen, wie stark in den führenden kapitalistischen Ländern die Stellung des aggressiven und militaristischen Lagers der herrschenden Kreise ist. Seine Hauptstütze hat es im mächtigen militärisch-industriellen Komplex, dessen Interessen in der Natur des Kapitalismus verwurzelt sind und der auf Kosten des Steuerzahlers riesige Gewinne aus der Rüstungsproduktion zieht."

"EINE KOOPERATION MIT DER EG IST MÖGLICH"

Michail Gorbatschow

Diese Erläuterung eines Interesses, das sich seinem allgemeinmenschlichen Interesse noch nicht geopfert hat, ist zwar grundverkehrt, ebenso wie die Berufung auf - noch dazu fremde - Steuerzahler bei einem Kommunisten dieses Alters auf akute dementia praecox deutet. Dennoch - nicht einmal dieser Quatsch über den Zusammenhang von Kapital, Staat und Krieg ist mit dem Katastrophenvermeidungsprogramm vereinbar. Die revisionistischen Reste aus der Tradition seiner Partei sind für diesen Mann nur dazu da, daß er ihnen bescheinigt, eigentlich ein korrekter Standpunkt zu sein, der nun aber - wg. Weltuntergang - dem neuen Denken weichen müsse:

"Tatsächlich ist eine Beurteilung aller Phänomene des sozialen Lebens nach dem Klassenprinzip das Abc des Marxismus." -

läßt er uns wissen.

"Das gleiche gilt für die Realitäten des internationalen Lebens, die ebenfalls von diesen Gegensätzen geprägt sind."

Ein schönes Prinzip und noch ein schönes Abc dazu kommen dem Mann im Kreml lässig abhanden - und das nur, weil das blöde Leben, die Geschichte und anderes mehr dem unwissenden Standpunktkommunisten gegenüber als Schulmeister auftreten:

"Es ist in erster Linie das Leben selbst, das die Menschen eine neue Denkweise lehrt."

Und was muß das neue Denken für Sachen erleben?

"Versuche, eine militärische Überlegenheit herstellen zu wollen, sind absolut unsinnig. Gegenwärtig werden solche Versuche im Weltraum unternommen."

Tja, so kann's gehen. Wenn einer nicht weiß, daß er mit seinem Staatsladen den Grund abgibt für die Bemühungen der USA da oben, wenn er dagegen beteuert, seinetwegen und um der ganzen Menschheit willen wäre das völlig überflüssig und unvernünftig, dann hat seine Vernunft abgedankt. Wenn er einen regierenden Inder namens Gandhi zustimmend zitiert, nur weil der herausgefunden haben will:

"Die Menschheit verdient ein besseres Schicksal als das einer Geisel des nuklearen Terrors...",

so muß er sich schon fragen lassen, als Marxist, wieso eigentlich, wenn sie keine Revolution anzetteln will und die Kriegsherrn in dem vielzitierten Boot aussetzt?

"PERESTROJKA ERFORDERT KOMPETENZ UND HÖCHSTE PROFESSIONALITÄT"

Michail Gorbatschow

Kooperation, nicht Konfrontation

Was Gorbatschow über die Weltlage, von der leidigen Atombombe über das Selbstbestimmungsrecht der Völker bis hin zur "großen Geschichte" der USA, bietet, erfüllt den Tatbestand der Abschreckung. Dieser Autor hat sich darauf verlegt, seine Leser zum Verwechseln zu agitieren. Jedes seiner Ideale, die er anstrebt und mit denen er offensichtlich auch bei seinen erklärten Feinden wirbt, nennt er notwendig. Und wofür er auch seine Gegner in Sachen Zusammenarbeit gewinnen will, weil er ihre Feindschaft zu spüren bekommt, er nennt es Realismus - wobei ihn aie Tatsache, daß keines seiner Friedensangebote verwirklicht wird, überhaupt nicht beeindruckt. Das beflügelt ihn nur, die Positionen und Taten seiner Gegner als sinnlos hinzustellen und bei ihnen den Realismus zu vermissen.

