NOCH EINE GETEILTE NATION, DIE NICHT ALLEINE LEIDET

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1988 erschienen.
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Internationale Heimatkunde: Südkorea
NOCH EINE GETEILTE NATION, DIE NICHT ALLEINE LEIDET

Im Unterschied zum gelobten Wirtschaftswunder am Han ist die üble Nachrede, die Republik Südkorea wäre eine Militärdiktatur und ein Polizeistaat, zur Zeit etwas aus der Mode gekommen. Augenblicklich zählt mehr der hoffnungsvolle Blick auf die erreichte Demokratisierung. Die ist leicht daran zu erkennen, daß das koreanische Volk seinen Generälen im politischen Amt eine nicht vorgesehene Wahl abgetrotzt haben soll. Auch hier wurde das urdemokrahsche Vertrauen ins Volk nicht enttäuscht. Mit Mehrheit und mit kleinerer Wahlbetrugs-Nachhilfe haben die Südkoreaner den uom bisher regierenden Präsidenten zum Nachfolger ausersehenen Roh Tae Woo im neuen Amt bestätigt.

Jetzt sprechen die fortgesetzten Tränengaseinsätze der Polizei und die weiteren Verhaftungen der Studenten, die ihre Enttäuschung über den Wahlausgang gewaltsam demonstrieren, nicht mehr gegen eine Diktatur, sondern für demokratische Stabilität. Und die ist vor allem gut für die Olympischen Spiele, die dieses Jahr in Seoul stattfinden.

Friedlicher Treffpunkt der Jugend

Dieser um Zentimeter und mit Dopingnachweisen geführte "friedliche Wettstreit" soll sich nur in einem "unpolitischen Klima" so völkerversöhnend entfalten können, wie es den Hütern und Liebhabern der nationalen Konkurrenz, Abteilung Sport, vorschwebt. Sehr einleuchtend, daß die Wahl des IOC da auf einen Staat fiel, der für ein imperialistisches Programm steht: ein Stück "Dritte Welt", das keine Militärdiktatur scheut, um seine Aufgabe als Vorposten der Freien Welt zu erfüllen. Ein Extremfall von "Entwicklungsstrategie" wurde da - ganz "unpolitisch" - olympisch ausgezeichnet. Obendrein bot die Wahl dieses Austragungsorts nach den Querelen um Moskau und Los Angeles die Gelegenheit, den Osten erneut auf seine Sportsgesinnung zu überprüfen. Liegt den Funktionären mehr an ehrlicher Völkerfreundschaft oder an den Empfindlichkeiten ihres Verbündeten Nordkorea?

Die Generalprobe des nationalen Ereignisses, die 1987 abgehaltenen Asienspiele, haben die Veranstalter nach einhelliger Meinung aller Experten mit Glanz bestanden. Um deren friedlichen Ablauf zu gewährleisten, wurde vorsorglich eine Viertelmillion Menschen in Haft genommen und vor den neuen Stadien für deren Bau Slums abgerissen und deren Bewohner vertrieben wurden - sorgte ein martialisches Polizeiaufgebot für die rechte Stimmung. Jedenfalls brauchte die verstärkt präsente US-Flotte in den Häfen Südkoreas nicht ins Spielgeschehen einzugreifen.

Wie sollten Funktionäre der olympischen Idee, denen das Herz übergeht, wenn der Präsident des Landes bei den Eröffnungsfeierlichkeiten sein Militär in Reih und Glied aufmarschieren läßt, daran auch etwas Anstößiges finden? Dennoch wollten sie noch im Sommer, als es in Südkorea zu den mächtigsten Demonstrationen seit langem und zu landesweiten Streiks kam, darin eine Gefahr für den Wettstreit Marke 'Deutschland vor, noch ein Tor!' ausgemacht haben.

Das sonderbare Bedürfnis nach Demokratie

Auch koreanische Politiker wissen keinen besseren Grund zu benennen, warum die bisher durch Militärcoups und diktatorische Vollmachten bestimmte Entwicklung ihres Landes jetzt auf demokratische Beine gestellt werden mußte, zumal sie dabei gleich noch den übergreifenden Zweck von Militärdiktatur und demokratischem Regieren aussprechen:

"Die nächste Regierung darf keine Übergangslösung sein, weil sie mit dem strahlenden Ruhm eines friedlichen Machtwechsels die Olympiade über die Bühne bringen soll." (der neue Präsident Roh Tae Woo, Far Eastern Economic Review, 4.6.87)

und etwas genauer am Thema der Oppositionspolitiker Kim Young Sam:

"Politische Stabilität ist lebensnotwendig für eine erfolgreiche Olympiade. Der Extremismus wird verschwinden, wenn erst demokratische Verhältnisse wieder eingerichtet sind." (FEER, 10.7.87)

Lassen wir einmal die alten Sprüche über einen Zusammenhang von Demokratie und "Stabilität" beiseite - in Südkorea stimmen sie noch weniger als anderswo. Da wird schon eher das Argument vom Ansehen des Staates in der Welt stimmen - bei einem Staat, der bei aller selbstverständlichen Anerkennung allemal auf die Maßstäbe achten muß, an denen auswärtige Politiker ihn messen. Das demokratische Wunder, als der designierte Nachfolger und Freund des bisherigen Präsidenten im Juni ankündigte, sich dem Volk in freier Wahl zu stellen, ereignete sich zwar anläßlich der Unruhen in Seoul, verdankte sich aber der Botschaft eines für südkoreanische Politiker glaubwürdigeren Absenders:

"Für die Zukunft der Republik Korea und unserer beidseitigen Beziehungen ist es entscheidend, daß jede neue Verfassung und ihre Gesetze zu einer repräsentativen Regierung führen und ein offeneres und legitimeres politisches System schaffen." (Sigur, Ostasienexperte der US-Regierung, FEER, 12.3.87)

"Unser Rat lautet, den Dialog zwischen Regierung und Opposition wiederaufzunehmen, damit eine Methode gefunden werden kann, eine demokratische Tradition einzurichten, mit der beide Seiten zufrieden sind." (US-Außenminister Shultz, Times 29.7.87)

Während Präsident Chun vorher den studentischen Massen den gewohnten Umgang angedroht hatte - natürlich wegen der Rettung der Olympiade -:

"Ich werde mit aller Gewalt die gesellschaftliche Ordnung wiederherstellen, die in jeder Übergangsperiode verlorenzugehen droht. Ich kündige allen, die versuchen wollen, ein soziales Chaos zu erzeugen, harte Behandlung an." (FEER, 23.4.81),

verspürte er etwas später

"den dringlichen Wunsch, die ständigen Übergriffe, die unsere bisherige politische Geschichte verunziert haben, zu beenden. Ich habe den antiquierten politischen 'modus operandi' satt, den Wortbruch unserer Führer und den zur Gewohnheit gewordenen Betrug, nur um für sich selbst und die eigenen Anhänger Vorteile herauszuschlagen." (FEER, 23.8.87)

So bekam die politisch-parlamentarische Opposition wieder eine Aufgabe, für die der "radikalere" Kim aus seinem Hausarrest entlassen wurde. Da traf es sich gut, daß die Amerikaner dem Präsidenten Chun nicht erlaubt hatten, das Todesurteil an diesem Politiker zu vollziehen, den der südkoreanische Geheimdienst einst aus dem japanischen Exil nach Hause verschleppt hatte. Jetzt kann man die versöhnende Kraft der Demokratie bewundern, wenn die einstigen Todfeinde nach absolviertem Wahlgang die Regeln der künftigen Demokratie ausmauscheln; z.B. die Größe des neuen Parlaments - eine wichtige Frage, weil der Verkauf der Mandate eine übliche Finanzierungsquelle der Parteien ist.

