PATRIA Y MUERTE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1982 erschienen.
Systematik: 

Argentinien
PATRIA Y MUERTE

Staaten, die sich als nützliche Mitglieder und Mitmacher in die vom Westen erlassene Weltfriedensordnung einfügen, können sich ihren eigenen wie benachbarten Völkern gegenüber jede Brutalität und Freiheit herausnehmen, ohne mit wirksamen Einsprüchen ihrer Verbündeten rechnen zu müssen; auch die demokratische Weltöffentlichkeit kündigt ihnen, wegen ein paar hundert oder tausend staatlich produzierten Leichen ihr wohlwollendes Verständnis nicht auf. Vergeht ein Souverän der "3. Garnitur" sich aber gegen die durch weltweite Interessen wohl begründete "Verantwortung" der fünf bis acht Führungsmächte der "freien Welt", dann wird er sehr prompt und wirksam mit den ökonemischen wie militärischen Grundlagen und Schranken seiner Machtvollkommenheit konfrontiert und verliert im Handumdrehen auch für seine Innenpolitik jeden moralischen Kredit - bis auf weiteres.

Argentinien vor April '82: In jeder Hinsicht kreditwürdig

Argentinien war jahre- oder jahrzehntelang ein zwar "bisweilen schwieriger", aber trotz allem "natürlicher Verbündeter" der USA, die nicht bloß für Ausrüstung und Ausbildung des argentinischen Militärs sorgten und teilweise sogar aufkamen. Das Land wurde als wirtschaftlicher Partner geschätzt, weil es seine Agrarprodukte brav zu den an westeuropäischen Warenbörsen "ermittelten" angemessenen Preisen liefert (was umgekehrt einst die neugegründete EWG nicht daran hinderte, ihre Weizenimporte aus Argentinien um 40% zu kürzen); weil es ausländischem Kapital als Anlagesphäre offensteht - lange Zeit vor allem dem britischen! -, das das preiswerte argentinische Proletariat zur Eroberung der bescheidenen Binnenmärkte Lateinamerikas antreten ließ und läßt und die dabei erzielten Profite seit jeher mehr oder weniger steuerfrei ausführen darf; weil es mit seinem Finanzbedarf und sogar noch mit seinem Weizenhandel mit der Sowjetunion den Geschäftsverkehr europäischer Banken und Finanzplätze belebt, seine Auslandsschulden aufs gedeihlichste bedient und akkumuliert; usw. Das antiquierte nationalistische Ideal eines um diverse auswärtige Landstriche vergrößerten argentinischen Territoriums, insbesondere der Grenzstreit mit Chile, blieb stets unter Washingtoner und päpstlicher Kontrolle; der peronistische Traum von einer ganz und gar autonomen Nation, in der das Volk ordentlich benutzt wird und von den Ruhmestaten satt wird, für die es die Manövriermasse hergeben sollte, wurde vom Militär sachgerecht gebremst, wo immer die Lage für auswärtige Interessenten und Nutznießer unübersichtlich zu werden begann; ihrem außenpolitischen Tatendrang durfte die Nation mit rechter Putschhilfe in Bolivien, Subversion im sandinistischen Nicaragua, Anti-Guerilla-Kampf in El Salvador usw. nachkommen. Und mit all dem hat die zuständige argentinische Staatsgewalt sich auf dem Felde der weltweiten demokratischen Moral die Generalabsolution für jede innenpolitische Brutalität erworben. Empörung über gefolterte und ermordete Oppositionelle, über blutig niedergeschlagene Streiks, über schon im Vorfeld ausgerottete Widerstandsgruppen, über die mit der "Industrialisierung" des Landes fortschreitende Verelendung seiner Volksmassen galt als linke Marotte, die nur dann als wenigstens ehrenwert galt, wenn ihr der Verweis auf noch schlimmere Zustände in der Sowjetunion auf dem Fuße folgte. Ansonsten diente die "kritische" Anfrage, ob der Westen denn ausgerechnet mit einer Militärdiktatur gut Freund sein müsse, nur der Klarstellung: Das sind verläßliche Verbündete, auf die man zählen kann; und mit Moial ist noch nie Weltpolitik gemacht worden! "Politische Freiheiten" wurden vermißt, nur um auf die bedauerliche, jede Gewalt entschuldigende "Unreife des Volks für die Demokratie" zu sprechen zu kommen; das Eingreifen des Militärs gegen die aus "freien Wahlen " hervorgegangene peronistische Regierung wurde als glaubwürdiger Beweis dafür gehandelt, daß "demokratische Experimente" in diesem Lande "noch" "zum Scheitern verurteilt" seien. "Folter und 15.000 Verschwundene"? Das wurde, wenn überhaupt erwähnt, mit kriminalistischer Redlichkeit in Zweifel gezogen ("angeblich..."), den "Übergriffen einzelner Offiziere" und ihrem privaten Antikommunismus zugeschrieben, mit dem Verweis auf die Mitschuld der Opfer - schließlich waren auch "Terroristen" darunter... - relativiert. Fortschritte in der Verelendung der Leute wurden nur für mitteilenswert befunden, um daran interessierte bis besorgte Betrachtungen über die Erfolgsaussichten einer "liberalen Wirtschaftspolitik" zwecks "Inflationsbekämpfung" und "Sanierung des Staatshaushalts" anzuknüpfen. Der sanfte Tadel des Menschenrechtsapostels aus den USA, Carter, war für alle "Betroffenen" leicht erkennbar als die wohlwollende Aufforderung, neue Wege zu einer ausgiebigeren, produktiveren Benutzung des Volkes und seiner Arbeitskraft zu suchen. Und selbst das Moment von Kritik, das in dieser Mahnung noch enthalten war, wurde durch die von der Reagan-Regierung dekretierte Unterscheidung zwischen (guten) "autoritären Regierungen" und dem (bösen, kommunistischen) "totalitären System" offiziell und verbindlich außer Kurs gesetzt.