So hat er sich nach Reykjavik gefragt,

"warum die Vereinigten Staaten einer Einigung aus dem Weg gegangen waren..."

"Und jedes Mal kam ich zu ein und demselben Schluß: Die Vereinigten Staaten sind nicht bereit, sich von der Hoffnung zu trennen, doch noch die nukleare Überlegenheit zu erringen..."

Selbst den oft genug verdeutlichten Willen der USA, in der Rüstung von Tag zu Tag kriegsfähiger zu werden, vermag Gorbatschow nur negativ auszudrücken: Er meint, sie könnten von einer illusorischen Hoffnung nicht loskommen. Genau dahin will er sie aber bringen, und wenn er zum Beweis schreitet dafür, daß sich die USA täuschen und r mit Abrüstung und friedlicher Koexistenz den gebotenen, weil "realistischen Weg" geht, wird es komisch. Dann ist Schluß - einen winzigen Augenblick lang wenigstens - mit der Rettung der Menschheit und sämtlichen Phrasen aus dem Papierkorb der weltweiten Verantwortungsethik; und es geht einen Moment lang realistisch zu:

"Wenn die Vereinigten Staaten SDI nicht aufgeben, dann werden wir den USA das Leben nicht leichter machen. Unsere Antwort wird wirksam, glaubwürdig und nicht sehr kostspielig sein... SDI durchlöchern... Es würde ohnehin keinen verläßlichen Schutz bieten..."

An dieser Stelle - viele gibt es nicht in seinem Werk - vermerkt der Chef des Kreml plötzlich eine Wahrheit: die nämlich, daß er letztlich gegenüber der anderen Weltmacht und in deren Berechnungen nur ein Argument auf seiner Seite hat. Und das sind die Waffen der UdSSR, die schließlich nicht wegen folgender Sprüche als "Supermacht" mit der anderen einen Zustand namens "Weltfrieden" verhandeln darf:

"Wir haben nicht nur die Realität einer farbenreichen, mehrdimensionalen Welt neu erkannt."

"Wir haben nicht nur die Verschiedenheit der Interessen einzelner Staaten festgestellt. Wir haben das Hauptproblem gesehen - die wachsende Tendenz zu wechselseitiger Abhängigkeit der Staaten in der Weltengemeinschaft."

"Wir brauchen ein Gleichgewicht der Interessen..." usw. usf.

Mit solchen Phrasen, die einerseits den Antrag darstellen, die Welt als einen einzigen gewaltigen Seufzer nach friedlichen Gemeinschaftsregelungen zu betrachten und ihr zu willfahren, verabschiedet sich der gute Michail ein ums andere Mal aus der kleinen Gruppe normal tickender Menschen. Andererseits trifft er mit seiner leicht verzerrten Optik sehr sicher all die Menschen guten Willens, die die Weltlage auch gern etwas anders sehen, als sie ist, am Nerv. Die Gefahren, die von seinem Buch für die auf Trost, Sinn, Frieden und andere Chancen, wie z.B. die "Zukunft", erpichte Jugend ausgehen, sind daher nicht zu unterschätzen.

Deshalb zum Schluß noch zwei exemplarische Höchstleistungen dieses Schriftstellers auf Weltniveau. Die erste steht für die Dialektik von Realität und Realismus, die dem Gerechtigkeitssinn des Autors entspringt:

"Es liegt auf der Hand, daß jedes Land und jede Staatengruppe eigene Interessen hat. Vom Standpunkt der elementaren Logik müßten alle diese Interessen in der Weltpolitik einen angemessenen Ausdruck finden. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Mehr als einmal habe ich zu meinen Gesprächspartnem aus den kapitalistischen Ländern gesagt: Laßt uns doch die Realitäten in unsere Überlegungen einbeziehen..."

