"NICARAGUA, MI AMOR"

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1988 erschienen.

Dietmar Schönherrs betroffene Solidarität
"NICARAGUA, MI AMOR"

Wer heutzutage für ein politisches Anliegen werben will, das von der offiziellen Linie abweicht, der kritisiert nicht mehr falsche Vorstellungen und argumentiert nicht länger mit guten Gründen für seine Sache - nein, der "erzeugt Betroffenheit". Das heißt, er versucht, mit seinem persönlichen Zeugnis seiner individuellen Ergriffenheit andere zu beeindrucken und bei ihnen ähnliche Gemütszustände zu erwecken.

Dieses Verfahren hat zwar geradezu das Monopol für moderne oppositionelle Aktivität gewonnen, hat aber schon zwei kleine Nachteile. Erstens zielt "Betroffenheit" gar nicht auf Überzeugung und hängt daher davon ab, ob überhaupt und wie lange jemand die dargebotenen Zeugnisse auf seine Befindlichkeit wirken lassen will (weshalb verhungernde Negerkinder in der Tagesschau dem Publikum selten die Laune auf "Wetten daß" verderben). Und zweitens erfährt der Adressat von "Betroffenheits"-Botschaften weniger etwas über die Sache, die ihn betreffen soll, als vielmehr über die werte Persönlichkeit des"Betroffenheits"-Erzeugers.

Nicaragua - ein unschuldiges Opfer "gieriger Machtpolitik"

Ganz exemplarisch im Falle des Ex-Entertainers Dietmar Schönherr, der seit zwei Jahren Nicaragua als "mi amor" entdeckt hat und seither in öffentlichen Veranstaltungen und mit einem "Tagebuch" mit demselben Titel "Betroffenheit" zugunsten dieses von der Washingtoner Zentrale des Weltterrorismus gebeutelten Landes erzeugen will.

Eine Liebeserklärung abzufassen für ein Land, in dem der Imperialismus mittels Wirtschaftsboykott und Krieg mit allen womöglich "liebenswerten" Seiten gründlich aufräumt, teilt ja schon im Ausgangspunkt hauptsächlich eines mit: die empfindsame Seele des Dietmar S. fühlt sich zu moralischer Parteinahme aufgerufen, und zwar für "die Menschen", ganz ungeachtet aller politischen Absichten und Mittel, die da am Werk sind. Nur so, als Appell ans moralische Gewissen der Zeitgenossen, will ein Schönherr, der sich seinerseits aus der Luxusexistenz der Kunstschaffenden im demokratischen Kapitalismus ein Gewissen macht, seine Adressaten beeindrucken - und beweist damit eindrucksvoll, daß "Betroffenheit" so ziemlich dasselbe ist wie höchst selbstbewußte politische Ignoranz. Seine einfühlsame Schilderung des Elends, das die US-gesponsorte Contra unter "den Menschen" in Nicaragua anrichtet, bringt einerseits naturgemäß nichts zutage, was dem, der es wissen will, nicht seit ca. sieben Jahren bekannt wäre, und ist andereseits die Weigerung, daraus die fälligen Schlüsse zu ziehen auf das System von Freedom and Democracy, das in Nicaragua eine Nation mit Verwüstung dafür bestraft, daß sie dem politischen Willen Marke "Freier Westen" nicht bedingungslos botmäßig sein will. Schauspieler Schönherr hält derartiges von Haus aus für "ideologisch" und fühlt sich bei den "Nicas" lieber in "einen schlechten Film" versetzt, "den irgendein weißer Mann in einem Weißen Haus gegen sie inszeniert" (D. Schönherr, Nicaragua, mi amor, Seite 89. Daraus auch die folgenden Zitate), führt also die Lage auf den boshaften Charakter einer Fehlbesetzung in der Rolle des US-Chefpolitikers zurück, der besser bei seinen schlechten Filmen geblieben wäre. Nicht, was imperialistische Demokratien systematisch auf der Welt anrichten, will dem Liebhaber Nicaraguas an Krieg, Elend und Krankheit dort auffallen, sondern eine einzige Abweichung vom Wesen der Demokratie sieht er am Werke, die obendrein bloß den 'Feinden der Freiheit' nützt: Er deutet die Vernichtungsstrategie made in Washington so, daß

"eine starrsinnige, vorgestrige Machtpolitik dieses Volk in die Arme der anderen, ebenso machtgierigen Weißen, in die Arme der Ostblockstaaten" (25)

treibt. Man sieht, daß die enttäuschte Künstlerseele durchaus zusammenfällt mit einer intakten demokratischen Staatsbürgerseele, die jedenfalls in bezug auf den westlichen Lieblingsfeind voll auf Linie ist! Daß die russische "Machtpolitik" im Falle Nicaraguas in einer nicht ganz unbeträchtlichen Unterstützung und Hilfe gegen die vom Imperialismus betriebene "Machtpolitik" namens Krieg besteht, vermag Schönherrs Feindbild kaum zu erschüttern. Eher schon erwecken russische Kalaschnikows, Flugzeuge und Glühbirnen in ihm die bange Frage, ob man den Schuldspruch der USA gegen Nicargua, es sei eine kommunistische Bastion, denn auch wirklich und guten Gewissens für gegenstandslos erklären kann. Doch dem Himmel sei Dank: Schönherrs Gretchenfrage, "ob die sandinistische Revolution kommunistisch" ist (115), können die Campesinos wie folgt beantworten:

"Wir sind alle katholisch hier... auch in der Regierung sind lauter Katholiken... Kommunismus... ist bestimmt nicht das, was wir in unserem Land haben. Das hier... ist eine brüderliche Gemeinschaft." (ebd.)

