NATIONALE HERZENSBILDUNG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1985 erschienen.
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NATIONALE HERZENSBILDUNG

"Bild lügt!" und "Bild manipuliert die Massen" war und ist die feste Überzeugung aufgeklärter Menschen mit höherer Schklbildung, die das Massenblatt verabscheuen. Ein Urteil über den Inhalt dieser Zeitung war dieser Vorwurf nie.

Geistige Freiheit kann sich jeder Mensch leisten

Wäre die Ablehnung der "Bild"-Zeitung jemals ein Urteil und nicht bloß eine Geschmacksfrage gewesen, die Kritiker hätten an Schlagzeilen folgenden Kalibers glatt verzweifeln müssen:

"Deutschlands lautester Schnarcher - 660 Meter"

"Eifersüchtiger erschießt Baby im Mutterleib"

"Todkranker bekam Herz eines Irren"

Mit "Lüge" und "Manipulation" ist diesen Botschaften nicht beizukommen, an praktischen und theoretischen Konsequenzen, zu denen das Volk verführt werden soll, ist weit und breit nichts zu sehen. Dumm sind sie nur in einer Hinsicht: Sie verbieten ein Urteil und fordern stattdessen Interesse und Anteilnahme; das stört Intellektuelle bei der Lektüre ihrer Zeitungen auch nicht. Ansonsten fordert ihre Erfindung wie ihr Nachvollzug schon einigen methodischen Umgang mit dem eigenen Verstand, der nicht von Pappe ist und gekonnt sein will. Die Sensationslust, die das Revolverblatt mit solchen Schlagzeilen bedienen soll, hält sich ja auch schwer in Grenzen. Daß es in Deutschland Schnarcher gibt, wird kaum jemanden vom Hocker reißen, genauso wenig wie die Enthüllung, daß Mord und Totschlag zum Alltag des staatlich geregelten Lebens gehören.

Was da an beliebigen Vorfällen unter dem Tenor: "Sachen gibt's, die gibt's gar nicht!" herangekarrt oder erfunden wird, ist umgekehrt das für 40 Pfennig erkaufte Angebot, sich in aller Freiheit und Willkür eine Meinung, auf die es garantiert nicht ankommt, zu bilden. "Bild" verläßt sich da auf den gesunden Volksverstand und dessen Kriterien von arm und reich, oben und unten, krank und gesund, anständig und ungehörig, normal und unmoral, mit denen sich theoretische Zufriedenheit mit einer Welt einstellt, die zu praktischer wenig Anlaß gibt. Daß sich aufgepaßt gehört, wer was darf und vor allem, wer sich was herausnimmt, daß Reichtum nicht glücklich macht und daß man nicht alles haben kann, was man will, das ist die feste Grundlage der "Bild"mäßigen Betreuung derer, denen eine Meinung zusteht, weil sie sonst nichts zu sagen haben.

Freilich käme ohne die "Bild" niemand auf die Idee, sich noch nachträglich um den Tod der Romy Schneider zu kümmern. So aber leuchtet's nachträglich jedem ein: "Unsere" Romy treibt sich jahrelang im französischen Ausland rum - da muß doch etwas faul sein. Der eigene Alltag scheint für den Befund, daß manches nicht stimmt auf der Welt und alles möglich ist, nicht genug herzugeben.

