NOBELPREIS FÜR POLEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1980 erschienen.
Systematik: 

MSZ-Interview
NOBELPREIS FÜR POLEN

Dem Vernehmen nach soll sich das Nobelpreiskomitee erst nach einer Kampfabstimmung gegen den emigrierten afghanischen Volksdichter Mohammad Abdul'Asis al Afrak und für den Exilpolen Cestlaw Milosz entschieden haben. Anders als der Laureat, der sich "überrascht" zeigte, wußte die MSZ, was die literarische Stunde geschlagen hatte: Unser Reporter war zu einem ersten Interview mit dem genobelten Poeten zur Stelle.

MSZ: Lieber Herr Milosz, sind Sie nicht auch der Auffassung, daß es an der Zeit war, daß man Ihnen endlich den Nobelpreis für Literatur verliehen hat?

Milosz: "Ich habe so wenig gesagt. / Die Tage sind kurz."

MSZ: Ach, Sie glauben, daß die Preisverleihung etwas verfrüht war?

Milosz: "Kurz sind die Tage. / Die Nächte. / Die Jahre."

MSZ: Aha.

Milosz: "Ich habe so wenig gesagt, / Ich kam nicht dazu."

MSZ: I wo. Sie haben doch einen ganz ansehnlichen Schwung Gedichte zustande gebracht.

Milosz: "Mein Herz ist matt / Vom Entzücken, / Von der Verzweiflung,/ Dem Eifer, / Der Hoffnung."

MSZ : Und das alles bei der knappen Zeit?

Milosz: "Leviathans Maul / Klappte über mir zu. / Ich lag entblößt am Ufer / Der menschenleeren Inseln. / Zum Abgrund riß mich hinab / Der weiße Walfisch der Welt."

MSZ: Kein Wunder, daß Sie zu nichts gekommen sind. Da haben Sie ja allerhand mitgemacht.

Milosz: "Und nun weiß ich nicht mehr, / Was Wahrheit gewesen ist."

MSZ: Uns kommt das Ganze auch etwas unwahrscheinlich vor, im Vertrauen gesagt. Lieber Herr Milosz, trotz der starken Belastung durch Ihre häufigen Hochseetrips nach Auskunft ihres Übersetzers sollen Sie dabei auch noch "Zeichen vom Dunkel ins Dunkle senden" - sind Sie ja nicht zufälligerweise auch noch Pole. Welche Faktoren sind nach Ihrer Meinung maßgeblich für die gegenwärtige Situation in Ihrem Heimatland?

Milosz: "In den schweren Zeiten verneigt sich Polen / Vor dem Götzen der Wurst und vor Alkoholen."

MSZ: Sie glauben also, daß es kurzsichtig sei, allein auf den Zuwachs von Kaufkraft zu spekulieren?

Milosz: "Du hattest geschworen, nie mehr / Klagelieder zu singen, / Du hattest geschworen, nie mehr / An die großen Wunden deines Volkes zu rühren..."

MSZ: Na dann Schwamm drüber. Wir danken Ihnen für dieses Gespräch. - A propos, wie formulierten Sie doch so treffend 1948 in Washington D.C. das Ende eines Ihrer Gedichte:

"Tralala, / Tralala, / Ins Vergessen."