"WIR BRAUCHEN LEUTE, DIE BEGABT UND BESONNEN SIND"

Michail Gorbatschow

Ja, ja vieles liegt im argen. Wenn man nur wüßte warum und wenigstens noch ein paar Trümmer der traditionellen Imperialismustheorie im Kopf hätte! Zumindest solcher Quark wäre dann auszuschließen - er mündet durch die "Einbeziehung der Realitäten" übrigens in die schönfärberische Einsicht:

"Aber die Entwicklungsländer haben hundertmal mehr Probleme als die anderen Staaten" -

wobei sich das "aber" nur aus einer unübertrefflichen Einschätzung der Weltlage ergeben hat, die so geht:

"Jedes Land hat seine Probleme."

"WIR HABEN EINEN RIESIGEN BERG ARBEIT VOR UNS"

Michail Gorbatschow

Armes Rußland, können wir da nur sagen. An seiner Spitze steht ein Mann, der sein vergebliches Werben im Westen um die Aufgabe seiner Feindschaft nicht nur nicht aufgibt; der sicher nichts mehr von dem uralten Rezept des Klassenkampfes m Kapitalismus wissen will, weil er meint, durch die Macht der Sowjetunion wäre dergleichen verzichtbar, weil durch das ganz andere Vorgehen zu ersetzen: Die eigene Ebenbürtigkeit auf dem Felde der Atomwaffen läßt alle Imperialisten verzweifeln, bis sie zur vernünftigen Friedfertigkeit hingelabert sind. Der Chef des Kreml steigert sich bei diesem Verfahren zu Argumenten und Bildern, wo kein Gegensatz mehr vorhanden ist zwischen den Insassen des Weltfriedens - also auch kein Bedürfnis mehr vorhanden ist, etwas zu klären und sich danach zu richten. Solche Vernunft ist dem PR-Mann der friedlichen Koexistenz unbekannt; dafür hat er eben seine:

"Aber wie ich bereits gesagt habe, ähneln die Nationen der Welt heute einer Gruppe von Bergsteigern, die durch ein Kletterseil miteinander verbunden sind."

Wer die Sache so sieht, kritisiert den Imperialismus allemal damit, daß er keine gemeinsame Bergtour mitmacht. Und zwar obwohl sie ihm auch ganz gut täte. Die Bemühungen auf dem Feld dieser Art Überzeugungsarbeit, die ja schon aus der europäischen Frontstaat-Szenerie ein gemeinsames werden läßt, sollen noch an einer zweiten Höchstleistung gewürdigt werden.

"DIE PERESTROJKA IST SCHON REALITÄT GEWORDEN"

Michail Gorbatschow

Gorbatschow ärgert sich darüber, daß westliche Politiker schon in der Existenz regionaler Konflikte das "Produkt verschwörerischer Aktivitäten des Kreml" sehen. Aber er wird mit seinem Ärger fertig. Daß die Definition eines "regionalen Konflikts" ein ganz klein wenig auf einen übergeordneten "globalen Konflikt" mit keinem Geringeren als der Sowjetunion anspielt, macht ihm nichts aus. "Aufteilung der Welt" und dergl. aus Lenins Wissensschatz scheint ihm nicht das Passende - er meint, die kapitalistischen Politiker davon überzeugen zu müssen, daß sie einen falschen Umgang mit Entwicklungsländern pflegen, wo die meisten "regionalen Konflikte" toben. Sein Motto:

"Westliche Führer unterschätzen die Gefahr."

Er meint die Gefahr, die aus den Schulden kommt. Hier ist er auf dem Niveau der "Süddeutschen Zeitung", und er übernimmt deren erfrischenden Jargon:

"Der Schuldenberg der Entwicklungsländer ist zu einer Zeitbombe geworden. Wenn sie ausgelöst würde, könnte dies verhängnisvolle folgen haben."