Im Wahlkampf waren sich beide Seiten in der Ausmalung der Segnungen, die das neue demokratische Gesicht Südkoreas prägen sollten, bis zur offenen Unglaubwürdigkeit einig. Den beiden Oppositions-Kims fiel es nur zu, ihre Anhänger, die offiziell ernannte Oppositionspolitiker mit einem alternativen Programm verwechselten, vor Mißverständnissen zu warnen. Den Wahlbonus, prominentestes Opfer der Militärregierung zu sein, hat Kim Dae Jung einmal als glaubwürdigen Aufruf zur nationalen Versöhnung, das andere Mal als Nachweis, daß "die Diktatur längst abgewirtschaftet" habe, ausgereizt - und sich dabei auf einen ortsüblichen Heiligen berufen:

"Sogar Buddhas Predigten waren je nach den Zuhörern verschieden." (FAZ, 13.11.87)

So hielten allein die Kommißköpfe des Militärs den alten Kurs:

"Etwas Unangenehmes wird passieren, wenn Kim Dae Jung an die Macht kommt." (FEER, 6.8.87)

Daß das Militär in Südkorea die letzte ordnungsstiftende Kraft ist, bleibt ja auch nach den Wahlen unangetastet. Daß in Korea Stabilität und Demokratie nicht einfach zusammenfallen, wußten auch die Börsenmakler, die nach dem Wahlsieg Rohs mit einer Hausse in Seoul nachzogen.

Während die oppositionellen Studenten einer "verlorenen Chance" nachtrauern und dabei immer noch an eine gemeinsame Aufgabe glauben, die beide Kims hätte zusammengehen lassen müssen, gibt es auch eine nüchternere Betrachtung der augenblicklich installierten Demokratisierung:

"Wir wollten lernen, das politische Geschäft etwas einfühlsamer zu betreiben. Das nennt mabn jetzt Demokratie, aber mir erscheint das alles ziemlich primitiv." (Ex-Außenminister Park, FEER, 31.12.87)

Das mag schon sein, dennoch sollte man die Frage, für wie geschickt oder ungeschickt sie technische Änderungen des Regierens halten, den Politikern überlassen. Die "Echtheit" der Demokratie hängt weder in Südkorea noch sonstwo von der Glaubwürdigkeit der Politiker, noch vom Glauben der Untertanen ab, sondern vom Erfolg der Politik, ihr Volk für die staatsdienlichen Ziele zu benutzen. Den haben die Regierungen in Südkorea und deshalb kommen sie durchaus auch ohne demokratisches Procedere zurecht. Die Einheit von Volk und Staat bekommen sie allemal zustande: durch ein Militär, das über die Einheit wacht und sich dafür durchaus auch ein paar demokratische Umgangsformen vorstellen kann, wenn schon in der Weltpolitik soviel Aufhebens darüber gemacht wird.

Der Koreakrieg - die Gründung einer Nation

Auch in Ostasien bezogen die USA ihren Kriegskameraden Stalin in die fällige Neuaufteilung der Welt nach beendetem Krieg ein. Der damaligen US-Regierung schien es passend, die endgültige Kapitulation der Japaner auf dem asiatischen Kontinent durch russische Truppen erzwingen zu lassen. Dafür sollte die UdSSR die Mandschurei, die Kurilen und den Nordteil Koreas bis zum 38. Breitengrad besetzen dürfen. So kam die in Jalta versprochene Unabhängigkeit Koreas als Teilung des Landes zum Tragen. Und diese Teilung war, kaum vollzogen, in den USA Gegenstand heftigster Bedenken. Immerhin waren dem Lager der nun als Feind definierten Sowjetunion schon wieder ein paar Breitengrade zugefallen, und - in der Nachbarschaft war eine Volksrepublik China entstanden:

"Wenn wir Korea verteidigen wollen, dann hätten wir unsere Truppen dort lassen sollen... Die gegenwärtige Krise wurde durch die stümperhafte und inkonsequente Politik der Regierung verursacht. Erstens stimmten wir der Teilung des Landes zu. Das stand im Enklang mit der sehr idiotischen Politik, Rußland für die Hilfe gegen Japan zu bezahlen, die wir gar nicht brauchten... Das Teilungsabkommen ergab sich aus dem verständnisvollen Hinnehmen des Kommunismus als friedfertiger Philosophie, wodurch Rußland eine Bedrohung der Existenz der Welt geworden ist." (Senator Taft, 5.7.1950)

An der Aufhebung dieses Fehlers machten die USA sich zu schaffen, indem sie auch Südkorea als Frontstaat aus der Taufe hoben. Dafür war der vorhandene koreanische Nationalismus allerdings weit unbrauchbarer als das Wiederaufbauethos de BRD, für das der Faschismus sowohl die Staatsbürgertugenden, die auch für die neue demokratische Lebensweise gut zu gebrauchen waren, wie auch den Antikommunismus hinterlassen hatte. In einem Land, das Japan zur billigen Reiskammer für sein heimisches Arbeitsvolk und zum Rohstofflieferanten für die Bedürfnisse der japanischen Industrie gemacht hatte, gab es nur den Antikolonialismus, der sich gegen Japan richtete. Während der aktive Widerstand von China aus gegen Japan gekämpft hatte und nach dem Ende des Weltkriegs die politische Leitung Nordkoreas übernahm, fanden die USA bei sich Syngman Rhee als passenden politisch Verantwortlichen für Südkorea. Der stellte die nationale Einheit her, indem er alle mit ihm konkurrierenden Politiker umbringen oder verhaften ließ.

So wurde das geteilte Korea ein weiteres Beispiel für den Kampf zwischen Freiheit und Unterdrückung:

"Korea ist ein Testfall geworden, an dem die Gültigkeit und der praktische Wert der demokratischen Ideale und Prinzipien, die die Republik verwirklicht, mit den kommunistischen Praktiken konfrontiert werden, die dem nordkoreanischen Volk auferlegt sind... Darüber hinaus wird die Koreanische Republik, indem sie den Erfolg und die Stärke der Demokratie im Widerstand gegen den Kommunismus demonstriert, den Völkern des nördlichen Asiens beim Widerstand gegen die Kräfte des Kommunismus, die sie überrannt haben, wie ein Leuchtfeuer leuchten." (US-Präsident Harry Truman, Kongreß-Botschaft vom 7.6.1949)

Trotz dieser Kampfansage mußte sich Präsident Truman vorwerfen lassen, vom Koreakrieg überrascht worden zu sein. Zu sehr beschäftigt mit der elementaren Voraussetzung der Herstellung innerer Stabilität -, habe er es zu verantworten, daß die nur als Bürgerkriegstruppe gedachten 98.000 Mann der südkoreanischen Armee bereits in den ersten Kriegstagen überrollt wurden. Die amerikanische Besatzung war 1949 aus Südkorea abgezogen und so dem früheren Beispiel der sowjetischen Truppen gefolgt.