Argentinien seit April '82: Unter aller Kritik

In allen diesen Punkten hat die pluralistische öffentliche Meinung der führenden Demokratien mit wahrbaft atemberaubender Promptheit und Gleichförmigkeit eine 1OO%ige Kehrtwendung vollzogen, seit ihre Regierungen die eine außenpolitische Aktion Argentiniens: die Besetzung der Falkland Inseln, als nicht hinnehmbares Verbrechen identifiziert haben und Großbritannien in seinem Entschluß zur kriegerischen Zurückweisung dieses "Übergriffs" unterstützen. Als treue Diener ihrer demokratischen Herren durchschauen mit einem Mal selbst "Welt", "Bild", "Frankfurter Allgemeine" und die auf die Abgewogenheit ihrer Kommentare so sehr bedachte "Süddeutsche Zeitung" die argentinische Regierung als "verabscheuungswürdige Militärjunta", gegen die die Thatcher-Regierung zu Recht sämtliche Prinzipien des demokratischen Antifaschismus auf ihrer Seite weiß wie einst gegen Hitler. Kein "Hintergrundbericht" aus Buenos Aires vergißt die "tapferen Mütter", die auf der Plaza de 20 Mayo mit ihrem Schweigemarsch Auskunft über den Verbleib verschwundener Angehöriger verlangen. Der argentinische Nationalismus ist "emotional" (= irrational) und "aufgeputscht" - soweit er nicht bereits bei "besonneneren" Taxifahrern der Skepsis gegen die Kriegskunst der regierenden Generäle weicht, die im Unterschied zu so manchem erprobten demokratischen Kamerateam noch nicht einmal in einem richtigen Krieg gewesen sind. Und fest steht von Wien bis Los Angeles und von der "Bild am Sonntag" bis zur Gewerkschaftspresse und der "Tageszeitung", daß die argentinischen Generäle ihren Coup nie,und nimmer aus außenpolitischen Gründen erwogen und durchgeführt haben können, sondern bloß zwecks Ablenkung von inneren Schwierigkeiten: eine für den Geisteszustand von Demokraten sehr aufschlußreiche Vorstellung. Denn als die größte Selbstverständlichkeit von der Welt ist darin der Krieg als die Staatsaktion unterstellt, vor der alle Kritik im Innern einer Nation zu verstummen, jeder Interessensgegensatz und jede Opposition zurückzutreten hat - und die eben deswegen nicht berechnend für solche innenpolitischen Zwecke eingesetzt werden und daher einer Regierung gar nicht zur Verfügung stehen dürfe, die man mangels innerer Stabilität solcher Zwecksetzung verdächtigt. Das imperialistische Urteil, die argentinische Regierung habe sich da eines unverzeihlichen Übergriffs schuldig gemacht, der keinerlei Verständnis verdiene, übersetzt sich hier in die Vorstellung, - die Junta hätte erstens tatsächlich - keine billigenswerten, also überhaupt - keine außenpolitischen Gründe für ihre Militäraktion gehabt, "also" bloß innenpolitische, und zwar, zweitens, auch da bloß schlechte und verwerfliche. Nämlich, Inbegriff der Verwerflichkeit von Innenpolitik für einen demokratischen Sachverstand: sie hätte damit ja bloß ihr Volk auf ihre Seite bringen wollen - eigentlich ein demokratisches Ideal, sollte man denken; das aber immer dann von tiefster Unredlichkeit einer Herrschaft zeugt, nämlich von einer bloß scheinbar demokratischen Manipulation, wenn das Ergebnis den weltpolitischen Interessen der Demokratie nicht in den Kram paßt. In der unverschämt selbstgerechten Überzeugung, nur dem eigenen, im Innern wohlgeordneten, nach außen ohnehin erfolgreichen Staatswesen käme ein Recht auf außenpolitische Interessen und Unternehmungen zu, das allenfalls auch gute Gründe für einen Krieg einschließt, wird die Seite, deren kriegerisches Unternehmen man mißbilligt, zu einem Pseudo-Staat stilisiert, der erstens kein Recht zum Krieg habe, weil er zweitens im Innern geradezu das Gegenbild zu dem eigenen perfekt gelungenen Gemeinwesen darstelle. Bis hin zu einer sehr lustigen Selbstkritik reicht diese selbstgerechte Aburteilung des Gegners: Einem solchen Staat hätte man im Grunde niemals die militärischen Instrumente wirklicher Autonomie "geben", also doch keine wirkliche Souveränität zugestehen dürfen - "Friede" als Ideal kolonialistischer Botmäßigkeit der Staatsgewalt in fremden Ländern!

Argentiniens Verbrechen: Weltpolitik nach dem Drehbuch des demokratischen Imperialismus und Nationalismus...

Dabei hat Argentinien gegen den formellen Sittenkodex des demokratischen Imperialismus gar nicht verstoßen; im Gegenteil: Es hat aus seiner und der aktuellen Weltlage nur genau die Schlüsse gezogen, wie sie unter demokratischer Weltfriedensordnung auch für Nationen der "3. Garnitur" durchaus zulässig und üblich sind. Aus seiner Freundschaft mit dem Westen, die nicht zuletzt bedeutende Waffenlieferungen eingeschlossen hat, und aus seiner Wichtigkeit für eine eindeutige Sortierung der Staatenwelt in Freunde und Feinde der "Sache der Freiheit", also für den mit jedem Fortschritt der Weltkriegsvorbereitung dringhlicheren Auftrag der USA an ihre Partner, hat Argentinien für seine Außenpolitik die Freiheit abgeleitet, seine Dienstbarkeit als Anspruch auf den Südatlantik und seine diversen Inseln zu dokumentieren und in die Tat umzusetzen. An ihren israelischen und südafrikanischen Kollegen wollte die Junta gelernt haben, was man als Freund der USA alles darf; und danach hat sie sich gerichtet. Ganz im Sinne westlich-demokratischer Abschreckungskonzepte hat sie die britische Präsenz auf "ihren" Malvinas erstens zu einem Problem erklärt, das zweitens durch die gewaltsame Schaffung vollendeter Tatsachen am besten zu "lösen" sei; unvergleichlich bescheidener ist sie dabei geblieben als ihre Vorbilder: als Südafrika, das seine "Probleme" mit der SWAPO mitten in Angola "löst", und als Israel, das den "Frieden für Galiläa" durch die Einebnung Beiruts sichert. Wo gäbe es ein "friedensgefährdendes Problem" auf der Welt, das anders konstruiert wäre als das argentinische mit der britischen Hoheit über die Falkland-Inseln?

