NATIONALSOZIALISMUS UNTER DEM DEMOKRATISCHEN IDEAL

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1981 erschienen.

Faschismusforschung
NATIONALSOZIALISMUS UNTER DEM DEMOKRATISCHEN IDEAL

Die Idee des alten Volksschullehrers Gebhardt, dem Nationalbewußtsein des deutschen Volkes mit einem "Handbuch der deutschen Geschichte" auf die Sprünge zu helfen, hat Generationen von Historikern wertvolle Dienste fürs Examen geleistet: Sie wußten, worauf's ankam. Mittlerweile hat sich die Geschichtswissenschaft des "Gebhardt" bemächtigt und ihn bei dtv auf vorläufig 22 Bände gebracht. Exemplarisch haben wir uns Band 20 und 21 vorgenommen:

Prof. Karl D. Erdmann, "Deutschland unter dem Nationalsozialismus" (I) und "Der Zweite Weltkrieg" (II).

Wenn einer sein Buch über das 3. Reich "Deutschland unter der Herrschaft des Nationalsozialismus" betitelt, so setzt er damit zweierlei unmißverständlich fest:

Deutschland, womit nichts anderes als der deutsche Staat, also die politische Herrschaft gemeint ist, soll seinerzeit in die Hände der Nationalsozialisten gefallen sein, worunter es ihm natürlich schlecht erging: Er wurde zum Unstaat. Mit dieser Scheidung von (guter) staatlicher Herrschaft und (böser) faschistischer spricht Erdmann die Generallüge der bürgerlichen Faschismustheorie schon in seinem Titel aus: Der demokratische Staat hat mit dem faschistischen nichts zu tun, bzw. der faschistische Staat ist überhaupt keiner.

Fest steht damit auch schon das Programm des Buches: Eben weil beide nichts miteinander zu tun haben sollen, ist der Faschismus nur als geschichtlicher Sonderfall einer fatalen Situation zu erklären. Die Frage, mit der sich der Historiker dem Faschismus zu widmen hat, heißt also: Wie konnte es dazu kommen?

I. Ein diabolisches Phänomen aus geschichtlicher Konstellation

Um jeglichen Zweifel daran, daß den Faschismus niemand gewollt hat, auszuräumen, wendet sich Erdmann zunächst Hitlers Programm zu, um nachzuweisen, daß dessen Inhalt zur Erklärung des Faschismus nichts beiträgt. Wegen des späteren Mißerfolgs des NS-Staates steht für den Historiker von vorneherein fest, daß der Inhalt von "Mein Kampf" nicht Grundlage von Hitlers Erfolg zu sein hat, weshalb er sich den (Nicht-)wirkungen des Buches zuwendet und dabei die Inhalte des Buches nur noch als Belegattrappen seines Fehlers verwendet. Unbekannt soll der Inhalt des Buches auf jeden Fall gewesen sein.

Einmal hat es niemand gelesen: Wegen der "Qual einer genauen Lektüre" war es der "am wenigsten gelesene Bestseller" (1/41). Daß dies für viele Bücher gilt, deren Inhalt nicht zusätzlich durch Reden, Flugblätter und Zeitungen verbreitet wurde, ficht den Historiker nicht an. Denn für die, denen das Buch bekannt war, hat Erdmann eine Reihe weiterer absurder Entschuldigungen parat: Entweder drückte Hitler sich mißverständlich aus:

"Nun mußte Ausrottung der Juden im Sprachgebrauch Hitlers nicht notwendigerweise physische Vernichtung bedeuten. So sprach Hitler gelegentlich von Ausrottung des Deutschtums in der Habsburger Monarchie und meint damit einen Prozeß der langsamen Entdeutschung." (I/26)

("Ausrottung" gut und schön, aber nicht gleich "physisch", sondern ein "Prozeß der langsamen Entjudung"?)

oder unklar:

"Fragt man bei der Lektüre des Buches nach Hitlers Vorstellungen von der erstrebten inneren politischen Ordnung, so bleiben die Aussagen unbestimmt und allgemein." (I/25)

oder viel u klar:

"Das raumpolitische Programm Hitlers war in seiner Eindeutigkeit und Klarheit so herausfordernd, daß kaum jemand, der das Buch 'Mein Kampf' las, ihn beim Wort nahm," (I/29)

