"Nationalismus von links"

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Dieser Artikel ist in der MSZ 7-1985 erschienen.
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Korrespondenz
"Nationalismus von links"

"Betrifft den Gegenstandpunkt "Die Nation" in der letzten MSZ (Nr. 6/1985)

Nationalismus, Imperialismus, Kolonialismus, Rassismus - das sind Reizwörter, die die fortschrittlichen Linken alle in einen Sack werfen und ablehnen. Und wenn man sich den Nationalismus heute anschaut, dann nicht ohne Berechtigung. Denn das offizielle Konzept von Nation wird schließlich von den Staaten geliefert, also vom offiziellen Nationalismus der Herrschenden, und das ist nichts anderes als der bürgerliche Triumph im Klassenkampf, der jetzt alle anderen im Namen der Nation für sich vereinnahmt. Dieser Nationalismus ist wirklich reaktionär, weil er der Erhaltung bestehender Herrschaftsverhältnisse nach ihrer erfolgreichen Durchsetzung dient. Aber wie steht es um den Nationalismus unterdrückter Völker, deren Unterdrücker und Ausbeuter nicht zuletzt von außen kommen, namentlich aus den USA und den mit ihnen verbündeten imperialistischen Staaten? Wie steht es um den Nationalismus eines Volkes, dessen Nation von einem anderen Staat zerstört worden ist, um es besser unterdrücken/ausbeuten zu können? Gelten dafür ebenfalls alle Urteile aus der Abrechnung mit der 'Nation und ihrer Sache' in der MSZ? Oder ist nicht ein qualitativer Unterschied zwischen der nationalen Befreiung eines unterdrückten Volkes und dem Nationalismus der Unterdrücker! Es ist doch wirklich ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Nationalismus von Hitler, Reagan, Franco und dem Ex-Schah von Persien und dem revolutionären Patriotismus eines Fidel Castro, den Vietminh, der Sandinistischen Front, aber auch von PLO, IRA und anderen kämpfenden Befreiungs- bzw. Widerstandsbewegungen. Deshalb glaube ich, daß man nicht einfach von dem Nationalismus sprechen kann. Man muß unterscheiden zwischen Nationalismus von oben und von unten, von rechts oder von links, weil man sonst einfach das Recht eines unterdrückten Volkes mit der Ideologie seiner Feinde gleichsetzt."

H.B., Oberhausen

Nationalismus ist ein Fehler: hier und anderswo

Deine Sympathie für Fidel Castro und die alten Vietminh, Deine Abneigung gegen Hitler, Reagan und Co. in Ehren. Natürlich ist es ein Unterschied, ob Imperialisten um die Aufteilung der Welt streiten - um eine Neuaufteilung wie Hitler für das Deutsche Reich oder um ihre universelle Alleinzuständigkeit wie die USA heute -, oder ob die Opfer der imperialistischen Weltordnung in fernen Ländern den Kampf gegen ihre "Unterdrücker" aufnehmen. Aber meinst Du wirklich, daß die letzteren gut daran getan haben oder tun, wenn sie ihre Gegenwehr ausgerechnet in den Dienst einer "nationalen Befreiung" stellen? Oder noch vorher: Meinst Du, daß sie richtig liegen, wenn sie sich als "unterdrücktes Volk" interpretieren?

Das Programm "Nationale Befreiung"...