Auch im Innern hält die argentinische Staatsgewalt sich an gar nichts anderes als die Drehbücher des Nationalismus, den die Demokratien des Westens zur Perfektion gebracht haben. Das Volk wird benutzt, so gut es geht,- ohne weiter danach zu fragen, ob und was ihm das nutzt oder schadet. Sicher, der Opportunismus, an den ein erfolgreicher Kapitalismus bei seinen einheimischen Opfern so gern appelliert, die kläglichen Berechnungen, die einem westlichen Proletarier seinen Gehorsam immer wieder lohnend erscheinen lassen, so etwas findet in Argentinien noch weniger Anhaltspankte als hierzulande. Auf solche Anhaltspunkte soll und darf es aber doch auch im Heimatland des "Wirtschaftswunders " nicht ankommen, heutzutage schon gleich nicht.

Unter dem Titel "schwere Zeiten" wird der Schein materieller Vorteile doch radikal ausgetrieben aus dem nationalen Versprechen von "Freiheit"; Parolen wie "Wer Frieden sagt, muß Verteidigungsbereitschaft meinen", denn "Es gibt ihn nicht zum Nulltarif!" usw. wollen dem staatsbürgerlichen Schielen auf persönliche Vorteile beim Gehorchen und Sich-Aufopfern doch gar keinen Raum mehr lassen, propagieren also einen nationalen Idealismus von genau der gleichen radikalen Doofheit, wie sie an den "aufgeputschten" argentinischen "Südländern" den bundesdeutschen Beobachtern noch aufstoßen will. Was unterscheidet denn einen führenden C-Grüppler, der eine Pro-Helmut-Demo wie in Bonn auch in Weimar oder Leipzig abhalten möchte, von Präsident Galtieri, der dem Nationalismus seiner Landsleute die blauweiße Fahne in Porto Argentino zum Ziel setzt - außer der vergleichsweisen Bescheidenheit des letzteren Anliegens?! Und wenn die peronistische Gewerkschaft CGT - bzw. das, was die Militärs von ihr übriggelassen haben - nur Tage nach einem brutal zusammengeknüppelten Hungermarsch ihre dabei zum Teil eingelochten Repräsentanten erst zur Amtseinführung des gobernador, des Statthalters argentinischer Souveränität auf den Malvinas, in das umgetaufte Port Stanley schickt und dann - auf eigene Kosten! - rund,um die Welt, um bei Gewerkschaften und Parteien der "freien Welt" für die Legitimität der argentinischen Aktion zu werben: Was macht sie dann eigentlich so prinzipiell anderes, "Irrationaleres" als Vetter oder Loderer, die im Auftrag und Namen des DGB in Moskau verdeutlichen, wie ihre sozialliberale Regierung Gefahren und Bedingungen des Weltfriedens einschätzt? Die immer noch nicht zugelassenen, halbwegs geduldeten Parteien des Oppositionsbündnisses, der "multipartidaria", stellen ihre Forderungen nach Liberalisierung und Demokratisierung freiwillig zurück und "steigen vom Pferd" (wie es auf-argentinisch heißt), um der Regierung in der Malvinas-Frage den Rücken zu stärken: Gibt es irgendeine Demokratie, der ein solcher praktizierter Idealismus der nationalen Einheit fremd wäre? Selbst die Vertreter der "montoneros" und des "Revolutionären Volksheeres", der ERP, von 1970 bis '76 Staatsfeind Nr. 1, die vor der Liquidierung ihrer Organisationen durch die Spezialeinheiten von Videla, Viola, Galtieri und Co. ins Ausland fliehen konnten, halten es für ihre nationale Pflicht, von Cuba bzw. Mexico aus das argentinische Volk zur Wiederherstellung der nationalen Souveränität über die Malvinen zu beglückwünschen, sich für diese gerechte Sache stark zu machen und die Militärs vor Verhandlungen zu warnen, die zu einer "nationalen Demütigung" führen könnten. Zwar sind die Genossen vom "Revolutionären Volksheer" bzw. der "Revolutionären Arbeiterpartei" (PRT) der Ansicht, daß dieser nationale Erfolg den Militärs nicht zu gönnen sei: Die Rückgewinnung der Malvinas durch ein "wahrhaft" souveränes, selbst entscheidendes argentinisches Volk hätte diesem "revolutionären Schlag gegen Kolonialismus und Unterdrückung der Völker" erst den richtigen Schliff gegeben. Das hindert sie aber keineswegs, sich schon jetzt der Junta als Frontgefährten anzudienern. Spricht das nicht für demokratische Reife? Und was unterscheidet schließlich schon ein Volk, das nach dem Motto: "Solange die Stiere nicht schwul werden, kann ja nichts schiefgehen!" und in dem stolzen Bewußtsein: "Gott ist Argentinier!" jede Verelendung auf sich nimmt, von einer demokratischen Masse, die sich die Aussicht auf härtere Beanspruchung und wachsende Armut von ihrem Bundeskanzler mit dem Spruch servieren läßt: "Das deutsche Volk ist verwöhnt!" -?

