NOCH EIN BRIEF ZUR VERTEIDIGUNG DER REPUBLIK

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1980 erschienen.

Schriftstelller:
NOCH EIN BRIEF ZUR VERTEIDIGUNG DER REPUBLIK

Beunruhigung oder gar Entrüstung über die offensichtlichen Kriegsvorbereitungen im westlichen Bündnis sind in der disziplinierten bundesrepublikanischen Öffentlichkeit nicht üblich. Kriegshysterie und Panik werden von oben beschworen und souverän zur Kennzeichnung der deutschen Position in der internationalen Diplomatie gehandhabt.

So ist es zwar nicht verwunderlich, wohl aber ein Indiz für die erschreckend gelungene Erziehung zum demokratischen Fanatismus, wenn vier Schriftsteller, die das Fürchten vor dem nächsten sicheren Krieg angekommun ist, nichts Besseres zu tun haben, als die nur zu begründeten Befürchtungen in ihrem bodenlosen moralischen Nationalstolz gleich wieder zu ersäufen. Die unterschiedliche Herkunft (einer der 'Gruppe 47', ein Mann der 1. Stunde deutscher Literatur also, ein ehemaliger SDSler, Gründer der 'Proletarischen Linken' und von deren 'Scheitern' zur Entdeckung der Subjektivität gelangter und zwei aus der DDR in die künstlerische Freiheit Emigrierte) schadet nichts, im Gegenteil: Sie legitimiert die Vier als geistige Repräsentanten erlittenen und bewältigten deutschen Schicksals.

Mit dem Standpunkt "wir Deutsche" wenden sich die Vier an den Bundeskanzler und fordern ihn auf, sich nicht

"von der amerikanischen Regierung... in eine Politik hineinziehen zu lassen, die die Zerstörung allen Lebens auf diesem Planeten zur Folge haben könnte."

Ganz so, als ob es ihnen entgangen wäre, daß eben derselbe den NATO-Beschluß zur Nachrüstung - also den Beschluß über die Aufstellung der Zerstörungsmittel auch und vor allem in der BRD mit Zielrichtung gegen Osten - energisch betrieben und mit allen Registern zwischenstaatlicher Erpressung gegenüber anderen widerstrebenden Staaten durchgesetzt hätte.

Was den Briefeschreibern ihren Glauben erhält, im Kanzler den geeigneten Adressaten für ihre Bitte um Kriegsvermeidung zu finden, ist eine weltpolitische Standortbestimmung der BRD, die nicht ganz auf der Höhe der Zeit ist und die man den Verfassern eigentlich auch nicht abnehmen kann. Ihre Auffassung von der Bündnistreue der BRD gegenüber den USA, ihre Kritik an den "unmündigen Erklärungen von Standfestigkeit und Treue" beschwört das Bild der kleinen, mangels eigener Weltmachtstellung hilflosen, integren BRD, die unglückseligerweise mit ihren Bündnisverpflichtungen gegenüber der Schutzmacht nun, wo diese anfängt, verrückt zu spielen, in die moralische Klemme gerät, sich entweder gegen das Treueversprechen oder die eigenen Ideale vergehen zu müssen. Als sei es ihre Aufgabe, den Kanzler darüber aufzuklären, daß "wir" ein so hündisches Verhältnis zu den USA, das allein ihrer Phantasie entspringt, doch nicht mehr nötig haben, begeben sich die Briefeschreiber in die Pose, Helmut Schmidt Mut zuzusprechen, sich aus der Unmündigkeit zu lösen und sich für "Frieden" zu engagieren.

Ein Günter Grass, der im Namen der Kulturnation die Wahltrommel für die SPD gerührt hat und deshalb leibhaftig im Troß des Kanzlers dessen Staatsbesuchen hat beiwohnen dürfen, der also miterlebt hat, wie der imperialistische Zugriff der BRD auf die Ökonomie anderer Staaten vom Kanzler höchstpersönlich in die Wege geleitet und im Einvernehmen mit anderen Staatsmännern vertraglich besiegelt wird, ein Günter Grass, der selbst als kulturelles Aushängeschild für die anstehende freundschaftliche Benützung der chinesischen Volksmassen durch bundesdeutsches Kapital China bereist hat, gibt sich blauäugig und ahnungslos gegenüber den reellen Grundlagen der fatalen deutsch-amerikanischen Bündnistreue. Daß beide Nationen kein "unmündiges" Versprechen, sondern manifeste gemeinsame Interessen vereinigen, daß die BRD mit amerikanischer Hilfestellung zu einer ausgewachsenen imperialistischen Nation aufgestiegen ist, die erst einmal nichts als profitiert hat von der amerikanischen Militärmacht, von der ständigen Bedrohung des Ostblocks ebenso wie von der Disziplinierung von Nationen, die sich dem Weltmarkt nicht fügen wollten, diese Eigenart des Bündnisses ignorieren die Vier großzügig.