Was "Bild" täglich ihren Lesern vorsetzt, erfüllt freilich das Kriterium eines Denksporträtsels für moralisches Bewußtsein. Einfach schwarz-weiß geht es da nicht zu; und die Nuß zu knacken wird dem Leser überlassen - ganz nach dem Motto: "Wie hätten Sie entschieden?". "Bild" kennt Verbrecher, vor allem mit ehrenvollen Absichten, und die ergreifenden Motive, wie jemand auf die schiefe Bahn gerät, werden als Hintergrund geliefert - nur aufgepaßt: "Verbrechen lohnt nicht" bleibt schon noch gültig. Lockere Mädchen "mit verführerischen Reizen" - die nebenstehende Abbildung zeigt einen ziemlichen Krapfen - werden in ihrer prickelnden Umgebung vorgeführt, aber sie alle träumen doch nur vom eigenen Heim und Familie. Verständnis für alles zu haben, bei allem auf Rechte und Pflichten zu achten, von der Liebe bis zum Wetter ("Jetzt muß der Frühling kommen! "), die beide so ziemlich dasselbe sind, das schafft die freiheitliche Willkür der Meinung, über die sich streiten läßt. War "Todkranker bekam Herz eines Irren" nun ein Skandal oder eine rührende Hilfeleistung noch aus dem Grab heraus? Egal wie die Antwort ausfällt, es ist jedesmal die Bestätigung der Maßstäbe, von denen diese Willkür des Denkens und Meinens lebt: der Erfolg, auch wenn ihn andere haben; der saubere Anstand, auch wenn er nichts einbringt; und die staatlichen Gebote, die dem bunten Treiben der Menschen Halt und Stütze geben. Die Ansammlung von lauter Parabeln Für ein Sich-Fügen, das sich das Denken nicht verbieten läßt, erfüllt in der Bundesrepublik den Tatbestand der Unterhaltung.

Der Mensch in seiner Heimat

Mit diesem Rüstzeug ausgestattet, kennt "Bild" nur Menschen in allen Etagen der Gesellschaft. Dabei handelt es sich nicht um das blutleere Wesen "der Mensch" oder gar "die Menschheit", die nach durchgesetzter wissenschaftlicher Kenntnis für alles verantwortlich sind, sondern um "gute Menschen", die allen Grund und alle Mühe haben, ihren Anstand zu bewahren, da ihnen ihr Leben lauter Gelegenheiten bietet, sich in den Tugenden des Aushaltens zu bewähren. Diesen dauernden Rat zur guten Tat ist "Bild" ihren Lesern schuldig. Armut, Not und Beschränktheit jeder Art derer, die sich nicht bloß die Pfennige einteilen müssen, weil sie das Material staatlicher Ansprüche und geschäftlicher Benutzung sind, wird von "Bild" nicht verschwiegen, sondern lebensvoll ausgemalt. Von den Segnungen des Kapitals und der Demokratie für die Massen, die da verhandelt werden, ist aber so nicht die Rede, vielmehr von einer Welt, die jedem Schwierigkeiten und Chancen gewährt, sich im menschlichen Miteinander zu erproben.

Die Gelegenheiten zum Mitmachen hat jeder, nur taugt nicht alles gleichermaßen, um es als selbstverantwortete Leistung auf den geistigen Prüfstand zu stellen. Die Freiheit moralischer Entscheidung läßt sich an dem, was das Schicksal der Leute ausmacht, angefangen vom geregelten Alltag in der Fabrik, eben schlechter bebildern. In den Tricks, "wo ist meine Mark noch was wert" und "wie bekomme ich mein Recht", und vor allem in den freudvollen Ansprüchen der Familie bekommt die Trostlosigkeit des geregelten Alltags der Untertanen die Würde der Lebenstüchtigkeit, von der nur zu prüfen bleibt, ob sie vielleicht nicht zu tüchtig war und dabei einige Regeln verletzt hat.

Das Schöne ist, daß der von der "Bild" Zeitung unterstützte Wille, zurechtzukommen, sich da so recht in den Genuß der freien Willkür einer anständigen Meinung setzen kann, wo es auf nichts ankommt. Die Alte zuhause macht für sich das Leben gewiß nicht zur Hölle, da braucht es schon eine Institution Ehe. Für die täglichen Reibereien sorgen dann auch ganz andere Sachen als das bißchen Zuneigung, das weiß "Bild" ganz genau, wenn sie täglich in deutschen Schlafzimmern nachguckt.

So fühlt eine ganze Nation einen Tag mit dem lautesten Schnarcher im Land mit. Einerseits kann er wirklich nichts dafür, daß alle Nachbarn vor dieser Geräuschquelle fliehen, und das ist wissenschaftlich erwiesen:

"Laute Schnarcher schaffen 90 Phon, so laut ist ein LKW" (Professor aus Frankfurt).

Andererseits:

"Die geplagte Frau Gisela schläft seit zwei Jahren auf der Couch im Wohnzimmer. Seitdem ist die Liebe eingeschlafen: 'lch kann nicht mehr!'".

Da fragt sich doch, ob nicht jemand was falsch gemacht hat, auch wenn der Schluß fehlt: "Ehe kaputt. Scheidung eingereicht".