Den überfälligen Lernprozeß, Korea zu einem Testfall für die Beschränkung und Einkreisung des Kommunismus in seinen Heimatländern zu machen, hat die US-Regierung in kürzester Zeit nachvollzogen. Sie ließ sich ihr militärisches Eingreifen von der UN-Staatenwelt beglaubigen. Damit war aus dem Koreakrieg, diplomatisch gesehen, ein Weltkrieg geworden: eine Bestrafungsaktion gegen kommunistische Aggressoren, ausgeführt von GIs und Hilfskriegern aus 16 Nationen und gerichtet gegen die Sowjetunion, die an dem Krieg gar nicht teilnahm.

Auf Korea "begrenzt" blieben nur die Kampfhandlungen, bei denen die westlichen Truppen Nordkorea bis zur chinesischen Grenze erobert und verwüsteten. Eine weitergehende Lösung lag in der Luft, wurde aber nicht in Angriff genommen. Der oberste militärische Befehlshaber, General MacArthur, der China mit Atombomben angreifen wollte, wurde seines Amtes enthoben. Nach dem Eingreifen chinesischer Freiwilligenheere tobte der Stellungskrieg um den 38. Breitengrad noch zwei weitere Jahre, bis 1953 ein Friedensschluß vereinbart wurde.

Der bestätigte zwar die alte Grenzziehung, die jetzt zum "undurchdringlichsten eisernen Vorhang der Welt" wurde, war aber ansonsten ein Sieg des Westens. Erstens wurde vereinbart, daß nordkoreanische Kriegsgefangene nicht einfach nach Hause geschickt werden mußten, sondern auch zum Bleiben im Süden überredet werden durften - ein begeistert ausgeschlachteter Propagandaerfolg. Zweitens holten sich die USA von Nordkorea die Zustimmung zu bleibender GI-Präsenz im Süden, also die Anerkennung der Frontstaatsfunktion. Zu dieser Einsicht hatten die USA ihren Gegner genötigt, indem sie Nordkorea in die Steinzeit zurückbombten und dabei zum erstenmal Napalm erprobten, so daß von den vier Millionen Kriegstoten zwei Drittel auf der feindlichen Seite anfielen.

Gemessen am Zweck und Ergebnis des Koreakriegs ist die Schuldfrage, welches Korea zuerst seine Truppen über die Grenze marschieren lie, ziemlich belanglos: Ob es Syngman Rhee war, der seinen glühenden Wunsch nach einem "march north" mit einem weltpolitisch höheren Auftrag versehen glaubte - oder ob Kim Il Sung, der den antijapanischen Nationalismus mit einer Begeisterung für sein sozialistisches Modell verwechselte, auf Aufstände im Süden hoffte und den "unaufhaltsamen Sieg des Sozialismus" durch den Sieg Maos 1949 in China verbürgt sah.

Militarismus als Staatsauftrag

Mit dem Ende des Koreakriegs bekam Südkorea seinen bis heute gültigen Staatsauftrag. Gefragt war ein schlagkräftiger Frontstaat im Rahmen der beschränkten ökonomischen und politischen Potenzen dieses neuen Bündnispartners. Der südliche Landesteil Koreas war ein reines Agrargebiet, eingerichtet nach den Bedürfnissen des ehemaligen Kolonialherren Japan. Sämtliche Rohstoffe und die Anfänge einer verarbeitenden Industrie lagen im Norden.

So war in den Augen der amerikanischen Entwicklungshelfer gar nicht abzusehen, daß sich die freiwillig übernommene Verantwortung für Südkorea irgendwann auch wieder einmal gänzlich überflüssig machen könnte. Es stand nicht, wie in Mitteleuropa, der Wiederaufbau einer Nation an, die durch ihre ökonomische Wucht den Weltmarkt belebt und als machtvoller NATO-Partner das Ihre zur Entlastung der militärischen Aufgaben der USA beiträgt. Dauerhafte Unterstützung des Frontstaates war geboten, und das allein wegen der strategischen Rolle, die die USA diesem Frontabschnitt zumaßen; und ohne Hoffnung, daß Südkorea wenigstens die daraus erwachsenden begrenzten militärischen Aufgaben je selbständig und allein übernehmen könnte.

Die seitherige Geschichte Südkoreas - von einem militärisch gestützten Regierungswechsel zum anderen, mit kleineren "demokratischen" Zwischenspielen - ergibt sich folgerichtig aus dieser strategisch bestimmten Sicht des Landes und seinen dazu ins Verhältnis gesetzten Möglichkeiten.

Der letzte Garant der politischen Verhältnisse ist und bleibt der Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte im Land. Er hat die oberste Befehlsgewalt über die südkoreanische Armee, die inzwischen auf 600.000 Soldaten angewachsen ist. Ohne seine Mitsprache kommt die politische Auswechslung des Herrschaftspersonals und ihrer Regierungsgewohnheiten nicht zustande; und auch nicht die Massaker, mit denen die Armee Südkoreas verschiedentlich die staatliche Ordnung wiederherstellt. Für den asiatischen Ernstfall ist dieser Frontstaat mit militärischen Anlagen und mit Waffen, bis hin zu Atomraketen, bestens ausgestattet.

Die politische Ermutigung, die das Weiße Haus für Südkoreas Politiker bereit hat, verfolgt eine Leitlinie:

"Gemäß der für die USA gültigen Position, den eigenen Wunsch nach einer repräsentativeren Regierung Südkoreas abzuwägen gegen die Sicherheit der Halbinsel und die eigenen strategischen Interessen" (FEER, 12.3.87),

kommen im Zweifelsfall eindeutige Entscheidungen heraus:

"Ich betrachte die nationale Sicherheit für wichtiger als demokratische Reformen." (US-Botschafter Lilley)

Dieses unbedingte Sicherheitsversprechen hat in Südkorea nie einen offiziellen oder inoffiziellen Anti-Amerikanismus ausgelöst - von verfolgten Dissidentengruppen abgesehen.