Das ist Balsam für Dietmars Seelen-Frieden in Freiheit, sogar so sehr, daß ihm angesichts eines Ostergottesdienstes im Dorfe Posolera, als ausnahmsweise einmal nicht geschossen wird, ein abgrundtiefes Gefühl von "Heiligkeit" (109) befällt. Geistig so gerüstet, ist ihm der "ungerechtfertigte Schuldspruch" aus dem Weißen Haus Grund genug, nur um so fester an die eigentliche Moralität demokratischer Politik zu glauben - und ausgerechnet Nicaragua, das die Wirkungen der real existierenden US-Demokratie bitter zu spüren bekommt, zu idealisieren als ein Land, in dem der staatsidealistische Traum eines westeuropäischen Intellektuellen verwirklicht sei:

Nicaragua - "die gute Flamme der Hoffnung für uns alle"

So gerät die Reise des für "Betroffenheit" so überaus aufgeschlossenen Dietmar Schönherr nach Nicaragua zu einer Reise in die eltiäre Wunschwelt eines hiesigen kritischen Intellektuellen, der all die ausgesuchten Probleme seines Weltbilds durch die nicaraguanische Revolution bedient sieht, so daß die ihn zu den schönsten "Hoffnungen" beflügelt. Weil er sich z.B. als guter deutsch-österreichischer Untertan die Probleme seiner Herrschaft(en) macht und sich deren eine Zeitlang weltöffentlich demonstriertes schlechtes Gewissen ob ihrer faschistischen Vergangenheit zu Herzen genommen hat, beneidet er das nicaraguanische Volk darum, daß die "ihren Hitler selbst rausgeschmissen haben" und so moralisch gute Gründe haben, "stolz zu sein" (10). Er tut gerade so, als ob die Campesinos unter Somoza und der damals stattgefundenen Unterdrückung kein anderes Problem gehabt hätten, als wider den "Somoza-Faschismus" für eine Demokratie westlichen Musters und ein erzsauberes demokratisches Gewissen zu kämpfen, also eine Art 20. Juli 44 auf nicaraguanisch durchzuziehen und dabei erfolgreich zu sein, so daß sie sich keiner 'unbewältigten Vergangenheit' schämen müssen wie ein demokratischer Nationalist vom Schlage Schönherr!

Und weil der nicht nur ein Muster-Demokrat ist, sondern ein Intellektueller noch dazu, hat er auch ganz exquisite Maßstäbe für die Beurteilung der sandinistiichen Revolution parat. Er hält nämlich die öffentliche Wertschätzung seiner eigenen werten Berutstätigkeit, das Mehr oder Minder an Kultur-Aktivitäten also für das Merkmal zur Unterscheidung von Gesellschaften und mißt sowohl die Somoza-Barbarei als auch deren Abschaffung durch die Sandinistas ausgerechnet daran, was sie fürs Musizieren und fürs Reimen von Gedichten übrig hatten bzw. haben. Die Errungenschaft der sandinistischen Revolution soll die Alphabetisierungskampagne gewesen sein bzw. das, was Herr Schönherr für deren eigentliche Funktion hält:

"Findung, Selbstfindung eines Volkes.. endlich aufschreiben, endlich die Gedichte aufschreiben, die man ein Leben lang gedacht hat, das Aufschreiben der mündlich überlieferten Riten, Mythen, Wurzeln, Poesie,..." (8)

Und Schönherr ist elitär genug, daß er dann, wenn seine geliebten Campesinos des ewigen Selbersingens als einziger Quelle der Unterhaltung ein wenig überdrüssig sind und auf ihre Wunschliste nicht bloß Gummistiefel, sondern auch einen Fernseher draufsetzen, gleich ein bißchen enttäuscht ist und lieber Schuhfett als Fernseher auf die Liste schreibt (107). Jedenfalls genießen unter diesem elitären Gesichtspunkt nicht nur das nicaraguanische Volk, sondern nicht zuletzt auch seine Regierenden bei Dietmar Schöngeist uneingeschränkte Bewunderung. Regierungsmitglieder plaudern ein bißchen mit ihm über Proust, Böll und Grass, und schon gerät er total ins Schwärmen:

"Wo gibt es denn bei uns Politiker, die solche Gespräche führen, ohne ins Schleudern zu kommen?