Nimm's mal von der einfachsten Seite, vom Resultat her - schließlich schreiben wir 1985 und nicht mehr 1960. Die ganze bunte Landkarte Afrikas, die halbe Landkarte Südasiens ist das Werk "nationaler Befreiungsbewegungen". Sie haben ihr Programm verwirklicht, die Kolonialmächte aus dem "Unterdrückungs"-Job verdrängt und ihrem Volk eine eigene, aus Volksgenossen rekrutierte Staatsgewalt geschenkt. Gefällt Dir das Ergebnis? Ganz autonom haben ganz volkseigene Politiker ihre Herrschaftsgebiete auf den Kopf gestellt, nach nationalen Einnahmequellen durchsucht und durchsortiert, keinen frischgebackenen mündigen Staatsbürger unbehelligt gelassen von ihrem Projekt einer gleichberechtigten Nation. Ein solches Projekt ist nämlich teuer; auch in Afrika - oder Asien oder Lateinamerika - ist keine Nation zu machen ohne Diplomaten und Polizisten, Regierung und Verwaltungsbeamte, Zöllner und Lehrer, Flugplätze und Ministerien, einen Staatshaushalt und die dafür nötigen Geldquellen. Alte Kolonialmächte, neue Imperialisten und sogar der "Ostblock" haben sich nicht lumpen lassen, den frischgebackenen Nationen vieles geschenkt, Kreditlinien eröffnet, bei der Ausquetschung von Reichtum aus Land und Leuten tatkräftige Hilfe geleistet; dabei hat die Geschäftswelt des Westens bei ihren souveränen Partnern kräftiger abgesahnt, als die alten Kolonialgesellschaften sich das je hätten träumen lassen. Die "Unterdrückernationen" haben sich dadurch sogar noch einiges an Spesen gespart; ja aus dem Export von Gewaltmitteln, die von garantiert einheimischen Staatslenkern vor Ort eingesetzt werden, ist ein Geschäft geworden.

Das alles ist nicht gegen die "Befreiung" der Völker zu souveränen Nationen in Gang gekommen; umgekehrt: Der Wille zu einer freien, geachteten, gleichberechtigten Nation hat Ausbeutung und Verelendung der ortsansässigen Massen erst so richtig in Schwung gebracht. Von "unterdrückten Völkern" kann nirgends mehr die Rede sein - es sei denn, Du unterschiebst jetzt einen anderen Wortsinn und redest nicht mehr von Nationen, sondern von den ausgenutzten oder noch nicht einmal benützten Massen im Unterschied und Gegensatz zu ihrer regierenden Elite, die mit den Bankiers, Waffenhändlern und Außenministern der Freien Welt glänzend kooperierten; Streit und Erpressung inklusive, wie es unter konkurrierenden Geschäftsleuten und Diplomaten üblich ist. Wenn Du aber daran denkst, dann muß Dir das Beiwort "national" und die Rede von einem umstürzlerischen "Patriotismus" im Hals stecken bleiben. Denn das sind gerade die Gesichtspunkte, unter denen die Massen und "ihre" herrschende Elite als Einheit gefragt sind, von ihren Gegensätzen abgesehen ist. Diese Abstraktion hat ihre brutal-realistische Seite: Für die international maßgebliche Geschäfts- und Politikerwelt interessieren die Volksmassen tatsächlich nur, soweit sie die Manövriermasse einer politischen Obrigkeit sind, deren Interesse an Finanz- und Herrschaftsmitteln sich allemal prächtig und zu wechselseitiger Zufriedenheit ausnutzen läßt. Dieselbe Abstraktion hat einen verlogen moralischen Aspekt: Regierungen führen gerne ihre verelendeten Untertanen als "Beweis" dafür ins Feld, daß sie, die regiernden Herren mit ihrem Nationalstaat, die wahrhaft und eigentlich Leidtragenden der imperialistischen Weltordnung wären - dies ihr ebenso hilflos wie perfide moralisches Argument, um n dieser Weltordnung zu einer bedeutsameren Rolle zugelassen zu werden. Beide Verwendungsweisen der Abstraktion "Nation" - der Gleichsetzung des Menschenmaterials mit der Staatsgewalt, die es unter Kontrolle hält, und deren Agenten - sprechen nicht gerade dafür, daß es ausgerechnet eine freie Nation war und ist, was den vom Kolonialismus überhaupt erst als Volk definierten fremdländischen Menschenmassen zu ihrem Glück gefehlt hat. Die Sache wird auch dadurch nicht besser, daß sie noch eine dritte Seite hat: Natürlich lassen sich auch schwarz- und gelbhäutige Gattungsgenossen zu gewissen Sorten des Stolzes auf "ihre" Obrigkeit und deren Herrschaftsbereich und -macht und sogar zum Wählen erziehen - warum sollten sie auch immun sein gegen diese zivilisatorische Errungenschaft? Bewiesen ist damit allerdings nur, daß der Nationalismus in ihrem Fall eine genauso dumme und schädliche Einstellung ist wie bei volkstumsbewußten BMW-Arbeitern oder den proletarischen SPD-Wählern des Ruhrgebiets.

