NICARAGUA - EIN SPONTIMÄRCHEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1980 erschienen.
Systematik: 

Der Aufstand. Ein Film von Peter Lilienthal
NICARAGUA - EIN SPONTIMÄRCHEN

"Dieser Film 'Der Aufstand' ist ein Handbuch der Zärtlichkeit,

ist ein Lied an die Liebe,

an die Freiheit und den Frieden des Volkes von Nicaragua.

Und um diese Sachen zu singen,

muß man sie mit dem Gefühl ergreifen,

sonst verrät man sie.

'Der Aufstand' hat die Revolution in Nicaragua verstanden."

(Ernesto Cardenal, Kulturminister und Friedenspreisträger)

Was Westdeutschlands spontaneistische Linke einst propagierte und als politische Praxis längst in den Wärmestuben eines "alternativen Lebens" zu den Akten gelegt hat, flimmert zur Zeit als exotischer Bilderbogen einer erfolgreichen Revolte durch die Kinos: die Feier des Kampfes als eigentliche Möglichkeit zur Verwirklichung unmittelbarster menschlicher Bedürfnisse wie Zärtlichkeit und Liebe, das Schlachten als Betätigungsfeld höchster Werte und Tugenden.

1. Die Familientragödie

Ein arbeitsloser Vater in seinem Haus in Leon, dessen Armut durch tropischen Blumenreichtum kompensiert wird, pflegt seinen Familienvaterstolz. Er spricht nicht mit seinem Sohn, der den Haushalt mit seinem Sold als Nationalgardist bestreitet. Die Mißachtung durch die mit den Sandinistas sympathisierende Familie plus der hemdsärmeligen Moralität des Gemeindepfarrers treiben den Sohn zu einem ersten Desertionsversuch. Doch die Armee zwingt ihren entlaufenen Spezialisten mit der Androhung eines Terroraktes zurück. Ein zweites Mal desertiert Agustin, als er ein Massaker seiner Einheit in der Kirche miterlebt, womit sein letztes Argument entkräftet ist, er persönlich sei nicht an den Grausamkeiten beteiligt, er sozusagen nackt mit seinem Wehrsold dasteht und die alte Weisheit bestätigt, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Fortan kämpft er auf seiten der Sandinistas. Als der Kampf seiner Entscheidung zustrebt, nimmt die Soldateska Vater und Onkel als Geiseln, um sich den Rückzug zum Hafen zu sichern. Agustin tritt ihnen entgegen und opfert sich für Vater und Onkel, seine wahre Familie, während Hauptmann Flores, ein schurkischer Ersatzvater, die erzwungene Schandbeziehung (schwul?) mit Agustin ebenfalls mit dem Leben bezahlt.

Die Peinlichkeit bildet die Perspektive des Privaten in diesem politischen Film, der voraussetzt, daß ein guter Mensch gegen Somoza ist und, falls nicht, über den Entzug der familiären Liebe zum rechten Tun agitiert wird (worauf sich dann auch sogleich ein Mädchen einstellt!). Die Zerstörungen, die der Imperialismus in einem Land wie Nicaragua anrichtet, erscheinen in der verwandelten alltäglichen Form verunmöglichten Familienglücks, und so uns wie es sich so ein Filmfritze für die 'einfachen Menschen' dort ausmalt, so daß als einziger Grund für die Revolution die Brutalität derer übrigbleibt, die sie und damit besagtes Glück unterdrückt. Innerhalb des moralischen Hin und Her von Gut und Böse feiert sich der Heldenmut als Tugend um ihrer selbst willen, und im Tod triumphiert die vermißte Zärtlichkeit, wenn alle noch einmal ihren Agustin bestreicheln. Aus der Tautologie, Revolution, weil brutale Gegenrevolution, ergibt sich zugleich Peinlichkeit Nummer 2:

2. "Die Revolution ist kein Deckchensticken" (Mao),

sondern vor allem die Gelegenheit, wo sich der Mensch so recht bewähren und zu sich finden kann. Wie in den bekannten alliierten Kriegsfilmen, nur dilettantischer, stehen auf der einen Seite die pfiffigen und edelmütigen Sandinistas, auf der anderen die dummen und brutalen Nationalgardisten. In diesem Gegensatz kann sich die filmische Schnittechnik so recht austoben: Während letztere trotz (oder wegen) eines überlegenen Waffenarsenals ständig ausgetrickst werden, weil sie ansonsten nur Drill und das Brüllen antikommunistischer Parolen gelernt haben - die richtige Seite in ihrer hochstehenden Moral hat dagegen in diesem Film keinen einzigen politischen Satz nötig -, benützen erstere jedes Päuschen zwischen dem Blutvergießen, um sich anzufassen, weshalb sie auch den Gegner, wenn besiegt, möglichst verschonen. Der Kontrast von Gut und Böse genügt dem Filmer, plausibel zu machen, wer hier siegen mußte, wenn sich das Gefühl nur mit einer gewissen Schläue paart; und das haben die Nicaraguaner vom amerikanischen Film gelernt: Eine Anleitungsstunde zum Bombenbasteln verwandelt sich durch das Umdrehen einer Tafel flugs in eine fromme Gebetsstunde - cineastisch gesprochen handelt es sich um ein Zitat aus "Sieben gegen Chikago", woraus man lernen kann, daß sich der Imperialismus letztlich selbst die Grube gräbt! So korrespondiert die Pfadfindermanier dieses gerechten Sieges mit der Verharmlosung imperialistischer Gewalt, und das alles in den langweilig-schönen Bildern und Szenen eines deutschen Jungfilmers, der schon immer aus seiner psycho-politischen Botschaft kunstvolle Filmgenüsse für den Intellektuellengeschmack zu machen verstand.

Die Lüge vom heiteren, menschenfreundlichen Guerillakrieg gipfelt in einem Schlußbild, das die Gründe für die Revolution in Nicaragua ebenso verschleiert, wie es eine Wahrheit über sie verrät: Nach dem Sieg lehrt einer der Helden die Kinder das Tanzen. So wird das "Königreich Gottes auf Erden" ( Cardenal) erbaut, indem dem Elend für Staat und Gott nach der Revolution ein fröhliches Gepränge verliehen wird, nachzulesen in der MSZ 4/80, Nicaragua, "Mann, wie menschlich", die wir statt dieses Films empfehlen wollen. Den sollte man den verbliebenen Spontiresten zur Erwärmung ihres schlechten politischen Gewissens durch zwei schöne Stunden überlassen!

(Dieser Film wurde ausgezeichnet mit dem Bundesfilmpreis 1980, Prädikat: besonders wertvoll und als "Film des Monats Oktober 1980" der Jury der Evangelischen Filmarbeit)