Täglich beliefert "Bild" ihre Leser mit deren eigener Unzufriedenheit, liefert ihnen sogar noch Belege, auf die kein normaler Mensch im Traum käme, um ihnen die Tugend der Selbstkontrolle vorzumachen, und vermittelt das als gewieftes Kennertum: "So geht's zu in der Welt." Trost bei diesem trostlosen Geschäft ist billig zu haben. Schöne Beispiele für Mut und Optimismus stehen an jeder Straßenecke.

Penner "Josef Rosmark (45), seit fünf Jahren ohne Wohnung und Job: 'In Deutschland braucht doch keiner zu frieren oder Kohldampf zu schieben'." Und: "Ich habe mit dem ganzen materiellen Kram abgeschlossen. "

Kunststück, wo ihm nichts anderes übrig bleibt, was die "Bild am Sonntag" auch keineswegs verschweigt. Zwischen den Grünen mit ihrer gefährlichen Ausstiegsmentalität - gefährlich, weil sie es nicht einmal ernst meinen - und einem braven Penner muß schon noch unterschieden werden.

Dank Michael Graeter wird auch die Welt derer, bei denen es ganz anders zugeht, täglich zur kundigen Begutachtung vorgestellt. Siehe da: auch die haben ihre liebenswerten Marotten, schlagen sich mit Scheidungsabsichten herum und machen manches falsch - genau so wie wir alle. Dennoch: die Benützung der Telefonnummer 089/282828, um Graeter zum wöchentlichen Stammtisch einzuladen, unterbleibt: "Bild"-Leser wissen, was sich gehört.

Kaum glaublich, aber wahr: "unsere" Politiker haben Heim und Familie. Daß ihre Gören sie zu selten zu Gesicht kriegen und daß sich Politiker den Traum vom Kochen und Abwasch fast nie erfüllen können - einem Genscher müssen solche Versäumnisse als Tugend angerechnet werden.

Liebe z.B. kann sich jeder in jeder Lebenslage leisten. Die materielle Ausstattung dafür geht keinem ab, auch wenn nicht jeder über einen von "Bild " vorgezeigten Busen verfügt. Die Volksbunnies machen dann vor, wofür die Reize gut sind: entweder "hat sich schon ein Filmregisseur" für die Ziege "interessiert" - das ist freilich weniger verallgemeinerbar -, oder sie "hat schon den Richtigen gefunden". Zum Lebensglück wird das bißchen Spaß an der Freud eben nur in der Ehe. "Liebe ist...", wenn das Schnuckelchen seinem Dolfi alle Wünsche von den Augen abliest, weniger deswegen, weil nur solche Idioten durch die Gegend laufen, sondern mehr deswegen, weil sie mit dem staatlichen Trauschein ein Recht darauf haben. Dieses Recht bekommt an quengelnden Kindern, Haushaltsgeld und an den vergänglichen Reizen der Angebeteten seine Bewährungsproben geliefert. "Bild" ist zur Stelle, um täglich neu die Beweise abzuliefern, daß auch im häuslichen Leben nur die Tugend des Aushaltens gilt und gefragt ist.

Für die Rettung des Ehelebens ist die "Jungfrauenwelle", die BamS seit einigen Wochen entdeckt hat, eine ebenso gute Therapie wie das Fremdgehen.

"Sie sind schick. Sie sind ganz schön clever. Und sie sind keusch: die neue Generation junger Frauen, die noch unberührt sind."

Clever, wie diese entdeckten oder erfundenen Moralnudeln sich auf den "Verzicht" stürzen, um hinterher mit geballter Ladung zuzuschlagen: "Ich hebe mich für meine große Liebe auf!" So prima und erstaunlich man das finden soll, glauben braucht es keiner, dafür steht "Bild" ein, die diese Geschichte erfunden hat: "Ganz so schrecklich scheint das alles doch nicht zu sein".

Im übrigen fährt man nämlich auf dem Betätigungsfeld, auf dem bekanntermaßen die reichsten "menschlichen Erfahrungen" gemacht werden, auch mit Normalität nicht schlecht.