"Die Mittelklasse Südkoreas" (ein Geistersubjekt, das die Meinung der westlichen Presse, wie gut es den Koreanern heute geht, ausdrücken soll) "ist mit der Anwesenheit der USA zufrieden. Sie scheint deren Botschafter wie einen Pro-Konsul zu betrachten, versehen mit oberster Autorität, ohne daß dadurch nationale Gefühle verletzt würden." (FEER, 12.3.87)

Ob ein anreisender amerikanischer Politiker einen Oppositions-Kim empfängt oder schmoren läßt, ist für Südkoreas Politiker allemal ein Signal von größter politischer Tragweite. Der wichtigste Eindruck, den Präsident Chun bei seinem Besuch in der BRD 1986 mitnahm, war

"sein Interesse daran, Nachrichten über die Entscheidung des US-Botschafters Walker zu erfahren, mit seiner bisherigen Praxis zu brechen und für Kim Young Sam ein Essen zu geben." (FEER, 1.5.86)

Koreanische Politiker an der Macht haben da ihre Erfahrungen. Die Volksproteste gegen die Diktatur Syngman Rhees bekamen deshalb recht, weil dieser erste Präsident den Amerikanern mißliebig geworden war. Er hatte den strategischen Ausbau des Landes mit seinem bornierten nationalen Wunsch, doch noch eine innerkoreanische Rechnung begleichen zu wollen, verwechselt; und er beharrte starrköpfig auf seiner Feindschaft zu Japan, obwohl im Sinne höherer Bündnisüberlegungen inzwischen Versöhnung angesagt war.

Die demokratische Arbeitsteilung zwischen den unterschiedlichen staatlichen Institutionen gilt in Südkorea seit den Gründungsanfängen. Mit einer Ausnahme: Den südkoreanischen Militärs ist die Wahrung von Disziplin und Ordnung der Gesellschaft übertragen, und diese Pflicht bringen sie ab und zu auch gegen Regierungen zur Geltung. Als dieser überparteiliche Schiedsrichter, der über ein ordentliches Volk wie ein ordentliches Regieren wacht, existiert die Armee doppelt: als militärischer Arm und als Geheimdienst, der sich gleich nach amerikanischem Vorbild CIA nannte. Die erfolgreiche Karriere in diesen Institutionen gilt als die Qualifikation für ein führendes politisches Amt in der Regierung. Da wurde auch manchmal ein interner Linienstreit gleich intern geregelt, so, als der Chef des Geheimdienstes eigenhändig den vorletzten Diktator erschoß.

Aber noch jeder an die Macht gelangte General legte im Amt seine Uniform ab, ließ sich durch nachträgliche Wahlen bestätigen und sein Mandat verlängern. Auf ein Parlament samt Oppositionsbänken wird nicht verzichtet. Diese "legale" Opposition darf mit der Regierungsmannschaft die für fällig erachteten politischen Entscheidungen aushandeln und die Sitzverteilung ausmachen. Neben und in Anlehnung an die erlaubte Opposition gibt es den ungewöhnlichen Beruf des "illegalen Politikers". Über dessen Verwendungszweck wird von Fall zu Fall entschieden, die Spannbreite reicht von Todesstrafe über jahrelange Haft und Hausarrest bis zum anerkannten Wahlkandidaten, der sein Scheitern als Wahlbetrug feiern kann. Irgendwie hat auch dieser Umgang etwas mit wechselnden Konjunkturen beim großen Bruder zu tun.

Der hat die Symbolfigur des Widerstands gegen die eine Seite des südkoreanischen Regierens - die Militärherrschaft - immer wieder mal ins Spiel gebracht, dem überzeugten Freund der USA, Kim Dae Jung, Exil gewährt, ihn aber auch wieder in die heimatliche Haft ausreisen lassen und ihn nach seiner Verschleppung aus Japan vor dem gefällten Todesurteil bewahrt. Seinen Glauben an die Güte einer wirklich freien kapitalistischen Wirtschaft und an eine in sich gefestigte Demokratie ohne ständige militärische Zwischenspiele, haben ihm von seinen inländischen Gegnern den Vorwurf eingebracht, ein heimlicher Anhänger Nordkoreas zu sein. Das hat die USA nicht daran gehindert, in ihm weiterhin einen möglichen Wunschkandidaten für alternative Staatsverwendung zu sehen und ihn im Hausarrest für eine eventuelle spätere Wiederverwendung gut aufgehoben zu wissen. Kims Traum von einem neuen Korea hat ein Vorbild:

"Seine Freunde und er wünschten sich Korea als zweites Deutschland hier in Asien." (Süddeutsche Zeitung, 21.7.86)

Dieses Geständnis bei einem Besuch Heiner Geißlers hat dem deutschen Freund aller anständigen Oppositionellen in aller Welt gut gefallen.

Mit ihrem Volk weiß sich die koreanische Herrschaft durch ein nationales Erziehungsprogramm verbunden, das sich auf die beiden sich ergänzenden Tugenden Befehl und Gehorsam gründet. Das nationale Erweckungsprogramm ("Yushin"), das der eigentliche Gründer des neuen Südkorea, General Park, verkündete, macht den Stolz auf die Nation zur einzig berechtigten Lebensregung:

"Geboren in diesem Land, sind wir mit der historischen Aufgabe betraut, die Nation zu regenerieren... mit aufrechtem Geist und starkem Körper... als ein arbeitsames Volk... der Zukunft entgegensehend, in der wir das ehrenhafte Vaterland vereinigt haben... Wir werden das öffentliche Wohl und die Ordnung an die erste Stelle setzen, auf Nutzen und Qualität oberstes Augenmerk richten und den Geist ernster und ehrlicher Zusammenarbeit fördern, die sich auf die traditionelle gegenseitige Hilfe beruft und sich auf Liebe, Respekt und Vertrauen gründet." (Charta der nationalen Erziehung)

Diese Ideale einer Volksgemeinschaft berufen sich erst gar nicht auf handfeste Lebensverhältnisse, aus denen sich der normale Nationalismus wie von selbst ergibt, sondern setzen die Gewalt des Staates in eins mit der Schaffung einer Nation. Das nationale Leben erfüllt sich als innerer Kriegszustand, der seine reinigende Wucht aus einem Feindbild erhält:

"Der Antikommunismu soll der Kardinalpunkt der nationalen Politik sein. Die Haltung der Nation gegenüber dem Kommunismus, die bis jetzt nichts anderes mehr gewesen ist als eine Konvention und ein bloßer Slogan, wird neugeordnet und verstärkt werden" (Park in einem "Öffentlichen Revolutionsversprechen" bei seinem Machtantritt).

Alle auszurottenden Übel der Nation, bis hin zu jedem Flugzeugabsturz einer südkoreanischen Maschine, haben ihre Urheber in den Untermenschen, die in Nordkorea sitzen. Dagegen hilft nur die nationale Einheit, zu deren Rettung Militär und Polizei jeden Demonstranten und Abweichler als Kommunisten verprügelt und verfolgt. In den U-Bahnen Seouls werden die Fahrgäste per Lautsprecher aufgefordert, jeden ihnen Verdächtigen als Spion aus dem Norden zu melden. Die nationale Hauptaufgabe "Wiedervereinigung" ist so weniger ein beschlossenes außenpolitisches Programm als das Mittel der innenpolitischen Disziplinierung. Den "Marsch nach Norden" haben südkoreanische Politiker nicht in der Hand, aber falsche Interpretationen des Wiedervereinigungsgebots wissen sie als unnationales Versöhnlertum zu behandeln - und das könnte einem auch in der BRD bekannt vorkommen.