Angesichts dessen, daß das deutsche Volk sich auf eben dieses Programm verpflichten ließ und dafür nicht erst im Krieg einiges auf sich nahm, schlägt ein Geschichtsprofessor theoretische Purzelbäume, nur um seinem Staatsvolk, die Generalabsolution für einen historischen Mißerfolg zu erteilen. Wenn aber die Deutschen gar nicht eigentlich wollten, was sie willentlich taten - auch Gehorsam setzt nun mal noch den Gebrauch des freien Willens voraus -, dann ist dieser ihr Wille zum Faschismus nur durch ein erfundenes Drittes, die Lage nämlich, erklärbar:

"Der Nationalsozialismus erklärt sich in der Entwicklung der deutschen Geschichte aus einer bestimmten Konstellation ineinandergreifender gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Faktoren. Ohne sie hätte das Auftreten der Person Hitlers keinen Erfolg gehabt." (I/62)

Subjekt der Geschichte sind also bei dieser auf dem Kopf stehenden Betrachtungsweise nicht die Menschen, die sie gemacht haben, sondern eine besonders unglückliche "Konstellation" von ansonsten offensichtlich selbstverständlichen Dingen wie Arbeitslosigkeit, Nachkriegsfrieden, Nationalismus, Rassismus usw., die den Faschismus möglich machen. Wenn so die Schuldfrage eindeutig zuungunsten der "Konstellation" geklärt ist, dann erhalten nicht nur die Deutschen, sondern auch die deutsche Geschichte den Freispruch des Historikers: Der Faschismus war nämlich ein europäisches, wenn nicht gar allgemein menschliches Phänomen:

"Ähnliche Bewegungen zeigten sich in anderen Teilen Europas." (I/62)

Der Fehler, die Notwendigkeit einer Sache mit ihrer Möglichkeit in eins zu setzen, hat seine Entsprechung in dem Nonsens, die Faschisten hätten eben diese Möglichkeiten für sich auszunutzen verstanden:

"Hitler hat in der Zeit der Massenarbeitslosigkeit propagandistische Möglichkeiten, die sich aus der wirtschaftlichen Krisensituation im Zusammenhang mit dem Aufbegehren gegen den 'Schadfrieden von Versailles' und der Unzufriedenheit mit dem 'System' ergaben, meisterhaft auszunutzen verstanden." (I/29)

Nun haben dies alle politischen Kräfte in der Weimarer Republik versucht, so daß immer noch die Frage offen bleibt, warum es gerade Hitler gelang, die vorhandene Unzufriedenheit in begeisterte Zustimmung für sein Programm zu verwandeln. Und dies kann gemäß der Erdmann'schen Logik nur daran liegen, daß er eben die Verführung als einziger "meisterhaft" verstand.

"Die Abschnitte seines Buches, die sich mit massenpsychologischen Problemen befassen, verraten einen Demagogen, der mit unheimlichem Geschick und in kalter Berechnung die großen Worte und die großen Ideen ebenso wie das äußere Arrangement als Instrument zu verwenden wußte, um die ihres eigenen Willens beraubten, in der Masse untergehenden Menschen, seinen Zwecken zu unterwerfen." (I/29)

Erstens hat die Massen niemand anders als der Geschichtsprofessor - theoretisch, versteht sich - um ihren Willen gebracht. Denn zum Besuch einer Hitler-Versammlung gehörte nicht nur in den "Kampfjahren" mehr Wille als zum Halten einer Vorlesung. Zum zweiten konstatiert er durchaus den Willen der Anhänger, der ebenso wie bei Hitler auf die "großen Ideen" Nation, Ehre, Vaterland gerichtet war. Drittens behauptet er glatt, daß Hitler eben diese Ideen mißbraucht habe, und offenbar damit viertens, daß der Gebrauch der Massen für die Ehre von Nation und Vaterland durch einen echten Staatsführer und nicht durch einen Verführer ("Demagogen") angemessen ist.

