Offener Brief der Zeitschrift "Blätter für deutsche und internationale Politik":

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1987 erschienen.
Systematik: 

Offener Brief der Zeitschrift "Blätter für deutsche und internationale Politik":

"Sehr geehrter Herr Gorbatschow,

Ihr leidenschaftliches Plädoyer für Demokratie und Frieden, für Frieden und Demokratie beeindruckt uns und viele unserer Landsleute. Die Entschiedenheit, mit der Sie in Ihren jüngsten Reden den Zusammenhang zwischen umfassender Demokratisierung und wirtschaftlicher Erneuerung herausgearbeitet haben, bekräftigt zugleich den Ernst Ihrer Friedensinitiativen, Ihrer Suche nach Wegen aus der Gefahr. Die wechselseitige Bedingtheit der innerstaatlichen Erneuerung und der Wahrung von Sicherheit und Frieden zwischen den Staaten ist unaufhebbar geworden.

Diese Einsicht bezeichnet auch in unseren Augen den einzigen Weg, der aus der gegenwärtigen Weltsituation hinausführt, aus einer Welt, die durch den Wahnsinn einer technologisch unbegrenzten Hochrüstung, der damit verbundenen Verschwendung begrenzter Ressourcen und Verelendung ganzer Kontinente, ja der Ausbeutiung schon der kommenden Generationen ihrem Untergang zusteuert. Es ist der Weg eines "Neuen Denkens", das sich unmittelbar in "Neues Handeln" umzusetzen beginnt.

Auswärtige Politik war bisher nur darauf gerichtet, Veränderungen der Welt gemäß den partikularen Wert- und Zielvorstellungen und Interessen der Handelnden herbeizuführen oder zu verhindern. Daß es heute zuvörderst darauf ankommt, die Welt zu retten, wurde zwar schon gesagt, blieb aber meist ein billiger und folgenloser Lippendienst, weil unter dem Vorbehalt des Diktats der überhöhten eigenen Wertvorstellungen geleistet und deshalb nie in der Lage, dem spiralförmigen Wachstum der Bedrohungspotentiale und der mit ihnen korrespondierenden Feindbilder Einhalt zu gebieten. Sie haben mit dem von Ihnen proklamierten und praktisch eingeleiteten Modernisierungs- und Demokratisierungsprozeß vor den Augen der Welt ein Exempel innerer Entspannung statuiert, das positive Folgen für die internationale Entspannung nach sich ziehen und den Demokratisierungsprozeß in allen Ländern der Frde ungeachtet der systembedingten Unterschiedlichkeit vorantreiben wird.

Wir sehen uns mit vielen gesellschaftlichen Kräften der westlichen Welt bestätigt in unserer Forderung nach vergleichbären Signalen und Impulsen eines Umdenkens, die auch von unseren Hauptstädten ausgehen müssen. Wir, die in der Bundesrepublik Deutschland für Frieden und Abrüstung eintreten und eine Wirtschaftspolitik wollen, die den Menschen dient, die ökologischer und sozialer Verantwortung den Vorrang gibt, wissen um die Wechselwirkung von Frieden und Demokratie. Ob die von Ihnen eingeleitete Politik sich durchzusetzen und voll zu entfalten vermag, kann uns nicht gleichgültig sein. Welchen Weg die Weltmacht Sowjetunion geht, welche Resonanz ihre Politik findet, entscheidet in hohem Maße mit über das Schicksal der Menschheit.

Wir verurteilen die Unredlichkeit mancher Politiker, die seit je lauthals die von Ihnen in Angriff genommenen Reformen gefordert haben und doch heimlich auf deren Scheitern hoffen, weil sie nur dann ihre inneren und äußeren Feindbilder noch retten und ihre auswärtige Bedrohungs- und innere Repressionspolitik noch rechtfertigen könnten.

Wir erwarten von unserer eigenen Regierung, daß sie es gegenüber der neuen sowjetischen Politik nicht bei Worten beläßt, daß sie ihr vielmehr unter unvoreingenommener Würdigung des deutsche Anteils an geschichtlicher Verantwortung für den Frieden in Europa und der Welt konstruktiv begegnet. Der jüngste sowjetische Vorstoß zur Abschaffung der Mittelstrekkenraketen bietet unserem Kontinent eine historische Chance, die nicht wieder zunichte gemacht werden darf. Es gilt, sich von einer Haltung zu befreien, der Mißtrauen und Feindseligkeit gegenüber "dem Osten" zur zweiten Natur geworden ist. Sie hat unseren Völkern nur Unglück gebracht. Eine konsequente Politik der Verständigung und Zusammenarbeit dient uns in der Bundesrepublik, allen Menschen in Europa und in der Welt.