Noch jede oppositionelle Regung von unten kann sich des Verdachts und der Behandlung als nationaler Feind gewiß sein. Jeder studentische Protest - und sei er noch so bescheiden - kann nur in der Militanz der Straße öffentlich werden. Auf der wird ihm eingebleut, kommunistisch und verboten zu sein. Ob es bei Tränengas und Verhaftungen bleibt oder ob es zu Massakern mit einigen tausend Toten kommt wie 1980 in Kwangju -, entscheidet sich von Fall zu Fall.

Dabei können die Dissidenten mit dem nordkoreanischen Partei- und Staatsführer Kim II Sung nichts anfangen. Ihr nationales Gefühl empört sich über südkoreanische Politiker, die ihr braves Volk von großen Konzernen und vom Ausland ausbeuten lassen, und die Unabhängigkeit der nationalen Politik den Militärs und japanischen und amerikanischen Interessen zum Opfer bringen. Das Lebensrecht ihres Frontstaates ist ihnen nicht fremd, aber

"die Bedrohung durch Nordkorea wird von den USA und der Militärdiktatur mißbraucht",

während der Glaube an die nationale Güte alle sophistischen Unterschiede zwischen politischen Systemen erledigt:

"Die Nordkoreaner gehören unserem eigenen Volk an und würden uns deshalb nichts antun." (FEER, 6.8.87).

Ein Wunder gibt Rätsel auf

Mögen die politischen Verhältnisse in Südkorea auch manchmal ein menschenrechtliches Naserümpfen hervorrufen, vom Faktum eines "Wirtschaftswunders", das für die Lenker dieses Staatswesens spricht, zeigt sich die westliche Öffentlichkeit begeistert. Wie das bei Wundern so ist, gibt dieses sagenhafte Geschehen nachdenklichen Menschen einige Rätsel auf.

In den begriffslosen Erfolgsziffern einer nationalen Überschußbilanz wird dem "Land der Morgenstille" erst einmal Anerkennung gezollt, wenn auch mit dem leisen Unterton von einer zweiten "gelben Gefahr". 1987 war das Jahr des koreanischen Booms: ein wirtschaftliches Wachstum von 15% und ein Handelsbilanzüberschuß von 10 Mrd. Dollar - gegenüber den USA allein 8,5 Mrd. - und das, obwohl westliche Beobachter bei der letztjährigen Streikwelle die Stirne runzelten und schon die Zukunft dieses Handelspartners vergeigt sahen. Vom aggressiven Weltmarkteroberungsstil koreanischer Unternehmen wird berichtet - und zwar auf allen Sektoren, auf denen auch hier die Zukunftshoffnungen der Nation ruhen. Von der Eroberung von Weltmarktanteilen auf dem Gebiet der Stahl-, Auto-, Video-, Computer- und Chipproduktion ist die Rede, erfolgreich abgeschlossen durch Billigangebote, die schon einmal den Verdacht des Dumpings nahelegen. Selbst auf heimischem Kapitalboden ziehen neuerdings koreanische Firmen eigene Produktionsstätten hoch.

Das alles erregt in Liebhabern des heimischen Geschäfts aber auch den Verdacht der "Unsolidität":

"Goldstar wie die meisten südkoreanischen Firmen hat sich weit tüchtiger darin erwiesen, den Umsatz zu steigern und marode Firmen zu übernehmen als Profite zu machen." (FEER, 19.11.87)

"Südkoreaninche Firmen kümmern sich überhaupt nicht um Profite. Sie setzen nur auf Größe. Jeder Konzern will die Nummer 1 sein." (FEER, 21.8.86)

Dieses Urteil können sie sich gleich vom obersten Wirtschaftsmanager des Fernoststaates bestätigen lassen:

"Der einzige Grund, warum Südkorea finanziell nicht zunammenbricht, liegt darin, daß wir so schnell wachsen." (Kim Mahn Je, FEER, 21.8.86)

Dieses Geschäftsdenken leuchtet den Kennern der Materie und den Wachstumsfanatikern einerseits schwer als Erfolgsgeheimnis ein, andererseits wollen sie auf einmal einen Unterschied zwischen echtem Profit und unehrlichem Wachstum entdeckt haben, während sie den Signalen der Börsenspekulation lauschen. Während Mercedes sich seine Aufkäufe vom sauer verdienten Profit mühsam abspart, deutet das zur Diskussion stehende Wachstum auf einen verdeckten Zusammenbruch der koreanischen Wirtschaft hin. Für den wirtschaftlichen Boom Südkoreas in den letzten beiden Jahren wird die Erklärung ausgegeben, er beruhe nur auf niedrigen Ölpreisen, weltweit niedrigen Zinsen und Währungsgewinnen gegenüber dem gestiegenen Yen - sei also ziemlich unecht. Das teilen Wirschaftssachverständige mit, die sich den Kopf darüber zerbrechen, welchen Dollarkurs die deutsche Wirtschaft verträgt.

Gegen den offensichtlichen Erfolg einer Konkurrenznation anzustinken, ist in diesen Kreisen freilich auch nicht das Wahre. Deshalb gibt es auch eine positive Erklärung: Südkorea verdanke seinen wirtschaftlichen Aufschwung dem besonderen Geschick einer Exportnation. Dieses spezielle Glück teilt das Land allerdings mit den allermeisten Staaten auf dem Globus. Dem süßen Angebot, alles Verkäufliche aus dem Land zu schaffen, damit es anderswo seinen Anteil zur Stärkung des Weltmarkts beiträgt, konnten sich gerade die zahlreichen Hungerstaaten nicht verschließen. Die meisten davon bringen es dabei nicht einmal zu einem Handelsüberschuß, während einige "Schwellenländer" sehen dürfen, wie und ob sie mit ihrer positiven Handelsbilanz die Zinsen ihrer Verschuldung bezahlen können.

Die hat Südkorea auch zu bieten: das Land ist mit 47 Mrd. Dollar (1985) beim IWF in der Kreide. Ob der 1986 begonnene Abbau der Schulden mehr für die Stärke der dortigen Wirtschaftskraft spricht oder eher die Warnung vor einem riskanten Spiel mit dem komplizierten Geflecht weltweiter Abhängigkeiten angebracht ist, kann der offizielle Wirtschaftsverstand hin und her wälzen.

Die Wahrheit kommt so nicht auf den Tisch: Der Erfolg wie die Nöte des "Wirtschaftsriesen" sprechen von der Lage eines Entwicklungslands mit besonderen Konditionen, die es selbst nicht setzt und über die es sich schon gar nicht hinwegsetzen kann, um einmal etwas mehr als einer der "fernöstlichen Drachen" wie Taiwan und Hongkong zu werden.