...aber ohne die nötige Macht für die angestrebte neue Rolle in der imperialistischen Arbeitsteilung

An pririzipiellen Irrtümern über die Freiheiten, die der Imperialismus seinen souveränen Knechten gewährt, oder an undemokratischen Mißgriffen in der Handhabung patriotischer Gesinnung lag es also sicher nicht, daß der argentinischen Regierung von Seiten der imperialistischen Führungsmächte eine Gegenrechnung aufgemacht worden ist, die sie erst mit dem Verlust ihres moralischen Kredits und dann mit einem verlorenen Krieg hat bezahlen müssen. Gescheitert ist sie weder an den Idealen des Völkerrechts, an denen sie sich versündigt haben soll, noch an einer demokratischen Moral, in deren Namen "blutrünstige Generäle in die Schranken gewiesen" gehören. Gescheitert ist sie an dem britischen Entschluß, die "Falkland-Krise" zum Entscheidungspunkt des britischen Vorrangs vor westlichen Bündnispartnem und USA-Freunden vom Kaliber Argentiniens zu machen, also die Rangfolge zwischen den wirklich souveränen Mit-Machern der westlichen Weltordnung und deren Geschöpfen klarzustellen. Das weltpolitische Interesse, auf das die argentinischen Generäle gesetzt hatten, hat seinerseits gegen sie weltpolitische Prioritäten gesetzt. Und über die damit in die Wege geleitete Konkurrenz der Waffen, den kriegerischen Schlagabtausch, von den Briten eröffnet in der klaren Absicht, den Gegner zur Kapitulation zu zwingen, mußte sich herausstellen, daß der argentinischen Macht mit dem wohlwollenden Interesse ihres Hauptverbündeten und -nutznießers, der USA, auch ihre wesentliche Grundlage abhanden gekommen ist.

