PARLAMENT DER ARBEIT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1982 erschienen.
Systematik: 

DGB-Bundeskongreß
PARLAMENT DER ARBEIT

Treffender könnte kein Ehrentitel für diesen Kongreß sein. Die deutsche Gewerkschaft, die den Tarif völlig autonom handhabt, ist deshalb nicht arbeitslos, sondern hat um so mehr Sorgen mit ihrer machtvollen staatstragenden Selbstdarstellung vor der nationalen Öffentlichkeit.

Sorge Nr. 1 - Die Arbeitslosigkeit

Die "Arbeitslosigkeit ist der eigentliche Skandal", denn:

"Die Massenarbeitslosigkeit geht an die Wurzeln unserer sozialen Demokratie." (Vetter)

Dieser Parlamentarier fürchtet sich sehr vor der Gefährdung seiner Staatsform, weil der Staat ja auch nie den "geplanten und gezielten Einsatz des wirtschafts-, arbeitsmarkt- und finanzpolitischen Instrumentariums" verwirklicht. Deshalb hat er die

Sorge Nr. 2 - Mitbestimmung

Die Gewerkschaft wird in ihren parlamentarischen Kompetenzen gekränkt: Wir haben

"kein Vertrauen in die Selbstheilung des Marktes."

ohne uns. Eine ordentliche "Gestaltung des Wirtschaftsprozesses" geht nie ohne die Ausweitung und den Ausbau der paritätischen Mitbestimmung auf allen Ebenen der Wirtschaft". Und diese schwere Sorge, daß die Gewerkschaft zu wenig zu sagen hat, zieht

Sorge Nr. 3 - unser Bild in der Öffentlichkeit

nach sich. Wenn man so eine bedeutsame politische Kraft ist, muß man scharf "auf die Auslegung der Gewerkschaftsgeschichte" aufpassen, weil es sich nicht gehört, daß "wir und unsere Vorgänger nur als Versager, wenn nicht gar Schlimmeres vorkommen" Deswegen lassen wir uns nämlich auch

Sorge Nr. 4 - unser Thema

nicht wegnehmen:

"Unsere politischen Gegner würden sich kaputtlachen, wenn wir uns nur mit der Neuen Heimat beschäftigten." (Janzen)

Und Vetter gibt schnell seine persönliche Erklärung ab,

"um der Gefahr vorzubeugen, daß Presseveröffentlichungen, die heute oder in den nächsten Tagen erscheinen, den Verlauf dieses Kongresses bestimmen, mindestens beeinflussen könnten."

Als Parlamentarier kümmern wir uns schon selbst um unsere

Sorge Nr. 5 - unser sauberer Eindruck

Wir stellen bei den üblichen Geschäftspraktiken unserer Funktionäre eine "Krise der Gemeinwirtschaft" fest, beharren auf ihrer "großen starken Einheit", nötig für die "volle Leistungsfähigkeit der Wohnversorgung" (Heinz Oskar Vetter hielt es ja auch bloß fur "das Beste", "dieses Geld in den sozialen Wohnungsbau nach Berlin fließen zu lassen".) und fordern in allen Tonlagen mehr "Kontrolle", so daß auch wieder mehr "Vertrauen" verlangt werden kann. Denn "wir sind nicht die Hampelmänner, die nach jeder Verdächtigung in jedem x-beliebigen Blatt in selbstzerstörerische Zuckungen verfallen. Wir sind Manns genug, um mit Mißständen in unseren eigenen Reihen selbst fertigzuwerden." Dafür kriegt unser neuer Vorsitzender auch einen Besen geschenkt. Mit dieser Stütze muß er jetzt die

Sorge Nr. 6 - unsere Einheit und Geschlossenheit

bewältigen. Denn das ist "das Wichtigste", hat Loderer gesagt, die "Bewahrung einer einheitlichen gemeinsamen Linie". Warum? Ja, "ein in sich zerstrittener DGB bedeutet das totale Ende jeder Gemeinschaftlichkeit und jeglichen politischen Einflusses." Und wir ohne Einfluß - "das müssen wir um jeden Preis vermeiden."

Gott sei Dank hat deshalb Karl Heinz Janzen

Sorge Nr. 7 - unsere Solidarität

formuliert und einer "herben Kritik" unterzogen. Nicht nur zu wenig Einfluß auf die Politik, "ein schwaches Bild" der Haushaltsoperation '82 entgegengesetzt und gar "Hofschranzen" gewesen, statt uns "an die Spitze der Bewegung" gestellt! Das mußte auch mal gesagt werden, vor allem von einem, der das alles mitbeschlossen hat, so daß schließlich

Sorge Nr. 8 - unsere Führerpersönlichkeiten

auch noch zu ihrem Recht kam. In Vetter brach programmgemäß seine Gefühlswelt durch:

"Ich muß Zorn und Enttäuschung zum Ausdruck bringen."

Somit war seine gekränkte Würde an den Mann gebracht, denn

"Gewerkschafter sind in der Lage, aus eigener Kraft offen und freimütig menschliche Unzulänglichkeiten einzugestehen." (Günter Volkmar, HBV)

und brauchen sich nicht durch Skandale ihren Abgang vermasseln zu lassen.

Der neue Vorsitzende, Breit, braucht sich den Kommentar, er wirke wie ein "korrekter Beamter" und müsse sich das "Profil eines Arbeiterführers erst erwerben" (ZDF), auch nicht zu Herzen zu nehmen. Moderne deutsche Arbeiterführer legen es schließlich auf diesen Eindruck an. Breit's Antrittsrede:

"Vielen Dank für das Vertrauen. Ich werde mir Mühe geben, es zu rechtfertigen. Das wird nicht ganz einfach sein. Ich baue auf unsere Einzelgewerkschaften, daß sie mir weiter so helfen, wie sie mir bisher geholfen haben."

Bei diesem Gewerkschaftskongreß hätte es also Vetters Spezial-Außenpolitik -

Sorge Nr. 9 - ein leerer Stuhl

"den wir besonders gern besetzt hätten",

die Abwesenheit des extra eingeladenen Walesa, nicht mehr gebraucht, um sich die "Laudationes" (Süddeutsche Zeitung) der Politiker abzuholen. Die

Sorge Nr. 10 - Genießen wir das Vertrauen der Politik?

wurde lauthals und unisono zerstreut: Ja, ihr seid korrekterweise "nicht gegen die Kernenergie", "verliert die Möglichkeiten und Grenzen der Volkswirtschaft nicht aus den Augen", sollt euch weiterhin "wie schon immer gegen radikale Kräfte nachhaltig abgrenzen", habt "in diesem wie im vergangenen Jahr maßvollen Lohnabschlüssen einen positiven Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung geleistet", seid fähig für den "Pakt der Vernunft zur Lösung der gegenwärtigen Krise", habt gut "mit der Koalition zusammengearbeitet", seid die Garanten unserer kämpferischen Demokratie, kurz:

"Es zeigt sich wieder einmal, daß diese Arbeitnehmerorganisation verantwortungsbcwußt für das Ganze ist." (Carstens, Kohl, Schmidt, Strauß und Brandt)

Dem ist nichts hinzuzufügen. Kein Wunder bei den Sorgen.

"Weder im übrigen Europa, den USA noch in Japan gibt es so viele Begegnungen und Kontakte mit dem Regierungschef und den Ministern, wie sie dcr DGB und die Einzelgewerkschaften in dieser Republik seit langem pflegen." (Eugen Loderer)

Auf wen kommt es der Gewerkschaft an?