Man muß sich also schon entscheiden, ob man die auswärtigen Opfer des Imperialismus aus ihrer Lage befreien helfen oder befürworten will, daß sie vom "unterdrückten Volk" zu einer "freien Nation" werden. Letzteres hat den betroffenen Massen nichts genützt, im Gegenteil, und dem modernen Imperialismus nicht geschadet, im Gegenteil. Unter amerikanischer Führung ist die gesamte UNO übereingekommen, allen ehemaligen Kolonien großherzig das Recht auf nationale Autonomie einzuräumen - das war und ist Rezept und Ideologie imperialistischer Vereinnahmung von Ländern und Völkerschaften wie noch nie.

Nationalismus kein Mittel gegen Imperialismus

Du hast die paar Ausnahmen von dieser weltpolitischen Regel der letzten zweieinhalb Jahrzehnte namentlich angeführt. Nämlich erstens die historisch letzten Staatsgründungsbewegungen, die noch nicht ans Ziel gelangt sind - die eine, die PLO, ironischerweise gescheitert an der vom US-Imperialismus schon gleich von Beginn an funktionalisierten ältesten "nationalen Befreiungsbewegung", dem erfolgreichen Zionismus. Zweitens sind Dir ausgerechnet die drei erfolgreichen Aufstandsbewegungen in den Sinn gekommen, die nicht umstandslos das Ziel einer "freien Nation" verfolgt haben, daher auch nicht zum normalen imperialistisihen Geschäftsverkehr zugelassen worden sind. Die vietnamesischen Kommunisten, Fidel Castros Mannschaft und auch ein wenig die Sandinisten haben nicht bloß die nationalistische Lüge in ihr Land importiert, die das A und O aller anderen "nationalen Befreiungsbewegungen" geblieben oder geworden ist: die Ideologie, mit der gegebenen Lebenslage der Volksmassen sei ausgerechnet deswegen und letztlich nur deswegen nichts Gescheites und Volksfreundliches anzufangen, weil es keine speziell für den jeweils eigenen Volkshaufen zuständige "eigene" Staatsgewalt gebe, die diesem autonom und frei seine Existenzbedingungen diktiert. Soviel Kommunismus haben die besagten drei Bewegungen mitgebracht oder mitgekriegt, daß es fürs Wohl des Volkes auch noch auf den materiellen Gebrauch der eroberten Staatsgewalt einigermaßen ankommt, nicht bloß auf deren kostspielige Souveränität; auf einen Gebrauch, der nicht bloß der kolonialistischen "Unterdrückung" ein Ende macht, sondern auch den "hilfreichen", für die Staatskasse so ersprießlichen Zugriff imperialistischer Interessenten aufs national emanzipierte Land und Volk ver- oder wenigstens behindert.,

Für diesen Vorbehalt gegen den blanken Nationalismus sind die Vietnamesen mit einem Krieg bestraft, die Kubaner bekämpft, die Nicaraguaner unter eine hochaktuelle Kriegsdrohung gestellt worden: So identifiziert der imperialistische Gegner Volk und Staatsgewalt; r läßt die Volksmassen dafür büßen, daß ihre Regierung sie nicht für einen bloß nationalen Ehrgeiz verheizt, der in allen drei Fällen mit den USA leichter zu befriedigen (gewesen) wäre. Anders ausgedrückt, mit den Fragen Deines Briefes: Was unterscheidet denn eigentlich Fidel Castro von dem revolutionären Patriotismus eines Schah von Persien? Etwa der "Traum" von einer als gleichrangig geachteten Nation?!