"Verheiratete Männer sind die besten Liebhaber"

meint "Bild", um es von seinen Leserinnen untermauern zu lassen. Und kundig wird jedes Vorurteil, mit dem man sich im häuslichen Schlafzimmer einrichtet, bedient. Der Nützlichkeitsanspruch, mit dem sich zwei, "die sich gefunden haben", mangels anderer Gelegenheiten drangsalieren, macht jede Zuneigung kaputt. Da muß es ja Liebe sein, wenn nach dem Schäferstündchen nicht gleich der Kochtopf wartet.

"Wenn wir miteinander schlafen, tut er es nur aus Liebe - er gibt mir das Beste."

"Er macht mir wertvolle Geschenke, verlangt nicht, daß ich für ihn koche und putze.".

"Um seine Probleme brauche ich mich nicht zu kümmern."

Andererseits macht nur die langjährige Praxis im heimischen Ehebett aus Männern gewiefte Liebhaber:

"Verheiratete Männer fragen immer besorgt, ob ich auch zum Höhepunkt gekommen bin. Junggesellen lieben schneller, und was ich davon habe, ist ihnen egal."

Sehr verständlich, daß da manchmal Sicherungen durchbrennen und grundanständige Menschen sich in der Wahl ihrer Mitel vertun.

"Eifersüchtiger erschießt Baby im Mutterleib!

'Ich wollte nicht, daß sie von einem anderen ein Kind bekommt!' Das Geständnis eines eifersüchtigen Schreiners (23), der am Wochenende das Baby im Leib seiner Ex-Freundin Gaby (19) mit einer Schrotflinte erschossen hat. Das Baby war von Gabis neuem Freund."

In Ordnung geht, daß Liebe ein Rechtsfall ist. Nur dann verhilft die atemberaubende Logik zum Verständnis des Täters: Weil er damit einverstanden war, das eigene Kind abzutreiben, fühlte er sich berechtigt, von seiner Freundin beim fremden Kind dasselbe zu verlangen. Noch dazu, wo die "trotzdem weiter mit Steven zusammen wohnte".

Glücklicherweise muß der "Bild"-Leser den vertrackten Fall des Mörders aus Liebe "als Polizei und Notarzt kamen, kniete Steven neben Gabi" - nicht selbst lösen: "verhaftet" und "Staatsanwalt eingeschaltet" heißt die Lösung. Wo andererseits das Opfer mehr für die Verfeinerung des gesunden Rechtsgefühls hergeben soll, sieht der Täter schlecht aus.

Unsere Politiker - Spitze!

Die Heimat dieses geistig bewältigten Mitmenschelns und Mitmachens ist die BRD, aber nicht wie sie sich in den staatlichen Ge- und Verboten ihren Untertanen gegenüber geltend macht, sondern als freudiges WIR. Damit all das gelingt, worauf brave Nationalisten einen Anspruch haben - bis hin zum letzten Länderspiel "unserer Jungs" -, steht der Kohl ein. An seiner Tatkraft gibt es keinen Zweifel, vielleicht muß er sogar dem Neuberger die rote Karte zeigen und "unsere" Nationalmannschaft ohne das Deutschlandlied auf den grünen Rasen schicken!

Aus der Tatsache, daß die Harmonie, für deren Erfolge "uns" andere Völker rundum bewundern, auf einem sehr grundsätzlichen Gegensatz beruht, macht die "Bild"-Zeitung zuletzt ein Geheimnis. Ohne das wäre sie ja auch keine Leistung, auf die Politiker und die durch "Bild" vertretenen Bürger wie ein Luchs aufpassen müßten. Aber erst einmal gilt grundsätzlich: Die Millionen guter Deutscher versuchen anständig mit ihrer Scheiße fertig zu werden, und "unsere" Politiker verschaffen ihnen die nötigen Gelegenheiten und passen auf, daß nichts falsch läuft.

Was der "Bild"-Leser vom Wirken bundesdeutscher Politik im Ausland wissen muß, "Bild" ist zur Stelle: "Kohl zufrieden" mit sich, und "wir" damit, einen solchen Mann zu haben, der "sagt, wo's lang geht". Für die verbesserte Inneneinrichtung der Republik haben er wie andere laufend zündende Vorschläge parat.

