NEUES FEINDBILD FÜR LINKE: DIE MARXISTISCHE GRUPPE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1981 erschienen.
Systematik: 

NEUES FEINDBILD FÜR LINKE: DIE MARXISTISCHE GRUPPE

Tagelang hat die Sozialistische Konferenz ein Thema diskutiert - die Bereitschaft der anwesenden Linken, sich der alternativen Lösung all der "Probleme" anzunehmen, die in der bürgerlichen Ideologie außerhalb des "linken Ghettos" als die der Menschheit gehandelt werden. Daß besagte Probleme reaktionäre Erfindungen und die alternativen Lösungen allesamt ziemlich fiktiv waren, machte dabei überhaupt nichts. Es ging nämlich um die öffentliche Selbstdarstellung von Leuten, die zeigen wollten, daß sie sich auch für bürgerliche Betrachter höchst glaubwürdig all der Fragen annehmen, die in Zeiten der Kriegsvorbereitung so gekonnt und versponnen auf die Tagesordnung der Öffentlichkeit gesetzt werden. Eine radikale Selbstkritik war dazu nötig - radikal nicht in der Entdeckung und Beseitigung von Fehlern, die man sich geleistet hat, sondern in der Abschwörung des politischen Willens, den man eine Zeitlang praktiziert hatte. Die eigene Erfolglosigkeit, der Zerfall von Organisationen, war für dieses Unternehmen Argument genug, zumal die Hinwendung zu Positionen von außerhalb des Ghettos fleißig geübt werden mußte: links sollte es ja auch noch aussehen, das rednerlistenmanipulierte Für und Wider.

Eine erste praktische Übung verschaffte die MG den engagierten Pfadfindern alternativer Kultur und Landesverteidigung. Das waren keine Menschen wie Du und Bahro, sondern die Feinde, denen sich ganz umstandslos die Etiketten anhängen ließen, die man ehedem für den "Klassenfeind" parat hatte. Daß man einen politischen Gegner widerlegt und ihm die Feindschaft erklärt, indem man seine Ideologien und praktischen Zwecke aufdeckt und kritisiert, weiß ein geläuterter Linker in der BRD '81 genausowenig wie vor seiner Bekehrung. So fiel die Denunziation der MG nicht weiter schwer.

Rudolf Bahro hat entdeckt, daß es sich bei den häßlichen Tönen, die das Auftreten der MG bei der 2. Sozialistischen Konferenz mit sich brachte, "um einen Aufstand der Vergangenheit handelt". (Interview mit der Marburger "Grünen", verteilt als Flugblatt.)

Der originelle Vorwurf, die politischen Vorhaben anderer bewegten sich nicht auf der Höhe der Zeit - ein Einwand, der einst sogar die Herrschaft des Kapitals erschüttern sollte, ungeachtet deren Fortschritte in Sachen Ausbeutung, Mord und Totschlag - wird da gegen die MG vorgebracht. Er lebt vom Kontrast zum eigenen Entschluß, sich möglichst gekonnt anzupassen an die Erfordernisse des aktuellen politischen Getriebes, über die ja nun wahrlich andere befinden als wir. Bahro ist eben der Meinung, daß Nationalismus und die Verwandlung des ökonomischen Gegensatzes in eine Menschheitsfrage die Zukunft der Linken seien. Das muß schon mit Emphase und Schillerkragen vorgetragen werden, um nicht die Parallelität zur Bourgeoisideologie, die behauptet, der Marxismus sei eine Ideologie des 19. Jahrhunderts, offenkundig werden lassen.

Die Weigerung, bürgerliches Denken und Praxis zu widerlegen bzw. zu kritisieren, sondern sie dadurch für den linken Standpunkt zu diskreditieren, daß man sie mit dem Verweis auf das Elternhaus - und nicht etwa die politische Praxis - ihrer Protagonisten denunziert, ist ein altes Ideologem des Revisionismus, das seine Fans früher als historischen Materialismus ausgegeben haben. Heute taucht es in der Anwendung auf die MG in der Form der bloßen Beschimpfung auf, die sich auch gar nicht mehr den Anschein einer "Klassenanalyse" gibt und unter der Hand eigenartige Parteinahmen vornimmt. So schreibt W. Maier in den "Heften für Demokratie und Sozialismus":

"Wenn man sie genauer ansiebt, fällt auf: Das ist nicht einfach der Durchschnittstyp vrn Studenten. Das ist das soziale Oberhaus. Besser gekleidet, ordentlich frisiert. Höhere-Töchter-Eleganz von der schlichten Machart und Bessere-Söhne-Ordentlichkeit wird getragen. Keineswegs die Punks, eindeutig die Popper unter den Studenten."