Mit freundlichen Grüßen.

Herausgeber und Redaktion der Zeitschrift "Blätter für deutsche und internationale Politik": Karl D. Bredthauer - Professssor Dr. Rudolf Hickel - Dr. Ute Holzkamp-Osterkamp - Professor Dr. Jörg Huffschmid - Professor D. Walter Kreck - Professor D Reinhard Kühnl - Dr. Klaus Naumann Paul Neuhöffer - Manfred Pahl-Rugenstein Professor Dr. Helmut Ridder - Dr. Rainer Rilling Professor Dr. Gerhard Stuby - Professor Dr. Marie Veit"

Exklusiv in der MSZ: Moskau antwortet

Sehr geehrte Redaktion der "Blätter für deutsche und internationale Politik",

Liebe Friedensfreunde deutscher Nation!

Recht schönen Dank auch für den Brief. Man freut sich ja im Leben über jedes Kompliment, das einem einen gewissen Grad an Nettigkeit bescheinigt. Zumindest hat mir Falin, ein Kenner westlicher Sitten und Chef von Novosti, ehemals Botschafter in der BRD, erzählt, daß das bei Ihnen so üblich ist und der Dank auch.

Doch ist das nicht alles, was ich Ihnen schulde. Ein paar freundschaftlich gemeinte Richtigstellungen möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, zumal Sie mir bei dem, was ich gerade unternehme, zu meiner leidenschaftlichen Art gratulieren. Wie es eben unter Freunden üblich.

Daß Sie gleich einen offenen Brief an mich richten, läßt mich vermuten, daß ich nicht der einzige bin der ihn lesen soll. Sie versprechen sich aber nicht nur von zusätzlichen Lesern einiges, sondern auch von einem erweiterten Absenderkreis Insofern als der Brief an mich gerichtet ist, zielt der Kunstgriff mit den namentlichen Unterschriften wohl darauf, daß erstens ich und zweitens alle weiteren Menschen beeindruckt sind, wenn sie den Brief lesen und die vielen Unterzeichner dazu. Gut, ich bin beeindruckt und hoffe, daß es den anderen auch so geht. Fatin sagt, wenn im Westen bei offenen Briefen viel Prominenz unterschreibt, dann halten es die Leute für bedeutsam. Auf mein Erstaunen bezüglich solchen Personenkults, gegen den wir schon seit Jahrzehnten ankämpfen, in einer Gesellschaft mit ausgeprägten demokratischen Strukturen, meinte er, daß ein Protest bei Ihnen so richtig glaubwürdig und ehrenwert und berechtigt wirkt, wenn er sich mit ein paar Größen des kulturellen Lebens zieren kann. Na gut, da haben wir ja bei der Gästeliste des Moskauer Friedensforums richtig gelegen.

Andererseits erstaunt mich eine nicht unwesentliche Mitteilung in Ihrem Schreiben. Ich meine den Hinweis darauf, daß ich Sie beeindruckt haben soll (gleich zu Anfang). Jetzt schreiben Sie mir allen Ernstes, daß ich sie beeindruckt hätte - und wollen damit und mit den Absendern wiederum Eindruck schinden? Ich weiß nicht, wo es hinführt, wenn ich das Theater fortsetze. Jedenfalls scheint mir dieser Weg im Moment nicht übermäßig nützlich; entscheidend ist wohl mehr, was an mir in Ihren Augen so lobenswert erscheint. Und, ehrlich gesagt, mich überkommen da gemischte Gefühle. Die will ich nicht unausgesprochen lassen. Sicher, gerade in unserer realsozialistischen Sprachkultur pflegt man gerne von so grundsätzlichen Sachen wie "wechselseitige Bedingtheit" zu reden - aber wenn dergleichen vorkommt, dann sollte man nicht so tun, als wäre sie, diese wechselseitige Bedingtheit, einmal aufhebbar, dann wieder nicht. Hinkünftig bitte ich Sie jedenfalls inständig, von solchen Befunden Abstand zu nehmen, die einen prinzipiellen Zusammenhang - einen, wie er prinzipieller nicht geht - postulieren und zugleich so tun, als hätte er eben gerade sich nicht nur dem blödesten Auge offenbart, sondern sich aus einer fatalen Lage ergeben. Damit Sie auch meinen Willen zur Selbstkritik gewahren, versichere ich hiermit, auf solche terminologische Kunststücke ab sofort Verzicht zu üben. Bei uns ist nichts "unaufhebbar geworden".