"Lambsdorff bittet Raucher, Säufer, Fresser zur Kasse. Wird Kranksein bald für jeden von uns teurer? Ex-Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff (FDP) fordert... mehr Eigenbeteiligung der Patienten an den Krankheits-Kosten... Wenn wir die Kostenexplosion im Gesundheitswesen nicht umgehend wirksam bekämpfen, steigen die Krankenkassenbeiträge auf breiter Front weiter an."

Vergißt man erst einmal, daß Krankenkassenbeiträge von Staats wegen erhöht werden und dieser gleichzeitig die einkassierten Beträge für zu schade Für die Reparatur der Volksgesundheit befindet, dann ist der Weg frei für die Einsicht: "Wir zahlen weniger drauf, wenn wir mehr zahlen"; und dann hat der Lambsdorff eine Lanze für die gesunde Volkserfahrung gebrochen:

"Die Erfahrung zeigt, daß viele Menschen erst sparsam sind, wenn es an den eigenen Geldbeutet geht."

Vergißt man dann noch, daß hier keine Vorschläge ans Volk gemacht werden, dann kann sich das angesprochene Volk bei "Bild" vor und nach jeder politischen Entscheidung zu Wort melden und seine Meinung sagen. Die fällt dann je nach Geschmack aus, von "für mich bringt's nichts" bis zu "find ich Spitze" - nur gut, daß dann einer letztlich entscheidet.

Jetzt haben wir auch noch richtig gewählt und "das rot-grüne Chaos verhindert". Das macht den Kohl richtig zufrieden, und da können die "Miesmacher" einfach nicht recht haben, die den Deutschen eine Unzufriedenheit anhängen wollen.

"Kanzler Kohl: Die Wahlergebnisse in Berlin und Frankfurt zeigen, daß die Bürger mit der Regierungspolitik nicht so unzufrieden sind, wie man das oft hört."

Ein bloßes Propaganda-Organ der CDU/CSU ist "Bild" deswegen noch lange nicht. Sie findet deutsche Politiker viel grundsätzlicher gut. Kaum ist der dubiose Lafontaine im Saarland am Ruder, schon kann "Bild" auch den gut leiden: ein Mensch wie im Bilderbuch und "voll da". Die von oben angesagten Probleme "unseres" Staates, "unserer" Renten und "unseres" Wirtschaftsexports reicht die "Bild"-Zeitung aus Volkes Mund fragend an die Politiker weiter. Die dürfen dann ihre "Kompetenz beweisen" und zeigen, daß sie "die Sache im Griff haben".

Z.B. die Umwelt. Wenn Buschhaus läuft. "Wälder sterben, Kraniche zieh'n", sagt ein Förster und Buntspecht-Liebhaber in der "Bild". Kommt da nicht die Einsicht unserer Politiker zu spät:

"Niedersachsens Ministerpräsident Dr. Ernst Albrecht hat versprochen, daß Buschhaus 1993 nur noch 9000 Tonnen Gift ausstoßen soll. Für den Elm ist dann wohl alles zu spät."

Glücklicherweise steht Albrecht der "Bild" gleich zur Diskussion, gibt dem Problem die richtige Dimension und zeigt damit, daß er die Kraniche im Griff hat.

"Wegen Buschhaus wird kein Kranich fortziehen. Unser großes Problem bleiben die Schadstoffe aus der 'DDR'."

Diesem Mann muß geholfen werden, auch wenn da manchmal harte Worte fallen:

"Umwelt-Bewußtsein fängt eben vor unserer eigenen Haustür an. Da ziehen die Menschen in den Wald (weil man ja nicht weiß, wie lange er noch so gesund dasteht) - und lassen Plastiktüten, Blechdosen liegen, laden gar ihren Müll ab... Das ist, mit Verlaub, eine Schweinerei. Und wer solches anrichtet, ist eben ein solches."

