NEUE ARMUT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1985 erschienen.

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NEUE ARMUT

Die "neue Armut" ist ein mittlerweile in 8 Jahren ergrauter "Skandal", der alle Aussichten hat, ein Evergreen zu werden. Heiner Geißler hatte ihn 1976 eigens zu den Bundestagswahlen "entdeckt", als die Sozis noch für die Sozialpolitik verantwortlich zeichneten, die er mit seinen christlichen Freunden nun selber macht: Etwa 6 Millionen Arme sollten bis dato nicht ordentlich registriert worden sein - und doch mitten in "unserer Wohlstandsgesellschaft" leben. Wie konnte das passieren? Erstauntes Kopfschütteln, daß die sich so lange verstecken konnten.

Die erste Verwunderung ist heute dem routinierten Abspielen der Platte gewichen, daß

"Leid, Unglück, Krankheit, auch die neue Armut ein Teil des Lebens sind".

Ein höchst problematischer Teil, gewiß; denn als eigentlich Betroffene "muß unsere Gesellschaft mit der Armut leben." Allerlei sorgenvolle Theorien haben sich inzwischen der Leiden dieses eingebildeten kranken Subjekts angenommen und schon dadurch demonstriert, voll auf der Höhe des "sozialen Geistes" zu sein, den sich Politiker als Titel für ihre jedem Zweifel enthobene Verwaltung der Armut zugelegt haben. Hier ein paar Grundmuster aus der Pathologie des "sozialen Wesens" der Gesellschaft.

Die Krankheit ist außerordentlich tückisch, nicht etwa weil der Befund schwerwiegend wäre, sondern weil sie sich einfach nicht zeigt: "Die neue Armut ist unsichtbar, sie zeigt sich nicht in den Straßen."

Es gibt das zum Phantom verrätselte Ding tatsächlich, sonst könnte man ja gleich die Beschäftigung mit ihm wieder einstellen. Man muß es nur sehen wollen! Ein paar "Überlegungen zum Armuts-Begriff" - und schon ent pringt aus Sichtweisen ein veritabler Gegenstand:

"Armut bezeichnet... das, was als Grenzfall der Existenzsicherung in einer Gesellschaft definiert wird."

3. "Armut" ist Ansichtssache, weshalb sich über sie "als Selbst- oder als Fremdeinschätzung" mit reichem Ertrag spekulieren läßt:

"Wo fängt das Verhungern an? Sobald man nichts mehr zu essen hat, sobald man zu wenig zu essen hat, sobald man nicht genügend zu essen hat etc.?"

Das sind die Feinheiten einer wissenschaftlich geführten Küche.

4. Das eigentliche Problem "der Gesellschaft" ist damit die subjektive Einstellung zur "Lebenslage":

"Scham, so könnte die Diagnose lauten, übergroße Anstrengung, den Arbeitsverlust, die Krankheit, den plötzlichen sozialen Abstieg zu verbergen, lösten die Krankheit... aus. Neue Armut nennt man

das Phänomen."

5. Mit ihrem schwächlichen Charakter ("mentale Verelendung") gefährden die Armen nicht nur sich selbst, sondern vor allem auch das Auskommen der Gesellschaft mit ihnen. Und das, wo doch

"die bisherige Sozialpolitik... die Mangellagen beseitigt (hat), die sich aus dem Arbeitsleben ergeben..."

Politologisch gesehen ein Unding. Aber so sind die Menschen!

6. Soziologisch betrachtet ist die "soziale Ordnung" gefährdet, die es mit den Armen so gut meint, daß sie für diese extra einen sinnvollen Platz in der "Sozialhierarchie" vorgesehen hat:

"Die Leistungigesellschaft braucht Armut als Schreckgespenst... Das Leben an der unteren Sozialhierarchie ist ein konstitutiver Bestandteil dieser Gesellschaft, notwendig negativer Pol einer Leistungsgesellschaft... Erwerbsarbeit kann nur dann als vorherrschende Subsistenzform durchgesetzt werden, wenn Nicht-Arbeit deutlich mit Einschränkungen des Lebensstandards verbunden ist."

Na, dann her mit den Kürzungen im Sozialbereich! Mit diesem "Schreckgespenst" hält sich eine ansonsten faulenzende Menschheit geschickt selbst auf Trab. Klar, daß die Armen dabei ordentlich mitspielen müssen: Sich vor "Scham" in "Isolation" zu begeben, das ist kein kluger Beitrag. Eher schon, in Sack und Asche an der Ecke zu stehen und ein nettes "Dankeschön" sagen.

Letztendlich ist der ganze Sinn der Armut in Frage gestellt, "uns allen" ein "reiches Leben" in der "Selbstverständlichkeit des Helfens" zu gewähren - und das nicht nur zur Weihnachtszeit, nein, auch zu Zeiten, wenn's nicht schneit. Hilfsbereitschaft ziert schließlich eine Gesellschaft immerzu, die immerzu Anlässe zur Hilfe schafft. Also lassen "wir" "uns" die Hilfe nicht verunmöglichen!

Die Therapie ist damit schon eingeleitet: Der im Geruch der Armut lebende Teil der Bevölkerung, insbesondere der arbeitslose, sollte endlich ein verantwortungsvolles Bewußtsein für die "Probleme" entwickeln, die r "der Gesellschaft " aufhalst. Die Wissenschaft steht bereit, den "Betroffenen" der "Krise" eine "sozialsensible, die Problematik erkennende Haltung" erst einmal beizubringen. Diesen empfindungslosen Geschöpfen geht es leider nie so dreckig, daß sie gleich wüßten, wie sie sich in ihr Los "sozial sensibel" zu schicken hätten:

"Trotz der starken Krisenbetroffenheit, die verbreiteter ist, als oft angenommen wird, vollzieht nur ein Teil der Arbeiter die objektive Betroffenheit subjektiv nach."

Am besten ist, den "subjektiven Faktor" im "Rahmen einer Theorie der Gesellschaft", auf Vordermann zu bringen, geht es doch darum "zu kapieren, daß man diese Krise gemeinsam meistern kann".

Die "Betroffenen" schön "solidarisch" in der Scheiße der "neuen Armut" - so möchte es die Wissenschaft im "sozialen Geist" Heiner Geißlers gern geregelt oder zumindest betrachtet haben. So können sich auf alle Fälle die Nichtbetroffenen am Ideal einer menschenfreundlichen Sozialpolitik erbauen. Damit ist der eigentliche "Problemfall", die "Glaubwürdigkeit der Sozialpolitik", die da "auf dem Spiel stehen" soll, seiner gerechten Lösung zugeführt worden.