Sie wundern sich über solche Sophistik? Ich kann Ihnen sagen, was mich dazu drängt, Ihnen auch so zu kommen. Wir in der UdSSR, die im Kreml, sind tatsächlich zu der Überzeugung gelangt, daß ein bißchen "innerstaatliche Erneuerung" der Wahrung unserer Sicherheit nicht schaden kann. Wir geben auch gerne zu, daß wir sämtliche Maßnahmen, die dazu beitragen, daß die Sowjetunion die vom Westen angetragene Feindschaft besteht, als ein Werk der Friedenssicherung verkaufen. Sie müssen das verstehen: In einigen Jahrzehnten der Fortentwicklung unseres marxistisch-leninistischen Weltbilds haben wir gelernt, die These von der Notwendigkeit des Krieges, die vom Imperialismus ausgeht, um die Warnung vor dem Kriege zu ergänzen. Dies in der Annahme, daß es auch im Westen viele Menschen geben dürfte, denen es nicht recht sein kann, wenn wir ihnen unsere Wuchtbrummen aufs Haupt schmeißen. Daß wir mit dieser Warnung die nötigen Mittel für unsere Selbstbehauptung nicht gleich für überflüssig halten, nicht ersetzen, könnte Ihnen doch klar sein. Die Reihenfolge ist die: Wir kümmern uns um die ökonomische und militärische Ausstattung der Sowjetunion - und sagen dazu, daß wir damit unseren Feinden die Lust auf einen entscheidenden Waffengang verderben, also der Menschheit den "Frieden" erhalten.

Es stimmt auch, daß wir im Unterschied zu Ihren westlichen Regierungen uns einen anderen Weg zur Vermeidung des Krieges vorstellen können als den bisherigen: Nicht immerzu einander hinterherrüsten, damit man dem Feind gewachsen ist, sondern abrüsten! Unsere Angebote in dieser Richtung dürften ja bekannt sein, ebenso ihre Ablehnung. Ja, auch auf diese Feld haben wir uns nicht gescheut, unseren Kurs als dienlich in den allerhöchsten und säkularen Menschheits- wie Überlebensfragen zu propagieren. Aber das ist dieser Kurs natürlich nur, wenn auch der anderen Seite an ihm gelegen ist Solange an Abrüstung nur einseitiges Interesse besteht, findet sie nicht statt, also auch nicht die von den PR-Abteilungen des Kreml, des Weißen Hauses und sämtlichen Friedensfreunden veranstaltete Fete unter dem Motto: "Weltpolitik dient der Menschheit!" Mit Verlaub - wir überlegen uns angesichts des westlichen Auftretens in den Verhandlungen schon eine Zeit lang, ob wir mit den großen Menschheitsphrasen nicht Schluß machen. Wir haben es einfach satt, daß die NATO jeden Aufrüstungsschritt mit denselben Sprüchen begleitet.

Ihre Anteilnahme an unsere Projekt "Demokratisierung und wirtschaftliche Erneuerung" lebt nicht nur von dem Mißverständnis, ich hätte mich als oberster Sowjet darauf verlegt, die Phrasen vergangener und heutiger Tage in die Tat umzusetzen. So etwas wie einen Beweis, daß es mir ernst ist mit meinen Friedensinitiativen, habe ich nicht angetreten und auch nicht nötig. Wenn wir wegen der Bemühungen, im Innern einiges umzukrempeln, ernst genommen werden, so habe ich nichts dagegen. Gegen die Deutung meiner Reden ausschließlich nach den ideellen Perspektiven, die ich da stets einzubauen pflege, muß ich mich allerdings verwahren. Sie können doch nicht überlesen haben, daß es uns um eine Stärkung der Sowjetunion geht, wenn wir gegen Fehler der Partei und gegen Opportunismus im Volk mobil machen! Es soll ökonomisch mehr herauskommen aus unserem Laden, und der daraus erwachsende Nutzen fürs Volk gilt uns als Garant eines nationalen Zusammenhalts, den wir wie den Reichtum brauchen. So stellen wir uns die Antwort auf das Konzept des "Totrüstens" vor, dem wir als vorgesehene Opfer nichts abgewinnen können.