Ein politischer Kredit macht sich bezahlt

Südkorea, dessen hauptsächliche Ressource nach dem Koreakrieg der Reisanbau war, ist das Schicksal erspart geblieben, sich mit den vorhandenen heimischen Mitteln erst auf den Weltmarkt beziehen zu müssen. Sein wirtschaftlicher Aufbau wurde gleich als Teil des Weltmarkts geplant, an der Seite und als Dependance von Staaten, die sich zurecht als Hüter dieses gebrechlichen Gebildes betrachten. Der unverwüstliche Optimismus der Amerikaner, daß ihr lebhaftes strategisches Interesse an einer Weltecke ein Stück Wirtschaftspotential ist und so zur Geltung kommen soll, an dem sich bloße Kalkulationen mit landesüblichen Handelsprodukten blamieren, hat sich für Südkorea glänzend bestätigt.

Der neue Staat erhielt bis 1971 4,6 Mrd. Dollar unentgeltliche Starthilfe geschenkt, der Staatshaushalt wurde bis dahin zum großen Teil von der amerikanischen Verwaltung getragen, 35% der Importe kamen kostenlos aus den USA und bis heute trägt der Bündnispartner den Hauptanteil der Kosten, die aus der militärischen Verantwortung Südkoreas entstehen.

Den Charakter "echter" Hilfe erhielten diese Geschenke durch ihre geschäftsmäßige Kalkulation. Die Lebensmittel-Care-Pakete kamen mit der Auflage ins Land, sie zu gerechten Won-Preisen zu verkaufen. Das, wie die Dollarguthaben, trugen zum Staatsschatz bei, auf dessen Grundlage Südkorea die Geldnotenpresse anwarf. Damit diese Hilfe, die Südkorea als Unterposten des amerikanischen Staatshaushalts behandelte, auch wieder überflüssig werden konnte, wurde dem Land der Weg zur Industrienation gewiesen: durch joint ventures, zu denen sich amerikanische Kapitale, die sich in Südkorea fast wie zu Hause vorkamen, nicht erst drängen lassen mußten. So wußte der amerikanische Botschafter schon 1970 stolz zu berichten:

"Die Liste der US-Gesellschaften, die in Korea Geschäfte machen, liest sich wie ein Who's Who der amerikanischen Industrie."

Auf breitere Grundlage gestellt wurde das Wirtschaftsprojekt Südkorea durch den koreanisch-japanischen Freundschaftsvertrag von 1965, der die guten alten kolonialen Beziehungen zeitgemäß erneuerte. Seitdem tragen die meisten ausländischen Investitionen japanische Firmennamen. Verkauft wurde bis in die letzten Jahre fast ausschließlich in die USA und nach Japan - das ist eben der 'natürliche' Weltmarkt Südkoreas. Die zur Produktion notwendigen Halbfabrikate und das technische Wissen werden aus dem gleichen Wirtschaftsraum importiert - noch heute hängen koreanische Unternehmen in der Produktentwicklung nach und dokumentieren so, daß sie nach- und ausgelagerte Produktionsstätten z.B. der japanischen Konzerne sind. Die dabei entstehenden Kosten haben Südkorea zu einem flotten Schuldner des IWF gemacht. Als Subjekt seiner nationalen Ökonomie darf der koreanische Staat - nicht seine ausländischen Investoren sehen, wie er mit seinen Schulden fertig wird.

Die regierenden Militärs - mit Ausnahme des ersten Präsidenten Rhee, der sich gegen die neue Freundschaft zu Japan wehrte - kamen aus eigener Einsicht auf den engen Zusammenhang von zugedachter, gern übernommener Frontstaatrolle und der ebenso erwünschten ökonomischen Bedeutung:

"Alle Kräfte sollen auf den Wiederaufbau der nationalen Wirtschaft konzentriert werden. Um den langgehegten Wunsch nach Wiedervereinigung... zu verwirklichen, sollen alle Kräfte auf den Wiederaufbau einer nationalen Macht, die dem Kommunismus entgegentreten kann, konzentriert werden." ("Öffentliches Revolutionsversprechen" von Park 1961 )

Das hätte von Adenauer und Erhard stammen können!

Da diese aufgeklärten Generäle nicht auf ein im Land existierendes Kapital zurückgreifen konnten, ernannten sie die Staatsgewalt zum unmittelbaren Motor einer "Korea Inc." und den Staatshaushalt und dessen Verschuldungsvermögen zur Quelle des modernen Geschäftslebens. Die abstoßenden Praktiken eines östlichen "Staatskapitalismus" mit Fünf-Jahresplänen, staatlich festgelegter Kreditvergabe und Zinshöhe, vorgeschriebenen Produktionszielen und -proportionen bis hin zu Arbeitermassen-Appellen haben südkoreanischen Politikern den guten Ruf eingetragen, Politiker und Manager in einer Person zu sein. Wer dem Angebot folgte, heimischer Kapitalist zu werden, der bezog sein Startkapital unmittelbar aus einem uon den staatlichen Banken gewährten Geschäftskredit ohne den vorherigen Umweg über eine erfolgreich gelaufene Produktion. An diese Kreditwürdigkeit war allerdings ein staatliches Interesse geknüpft: Ausgegeben und verdient werden sollte dieser Kredit durch den Verkauf exportfähiger Ware im Ausland. Diese staatliche Förderung machte den Export zu einem mehrfachen Geschäft, weil jeder Devisengewinn die Geschäftsgrundlage in vielfacher Hinsicht vergrößerte. Einmal war er schon im voraus subuentioniert. Zweitens war er der anerkannte Ausweis, an weiteren und besonders begünstigten staatlichen Kredit heranzukommen. Drittens sicherte er dem Beglückten das Importprivileg: Nur Exporteure dürfen importieren, und hohe Inlandspreise machen oft den Löwenanteil der Gewinne von Exportfirmen aus. Viertens werden Exportgewinne nur zu 50% versteuert. Fünftens sind Kredite für Auslandsinuestitionen nur bei eintretendem Erfolg des Geschäfts zurückzuzahlen.

Das so erzeugte Geschäftsinteresse lautete: "Alles unter einem Dach", denn je mehr "strategische" - vom Staat bevorzugt gewünschte Produktionszweige ein Unternehmen betrieb, desto problemloser gestaltete sich sein Zugang zu sicheren Vorzugskrediten und desto größer wurde sein Anteil am Inlandsgeschäft. Diese langsame Sortierung der heimischen Wirtschaft beschleunigte der Staat, indem er 1975 vierzig Firmenkonglomerate - von Bauunternehmen bis hin zu Handelshäusern - zu "General Trading Companies" ernannte, ihnen den nationalen Auftrag des Exports ziemlich ausschießlich übertrug und eine bevorzugte Rolle bei der staatlichen Kreditvergabe zuwies.

Das war die Geburtsstunde der sogenannten "chaebols", deren Namen wie Samsung, Hyundai Daewoo und Lucky-Goldstar das koreanische Wirtschaftswunder verkörpern. Auf deren Bedürfnisse ist das Geschäftsgebaren der Banken abgestimmt.

"Banken treffen Kreditvergabe-Entscheidungen nicht auf der Grundlage finanzieller Prüfung." (FEER, 21.8.86)

Sie folgen bei größeren Kreditentscheidungen den Anweisungen des Finanzministeriums, das die erste Anlaufstelle der "chaebols" ist, selbst wenn die Banken heute keine Staatsunternehmen mehr sind. Die privaten Großkonzerne und die Bankenwelt wissen sich schon von selbst der ihnen gestellten nationalen Aufgabe verpflichtet; sie ist die bleibende Grundlage ihres Geschäfts.