Wo gibt's überhaupt eine Regierung, wo fast jeder Gedichte schreibt, gute Gedichte, bedeutende Gedichte?" (39)

- so billig ließe sich ein Schönherr von den Kohls und Vranitzkys begeistern! Auf Nicaragua projiziert er nicht nur sein Ideal der wahren Kulturnation, in der das Singen und Sagen eine absolut unbezweifelbare Eintracht und Harmonie stiftet, er bebildert damit vor allem sich, den Kulturfreak, als den Einheits- und Friedensstifter par excellence. Darüber wird er in seinem Tagebuch ab und zu selber zum Dichter. Kostprobe:

"Der Tod ist präsent / in diesen Tagen / Regen auf der Haut I / wie sanfte Küsse.. Verrottete Leiber.. Wofür? / Damit in der Wallstreet / die Börse gut geht... ein Irrenhaus ist es / das Leben... Absurdo Absurdo / und da steh ich / ein altgewordenes Kind / mit FLügeln / wie Wackersteine." (81)

Das hat man also von der "Betroffenheits"-Masche: Tod und Elend als Anlaß für lyrische Ergüsse; jede Erinnerung an deren wirkliche Gründe bloß Gelegenheit fürs Abheben in philosophisches Spintisieren; und alles zusammen Background für die Selbstbespiegelung eines schönen Künstler-Seelchens-Kompliment, Dietmar Schönherr!

Mit solchem intellektuellen Rüstzeug lassen sich dann alle Wirkungen des von außen aufgezwungenen Kriegszustands, alle bitteren Notwendigkeiten, die das Dasein der Leute in Nicaragua restlos bestimmen, in lauter Tugenden umlügen. Z.B. wird die Notwendigkeit der Leute, sich gegenseitig helfen zu müssen, um vielleicht - überleben zu können, zur "Zärtlichkeit" umgedeutet und ihr Aufeinander-Angewiesensein zum ganz prinzipiellen Willen nach Harmonie schlechthin, so daß sich zum Schluß ausgerechnet die Nicaraguaner, deren ganzes Dasein vollständig vom aufgezwungenen Kampf ums nackte Überleben diktiert ist, zu Verkörperungen eines abendländischen Intellektuellen-Ideals befördert werden: Schönherr hat am Schauplatz des imperialistischen Terrors den "neuen Menschen", der "Eintracht will" (135), ausfindig gemacht - und deshalb, weil die USA dieses Land mit Krieg überziehen, braucht ein Schönherr jetzt an der Menschheit nicht mehr irre zu werden. Welch schöner Ertrag von ein bißchen "Betroffenheit"! Damit kann man dann prima auf seinesgleichen losgehen:

Nicaragua - "dort ist das Leben"

Zurück in Hamburg, dieser

"Glitzerwelt aufgeplusterten und überflüssigen Wohlstands... wo kein Regen durchs Dach fällt,... dich die Hitze nicht plagt, die Kinder keine aufgeblähten Bäuche haben... wird dir aufeinmal klar, daß dort das Leben ist, wo die Widerstände sind, die Not, der Kampf ums nackte Überleben und hier bist du tot wie eine tote Flunder." (24)

"Hier" nie über die ebenso beliebte wie alberne Kulturkritik hinausgekommen, die den Kapitalismus als eine Art Traumboot ausmalt, in dem "wir alle sitzen" - als ob nicht gerade der Großteil der Leute hierzulande durch lebenslanges Arbeiten vom Wohlstand ausgeschlossen wäre -, wittert Schönherr in Not und Elend in Nicaragua die Chance, seine midlifecrisis als guter Mensch zu überwinden. Daß er heroisch für den "neuen Menschen" kämpfen will, obwohl "der Weg mühsam sein wird, steinig, voller Gefahren" (134) - ja, daß recht eigentlich er mit seinem "konkreten" Einsatz vor Ort ein Beweis mehr dafür ist, daß der "neue Mensch" lebt - diesem aparten Anliegen dient das "Projekt Posolera", das das Einsammeln von Geldspenden für Decken, Wasserrohre, Schuhe, etc. organisiert. Großzügig sieht Schönherr darüber hinweg, daß die Gründe des Elends nicaraguanischer Campesinos im Schuften fürs imperialistische Geschäft lagen und jetzt in einem vom Imperialismus angezettelten Krieg liegen - ihm kommt es auf den Nachweis an, daß das "Gute, Wahre und Schöne" siegt, und der ist mit ein paar Almosen für den alltäglichen "Kampf ums Überleben" offensichtlich bestens erbracht.

Mehr als "Hilfe zur Selbsthilfe" gönnt auch dieser Standpunkt den Campesinos nicht. Jede Erleichterung der Arbeit, wie Traktoren und Fachkräfte, jedes bißchen Unterhaltung, wie einen Fernseher, zensiert Schönherr als "neue Abhängigkeit" (141) und unangebrachten Luxus. So was wäre offenbar nicht der richtige Nährboden für das schönste Ziel, das Schönherr für sein Posolera kennt - daß dereinst dort "ein Kind selbst ein Gedicht macht" (60). Solange es noch nicht so weit ist, lebt er auch dieses Programm höchstpersönlich vor und entdeckt noch im letzten Winkel des Dorfelends Poesie und den "leisen Flügelschlag des Aufbruchs in eine bessere Welt" (135)