NICHT VERWECHSELN!

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Dieser Artikel ist in der MSZ 9-1984 erschienen.

NICHT VERWECHSELN!

Arthur Scargill = Englischer Machthunger

Da ist einer hergegangen und hat gesagt: Nicht mit uns! Die Vernichtung der spärlichen Existenzgrundlage von Tausenden von Arbeitern nehmen wir nicht hin. Das Recht, auf das die Regierung sich beruft und das sie sich von ihrem Parlament extra hat verabschieden lassen, erkennen wir nicht an. Daß die Regierung unser Kampfmittel Streik durch Gesetze unwirksam machen will, werden wir durch den Einsatz unserer Kampfmittel zu verhindern wissen. Wenn die Regierung darüber stürzt, umso besser. Der Mann ist Präsident der englischen Bergarbeiter. Die haben ihn dazu gewählt.

Lech Walesa = Polnischer Freiheitsdurst

Da war einer hergegangen und hat gesagt: Nicht mit uns! Daß unsere harte Arbeit nichts einbringt, beweist die Unfähigkeit der Funktionäre. Das Recht, auf das die Regierung sich beruft und das sie sich von ihrem Sejm hat verabschieden lassen, erkennen wir nicht an. Daß die Regierung unser Kampfmittel Streik verboten hat, stört uns so wenig wie das Argument, daß das bei uns schon immer und prinzipiell so war. Wir setzen unser Kampfmittel ein. Wenn die Regierung unsere Forderungen nicht akzeptiert, muß eben eine andere her. Der Mann war Vorsitzender der polnischen "Solidarität". Die hat ihn dazu gewählt.

Arthur Scargill und Lech Walesa. Zwei Arbeiter, die im Namen einer beträchtlichen Anzahl von Arbeitern sprechen und auf deren Wort eine ebenfalls recht beträchtliche Zahl von Arbeitern einiges gibt. Doch schon diese schlichte Tatsache legen sich bürgerliche Betrachter recht unterschiedlich zurecht. Da sie in einer Gewerkschaft sowieso nichts anderes als ein Gefolgschaftsverhältnis entdecken wollen, ist ihnen vollkommen klar, daß es sich da einmal um anerkannte, das andere mal um angemaßte Macht handeln muß. Der eine ist gegen eine Regierung angetreten, der unsere Regierung die Rechtmäßigkeit trotz aller Verträge und Geschäfte immer wieder aberkennt; also handelt es sich um einen anerkannten "Arbeiterführer" eigentlich nur beim Polen Walesa. Der Titel "Führer" hat da garantiert keinen schlechten Klang und überdauert selbst das Ende der Organisation, die er führt.

Machthungriger Boß - großer Führer

Der Engländer firmiert dagegen meist als "Gewerkschaftsboß". Da soll man erstens nicht an die armen Arbeiter denken, sondern an die "kalte Organisation", den "Funktionärsapparat", an die "Bürokratie". Lauter Fremdwörter, mit denen ein Bürger Unangenehmes verbindet und das er nur in Form staatlicher Verwaltung in Kauf nimmt. Auf alle Fälle gilt: Gewerkschaft, das sind gerade nicht die arbeitenden Menschen, geschweige denn alle. Zweitens ist Scargill als "Boß" eben kein anerkannter Führer. Seine Macht beruht auf Gewalt, soll man denken. Daß hier die Vorstellungen vom Verbrecherchef und Unternehmer gleichzeitig ihre Wirkung tun, ist beabsichtigt: die "guten" Bosse heißen nämlich Unternehmer. Und wenn ein Arbeitervertreter sich als Boß aufführt, dann ist das besonders ungehörig, weil die doch ansonsten immer gegen "die Bosse" sein wollen. Mit der Wahl dieses Mannes zum Präsidenten der Bergarbeitergewerkschaft kann es deshalb nicht mit rechten Dingen zugegangen sein: "Er hat sich zum Präsidenten wählen lassen" und das auch noch "auf Lebenszeit". Gewerkschaftsstatuten als ein einziger Beweis für die Machtgier dieses Mannes. Gipfel der Manipulation: Laut Polizeiberichten hat Scargill durch seine Anwesenheit und die Verletzung durch einen Polizeischild die Stimmung angeheizt. Darum werden Scargill und die NUM als "König Arthur und seine Truppen" bezeichnet und mit diesem Titel nicht geehrt, selbst wenn die "Süddeutsche Zeitung" weder gegen Könige noch gegen Truppen etwas hat.

