PENETRANTE 90 MINUTEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1981 erschienen.

Ausgerechnet in der Süddeutschen Zeitung befand sich ein Kommentar zum Papstauftritt, wie wir ihn nicht erwartet hätten und der uns irgendwie entgangen ist:
PENETRANTE 90 MINUTEN

Karol Wojtyla (ZDF) -- Da setzt man sich also besten Willens am Samstagabend vors Fernsehgerät und verbietet sich strikt jedes Vorurteil und jede besserwisserische Arroganz. Wenn einen Superstar Millionen Fernsehzuschauer lieben, dann muß das doch irgendeinen Grund haben, dann wäre es zu billig, die Nase über 5000 von ihnen zu rümpfen, die da in der Kölner Domhalle zu beobachten waren: wie sich die Damen jeden Alters drängen, ihr Idol mit Blumen und sehnsüchtigen Blicken zu bewerfen, wie das Publikum vor Vergnügen aufjauchzt, wenn es nur die Andeutung eines Scherzes vermutet, wie es keinem Satz eine Chance läßt, ohne rhythmisches Begleitklatschen zu entkommen, das ist auch eher rührend als komisch. Soll man wirklich jemand vorschreiben, was er mag und wie er das zeigt? Und hat dieser Karal Wojtyla nicht unbestreitbar eine hübsche Stimme, Talent zur Show? Aber nein, es hilft nichts. Je länger das ZDF diesen Soloabend eines Infratest-Königs serviert, desto anhaltender dreht sich dem Rezensenten der Magen um. Den Mainzern ist ihr seit langem penetrantestes Programm gelungen: 90 Sendeminuten weitgehend ausgefüllt mit Schmachtfetzen, die von verlogener Sentimentalität ("Unser täglich Brot ist die Liebe") nur so triefen, mit Wiener Schmäh von der ranzigsten Machart und von schamlosester Eigenreklame für den eigenen Verein, alles zusammen vom Künstler präsentiert unter Zuhilfenahme eines absolut steinerweichenden Dackelblicks und eines sorgfältig auf Flaschen gezogenen Kunstcharmes, wie er so kompromißlos schon lange nicht mehr an einer deutschen Fernsehanstalt zum Einsatz gebracht wurde. 80 Prozent unechtes Gefühl, 20 Prozent keimfreie Komik. Beides unter unglaublicher Ausnutzung jedweder spontanen Geste, jedem Anspruchs - das ist Unterhaltung, wie sie nach Meinung des ZDF offenbar sein soll.

Absoluter Tiefpunkt: als Wojtyla - zum wievielten Mal eigentlich in einer TV-Show - den großen Gottmenschen mimt, süßlich lächelnd seinen Geist beschwört ("Bestimmt schaut er uns heute von oben zu"), ihm hinterher in Richtung Himmel gönnerhaft zuzwinkert und endlich mit vor Rührung ersterbender Stimme mitteilt, Jesus sei ein "Mensch" gewesen - und das, um zwanglos auf seinen berüchtigten Humanitäts-Hit "Hier ist ein Mensch" überleiten zu können. Manchmal läßt sich über Geschmacksfragen nicht mehr streiten.

(Peter-ALexander-Fans unter den MSZ-Lesern dürfte es aufgefallen sein, daß Herbert Riehl-Heyse in Wahrheit nicht Woityla, sondern den großen Schlagerstar durch den Schmutz gezogen hat, der Feigling! Nur die kursiv gesetzten Teile weichen uom Originaltext ab)