Den "Zusammenhang zwischen umfassender Demokratisierung und wirtschaftlicher Erneuerung" meinen wir also ein wenig anders. Ich wüßte auch nicht, wie die praktischen Maßnahmen, die wir eingeleitet haben, ein "Exempel innerer Entspannung" sein sollten. Jetzt wird es doch erst richtig spannend bei uns. Wie wir andererseits auch schlecht als Exempel für den Demokratisierungsprozeß "in allen Ländern der Erde ungeachtet der systembedingten Unterschiedlichkeit" dienen können. Das wäre ja noch schöner, daß so eine "Bewegung" wie bei uns locker auch im Kapitalismus ginge! Unsere Erneuerung gilt schon unserem "systembedingten Unterschied" und kann auf Ihrem Mist nicht wachsen. Erlauben Sie mir also an dieser Stelle auch ein Stück Selbstkritik an dem Eindruck, den ich durch mein PR-Gehabe erweckt haben muß. Ich will kein Vorbild sein!

Mit unserer neuen Offenheit ist nicht nur der selbstkritische Umgang mit Fehlern in der Sowjetunion beabsichtigt. Wir werden uns ab sofort auch nicht mehr mit falschen Freunden im Westen einlassen, wie wir es jüngst noch einmal exemplarisch verkehrt auf dem Friedensforum getan haben. Ihr Brief hat mir da gründlich die Augen geöffnet. Wenn Sie etwas gegen eine "Haltung" unternehmen wollen, der "Mißtrauen und Feindseligkeit gegenüber dem Osten zur 'zweiten Natur' geworden ist", so tun Sie das bitte. Aber was sagen Sie das ausgerechnet mir? Dasselbe gilt für so Mitteilungen wie "Wir erwarten von unserer eigenen Regierung...". Ich habe mich lange gefragt, warum Sie ausgerechnet mich in Ihre häuslichen Kritikbemühungen reinziehen wollen. Und was muß ich feststellen? Bitterböse Dinge. Dieselben Menschen, die mir Avancen machen wegen irgendwelcher beispielgebender Verdienste, die sich zur Abwendung von allerlei "Unglück" von "unseren Völkern" höchstförmlich gegen, ihr heimatliches Feindbild wenden, haben für eben dieses Feindbild ein ausgeprägtes Verständnis. Haben Sie wirklich nichts Besseres zu tun, als meine Person und unsere Beschlüsse im Kreml als das Argument vorzubringen, das Ihre deutschen Feindbilder entkräftet? Waren diese berechtigt, als Leonid noch regierte? Sie wollen Oppositionelle in einer raketenbestückten NATO-Bastion sein? Dann dürfen Sie aber nicht den gemeinen Schwindel propagieren, daß westliche Feindschaft bzw. Wohlwollen so etwas wie eine abhängige Variable des Wohlverhaltens zu sein hätte, das der Kreml an den Tag legt!

Für diese Tour bedanke ich mich noch einal extra. Das schmierige Lob, ich hätte den Feinden der Sowjetunion durch mein unrussisches Benehmen zu denken gegeben, lasse ich mir nicht länger gefallen. Nicht nur deswegen, weil ein unter Generalverdacht stehender Generalsekretär gar nicht in der Lage ist, es Ihren Regierungen recht zu machen. Auch deswegen, weil ein Generalsekretär der KPdSU mit der Feindschaft des Westens konfrontiert ist und nicht die Maßstäbe des Feindbildes zur Richtschnur seiner Handlungen macht.

Auf Ihr wohlwollendes "Weiter so!" kann ich also getrost verzichten. Am Schluß sieht es so aus, als würden wir uns wegen der "Blätter für deutsche und inteinationale Politik" so anstellen. Diesem Eindruck trete ich hiermit mit aller Entschiedenheit entgegen.

gez. Michail und Raissa