OFFENER BRIEF AN FRITZ TEUFEL

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1980 erschienen.
Systematik: 

OFFENER BRIEF AN FRITZ TEUFEL

Lieber Fritz,

erfreut haben wir zur Kenntnis genommen, daß Du wieder auf freiem Fuß bist. Gestört hat uns dabei, daß Du Dich - kaum in Freiheit - in die Hände des "Spiegel" hast fallen lassen, so daß er erneut an einem Opfer demonstrieren konnte, daß man als Linker leicht zum Terroristen durchdrehen kann, wenn man nicht höllisch aufpaßt, d.h. regelmäßig den "Spiegel" liest. Daß Du das irgendwie gemerkt hast - "das nächste Gespräch in zehn Jahren" -, läßt Dich auch nicht in besserem Licht dastehen. Geärgert, wenn auch nicht überrascht hat uns, was Du "an Früchten des Sozialistischen Studiums an den Volksuniversitäten Stadelheim, Landsberg, Aichach etc." (aus Deinem Brief an die MSZ vom 23.11.71) zu bieten hast - nach mehr als 16 Semestern!

Eine unheimliche Perspektive...

Anscheinend bist Du der Meinung, daß Deine Haft sich gelohnt hat, Wie sonst kämst Du auf folgenden saudummen Optimismus:

"Aber diese Generation der Geuse und Filbingers und auch der Herbert Wehners wird lernen müssen, daß unsere Generation irgendwann auch die gesellschaftliche Realität gestaltet."

Bist Du denn total veriückt geworden, daß Du meinst, es stünde etwas zum Besseren, nur weil Du älter geworden bist und Leute Deiner Generation - denkst Du vielleicht an Glotz, Verheugen und Herrn Todenhöfer? - mittlerweile und bald immer mehr das "Gestalten" der "gesellschaftlichen Realität" übernommen haben? Wenn man allerdings liest, wie Du letztere heute siehst, dann entdeckt man die Grundlage Deiner Aufbruchstimmung. Offensichtlich bist Du im großen und ganzen zufrieden damit, welche Fortschritte die Freiheit in Deiner Abwesenheit gemacht hat. Daß die "Wohngeheimschaft" als Alternative zur "Zweierbeziehung" heute akzeptiert ist, weil sie eine Form der Reproduktion darstellt und genausowenig eine "Vergesellschaftung" ihrer Mitglieder ist wie die Zweierfamilie "den anderen als Privateigentum begreift", sondern eine große Familie bildet, deren Verlust schon lange der entscheidende Vorwurf mancher Linker an den Kapitalismus ist - daß also das, was Du Dir in KI-Zeiten als Keimzelle des Umsturzes vorgestellt hast, heute ein öffentlich geduldeter und akzeptierter Weg geworden ist, im Leben zurechtzukommen und sich dabei einbilden zu können, unglaublich dagegen zu sein, ist denn das ein Anlaß zu fröhlicher Hoffnung?

...für ein freies Westberlin...

Daß Du Dich "wie neugeboren und wie von einem anderen Stern gefallen fühlst" - dafür haben wir volles Verständnis, aber deswegen brauchst Du doch nicht solchen Scheiß zu verzapfen und dann auch noch so zu tun, als könntest Du nichts dafür

"Ich kann nicht so tun, als blickte ich jetzt schon irgendwie durch."

Das hindert Dich allerdings nicht daran, an alte Fehler munter anzuknüpfen. So willst Du "formen des Widerstands entwickeln, die Spaß machen", was noch jenseits jeder praktischen Erfahrung alles sagt über so einen Widerstand und den Spaß, der dabei rauskommt. Sich zur Wehr setzen gegen Gewalt ist nun einmal nicht lustig und angenehm erst recht nicht. An Lustbarkeit kommt dabei höchstens Galgenhumor raus. Genauso abwegig die von Dir vorgeschlagene Strategie, die "Autoritäten lächerlich zu machen". Deren komische Seite - falls vorhanden - ließe man sich ja noch eingehen, doch ihre Ersetzung durch Autorität, die sich keine Blöße gibt, kann ja kein "Widerstands"ziel sein, wenngleich die Linke, so wie sie sich in Deiner Knastzeit weiterentwickelt hat, durchaus in diese Richtung zielt und mittlerweile an Arbeit und Studium nur noch auszusetzen hat, daß ihnen der rechte Sinn fehle, in dem man sich "einbringen" könne. Ähnliches scheint Dir ja auch für die ganze Frontstadt vorzuschweben, wenn Du als Dein Fernziel angibst,

"die Mehrheit der Menschen für die Berliner Kommune 2000 zu gewinnen, für ganz West-Berlin als Kommune, für einen Weg, der weder kapitalistisch ist noch bürokratisch-sozialistisch, sondern eine Selbstverwirklichung in eigener Initiative."