Die "Neue Züricher" hat es auf den Begriff gebracht, daß Arbeiter gegen eine demokratische Regierung aufzuhetzen nichts mit Führung zu tun haben kann, sondern nur mit "Demagogie", dem heutigen Fremdwort für die falsche, also Volksverführung. Sie hat Scargill offiziell den Titel aberkannt: "Anheizer wohl, Führer kaum."

Polnisches Volk - englische Extremisten

Daß Lech Walesa ein ganzes Volk hinter sich hat, der quasi geborene und fleischgewordene Ausdruck des Volkswillens ist, davon legt die bürgerliche Presse fast täglich frommes Zeugnis ab. Wenn das Volk diesem seinem erklärten Willen nicht täglich Ausdruck gibt - z.B. indem religiöse Fanatiker durch die Aufstellung katholisch-kultischer Fetische auf den Gefühlen von Kommunisten herumtrampeln -, dann weiß doch jeder: eigentlich täte es tagaus tagein nichts lieber, wenn nur die böse Staatsgewalt nicht wäre. Wenn 70% Wahlberechtigte ihr Votum für die Staatsmacht abgeben, dann berichtet man ehrfürchtig Walesas Rechenkunststück, wonach das System damit eine Schlappe erlitten habe. Kurz: Jeder Furz, den Lech von sich gibt, wird mit einem gewaltigen Echo präsentiert und zum Symbol des Volks(un)willens aufgeblasen.

Daß Arthur Scargill mit seiner "linksradikalen Mafia" alleine steht, obwohl 80% der britischen Gruben nicht mehr fördern, ist kein Wunder, für dessen Erklärung ein bürgerlicher Ideologe sich anstrengen müßte. Die Einigkeit im Glauben, daß Streiks im Westen - längere zumal - des Teufels sind, ist solide Grundlage eintöniger Hetzereien: Erstens sind die Bergarbeiter nicht Großbritannien. Zweitens sind die Bergarbeiter nicht die Gewerkschaft. Drittens ist Scargill nicht die Gewerkschaft. Also ist Scargill ein Feind von allen dreien. Wenn er trotzdem nicht außer Landes gejagt wird, sondern landauf landab für den Streik agitiert, ohne mit Eiern beworfen zu werden, und der Streik nun schon bald ein halbes Jahr dauert, dann hat er die streikenden Bergarbeiter - die man unter der Hand einfach zu Arschlöchern erklärt - ganz einfach gezwungen: mit Gewalt und zündenden Reden - Dinge, für die man in Polen offene Bewunderung zeigt. Mit 3000 Linksaktivisten zieht er von Pütt zu Pütt und hindert Hunderttausende von arbeitswilligen Bergarbeitern an der Arbeit in zig Bergwerken. Die Gewalt entdeckt das parteiliche Auge da nicht in Lastwagen, die Streikposten um- und totfahren, nicht im Polizeiaufgebot und nicht in knüppelnden Polizisten, sondern bei "johlenden Streikposten", die Fäuste recken und Steine gegen Fahrzeuge und gerüstete Polizisten werfen. Jeder bornierte Streikbrecher, der, die Staatsgewalt im Rücken, an "3000 höhenden Streikposten" vorbeigeht, um sein "Recht auf Arbeit" geltend zu machen, wird fotografiert und als Held abgebildet. Fast jede Woche liefert die Presse diesen Beweis der Arbeitswilligkeit der Mehrheit.