Die inneren Erfolge eines Wunders

Mit diesem Wirtschaftsprogramm hat der Staat seine Gesellschaft gründlich und bleibend in ein Innen und ein Außen sortiert. Kleine Betriebe sind von den staatlichen Privilegien und Subventionen des Exportgeschäfts ausgeschlossen. Wenn sie überhaupt staatlichen Kredit bekommen, dann fällt er teurer und geringer aus. Der staatlich fixierte Unterschied zwischen Billigzinsen für die "chaebols" und hohen Zinssätzen für den Rest der Wirtschaft ist als Entlastung der Banken für ihre Hauptaufgabe der Exportfinanzierung geplant. Wer auf dieser Basis produziert, ist auf den Binnenmarkt verwiesen, obwohl er natürlich auch da nicht gegen die Großkonzerne konkurrenzfähig ist.

Neben den "chaebols" und in deren Produktionsnischen entstand so ein Bereich mehr oder weniger abenteuerlicher Klitschen, die in Seoul eine Art (vor)industriellen Basar bilden ein ganzes Viertel mit einem Block der Metallhändler, einer Gummipassage, einer Straße der Gasbrennerhändler, wo sich Handwerksgeschick öffentlich bewundern läßt. Eine den Großkonzernen untergeordnete und ihnen zuarbeitende Zulieferindustrie gibt es nicht; die "chaebols" setzen da auf ihre ausländischen Partner.

Den Bauern, die heute nur noch ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung ausmachen, kommt mit staatlich festgelegten Produktionspreisen die Aufgabe zu für die entsprechend billige , Ernährungsgrundlage des koreanischen Arbeitsfleißes zu sorgen. Deshalb gibt die der Boden zwar her, aber noch lange kein ausreichendes Einkommen für die Landbevölkerung, weshalb immer mehr Bauern in die Slums von Seoul ziehen, wo sie sich ein besseres Leben ausrechnen. Dort können sie vom "Glück" träumen, bei Daewoo oder Hyundai arbeiten zu dürfen. Dafür sind sie gebildet genug. Eine nationale (Schul-)Erziehung hat der Staat für sein ganzes Volk vorgesehen.

Wer in Südkorea nicht "chaebol" heißt, ist bei seinen Geldnöten auf den "kerb-market", den schwarzen Kreditmarkt mit Wucherzinsen, angewiesen. Der erregt einesteils immerzu staatlichen Ärger, da allzu oft der für Exportgeschäfte vergebene Kredit in diesem Kanal verschwindet. Andererseits wissen ihn die Konzerne wie Banken und Staat als Geldsammelstelle für ihr Interesse zu nutzen. So fällt innen und außen doch nicht ganz auseinander, und die "Sparwut" der koreanischen Bevölkerung - die auf keine größeren sozialstaatlichen Segnungen rechnen kann - trägt etwas zur nationalen Hauptaufgabe bei.

Kein Wunder ohne Schattenseiten

Der so erreichte Erfolg, Südkorea zu einem Industriestaat gemacht zu haben, stellt seinen Urheber auch vor einige Probleme, die anders aussehen als die Neuverschuldung Stoltenbergs. Das Geschäft, auf das Korea setzt, macht das nationale Wirtschaftsprojekt mit den regelmäßigen Konjunkturen des Weltmarkts vertraut, die Südkorea mit einem Won, der sich nie so recht zu einem internationalen Zahlungsmittel entwickelt, lebhaft zu spüren bekommt. So hat der industrielle Sprung nach vorne einiges an Investitionsruinen hinterlassen. Weil vier amerikanische Reeder die Lust am Schiffsverkehr verloren, fiel in Südkorea eine gesamte Branche, der nationale Schiffsbau unter die pflegliche Obhut der Banken, die ihre Schuldtitel streichen durften.

Und nicht nur das, auch der Erfolg gibt zu denken. Ob der Devisengewinn einer "chaebol" auch für den staatlichen Kreditgeber ein Geschäft wird, ist erstens kaum zu entscheiden und zweitens ungewiß: Nur er hat es ja, schon bevor etwas gelaufen ist, zum Geschäft gemacht. Die positive Unternehmerbilanz hat allemal ihre feste Grundlage im hoheitlich aufgeblähten Kredit, und so sieht sich der Staat mit laufender Geldentwertung konfrontiert. Daß die nicht, wie in anderen "Schwellenländern", astronomische Höhen erreicht, liegt wiederum am politischen Kredit, den dieser staatliche Inflationär im freien Westen genießt und der exportfähige ausländische Investitionen nicht erlahmen läßt.

Daß Südkoreas Banken selbst nach ihren eigenen Kriterien illiquid sind, mag einem Auslandsbanker auffallen, das braucht ihn jedoch nicht zu hindern, sein Geld weiterhin in Südkorea anzulegen:

"Ich halte die südkoreanischen Banken möglicherweise, sogar wahrscheinlich, für zahlungsunfähig, was aber nichts macht, da das Risiko die Regierung trägt." (ein amerikanischer Banker, FEER, 7.5.87)

Dem Überleihen entspricht das Überschulden auf der anderen Seite. Am Auf und Ab des Konjunkturgeschehens erfahren die Planer Südkoreas, in welchem Maß ihr Staatskredit zur Bedienung uneinbringlicher Schulden gefordert ist, weil sonst eine ganze Sphäre der nationalen Produktion verschwinden würde. Freilich ist das staatliche Projekt einer aufstrebenden Wirtschaftsnation nicht dasselbe wie das Interesse der südkoreanischen Konzerne. In Krisenjahren wie 1985 wird die staatliche Kreditvergabe an die 30 größten Konzerne auch einmal völlig eingestellt, auch wenn das zum Zusammenbruch eines Wirtschaftsgiganten, des Kukje-Konzerns führt. Da diese Absicht, nur noch zu entwickeln, wo Wirtschaftlichkeit schon erreicht ist, einen Widerspruch enthält, folgte bald, im April 1985, ein zweites Signal: die offizielle Ankündigung, daß die Exportfinanzierung und Kredite für joint ventures wieder erleichtert würden. Wirtschaftliche Signale erreichen Seoul auf dem Umweg über die Geschäftskalkulationen in Amerika und Japan. Dort liegen die 'natürlichen' Absatzmärkte Südkoreas und dort haben die Firmen ihren Sitz, die in Korea über die Investitionsbranchen mitentscheiden, die sich in der Konkurrenz mit Dollar und Yen bezahlt machen sollen.