Das hätte kein Grüner schöner sagen können! Unsere aufopferungswütigen Politiker haben an deutschen Unternehmem eine echte Hilfe. Ob "BMW 2500 Arbeitsplätze schafft" oder "Arbed entlassen muß", stets kümmem die sich um die nahrhaften Arbeitsplätze. Und dafür haben sie tolle Einfälle. Da darf man in Hannover für untertarifliche Bezahlung rund um die Uhr acht Tage lang arbeiten:

"Prima! 350 Arbeitslose zu Polygram"

Wie toll das ist, mag zwar nicht jedem einleuchten, aber in "Bild" kann er nachlesen, daß er damit hinter dem Mond ist:

"Was würden Sie sagen, wenn Ihr Chef die Stechuhr einführt? Wenn Sie Samstag und Sonntag arbeiten müßten? Kommt nicht in die Tüte, würden die meisten sagen. Aber genau mit diesen Methoden holt ein Unternehmen Arbeitslose von der Straße, wurde vor der Pleite gerettet. Hat Arbeitsminister Blüm also recht, wenn er Mut zu unpopulären Maßnahmen verlangt?"

Noch eine Frage?

Kleinere MißheUigkeiten, die sich da ab und an zwischen Politikern, Behörden und Unternehmem abspielen, kommen zwar vor, bräuchten jedoch nicht zu sein.

Das politische Rangeln um den Katalysator bedroht die Arbeitsplätze in "unserer" Autoindustrie. Und überhaupt, Herr Kohl, vielleicht doch zu zögerlich?

"Bundeskanzler Kohl will das Thema Arbeitslosigkeit künftig 'stärker besetzen'. Aber was heißt das? Mit Optimismus allein kriegt er keine neuen Arbeitsplätze... Nicht nur von der Sahne reden - endlich schlagen!"

Und da kommt auch der Volksneid auf seine Kosten: Da gibt es doch tatsächlich Politiker, die keine gute deutsche Politik machen, sondern mit unseren Steuergeldern nach Las Vegas jetten. Und hätten Sie's gewußt?:

"Las Vegas hat überhaupt keine Industrie, über die sich die reiselustigen Fünf informieren könnten."

Aber aufgepaßt: Jetzt nur kein falscher Schtuß, sonst ist man bei den

Staatsfeinden

für die die "Bild"-Nation überhaupt kein Verständnis haben kann. Die Russen samt ihrem Gänsefüßchen-Anhang "DDR" sind nun einmal nicht zu leiden. Aber selbst beim Antikommunismus hält es "Bild" für nötig, ihn als eine geistige Haltung, für die entsprechend trostlose Einfälle Trumpf sind, vorstellig zu machen.

Beim Ableben Tschernenkos muß der Hauspfaffe Sommerauer ran:

"Kommt Tschernenko in den Himmel? Holt Gott ihn. Diese Frage... ist klüger, als sie sich auf Anhieb anhört... Ja, auch Tschernenko wird sich vor Gott verantworten müssen."

Den Russki hat ein gerechtes Schicksal ereilt, über das Gott im Westen wacht. Kaum hat der Tattergreis mit seinem Hinscheiden noch einmal die Überlebtheit des östlichen Systems bewiesen - während Reagan vor sich hin strotzt -, schon hat "Bild" ein wissenschaftliches, wortwörtliches Feindbild zum neuen Zaren zur Hand.

"Kreml Fürst - Was sein gesicht verrät

Viel, sagt die Hamburger Diplom-Psychologin Dr. Heidrun Brauer."

Und wie das bei Wissenschaftshoroskopen so ist, je einfacher die Botschaft, desto differenzierter will sie ausgeführt sein. Natürlich spricht die hohe Stirn Für "Hunger nach Macht" und für den "starken Willen, sich notfalls mit Gewalt durchzusetzen". Das kennt man ja von den Brüdern. Als "intelligenter Realist" weiß er aber genau um die Grenzen, in die ihn Kohl und Reagan verweisen. "Das gemütliche Kinn zeigt, daß der Kreml-Chef ruhig und besonnen Risiken abwägt, er ist kein Abenteurer." Eigentlich paßt er gar nicht nach drüben, bei "seiner Freude am guten Leben", noch dazu, wo "die rote Lady" in London Cartier-Ohrringe gekauft und mit "American Express" bezahlt hat. So einer auf der falschen Seite ist erst recht unberechenbar. Sein Volk läßt er hungern und schielt begierig auf den Reichtum, den "wir" uns in aller Freiheit zurückgelegt haben.