Je nach dem nationalen Erfolg fällt dann die Geschichtswissenschaft post festum das Urteil, ob es sich beim jeweiligen Staatslenker um einen Demagogen oder großen Staatsmann gehandelt hat, ob die Massen ihm in aufrichtiger Vereehrung zugetan oder in Verblendung verfallen waren:

"Er (appellierte) an die unterrationalen, unkontrollierten Ressentiments und Emotionen und (schob) in bewußt manipulierten Ausbrüchen nationaler Hysterie die Kontrolle durch Vernunft und Gewissen beiseite." (I/30)

Abgesehen davon, daß dem sonst so vergleichsgeilen Historiker hier nie und nimmer demokratische Wahlveranstaltungen oder eucharistische Preach-and-touch-Ins eines polnischen Pfaffen in den Sinn kämen - die fanatische Verehrung eines Politikers teilt seine Absichten. Wenn mit der "nationalen Begeisterung" eines Volkes nicht nur Menschen, sondern die ganze Nation "zugrunde geht", dann entdeckt der Historiker, daß es sich nur um "nationale Hysterie" gehandelt haben kann, die ein Demagoge "entfesselt" haben muß, weeil sie nie und nimmer den wirklichen Absichten der Leute entsprochen haben kann.

Hitlers "Erfolg" und sein "Mißerfolg" sind nun die Grundlage dafür, daß sich das Historikerhirn das abgehobene Problem macht, ob man denn Hitler "historische Größe zusprechen" (1/30) soll oder nicht. Denn einerseits wird ihm so einiges zugute gehalten, wovon ein Historiker als demokratischer Staatsmann nur träumen kann, sprich: die Deutschen wie ein Mann hinter sich gebracht und so die Voraussetzungen für ein neues Aufsteigen der Nation geschaffen, andererseits aber ist er mit diesen Erfolgen wieder verantwortungslos umgegangen und hat zum Schluß doch wieder alles vermasselt:

"Die welthistorische Größe Hitlers, der das Denken verwirrte, um nach kurzen Jahren eines steilen Anstiegs seiner Macht die Welt in Flammen zu setzen und mit seinem eigenen Sturz sein Volk mit hinabzureißen, ist diabolisch." (I/32)

Dies keineswegs eine schwülstige Verherrlichung des Nationalsozialismus, sondern Ergebnis jahrelanger Forschung eines Professors für Geschichte.

II. Freispruch in der Schuldfrage

Wenn so klargestellt ist, daß alles in Scherben fiel, weil die Menschheit sich täuschen ließ, die Täuschung aber auch zu verstehen ist angesichts des unglücklichen Zusammentreffens vielfältiger Umstände, wenn also klar ist, daß die "Katastrophe" eine Katastrophe war, dann erschließt sich dem Historiker das weite Feld der Fragen, inwiefern einzelne gesellschaftliche Gruppen usw. persönliche Schuld an der ihnen vom geschichtlichen Schicksal verordneten Verstrickung auf sich geladen haben. Das bereits feststehende Urteil, daß die Leute von Hitler betrogen worden sind, erhält hier eine Bestätigung besonderer Art. Hier läßt sich Erdmann (wie übrigens ausnahmslos jeder Historiker) den Klassengegensatz einfallen, um die Lüge zu verkaufen, Hitler habe allen alles versprochen und sie so hinters Licht geführt. (Vergleiche mit den Volksparteien SPD oder CDU in unserer "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" wären hier deplaziert!)

"Als nationale Sammlungspartei, die im Zeichen der Legalitätstaktik um Mitglieder und Wähler warb, wandte sich die NSDAP in ihrer Propaganda unter Zurückstellung ihrer extremsten Weltanschauungselemente an alle Schichten des Volkes." (I/51)

Dabei spricht er im 2. und 3. Wort aus, wofür die Leute bereit waren, von ihren unmittelbaren Interessen zu abstrahieren. Aus der Tatsache, daß sich alle Schichten mehr oder weniger in der NSDAP versammelten, nicht den Schluß zu ziehen, daß dem ein gemeinsamer Anspruch an den Staat zugrundeliegen muß, es müsse endlich aufgeräumt werden, ist eine Leistung, die sich dem unerschütterlichen Vorurteil verdankt, daß es zwischen dem staatlich verordneten Interessenausgleich in der Demokratie und der faschistischen Unterordnung aller Interessen unter den Staatswillen keinen Zusammenhang geben darf.