"Keiner greift uns an, keiner bedroht uns." Daß sich die BRD eine Bundeswehr hält, daß dieselbe in die NATO integriert ist, daß der "Verteidigungsminister" von "uns" Deutschen tat- und finanzkräftig an deren Aufrüstung beteiligt ist, daß es eine solche "Bedrohung" gibt samt dem Streit, was damit auf dem Weltball angestellt werden soll, scheint im Weltbild der Schriftsteller nicht vorzukommen. Anstatt sich zu fragen, warum ausgerechnet in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit anläßlich der amerikanischen Reaktion auf die Vorgänge im Iran und Afghanistan begeistert die Lüge verbreitet wurde, daß sich die USA gottlob endlich von ihrem Vietnam-Trauma erholt hätten, anstatt sich zumindest über die positive Anteilnahme am Gesundheitszustand von CIA und Pentagon zu wundern, machen sich die Briefeschreiber verdient um die Fiktion der unschuldigen BRD zwischen den Fronten mit ihrer un glückseligen Geschichte und Grenze und ihrer von daher gegebenen Pflicht zur Friedenssicherung.

Was ist das überhaupt für ein Aufruf zur Kriegsverhinderung, der seine Berechtigung dazu noch großartig herausstreicht?! Als würde es nicht genügen, dagegen zu sein, konstruieren die Autoren einen besonders deutschen, besonders historischen, besonders hohen und ethischen und überhaupt besonderen Auftrag zur Friedenssicherung und in diesem Hochgefühl verantwortungsvoller Kritik geben sie dem Kanzler den ebenso dummen wie verräterischen Rat, endlich die Gelegenheit zu ergreifen und deutsche Politik zu machen:

"Nutzen Sie die Chance (!), die die Situation den Deutschen jetzt bietet, aus ihrer Geschichte endlich zu lernen und zum erstenmal den Frieden zu retten... Keine Nation dieser Erde und keine Regierung ist dazu stärker verpflichtet als die deutsche."

Literaten, die sich mit ihrer moralischen Vergangenheitsbewältigung in den Dienst des Aufstiegs der Nation gestellt haben, die mit der falschen und geheuchelten Selbstanklage der Deutschen - dieser Abstraktion vom wirklichen Gang der Herrschaft, die jeden anklagt, um alle zu entschuldigen - für das demokratisch geläuterte Selbstbewußtsein des neuen deutschen Staats Reklame zu machen, haben sich hier zu einer leichten Selbstüberschätzung verleiten lassen. Daß es Literaten, die sich mit ihrer moralischen Vergangenheitsbewältigung in den Dienst des Aufstiegs der Nation gestellt haben, die mit der falschen und geheuchelten Selbstanklage der Deutschen - dieser Abstraktion vom wirklichen Gang der Herrschaft, die jeden anklagt, um alle zu entschuldigen - für das demokratisch geläuterte Selbstbewußtsein des neuen deutschen Staats Reklame machen, haben sich hier zu einer leichten Selbstüberschätzung verleiten lassen. Daß es den Machern dieser Nation nur recht ist, wenn mit der Ideologie der an der Kriegsschuld schwer tragenden und deshalb besonders skrupulösen BRD die neudeutsche unter der Patronage der Amis stattfindende Machtpolitik verschönert wird - der Oscar für Die Blechtrommel ist da der gerechte Lohn -, heißt eben noch lange nicht, daß sie sich in ihren Entscheidungen an den Kriterien der nationalen Kulturmoralisten orientieren. Und bezeichnenderweise haben sich diese in ihrem selbstzufriedenen Einverständnis mit den Taten und Erfolgen der BRD auch erst jetzt aufstören lassen, wo es zwischen ihrem Staat und dem der Amis zu ernsten Differenzen darüber gekommen ist, wie die Fortführung der Geschäfte und die Verteilung der Lasten aussehen soll. Jetzt treten sie mutig als "wir Deutsche" dem Kanzler zur Seite und bestärken ihn in dem von ihnen erfundenen Bemühen, aus der deutschen Geschichte ganz viel moralische Verantwortung zu lernen, die unsere Politiker längst besitzen. Daß sie auch dabei ihre Berufsblindheit nicht abzulegen vermögen, schadet nichts. Der Kanzler wird ihnen dankbar sein und zwar weniger wegen ihrer Mitteilung, daß