Denn darin unterscheidef Argentinien sich eben tatsächlich - jenseits aller selbstgerechten Verurteilung seiner Ambitionen vom Standpunkt des erfolgreichen demokratischen Imperialismus - von den imperialistischen Demokratien des Westens, daß die Staatsgewalt dort in ihrem eigenen Volk nicht über ihre entscheidende materielle Grundlage verfügt; die Freiheiten, die sie sich ihren "Freunden " gegenüber herausnimmt, erweisen sich daher sehr rasch und nachdrücklich als bloßer Schein. Eine Vorkriegsökonomie, wie die Staaten mit einem funktionierenden Kapitalismus sie sich leisten können: die Freiheit, mit der da die Staatsgewalt für ihr Programm der Zerkleinerung des Ostblocks ihre eigene nationale Geschäftswelt und über deren Erfolgsstreben wie auch direkt durch Steuern und Sozialabgaben das eigene arbeitende Volk in Anspurch nimmt, so etwas ist in einem Land wie Argentinien von vornherein zum Scheitern verurteilt. Diese Nation müht sich ja gerade umgekehrt seit Jahrzehnten - vergeblich - darum, ein gedeihliches Geschäftsleben als Grundlage einer tatkräftigen Autonomie überhaupt erst auf die Beine zu stellen. Zwar ist es ihr in den Zeiten des 2. Weltkriegs und während des Nachkriegsbooms in bescheidenem Maße gelungen, sich von ihrer traditionellen Rolle des landwirtschaftlichen Großexporteurs und Rohstofflieferanten frei zu machen und eine nationale Industrie aufzumachen, vor allem ausländisches Kapital dafür ins Land zu locken, doch war der Preis dafür wie üblich hoch: Industrielle Produktion in Argentinien ging nur solange, wie der Staat der einheimischen Privatindustrie unter die Arme griff, sie nötigenfalls übernahm oder entsprechende Projekte gleich als Staatsfirma aufmachte (Argentinien verfügt in Gestalt des "militärisch-industriellen Komplexes", der u.a. in der Stahl- und Maschinenerzeugung tätig ist, über einen hübschen und aeit längerem als "Last" bezeichneten Staatssektor), oder aber beim erfolgreichen ausländischen Kapital auf seinen Nutzen in Gestalt von Steuereinnahmen verzichtete.

Immerhin hat sich Argentinien auf diese Weise eine Ökonomie samt dazugehörigem Proletariat eingerichtet, auch fleißig einfache Waffen produziert und sich den Schein eines blühenden Landes zugelegt, in dem alles anders sei als im übrigen Lateinamerika. Daß dies aber nicht einmal die halbe Wahrheit ist, bewiesen schon die jeden kapitalistischen Maßstab sprengende Inflation - die Notenpresae lief und mußte laufen wegen der staatlichen Projektemacherei und den ausbleibenden Einnahmen, um Staatsapparat und Armee zu finanzieren -, die zunehmende Auslandsverschuldung und die entsprechenden ständigen Versuche, in der Wirtschaftspolitik "das Steuer herumzweißen" und dem Staat eine wirklichen Reichtum spendende, unabhängig von ihm funktionierende Einnahmequelle zu verschaffen. Der neue "Superminister" Alemann, der seine Politik als Anwendung der "Philosophie des wirtschaftlichen Liberalismus" ausgibt, steht hier mal wieder für das Programm, durch die staatlich angeordnete Kopie "marktwirtschaftlicher" Methoden die kapitalistischen Früchte herbeizuzwingen: Er war angetreten, den Staatssektor zu "entflechten" (die zum Verkauf ausgeschriebenen Betriebe wollte wegen ihrer mangelnden Rentabilität fast nie jemand haben), die "Inflation zu bremsen" (sprich dem Staat mehr Einnahmen zu verschaffen und durch Hinauswurf von Staatsbediensteten bisher ein Fünftel aller Beschäftigten - und durch die Streichung "direkter" bzw. "indirekter Subventionen" - dazu zählen in Argentinien die spärlichen, unter Peron eingerichteten Sozialleistungen wie Rente etc. - Ausgaben zu ersparen) und die einheimische Industrie "dem frischen Wind des Weltmarktes" auszusetzen. Aus Mangel wird aber auch durch solche Gewaltaktionen kein Reichtum und aus Abstinenz kein Kapital. Und unter Kriegsbedingungen läßt sich so eine "Philosophie" schon gleich gar nicht verwirklichen: Da muß der Überschuß her, den es nicht gibt. Folglich verkündete Alemann mittlerweile die "vorübergehenden" neuen Prioritäten, unter die der Krieg die argentinische Nationalökonomie zwingt - Geld muß her, viel Geld.