Besonders penetrant ist dieses Anliegen anläßlich der Behandlung der Rolle der Parteien der Weimarer Republik bei der Installierung der faschistischen Herrschaft. Den Politikern, die mit ihrer Verfassung dafür gesorgt haben, daß in Notzeiten staatliche Herrschaft auch ohne Parlament garantiert ist (Notverordnungsartikel - Grundausstattung einer souveränen Staatsverfassung, die im Grundgesetz alliierter Vorbehalte wegen fast zwanzig Jahre lang schmerzlich -vermißt wurde), wird ausgerechnet daraus ein Strick gedreht, um ihnen im gleichen Atemzug zu attestieren, sie hätten nichts anderes im Sinn gehabt, als den Faschismus zu verhindern. Allen voran die SPD:

"Als einzige Partei wandten sich die Sozialdemokraten mit den 94 anwesenden Stimmen gegen das (Ermächtigungs-)Gesetz." (I/86)

Die Sozis, die sich als ordentliche Parlamentarier an der demokratischen Abschaffung der Demokratie beteiligten und sich dem Mehrheitsvotum beugten, werden so umstandslos zu den ersten Widerstandskämpfern. Plausibilität gewinnt diese Verdrehung dadurch, daß die Nazis der SPD dieses staatserhaltende Stimmverhalten nicht honoriert, sondem viele ihre Mitglieder als staatszersetzende Marxisten interniert haben. Aber man mußte nicht unbedingt als Opposition zur Machtergreifung beitragen, um sich beim Historiker die Auszeichnung zu verdienen, gegen die faschistische Herrschaft gewesen zu sein; man konnte auch aus lauter Liebe zum Rechtsstaat Ja zum Faschismus sagen:

"Ein entscheidender Grund für die Zustimmung des Zentrums war wohl die Überzeugung, daß Hitler bei Ablehnung des Gesetzes seine Ziele auf anderem Wege durchsetzen und eine hemmungslose Willkürherrschaft errichten werde, die Annahme jedoch vielleicht die Chance bot, Hitler auf die wenigen im Gesetz enthaltenen Garantien festzulegen und die seit dem Reichtagsbrand herrschende Willkür zu beenden." (I/86)

Eine bestechende Logik: Weil auch die Ablehnung zur Durchsetzung von Hitlers Politik geführt hätte, stimmte man ihr zu, um sie so, wenn schon nicht zu verhindern, so doch gutzugestalten, dast sie in demokratisch geregelter, sprich gesetzgemäßer Form abgewickelt wird. Daß die Zentrumskatholiken an Hitlers Zielen nichts auszusetzen hatten, verrät nicht nur dieses Zitat, Erdmann spricht es an anderer Stelle deutlich aus:

"Wenn der Nationalsozialismus dem Marxismus, dem Materialismus und dem Zerfall der Sitten den Kampf ansagte und sich für Heimat, Volkstum und deutsche Art einzusetzen vorgab (!!), so entsprach dies den Empfindungen der Kirche und des Kirchenvolkes. Autorität und Obrigkeit, Volksgemeinschaft und Überwindung des Klassenkampfes waren christliche Leitvorstellungen für die rechte Ordnung der weltlichen Dinge." (I/182)

Geradezu peinlich, wenn auch nicht ungewöhnlich, ist die Salbung der Koalitionspartner Hitlers zu heimlichen Antifaschisten:

"Hugenberg und Papen waren überzeugt, daß es ihnen gelingen werde, die Nationalsozialisten zu zähmen." (I/80)

Gerade so, als hätten sie etwas ganz anderes gewollt, stellt Erdmann sie vor eine "Scheinalternative" zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus, der sie schließlich aufgesessen seien und widerwillig den Nationalsozialismus "in den Sattel gehoben" hätten. Als ob es für demokratische Politiker je einen anderen Zweifel gegeben hätte als den, ob sie Hitler die Lösung der Staatskrise durch die Zähmung des Klassenkampfs auch zutrauen könnten.