"die amerikanische Regierung spätestens seit Vietnam jedes Recht auf moralische Appelle verloren hat",

hat er sich doch auch bislang nicht gerade durch die Moralpredigten aus dem Weißen Haus einschüchtern lassen. Moralische Schützenhilfe bei seinen Differenzen mit den USA geben sie ihm aber schon, seine Literaten, auch wenn es dabei nicht um die Gewinnung von Mündigkeit geht. Im Namen des Kanzlers, der schließlich mit Siegfried Lenz des öfteren philosophisch geplaudert hat, hat ihnen daher auch der Regierungssprecher neben der sanften Zurückweisung, daß die Politik von den Politikern gemacht werden muß, und ihre Stellungnahme deswegen "unausgewogen" ist und bloß "gefühlvoll eine antiamerikanische Position" beschreibt, die angemessene Dankbarkeit erwiesen bekommen,

"daß die Regierung selbstverständlich auch unbequeme Stellungnahmen von Intellektuellen respektiere."


Respekt, Respekt!

"Bündnistreue hat ihre Grenzen"


Der Appell von vier Schriftstellern an die Bundesregierung im Wortlaut

Die Schriftsteller Günter Grass, Thoman Brasch, Peter Schneider und Sarah Kirsch haben in einem Offenen Brief an Bundeskanzler Helmut Schmidt die Bundesregierung aufgefordert, sich von der amerikanischen Regierung nicht in eine Politik hineinzuziehen zu lassen, die "die Zerstörung allen Lebens auf diesem Planeten zur Folge haben könnte". Der Brief hat folgenden Wortlaut:

"In einer Situation, die einen Krieg nicht mehr ausschließt, wenden wir uns an die Regierung der Bundesrepublik Deutschland. Jeder von uns hat auf andere Weise Erfahrungen mit deutscher Geschichte gemacht: Von der verratenen Jugend im Faschismus, vom Verlust der Heimat, von der Vernichtung der jüdischen Familie in den Konzentrationslagern, von der Studentenbewegung unterschiedlich geprägt haben wir mit Büchern und politischen Aktionen versucht, über die Zukunft der beiden deutschen Staaten mitzuentscheiden. In dem Bewußtsein, daß Deutschland schon zweimal mit Kriegen das Gesicht dieses Kontinents verwüstet hat, fordern wir Sie auf, der besonderen Verantwortung der Deutschen für den Frieden gerecht zu werden. Lassen Sie sich von der amerikanischen Regierung, die spätestens seit Vietnann jedes Recht auf moralische Appelle verloren hat, nicht in eine Politik hineinziehen, die die Zerstörung allen Lebens auf diesem Planeten zur Folge haben könnte. Wir Deutschen können nicht so tun, als wüßten wir nicht, welche Blutbäder im Namen der "Würde der Nation" angerichtet wurden. Jedes Mittel, jede utopische Phantasie, jeder Kompromiß muß uns Deutschen recht sein, den Frieden zu erhalten und sicher zu machen: Keiner greift uns an, keiner bedroht uns. In unserem durch den Krieg geteilten Land hat jede Bündnistreue ihre Grenze, sobald der Frieden fahrlässig oder gar mutwillig bedroht wird. Verzicht auf aile Sanktionen und wirtschaftiche Erpressungen gegen Staaten, die mit unserem Land in Frieden leben wollen, Teilnahme an der Olympiade und allen anderen Begegnungen, die der Verständigung dienen, Aufmerksamkeit für jeden Friedensvorschlag, woher er auch kommt, müssen an die Stelle der unmündigen Erklärungen von Standfestigkeit und Treue treten.

Nutzen Sie die Chance, die die Situation den Deutschen jetzt bietet, aus ihrer Geschichte wirklich zu lernen und zum erstenmal den Frieden zu retten, statt ihn zum dritten und wahrscheinlich letzten Mal zerbomben zu lassen. Keine Nation dieser Erde und keine Regierung ist dazu stärker verpflichtet als die deutsche."

West-Berlin, am 17. April 1980

Thomas Brasch

Günter Grass

Sarah Kirsch

Peter Schneider