Einerseits hat hier ein Mann seine Identität als Mitbegründer des KBW bruchlos ins undogmatische Lager hinübergerettet. Wer schon mal mit Äußerlichkeiten die Einweisung von Spontis in Fischmehlfabriken vorschlug und den "Klassengegner" dem Strick der Volksmassen anempfahl, der braucht nur längere Sätze zu machen, um seinen alten Standpunkt im modischen Kleid der neuen Neuen Linken zu präsentieren. Andererseits insinuiert der Maiersche Ausfall die Vorstellung, bei den Punkern handle es sich immerhin noch um eine fortschrittliche Oppositionsbewegung, gegen die Popper ein gemeinsamer Gegner von Linken und Motorradfreaks seien. Auch das eine bündnispolitische Großtat, kongenial dem Entschluß des KBW-Regionalkomitees von einst, die randalierenden Fans von 1860 München ins Bündnis der revolutionären Volksmassen heimzuholen.

Auch der scharfste Vorwurf, zu dem man sich linkerseits einmal gegen Teile des "herrschenden Blocks" aufschwang und der da lautete, die erfolgreichsten Demokraten der BRD seien eigentlich Faschisten, darf gegen die MG nicht ausbleiben. Daß dieser Übergang sich nur mit sehr mühsamen Konstruktionen machen läßt, nimmt ihm nichts von seiner Überzeugungskraft für diejenigen, die ihn lancieren. Schließlich hat der KB weder eine Ahnung davon, was Demokratie ist, er ist nur für sie, geschweige denn vom Faschismus, an dem er allein auszusetzen hat, daß er nicht Demokratie ist:

"Daß dies unter marxistischem Etikett geschieht, sollte uns nicht daran hindern, darauf hinzuweisen, daß diese Mentalität mit gewisser Logik zur Errichtung von KZs für Andersdenkeinde und 'Minderwertige' führt."

Sicherlich hindert sie niemand daran, und schon gleich gar nicht im Modell Deutschland, die Kritik am Nationalismus für faschistisch zu halten. Und der Vorfall, der dem Faschismusvorwurf des KB als Material dienen soll, die Kritik der MG an der Vorführung eines schwer Sprachbehinderten als Beweis für die eigene Toleranz gegenüber "Minderwertigen", paßt haargenau ins offiziell gefeierte "Jahr des Behinderten", wo man den Krüppeln der Nation versichert, daß man nichts für sie zu tun gedenkt aber jede Menge Anerkennung drin ist. Die Folgerung des KB, daß unsere Forderung, einem Genossen, der in der Tat nur qualvoll reden kann, wirklich einmal zu helfen, indem man sein Manuskript vorliest, auf die "Errichtung von KZs" hinausliefe, entspricht einem politischen Bewußtsein, das jeden Menschen nützlich machen will, weil man sonst kein Argument gegen seine Behandlung als "Unnützer" mehr hat. Daß es zwischen der "Toleranz gegen Andersdenkende" und ihrer Beseitigung auch noch die Kritik falscher Gedanken gibt, die ihnen mit Gründen die Existenzberechtigung verweigert (den Gedanken wohlgemerkt, nicht den Personen) kann sich ein geläuterter Revi gar nicht vorstellen, für den früher der Kampf gegen die bürgerliche Ideologie mit dem Mundtotmachen der Bourgeoisie ("Diktatur des Proletariats" nannten sie das) zusammenfiel und für den, der gleichen Logik folgend, linke Politik nichts anderes ist, als die Diskussion über sie.

P.S. Nicht einmal der Vorwurf des KB an die "MG-Vortänzer", sie würden zu viel Bier trinken, ist originell: Der "Spiegel" hat seit 20 Jahren gegen die PoLitik des F.J. Strauß im wesentlichen den Einwand, er würde das, was Helmut Schmidt macht, öfters in "angeheitertem Zustand" machen. Originell ist lediglich die spießbürgerliche Abgrenzung des KB von einem MG-Teach-in, gegen dessen Ausführungen im "Arbeiterkampf" kein einziges Argument fällt, durch die 0,8 Promille-Grenze.