Oder findest Du es nicht lächerlich, daß Dich ausgerechnet der "Spiegel" darauf aufmerksam machen mußte, daß, es in Westberlin bloß kein deutsches Militär gibt, Dein "Vorteil" angesichts der alliierten Truppen also ein sehr relativer ist? Ist es nicht doof, daß Du, der uns 1971 "reformhauskacke für die guten" in den Nikolausschuh gewünscht hast, nun ganz Berlin in einen Reformladen verwandeln willst? Oder meinst Du nicht, daß angesichts der eigenen Initiativen, mit der die "Menschen" nicht nur in Westberlin sich tagtäglich selbstverwirklichen, Deine Vorstellung eine reichlich abgeschmackte Erwartung ist? Anstatt zu frägen: "Welcher Arbeiter hat denn was dagegen, daß seine tägliche Arbeitszeit bei gleichbleibendem Verdienst um die Hälfte gesenkt wird?" solltest Du Dich mal fragen, warum es keinen Proleten gibt, der dafür ist. Und daß einer gegen mehr als 3 Stunden Arbeit pro Tag ist, weil mehr den "Charakter verdirbt" - das hätte uns gerade noch gefehlt! Sowas kann wirklich nur einem alten Griechen oder Dir einfallen - Du Philosoph! Dahinter steckt doch bloß Deine alte Vorstellung, daß die Leute angesichts der Machtverhältnisse einfach nur zu feige sind, sich so zu "verwirklichen", wie Du meinst, daß sie es wollten! Hältst Du es deshalb für angebracht, den verzagten Menschen jetzt

"mit Vernunft, Bescheidenheit, Augenmaß, offenen Diskussionen, egalitären Umgangsformen, Zärtlichkeit und Selbstkritik, äußerster Kontaktbereitschaft, wachsamer Skepsis und leidenschaftlicher Hoffnung"

Mut zu machen? Als ob die Leute nur "Angst" hätten,

"was weiß ich für Sachen zu unterschreiben oder auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren oder Briefe in den Knast zu schreiben oder mit Kommunisten zusammenzuarbeiten" usw.!

Als ob die Leute nicht ganz andere Sachen - z.B. Wahlzettel - unterschrieben, als ob sie nicht für den Papst und das Militär auf die Straße gingen, als ob sie nicht freimütig Briefe für den Knast und Schlimmeres und gegen alles, was ihnen nur irgendwie links vorkommt, verfaßten!

...mit Nächstenliebe und Humor

Ob das, was sich in "diesen 13 Jahren" getan hat, nun Dein oder Deiner Genossen Werk gewesen, soll uns wurscht sein; aber wenn Du meinst, dieses Werk sei wohlgetan - "Sachen verwirklicht..., von denen wir früher nur geträumt haben" -, dann müssen wir Dir schon Deine Brille zurechtrücken. Oder meinst Du einfach, es sei wieder an der Zeit für Dich, den Kampf von der "gegenkulturellen" Seite her anzupacken, Dich in einem Gegenmilieu rumzutreiben, wo Zupfgeigenhansl und Flötenspieler sich gereimt und gesungen den reaktionären Vorwurf machen, sie würden nicht genug Rücksicht auf die Umwelt und andere Menschen nehmen? Wie kämst Du sonst darauf zu versuchen, "unter Leuten, die unterdrückt sind, das Bewußtsein zu verbreiten, daß sie sich gegenseitig viel mehr helfen können"! Du warst eben schon immer für ein fröhliches und harmonisches Zusammenleben aller Menschen guten Willens, und daran hat sich seit Deinen christlichen Anwandlungen in jugendlichem Alter nichts geändert. Es ist schon eine verdammte Pfaffenmanier, wenn Du singst:

"Oder was bräuchten wir Pillen,

wenn wir einander wirklich lieben würden

und kinderfreundlich wären?"

Was bleibt Dir da anderes übrig, als Dich apfelfressend und daumenlutschend abbilden zu lassen und für die Gesundheit gegen das Rauchen Partei zu ergreifen? Für die Nackenschläge kannst Du nichts, aber daß Du sie einstecken willst, finden wir ganz schön bescheuert. Noch blöder finden wir, daß Du auch noch die passende Medizin dazu und die "daraus resultierende Kampfform" verabreichen willst:

"Humor ist die Fähigkeit, Nackenschläge einzustecken, ohne bitter zu werden. Revolutionärer Humor duckt sich nicht länger als nötig hinter dem Panzer des Fatalismus, sondern schlägt eher bei sich bietender Gelegenheit zurück."

Du bist schon eine Kampfnatur. Und ob der Schweinehund nun draußen oder in einem selbst sitzt, ist dabei offenbar ziemlich egal! Gruß, MSZ