Also wird es erstens wieder in wachsenden zusätzlichen Mengen gedruckt, was zwar keinen Reichtum schafft, dem Staat aber erweiterten Zugriff auf das Vorhandene sichert, und die ohnehin beschränkte Zalilungsfgähigkeit durch erhöhte Steuern noch weiter zweckdienlich umgelenkt. Das Nötige läßt sich aber auch damit nicht kaufen; die tauglichsten Waffen sind nur gegen Devisen zu beziehen. Also muß der Weizenhandel, von dem der argentinische Staat schon ewig als der letzten Grundlage seiner internationalen Zahlungsfähigkeit loskommen will, doch wieder einmal als Devisenbringer Nr. 1 herhalten - um so peinlicher, daß die Sowjetunion nach der Aufhebung des US-Embargos nur noch die Hälfte des Vorjahreskontingents abnimmt und die Erschwerung der nötigen Finanzoperationen durch westeuropäische Banken auch dieses Restgeschäft behindert. Daneben werden patriotisch die letzten Wertgegenstände eingesammelt - ein Opfer, das sich weder für die mehr oder weniger gebefreudigen Untertanen jemals bezahlt macht noch dem Staat einen Reichtum zur Verfügung stellt, mit dem etwas Produktives anzufangen wäre: Die privaten Notgroschen wurden als Kriegskasse verausgabt, und wie lange sich damit eine moderne "Materialschlacht" durchhalten läßt, war nur allzu leicht abzusehen. Es ist eben ein entscheidender, und zwar auch kriegsentscheidender Unterschied, ob ein Staat sich mit seinen kriegerischen Unternehmungen über seine ungenügenden Mittel hinwegsetzt oder ob er den erfolgreich akkumulierenden Reichtum seiner Gesellschaft in ungekanntem Ausmaß strapaziert.

Durch Krieg zu neuem Einvernehmen: Ein Streit unter Freunden erhält die Freundschaft

Bei alledem schiebt Argentinien einen Schuldenberg von 30 Mrd. Dollar vor sich her, nicht zuletzt Schulden bei seinem Kriegsgegner und dessen Banken. Daß die westlichen Gläubigerstaaten dem Land das gestatten, ihm nicht den Staatsbankrott aufnötigen, zeigt deutlicher als alles diplomatische Getu', wie sicher sie sich, trotz Krieg und tausend Toten, ihres Schuldners und und darauf setzen, daß die Regienng durch eine "ehrenvolle Niederlage" noch "zur Räson gebracht" werden kann - und wenn nicht sie, dann irgendein Nachfolger. Welche Alternative hätte Argentinien denn auch, als - mit einem noch mehr verarmten Volk und noch tiefer verschuldet - zu der "Kooperation" zurückzukehren, der die zuständige Staatsgewalt ihre relative, jetzt wieder auf ihr Normalmaß reduzierte Wichtigkeit verdankt? Die öffentlich gewälzte Sorge über einen möglichen Schwenk Argentiniens ins sowjetische Lager drückt selbst noch die Gewißheit aus, daß ein solches "Abenteuer" gar nicht in Frage kommt. Für Argentinien nicht, weil das das Ende jeder positiven Kalkulation des Westens mit diesem Land und damit nicht bloß den Staatsbankrott; sondern die Beendigung seiner ökonomischen wie militärischen Existenz bedeuten würde. Für die Sowjetunion nicht, weil dann der 3. Weltkrieg eben im Südatlantik beginnen würde. Kein Wunder, daß der argentinische Außeriminister sogar während des blutigen Kriegs mit England in dieser Richtung nicht mehr zustandebringt als ein paar small-talks mit dem sowjetischen Botschafter und ein paar Freundlichkeiten gegenüber Castro - von denen der Staatspräsident anschließend feststellt, sie hätten selbstverständlich nicht dem kommunistischen Bösewicht, sondern dem derzeitigen Vorsitzenden der "Blockfreienbewegung" Castro gegolten. Für westliche Beobachter ist schon das ein "widernatürliches Bündnis" - so blutrünstig und selbst kriegerisch kann eine hartgesottene antikommunistische Militärregierung letztlich also doch gar nicht sein, als daß nicht doch die westlichen Demokratien ihr viel "natürlicherer" Verbündeter wären.