Wenn Arthur Scargill am Grab eines Streikpostens durchaus feierlich gelobt, man müsse nun erst recht weiterkämpfen - dann ist der Mann in der Grube keinesfalls ein Opfer der Staatsgewalt. Eher schon ist er ein tragisches Opfer recht verworrener Umstände, von denen nur eins feststeht: Scargill hat sie heraufbeschworen. Und jetzt nützt er die "verständliche" Verbitterung der Kumpels aus, um die Stimmung anzuheizen, damit die Kampfbereitschaft "künstlich" erzeugt wird.

Wenn ein Lech Walesa sich in Polen mit polizeilich gesuchten Systemgegnern trifft, dann trifft er keine Terroristen, sondern zu Unrecht verfolgte Freiheitskämpfer. Das Treffen ist kein Rechtsbruch, sondern ein Beweis seines Mutes und seiner Entschlossenheit, sich für die natürlichen Freiheitsrechte der Polen einzusetzen.

Nobelpreiswürdiger Charakter - gewissenloser Fanatiker

Mit den Taten der beiden haben weder Lob noch Hetze etwas zu tun. Walesa und Scargill werden in die allgegenwärtige 'Systemfrage' eingeordnet. Darum gilt es umso mehr, den Charakter der jeweiligen Person auszumalen. Für Scargill bedient sich die liberale Presse des ganzen Katalogs rassistischer Charakterologie: Sein Haar ist rot und dünn, seine Stimme fistelt, quäkt, überschlägt sich, schreit, sein Gesicht ist blaß, sein Ausdruck kalt. Er ist eitel, unbeherrscht, machtbesessen und karrieresüchtig - nicht zuletzt, weil er viermal sichere Listenplätze fürs Parlament abgelehnt hat. Wenn Scargill sich auch noch zum Christentum bekennt, wird ihm das höchstens als üble Masche reingewürgt. Kurz: Hier wird ein Untermensch mit der Ambition zum Herrenmenschen präsentiert.

Der Lech dagegen wird mit allen Eigenschaften ausgestattet, die ein bürgerlicher Mensch liebenswert findet: Ordentlich verheiratet, hat er dem Staat, der das gar nicht verdient, sieben Kinder geheckt. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit stellt er seine Frömmelei zur Schau, küßt Bischofsringe und läßt sich segnen. Er sucht nach politischen Vorbildern im Westen, vergleicht sich mit Reagan ("ein Mann wie ich") und lobt Margret Thatcher ("einsichtige und tapfere Frau"), verabscheut den Kommunismus, ist glühender Patriot und bei aller Feindschaft zur Regierung realitätsbewußt immer zu Kompromissen bereit. Kurz: der Inbegriff des Volkstribuns in einer polnischen Westdependance.

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Und so einen Mann hat Scargill gewagt zu kritisieren. Damit ist ja wohl endgültig alles klar!

Bild Kommentar

"Rüge vom Kollegen Walesa

Englands Bergarbeiterführer Scargill verheizt Kumpel in einem irrsinnigen Streik: Zechen, in denen es keine Kohle mehr gibt, sollen nicht geschlossen werden! Blut fließt, Fäuste fliegen. Scargill terrorisiert die Mehrheit der Arbeitswilligen. Er will Maggie Thatcher stürzen.

Jetzt hat Polens Walesa ihm die Leviten gelesen:

Arbeiter sollen zwar kämpfen, aber mit gesundem Menschenverstand - nicht mit Zerstörungswut. Walesa über Maggie: 'Mit einer so einsichtigen und tapferen Frau wird England schon eine Lösung für den Streik finden.'"

Der Senf dieses polnischen Arbeitskampfexperten hat gerade noch gefehlt!

Soll man das etwa als Klarstellung betrachten, daß Walesa das Vorgehen der polnischen Regierung gegen die von der "Solidarität" angezettelten Streiks zu schlapp fand?

Wünscht er den Polen statt einem General Jaruselski, der gerade eine Amnestie für "Solidaritäts"-Mitglieder unterschrieben hat, "tapfere Führer" vom Kaliber der eisernen Lady an den Hals?

Hätte er es vorgezogen, wenn die Streiks in Polen nach englischer Manier zusammengeschlagen worden wären?