Verhindern, soviel weiß Michail gleich, kann man dies nur durch "eine gerechte Lösung". Die Frage ist nur, wie man das den Chefs der Westmächte beibringt, nachdem man schon das "Problem" genauso hingedreht hat wie die, die sich Sorgen um das Funktionieren und die Erträge des kapitalistischen Kreditwesens machen. Der kleine Unterschied zwischen den Nationen der "Dritten Welt" und deren Völkern ist auch schon glücklich durch Nichtbefassung erledigt. Also ist nur noch eines zu leisten - ihnen ihre eigene Unvernunft so plausibel machen, daß sie es verstehen:

"Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Präsident Mitterrand. Dabei ging es im wesentlichen um folgendes: Es ist klar, daß ein kapitalistisches Unternehmen nach maximalem Profit strebt. Ein Kapitalist oder ein kapitalistisches Unternehmen sieht sich allerdings zwangsweise, hauptsächlich unter dem Druck der Arbeiter, damit konfrontiert, daß den Angestellten ein Einkommen garantiert werden muß, wenn das Unternehmen effektiv funktionieren soll. Und ist das Einkommen noch so gering, so soll es ihnen doch ermöglichen, ihre Arbeitskraft und ihre Gesundheit zu erhalten, ihre Qualifikation zu verbessern und Kinder großzuziehen. Der Kapitalist ist dazu gezwungen, weil er erkennt, daß er damit seinen eigenen gegenwärtigen und zukünftigen Profit sichert.

Aber der Kapitalismus insgesamt, wie er durch die westlichen Länder repräsentiert wird, will in den Beziehungen zu seinen ehemaligen Kolonien nicht einmal diese einfache Wahrheit verstehen."

Der erste Mann des real existierenden Weltkommunismus versucht, den Chef einer imperialistischen Macht zu agitieren. Darunter versteht er, ihm Fehler abzugewöhnen, die zu seinem eigenen Nachteil ausschlagen. Und die er in anderen Belangen gar nicht erst machen würde. Z.B. beim Einsatz von Lohnarbeitern für Profit.

Der erste Mann des Kreml hat ein schlagendes Argument in seinem realsozialistischen Bildungssgut entdeckt. Obwohl er sonst über und gegen die inneren Sitten im Kapitalismus nichts sagen möchte, weiß er doch viel davon. Z.B., daß das Kapital durch sowas wie eine - zwar widerwillig übernommene, aber - Fürsorge für seine Lohnarbeiter auf seine Kosten kommt. So haben beide was davon und keinem passiert was.

Der erste Mann in Moskau schlägt vor, daß die westlichen Nationen bei ihren Kapitalisten lernen. Fürsorge für die "Dritte Welt", kein Risiko und bleibender Nutzen. Von den guten Beziehungen, die das ergibt, ganz zu schweigen. Statt dessen ruinieren die kapitalistischen Nationen die kleinen Ex-Kolonien und begeben sich in Gefahr.

Der süßen Anekdote entnehmen wir auch noch den theoretisch fundierten Hinweis, warum man in Moskau lieber westliche Politiker und Geschäftsleute für den Frieden betören will als westliche Arbeiter für eine Revolution. Letztere haben ja fast alles, also auch gute Gründe, ihren herrschenden Kreisen bis in den Krieg die Stange zu halten - außer einem gesicherten Frieden -, und um den kümmert sich die Weltmacht Nr. 2 mit ihrer atomaren Gegendrohung, ihrer Diplomatie und ihren guten Argumenten. Michail Gorbatschow ist ein mächtiger Mann. Aber auch mächtig dumm.

"UM VORANZUKOMMEN, MUSSTEN WIR ZURÜCKGEHEN ZU UNSEREN WURZELN"

Michail Gorbatschow

"WIR SIND DABEI, UNS SELBST NEU ZU ENTDECKEN"

Michail Gorbatschow