Die haben deswegen auch während des gesamten Kriegsgeschehens die Beziehungen zur argentinischen Junta nie abreißen lassen; selbst Großbritannien hat eine regelrechte Kriegserklärung nie für nötig befunden, und das bestimmt nicht aus Nachlässigkeit: gegenüber den völkerrechtlichen Anstandsregeln für den Kriegsfall. Sehr bewußt wird an Argentunien ein weltpolitisches Exempel statuiert, nicht mehr und nucht weniger. Selbst der Krieg in all seiner immanenten Maßlosigkeit ist dem Ziel untergeordnet, das gestörte imperialistische Einvernehmen nach eindeutiger Klarstellung der Prioritäten wiederherzustellen; deswegen wurde der Krieg erklärtermaßen nicht erklärt, und den Sanktionen der EG war und ist die Spekulation auf eine alsbaldige erweiterte Neubelebung eines profitträchtigen Geschäftsverkehrs mit Buenos Aires nur allzu deutlich anzumerken - nicht einmal für die von Argentinien bestellten U-Boote und Fregatten hat die deutsche Kriegsschiffindustrie sich nach einer neuen, weniger verfänglichen Kundschaft umgetan.

Die Kapitulation - ein neuer Anfang

Dem finanziellen und dem politischen Kredit des Westens für seinen argentinischen Vasallen, der selbst mitten im Krieg nicht aufgekündigt worden ist, und selbst dem moralischen Kredit für ein Regierungssystem, das drei Monate lang hemmungslos als eine Diktatur mit blutiger Fratze entlarvt werden durfte, erwachsen mit der schließlich durchgedrückten Kapitulation der argentinischen Truppen auf den Malvinas neue Zukunftschancen. Daß das enttäuschte argentinische Volk auf den Straßen von Buenos Aires randaliert, braucht westliche Intereuenten nicht zu beunruhigen, im Gegenteil. Ein Volk, das seiner Regierung nicht den Krieg, sondern die Niederlage übel ankreidet, hat keine Revolution und keinen Umsturz im Sinn, sondern eine neue Regierung, deren patriotische Tatkraft noch durch keinen unpatriotischen Makel beeinträchtigt ist. Durch die alte nicht mehr, wohl aber durch die neue Junta möchte ein solches Volk alles mit sich machen lassen. Und die Ablösung steht auch schon bereit: Eine Waffengattung hat sich vor den Falkland-Inseln ja immerhin mit Ruhm bedeckt, die Luftwaffe nämlich mit ihrem modernen Gerät und der allseits gerühmten Kamikaze-Moral ihrer Piloten. Deren Oberbefehlshaber leitet schon alles in die Wege, um - unter Berufung auf das in patriotischer Blödheit militant werdende Volk - als Held der Malvinas Galtieris Erbe anzutreten. Dem neuen Gesicht werden die westlichen Demokratien erst recht nicht die "Unterstützung" verweigern, die der Staat nach dem verlorenen Krieg noch weit nötiger braucht als zuvor - und die er sich durch seine ehrenhafte Kapitulation immerhin irgendwie auch verdient hat. Daß die Konditionen der politischen und ökonomischen Benutzung des vorübergebend frech gewordenen Vasallen etwas härter ausfallen werden, braucht wiederum die Regierung nicht weiter zu stören: sie wird es ihr Volk ausbaden lassen, das ja nichts als neue Führer will.

So kommt der Weltfrieden wieder aufs schönste in Ordnung.