Nein, so hat der gute Lech das nicht gemeint. Er hat bloß nichts Besseres zu tun, als sein abgrundtiefes Mißfallen über englische Bergarbeiter auszudrücken, die einen Arbeitskampf führen, der etwas mit ihren materiellen Interessen zu tun hat - obwohl sie doch schon in der Freiheit leben. "Gesunder Menschenverstand" heißt nämlich, sich im Namen der heiligen Mutter Gottes für ein katholisches Staatsrettungsprogramm stark zu machen.

Ein gefundenes Fressen für die Bild-Zeitung - ein richtiger, echter Arbeiterführer, den sie bei Bedarf immer mal wieder zitieren kann als Kronzeugen für die Botschaft, die ihr so sehr am Herzen liegt: Arbeiter im freien Westen haben zu parieren und keine Forderungen zu stellen. Alles andere ist "Zerstörungswut" und wird auf Anordnung "einsichtiger" Politiker zu Recht niedergeknüppelt. Ganz anders im Ostblock - da gehört sich gestreikt, für die Freiheit!

Bundesdeutscher Geiferer

"...rothaariges Bleichgesicht mit Megaphon... dröhnte eine quäkende Stimme auf den brodelnden Menschenpulk hernieder, um im hämmernden Stakkato dann das Versprechen hinterherzuschicken: ... Choräle mit Treuegelöbnissen wurden angestimmt auf den Herrn der Stimme, Arthur Scargill, ... Der militante Marxist wurde von der Garde seiner Gläubigen wie ein Messias gefeiert: 'Arthur Scargill wandelt auf dem Wasser', gröhlte die Masse, ... 'König Arthur' ... mit seinem radikalen Konfrontationskurs ... blassen Erscheinungsbild und verklemmten Auftreten ... Käsig, unscheinbar, mit dandyhafter Frisur und kalt wie ein Fisch, gibt Scargill wenig her für eine Heroengestalt, Seine Fernsehinterviews, zu denen er stets piekfein herausgeputzt erscheint, sind Übungen in ideologischen Klischees und Wiederholungen von Slogans, vorgetragen in einer eigentümlich gestelzten Sprache, die selbst der schrillsten Fanfare noch die Worte 'mit Respekt' voransetzt, was indes keineswegs begütigend wirkt, sondern eher einen Effekt der Häme hinterläßt. ... erinnert er indes mehr an den Webstuhl-Rebellen, der einfach nicht hinnehmen will, daß veränderte Zeitläufe seiner Branche modernisierte Produktionsmethoden aufzwingen. Gewiß ist Scargill ein orthodoxer Sozialist, vielleicht auch ein Marxist-Leninist. ... Scargill mit grimmiger Drohgebärde ... autokratischer Führer ... unter Mißachtung sämtlicher demokratischer Spielregeln seinen radikalen Kurs durchpeitschen zu wollen ... Um die Solidarität zu erzwingen ... schäumt 'König Arthur' ... 'König Arthurs' Kreuzzug ... Bergarbeiter-Boß ... predigte in der Albert-Hall der Methodisten-Kirche den 'totalen Streik'. Die roten Garden seiner Knappen jauchzten: 'Here we go'. ... 'König Arthurs' linke Sturmtruppen im blutigen Clinch mit Heeren von Polizei vor brennenden Straßenbarrieren, vergitterte Busse, die Arbeitswillige nur unter einem Geschoßhagel von Ziegelsteinen und Flaschen transportieren können...

harte Linke ... ließ die Premierministerin vorsichtshalber ein Programm von Notstandsmaßnahmen ausarbeiten ... Einsatz von Soldaten zum Schutz der wirtschaftlichen Lebenslinien befassen ... radikale Bergarbeiter-Boß ... von Scargills linker Mafia angeordnet und ohne Mitgliederbefragung mit Brachialmethoden gegen den fortdauernden Widerstand regionaler Gewerkschaftsgliederungen national ausgeweitet worden ... militanten linken Flügel ... Systemveränderer Scargill ... (Olaf Ihlau in der Süddeutschen Zeitung vom 16., 16.7., 1.8.84)