Kurzum: Nationalismus ist nirgends und n keiner Form ein Mittel gegen den Imperialismus, geschweige denn ein Rezept fürs Wohlergehen der Massen - das geht nirgends auf der Welt mit dem Wohlergehen der Nation zusammen!

Unterscheidungen im Nationalismus

die Du anmahnst - ohne zu sagen, worin sie bestehen sollen -, sind im übrigen schon beachtenswert. Zu einigen abschließend ein paar Bemerkungen.

a) Der Nationalismus von oben ist der berechnend eingesetzte ideelle Rechtsanspruch der Staatsführung auf bedingungslose Gefolgschaftstreue ihrer Bürgerschaft; eine Treue zur jeweils praktizierten Regierungspolitik im Namen einer höherrangigen "Treue überhaupt" jenseits aller politischen Differenzen. Das Gegenstück von unten besteht im Glauben an eine solche absolute Verpflichtung; einem Glauben, der sich erhaben dünkt über das Personal und den besonderen Zweck einer bestimmten Führungsmannschaft und dabei doch gar keinen anderen Inhalt hat als die wirklichen regierungsamtlichen Staatsanliegen.

b) Der Nationalismus von rechts interpretiert das Menschenmaterial einer Staatsgewalt von vornherein als deren Waffe im Kampf gegen innere und äußere Feinde; in diesem nationalen Selbstbehauptungskampf sieht er die Grundlage für das Existenzrecht und die Lebensfähigkeit der so engagierten Leute - des 'Volkstums'. Das Gegenstück von links interpretiert die Botmäßigkeit aller gesellschaftlichen Klassen gegenüber einer einheitlichen staatlichen Gewalt als allererstes Lebensmittel, übergeordneten Lebenszweck und höchste Ehre aller Bürger, die auch den ansonsten "Erniedrigten und Beleidigten" auf keinen Fall abgeschnitten werden darf; eine sozialfriedliche Volkseinheit jenseits aller Klassengegensätze schätzt er als bestmögliche Bestandsgarantie der Nation, gerade im härtesten internationalen Konkurrenzkampf.

c) Der "reife" Nationalismus, für den alle Argumente aus dem 'Gegenstandpunkt' der vorigen MSZ gelten, findet sich so in den fertigen - bürgerlichdemokratischen Staaten; er ist die Elementarideologie für ein Volk von geschäftlich und politisch umfassend genutzten Staatsbürgern, die im Mitmachen ihr Lebensmittel entdecken wollen - und sich freiwillig als selbstbewußte Agenten der von ihrem Staat eingerichteten Klassengesellschaft aufführen. Für weniger glückliche Staaten ist dieser wohlgeordnete Verkehr zwischen Obrigkeit und Menschenmaterial ein Ideal, bestenfalls ein hoffnungsfrohes Projekt; die Ideologie der nationalen Einheit von Staatsführung und Gefolgschaft, die Idee eines beiden Seiten gemeinsamen, beide verpflichtenden nationalen Rechts nimmt entsprechend unsachlichere Formen an (siehe den Schluß von Punkt V.).

d) Du denkst Dir den Fall, daß eine "Nation von einem anderen Staat zerstört worden ist, um" das Volk "besser unterdrücken/ausbeuten zu können". Woran denkst Du da? Wo hätte es das in der neueren Zeit gegeben, daß eine nationale Obrigkeit, die nationalstaatliche Zusammenfassung einer Gesellschaft als solche, ein Schutzschirm gegen Ausbeutung und Gewalt gewesen wäre? Uns ist dazu umgekehrt eingefallen, daß Adolf Hitler die Lage Deutschlands unter dem "Diktat von Versailles" exakt so beschrieben hat; seinen Krieg gegen die erfolgreicheren imperialistischen Nationen sowie gegen die Sowjetunion, die er für ein Beuteobjekt hielt - hat er dementsprechend "Großdeutschlands Befreiungskampf" genannt. Und zwar mit Recht: Genau so geht es zu, wenn eine Regierung die Befreiung ihres Volkes aus nationaler Unterdrückung anordnet.

MSZ-Redaktion