Da muß es dem koreanischen Staat ja auffallen, daß es ein Vorteil wäre, seine entschieden eingegangene Abhängigkeit zu verbreitern. Inzwischen sind bundesdeutsche Firmen in breiter joint-venture-Front in diesem Land vertreten - nicht nur die neulich in Verruf gekommene Textilfabrik Adler -, ohne daß sich an der Außenstruktur der Wirtschaftsbeziehungen Südkoreas grundsätzlich etwas geändert hätte. Die Kalkulationen, die hinter den Investitionen südkoreanischer Unternehmen in den USA und in der EG stehen, haben weniger mit einer hier beschworenen aggressiven Offensive des Won zu tun, sondern mehr mit dem Unterlaufen und Vermeiden protektionistischer Maßnahmen, die die USA und die EG androhen und teilweise schon vollzogen haben.

"Das größte Problem der Planer Südkoreas besteht augenblicklich darin, den Handelsbilanzüberschuß gegenüber den USA abzubauen. " (FEER, 19.11.87)

Spätestens so werden koreanische Politiker darauf aufmerksam gemacht, daß sie auch über einen Binnenmarkt verfügen, dessen Öffnung gebieterisch verlangt wird. Seit einigen Jahren schon sind heimische und ausländische Banken angewiesen worden, 30% ihrer Kredite an Klein- und Mittelbetriebe zu geben. Das hebt zwar die eingerichtete Teilung der koreanischen Ökonomie nicht auf, weist aber der Verschuldungsfähigkeit des Staates ein neues Aufgabengebiet zu.

Das Ideal des von den USA eingerichteten Frontstaates - mit seinem politischen Kredit ein nicht vorhandenes Geschäftsinteresse erst zu ersetzen, um es zu schaffen, damit er künftig eine von seiner Unterstützung getrennt existierende Wirtschaftskraft der Nation verwalten und fördern kann - bleibt ein widersprüchliches Unternehmen. Jeder Fortschritt zu dieser erwünschten Normalität fordert ökonomische Opfer des Staats, von denen er durch das Wachstum seiner Wirtschaft programmatisch loskommen will.

Weil die Großunternehmen die geld- und kreditpolitischen Leistungen ihres Staats nicht nur für ihr Geschäft brauchen, sondern auch die damit verbundenen Beschränkungen zu spüren bekommen, gibt es freilich auch Beschwerden über staatliche Gängelung. Das Ideal einer unbehinderten Freiheit des Kapitals kommt da auch schon in Korea auf und findet Eingang in die Wahlversprechen. Der Regierung fällt bei Freiheit des Kapitals ein, daß sie eigentlich die ständige gewaltsame Klärung der Lohnfrage leid ist und diese gerne von der Wirtschaft selbständig abmachen lassen würde:

"Roh plädierte auf einer Zeitungskonferenz im August für eine neutralere Rolle der Regierung, die bisher bei Arbeitskämpfen immer als Streikbrecher tätig geworden ist. 'In der Vergangenheit hat die Regierung auf Arbeiterforderungen so reagiert, daß sie die Forderung nach höheren Löhnen unterdrückt hat', sagte er. 'Wenn wir diese Gewohnheit ändern und Arbeit und Kapital dazu ermuntern, ohne staatliches Eingreifen miteinander zu verhandeln, dann hätten die Arbeiter eine bessere Chance'." (FEER, 31.12.87)

Letzteres mag glauben, wer will.

Die einzige heimische Wirtschaftspotenz

Für das anspruchsvolle Vorhaben, aus dem Süden der koreanischen Halbinsel eine moderne Gesellschaft zu machen, hat der Staat auf eine Volkseigenschaft zurückgegriffen, die für asiatisch gilt, aber welt-weit verbreitet ist. Daraus ist schon zu ersehen, daß die Erklärung des koreanischen Wirtschaftswunders "Billiglohn" nichts taugt. Zu den zu jedem Preis arbeitswilligen Massen gehört schon noch ein potentes Interesse, aus ihnen etwas zu machen, und eine Staatsgewalt, die ihr Volk nicht einfach vor sich hinvegetieren läßt, sondern ihm einen Arbeitsauftrag erteilt. Das war den südkoreanischen Politikern eine süße Pflicht:

"Vor allem arbeiten muß die Nation" (Park, "Fünf Regeln der Nation")

Vor allem Lohn, der entsprechend ausfällt, ist die Arbeitspflicht eine nationale Ehre und eine politische Aufgabe. Die betrieblichen Schlägertrupps, die die hauseigene Gewerkschaft ergänzen oder ersetzen, heißen "Love the Company" und der Fanatismus einer industriellen Armee findet die passenden Betriebsparolen:

"Das Gesicht der Firma und des Landes sind auf dem Produkt, das ich herstelle" (Samsung-Parole)

Das koreanische Proletariat arbeitet im Durchschnitt 59 Stunden die Woche. Japanische Arbeiter gelten in Südkorea als faul. Alle Löhne sind so bemessen, daß ein Arbeiter nur die Hälfte des offiziellen Existenzminimums verdienen kann, so daß der Sippenzusammenhalt auch am Arbeitsplatz erhalten bleibt, weil die ganze Familie arbeiten muß.

Die neue Klasse, der inzwischen etwa 70% der arbeitenden Bevölkerung angehören, hat sich entsprechend den Differenzierungen des südkoreanischen Geschäftslebens gebildet. Ein Drittel übt nur eine vorübergehende Tätigkeit aus, so daß auch Geschäftskalkulationen aufgehen, die sich am gehobenen Standard einer Exportnation nicht messen können. Wer wöchentlich länger als eine Stunde arbeitet, fällt aus der Arbeitslosenstatistik heraus - ein moderner Staat wie Südkorea zählt auch das nach. Glück hat die Sippe, die einen Daewoo-Arbeiter in ihren Reihen hat, der mit viel Überstunden der Schwester eine Aussteuer und dem Bruder eine Hochzeit ermöglichen kann.

Von Anfang an haben die südkoreanischen Herren ihre Proleten als Klasse behandelt, die, weil nötig für die nationale Akkumulation, diese auch behindern kann. Parks gesetzlichem Streikverbot hat Chun 1981 die schöne Rechtsform der Streikerlaubnis gegeben, die dann in Kraft tritt, wenn die Regierung den Streik vorher billigt. Es gibt nur Betriebsgewerkschaften, die bei Verhandlungen mit der Unternehmensleitung keine "dritte Partei" zuziehen, also keine betriebsübergreifende Organisation bilden dürfen. Das hat illegale Streiks, vor allem in den großen Konzernen, nicht verhindert. Die nahmen in der Regel einen straßenkampfmäßigen Verlauf und endeten mit Erfolgen für beide Seiten: geringfügige Lohnerhöhungen und Prügel für vom Management bezahlte Schläger auf der einen, Polizeieinsätze und ein paar Jahre Haft oder Schlimmeres für die "Rädelsführer" auf der anderen Seite.

Die neue Behandlung, die der landesweite Streik des vergangenen Jahres erfahren hat, verdankt sich höheren Überlegungen. Er fiel in einen von oben angesetzten Wahlkampf, und seine Hauptforderung nach einer unabhängigen Gewerkschaft überlegen sich die Politiker Südkoreas inzwischen selbst. Mit der Lohnerhöhung von 15% bleibt koreanische Arbeit so billig wie eh und je; den betroffenen Firmen hat der Staat den Streikausfall bezahlt.