OHNMACHT VOR DEM WECHSELWÄHLER

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1980 erschienen.
Systematik: 

OHNMACHT VOR DEM WECHSELWÄHLER

Wären die Stimmenverluste der Union und die Stimmengewinne der FDP der SPD zugefallen, hätte es nurmehr einen Zuwachs der Grünen um 1% gebraucht, und die SPD hätte die absolute Mehrheit errungen. Hätten aber CDU/CSU ihre Wähler von 1976 bei der Stange gehalten und wären Wähler statt zur FDP zur Union übergewechselt - die Christdemokraten würden die nächste Regierung allein stellen. Wären die Wähler, die jetzt zur FDP gewandert sind, zur SPD übergelaufen, so würden die Sozialdemokraten als stärkste Partei in den Bundestag einziehen...

Wahnsinnig, welche Macht der Wechselwähler besitzt. Er kann die "Wende" herbeiführen, der SPD die absolute Mehrheit verschaffen, die FDP aus dem Parlament werfen oder die sozialliberale Regierung im Amt halten. Was ist dagegen schon ein Stammwähler, der treudoof Jahr vier Jahr "seine" Partei unterstützt. Jedesmal muß er feststellen, daß eigentlich nicht er, sondern der wankelmütige Mitbürger darüber entschieden hat, wer regiert, und sich dann von Münchens Unipräsidenten Lobkowicz auch noch öffentlich vorhalten lassen, daß dies eine gewagte These sei und der aristotelischen Demokratiedefinition entschieden widerspreche.

Welch ein Mensch, dieser Wechselwähler, dessen Wandlungen die Wahlanalysen nach der Wahl so begierig verfolgen!

Er ist "unberechenbar": Als Mann katholischen Glaubens, dem Bauernstand angehörig und auf dem Lande lebend wählt er wie eine evangelische Angestelltenfrau aus der Stadt. Oder als Taubenzüchter und Kumpel aus dem Ruhrpott gibt er seine Stimme ab, als wäre er ein freisinniger Bürger des Mittelstandes oder ein liberalisierter ehemaliger Sympathisant der Baader-Meinhofs. Er kann sich aber auch geradesogut umgekehrt entscheiden. Denn das ist es ja, daß man bei einem Wechselwähler nie weiß, wie er wählt.

Er gibt sich nicht damit zufrieden, alle vier Jahre "Wähler, der oberste Souverän und Herr dieses Landes" zu sein, sondern möchte noch souveräner sein, als es der Wähler überhaupt sein kann. Indem er nämlich seine Freiheit des willkürlichen Wechselns für die Erfüllung des demokratischen Wahlrechts hält.

Er wird sich scharf gegen die Unterstellung verwahren, seinen Wechsel willkürlich zu vollziehen. Er meint, einen besonders guten Grund zu haben, wenn er mal so, mal so wählt: daß der kleinen FDP wieder eine Stimme gehöre; daß die SPD nicht zu stark werden dürfe; die CDU mit Strauß einen Dämpfer verdiene; daß diesmal die Regierung unterstützt gehöre; daß er einmal die Opposition stützen wolle, oder das liberale Element oder das Dreiparteiensystem oder überhaupt einen anderen als vorher; daß es differenzierter sei, die Erststimme Stamm, die Zweitstimme Wechsel zu wählen. Die Politiker sollen ja nicht denken, man würde immer die gleichen wählen.

Im Unterschied zu den traditionellen christlichen, sozialdemokratischen und liberalen Wählern nimmt der Wechselwähler die Wahlfreiheit so ernst, daß er ungemein wählerisch sein Kreuz macht, und bildet sich etwas darauf ein, ein besonders verantwortlicher Demokrat zu sein.

Entgegen anderen Gerüchten stehen die Parteien diesem Wanderer durch die Parteienlandschaft keineswegs "hiflflos" gegenüber. Sie versuchen ihn mit seinen willkürflichen Argumenten jeweils zu sich zu bewegen und dann - wie jetzt die FPD - zu Stammwählern zu machen. Unberechenbar ist nämlich dieser demokratische Wahlfan nicht. Er geht auf jeden Fall wählen, damit die Herrschaft weiter regieren darf. Er ist aber nicht nur für eine stämmige Regierung, sondern auch noch stolz darauf, dabei das Verhältnis der Parteiengewichte ein wenig zu verschieben. Das ändert zwar nichts an der Herrschaft, vermittelt aber das saublöde und erhebende Gefühl, daß es doch ein bißchen mehr auf einen ankomme. Der Wechselwähler ist der demokratischste Stammwähler, den es gibt. Unser Glückwunsch an ihn.