III. Statt Gründen Nomenklatur

Nachdem Erdmann es geschafft hat, die deutsche Geschiehte und die Weimarer Demokraten zu entnazifizieren, macht er sich auf die Suche nach einem korrekten Namen für das Phänomen. An der gängigsten Vokabel - Nationalsozialismus - stört einen deutschen Historiker, daß hier der Schluß möglich sein könnte, die "Hitlerbewegung" habe etwas mit dem deutschen Nationalismus zu tun gehabt. Dagegen wendet Erdmann schlagend ein, daß das Urheberrecht bei den Italienern liegt:

"Den Faschistengruß übernahm er (Hitler) als 'Deutschen Gruß' in seine Bewegung." (I/63)

Die "große Idee" des Nationalbewußtseins ist keineswegs durch Hitler und die Seinen benutzt, sondern ganz infam ausgenutzt worden:

"Um eine möglichst breite Zustimmung zu erreichen, pflegte Hitler die plebiszitären Abstimmungen an solche wehr- und außenpolitische Ereignisse anzuhängen, von denen aus an das Nationalbewußt sein schlechthin appelliert werden konnte, ohne eine besondere nationalsozialutische Gesinnung anzusprechen."

Das scheinen ihm die Bonner Parteien abgeschaut zu haben, in deren Hauptparolen im Wahlkampf auch nur Deutschland vorkam und an keine "besondere" sozial- oder christdemokratische Gesinnung appelliert wurde! Am Begriff Faschismus stört Erdmann immer noch, daß er in der "marxistischen Theorie" dazu hergenommen wird, um

"den Faschismus und die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft in einen Determinationszusammenhang zu stellen." (I/71)

Dagegen bringt er den überzeugenden Einwand, daß sie diesen Zusammenhang nicht erklären kann, wo es ihn gar nicht gibt:

"Nicht erklarbar wird durch die sowjetisch-marxistische Faschismustheorie die Tatsache, daß der Faschismus in den am meisten entwickelten bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften des Westens USA, England, Frankreich - nichts auszurichten vermochte." (I/68)

Als es noch um den deutschen Staat ging, war der Faschismus für Erdmann ein gesamteuropäisches Weltproblem; jetzt, wo die dazugehörige Ökonomie in die Schußlinie gerät, handelt es sich um ein exklusiv deutsch-italienisches Verhängnis.

Dem Totalitarismusbegriff - früher von den Historikern begeistert begrüßt, weil er "den Faschismus und Kommunismus in einen Klassifikationszusammenhang" (I/71) bringt - steht Erdmann skeptisch gegenüber. Mit C.J. Friedrich sieht er die Gefahr, so könnte jemand auf den Gedanken kommen, "daß die katholische Kirche, weil sie eine ideologische Gedankenlenkung anstrebt, im Grunde totalitär sei." (I/72) Erdmann plädiert für Flexibilität bei der Verwendung der Begriffe. Am liebsten wäre ihm deshalb die Vereinigung der Begriffe in einem Dreiecksverhältnis:

"Die hieraus abgeleiteten Theorien besitzen ihren Wahrheitsgehalt, aber es ist jeweils nur eine Teilwahrheit. Historisch (!) erschlossen wird jedes dieser drei Phänomene, wenn es in den dreifachen Beeiig des Selbstverständnisses und der Doppelinterpretation von außen gestellt wird." (I/74) (Wow!)

Also etwa totalnationaler Sozialfaschismus oder sozialnationaler Totalfaschismus, damit man schon an der Nomenklatur feststellt, daß dieses "diabolische" Phänomen viele Gründe und damit keinen hat.

IV. Entstaatlichung des faschistischen Staates

Bei der Betrachtung der durchgesetzten NS-Herrschaft findet das geschichtswissenschaftliche Dogma vom Gegensatz von Demokratie und Faschismus eine doppelte Verlängerung. Zum einen werden all die Stützen des demokratischen wie des faschistischen Staates - Wirtschaft, Justiz, Wissenschaft, Kirche, Kunst, Militär - zu Trägern des Widerstands verfabelt. Das Muster dafür ist bereits angegeben; wir schenken uns daher diese Kapitel. Zum andem befreit Erdmann den Staat überhaupt vom faschistischen Makel, indem er dem NS-Staat das Charakteristikum, "Staat " zu sein, bestreitet:

"Die von der Partei auf den Staat übertragene Praxis widersprach jedem Gedanken an eine rationelle Strukturierung des Staatsaufbaus." (I/10)

Zum Beleg dafür führt Erdmann "Machenschaften" der Nazis an, deren Verwerflichkeit einerseits durch die Wortwahl, andererseits dadurch, daß die Nazis sie angezettelt haben, zum Ausdruck kommen soll:

1. haben sie - wie außergewöhnlich! Man denke nur an Reagan oder Rot- und Schwarzfilzkampagnen! - die staatlichen Institutionen mit ihren Leuten besetzt. Logisch: Dann waren es keine Staats-, sondern Nazi-Institutionen.

2. haben sie die "regionale Gewaltenteilung" abgeschafft und damit die "Entwicklung eines unkontrollierten Führerregimes beschleunigt." (I/84)

3. haben sie einen umheimlichen "Kompetenzwirrwarr heraufbeschworen", indem sie neue Gewaltenteilungen einführten:

"Auf dem Gebiet der Kulturverwaltung z.B. rivalisierten Rust als Kultusminister, Goebbels als Propagandaminister, Rosenberg als Beauftragter für weltanschauliche Schulung, Ley als Führer der Arbeiterfront und Himmler." (I/101)

Wie schön, daß in einer Demokratie all diese kulturellen Angelegenheiten unter einem Dach vereinigt sind und einmal ex kathedra literarum und sans phrase verkündet wird, was ein Kultusminister alles zu tun hat.

4. stand Hitler nicht etwa an der Spitze des Staates, sondern "über dem Staat", und die SS war kein Mittel der Durchsetzung staatlicher Herrschaft, sondern eine "außer- und nebenstaatliche Einrichtung".

V. Das Urteil der Geschichte.

Erdmanns moralische Ablehnung der geschichtlichen Epoche des Faschismus hat ihren Grund in der Begeisterung für eine funktionierende demokratische Herrschaft, weshalb dem Faschismus nicht pauschal der wissenschaftliche Krieg erklärt wird. Wirklich versagt hat der Faschismus nur in einem - indem er den Krieg verlor und so seine anfänglichen Erfolge zunichte machte. So feiert denn Erdmann mit Hitler militärische Erfolge - "Mit einem Schlage klärte sich das verworrene innere Bild Österreichs. Die deutschen Truppen wurden mit Jubel begrüßt." (I/244)

"Der tschechische Staat war den Verpflichtungen nicht gerecht geworden, die er als Vielvölkerstaat bei seiner Gründung übernommen hatte." (I/247) -,

bescheinigt dem Angriff auf Norwegen seine Notwendigkeit ("defensive Natur... Sicherung der skandinavischen Erzzufuhr nach Deutschland", II/37 - ja dann!) und lobt Hitler für die "reibungslose Durchführung des in der Planung ebenso verwegenen wie in der Durchführung kühnen und entschlossenen deutschen Angriffs." (II/39) Die Originalität eines Historikers besteht nun darin, wo er mit dem Tadel beginnt. Der beliebteste Wendepunkt ist die Niederlage von Stalingrad. Erdmann hat sich für Dünkirchen entschieden. Er kreidet Hitler den "folgenschweren Fehler" (II/45) an, die "eingeschlossenen 300.000 Engländer und Franzosen, deren Schicksal bereits besiegelt war", nicht vemichtet zu haben, so daß diese den "Grundstock für eine neue Armee" (II/46) bilden konnten. Hinzu kam noch, daß Hitlers Rassismus nicht nur überflüssig -

"Hier wurden Menschen ermordet, die - unabhängig davon, ob sie überhaupt einen politischen Faktor darstellten - als minderwertig betrachtet wurden." (II/110) -,

sondern ausgesprochen schädlich für den Kriegszweck war:

"Auslösende Momente für den Widerstand (in den besetzten Gebieten) waren im allgemeinen die ersten Maßnahmen zur Verfolgung der Juden..." (II/97)

Die Politik des Nationalsozialismus im Innern, die vorher aus "Konstellationen", Mißverständnissen und Verführungskünsten des Hitler erklärt und damit entschuldigt worden ist, wird hier dadurch kritisiert, daß sie am Erfolg bzw. Mißerfolg der Kriegsführung gemessen wird. Vom Standpunkt einer rationellen Kriegsführung aus, der die politischen Ziele der Faschisten unterstellt, die er in militärischen Sandkastenspielen verfolgt, fällt dann auch über die "Endlösung der Judenfrage" das harte Urteil, sie habe unnötige militärische Probleme geschaffen und etwa gar der Wehrmacht durchaus brauchbares Menschenmaterial vorenthalten. An den Kriegsabsichten Deutschlands unter Hitler wird die Kritik laut, sie seien "überzogen" gewesen, und der Anspruch auf Weltherrschaft sei angesichts der eigenen Kräfte und der äußeren "Konstellation" unrealistisch gewesen. Das Urteil der Geschichte lautet also, daß Hitler letztendlich erfolglos geblieben und ausschließlich selber daran schuld gewesen ist.

Ein klares Wort zur rechten Zeit

Prof. Dr. Hans Maier, Kultusminister im Freistaat Bayern und Vorsitzender des ZK der größten westdeutschen K-Gruppe hat neulich die Gelegenheit ergriffen, ein klares Wort sowohl über das Dritte als auch über das ihm nachfolgende Reich im Westen Deutschlands zu sprechen. Unter dem Titel mit der rein rhetorischen Frage "Das Dritte Reich - ein Staat?" (in: "Der Staatsbürger", November 1980, Beilage der Bayerichen Staatszeitung) stellt er fest, daß weniger die Beseitigung von 50 Mio. Menschen die Hauptsünde des Nationalsozialismus gewesen ist, als vielmehr die kaltblütige und vorsätzliche Ermordung des deutschen Staates. Wir zitieren die Kernsätze:

"Zu den hartnäckigsten Irrtümern über das Dritte Reich gehört die Meinung, jenes reich sei ein Staat gewesen - ja so etwas wie ein Exzeß an Staat." "Wann wird man es endlich begreifen? Das Dritte Reich war kein Staat. Es war ein überdimensionaler Landfriedensbruch."

Wenn es sich also beim Faschismus um einen gravierenden Verstoß gegen das Demonstrationsrecht gehandelt haben muß, dann folgt als Lehre für die Demokratie eindeutig nichts anderes als dessen Verschärfung:

"Die Folgerungen, die für den heutigen Tag zu ziehen sind, liegen auf der Hand - oder sie sollten es doch. Nicht eine rechtsstaatlich denkende und handelnde Verwaltung, nicht Verfassungsschutz und Polizei bedrohen diesen Staat; bedroht wird er von Gewalttätigkeiten und Chaoten,... bedroht wird er auch von Nachsichtigen, Ängstlichen und Profilsüchtigen, denen ein (schein-)liberales Image gewichtiger ist als die Sicherheit der Bürger."

Nun zählt es unbestreitbar zu den Leistungen der Naziherrschaft, mit all dem Schluß gemacht zu haben, was Maier in der Demokratie stört: Die Straßen dienten ausschließlich dem Verkehr, Nachsicht wurde mit niemandem geübt, Ängstlichkeit als Wehrkraftzersetzung bestraft und neben dem Profil des Führers war kein anderes zugelassen.

"Wer das Dritte Reich verstanden hat, für den sind die Fronten in der gegenwärtigen Auseinandersetzung klar."

Vom Faschismus die Durchsetzung des totalen inneren Friedens lernen, ohne gleich Landfriedensbruch zu begehen, das heißt den Staat in den Händen der Demokraten zu belassen, die ihre Lektion gelernt haben:

"Er (Hans Maier) weiß, daß nur ein starker Staat liberal sein kann." "Sonst geht die mit viel Hoffnung geborene Republik den gleichen Weg wie ihre Vorgängerin; sonst sind die Exzesse der Gewalt (?!) in diesem Wahlkampf kein belangloser Zwischenfall, sondern ein Vorspiel zum Schweigen."

Da sollten sich - so Maiers Botschaft - die Demokraten aufraffen und als "starker Staat" jeden zum Schweigen bringen, der dagegen ist. Heil Staat! Herr Maier.