Da fällt selbst auf die Erfolgsmeldung:

"Zufrieden flog Bundeskanzler Kohl gestem aus Moskau ab. Er hatte den neuen Kreml-Fürsten nach Bonn eingeladen. Gorbatschow nahm an. Er will mit Unterstützung der deutschen Industrie die sowjetische Wirtschaft ankurbeln, bewundert vor allem den Fleiß der Deutschen."

ein mahnender Wermutstropfen.

"Auch Kohl sollte begreifen, daß schlechte Noten aus dem Kreml nur ein Beweis dafür sind, daß er auf dem richtigen Wege ist... wenn Moskau von Entspannung spricht, meint es sowjetische Vorherrschaft; wenn es mit Bonn besondere Beziehungen pflegen will, meint der Kreml Abkopplung von den USA. Wir hoffen nicht, daß Kohl auf die Desinforrnationspolitik aus Moskau hereinfällt."

Man kennt sie ja, die Friedens-Schalmeien! Auch im Inland heißt es auf die Feinde aufpassen - und gegen die "feigen Mörder" der RAF erfordert das den gesamten Mut eines Politikers, der quer gegen den Strom einer Öffentlichkeit schwimmt, die vor der Gefahr kneift und die Zellen der RAF-Häftlinge zu "Vergnügungslokalen" werden läßt.

"Ein deutscher Politiker beweist Mut. Der CDU-Abgeordnete Dr. Jürgen Todenhöfer über das süße Leben der inhaftierten RAF-Terroristen."

Und wieder einmal muß die "Bild"-Zeitung gegen die Kumpanei der kritischen "Teile der Öffentlichkeit" Partei für das Volk nehmen:

"...was Millionen Deutsche mit Unverständnis und Empörung beinahe jeden Tag zur Kenntnis nehmen müssen: Die Attentäter, die sich die Zerstörung unseres Staates mit brutaler Gewalt zum Ziel gesetzt haben, werden in unseren Gefängnissen weitaus sanfter behandelt alt beispielsweise ein Ehemann, der den Liebhaber seiner Frau im Affekt im Ehebett erschlägt."

Die Terroristen sind nur die Spitze des Eisbergs, gräbt man "Bild"mäßig nach, dann ist die heile Welt der BRD nicht wiederzuerkennen. Die Grünen machen aus ihrer Sympathie mit den Terroristen kein Hehl, die Mehrheit der SPD liebäugelt mit den Grünen und trifft sich in Rom mit den italienischen Kommunisten - alle Spuren führen nach Moskau.

Da tut Entlarvung not, und die ist allemal einen Witz wert, der einem die Socken auszieht. Der Scherz macht klar, wie folgenlos und abwegig das Ganze für den Leser bleiben darf.

"Manche bestaunen sie amüsiert wie ein Exoten-Pärchen. Andere finden den 'grünen' händchenhaltenden General a.D. Battian und die nervöse TV-Aktrice Petra Kelly erotisch überhitzt. Aber so abscheulich sind die beiden gar nicht. Ich habe sie beim (fiktiven) Frühstück erlebt und belauscht. Bastian: 'Liebes, bitte kein Müsli! Es sind doch keine Fotografen da! Reich mal den Schwarzwälder Schinken rüber!'"

Volksbetreuung

So sorgt sich die "Bild"-Zeitung um den geistigen Nährwert der Nation für alle die, die auf ihren menschlichen Anstand halten, wenn ihnen sonst schon nicht viel anderes übrigbleibt. Die haben Lebenshilfe verdient, und die wird ihnen durch die "Bild" zuteil. Über die praktische Wucht der täglichen Glücksmeldungen: "In der Vorsaison Urlaub machen 10% billiger!" "Jetzt nach New York fliegen - sagenhaft billig!" wird sich der normale Mensch, der seine drei Wochen Erholung vom Betrieb vorgeschrieben bekommt, nicht groß täuschen. Das Bier, das heute in einem Schwarzwälder Dorf zum Preis von vor dreißig Jahren ausgeschenkt wird, und die Strumpfhosen, die ein Krefelder Kaufhaus für eine Märk das Stück verramscht, werden kaum auf das Haushaltsgeld durchschlagen. Der theoretische Ertrag ist umso größer: Wenn man will, kann man alles, was einem so täglich passiert, als Chance begreifen - und "Bild" will es. Wer jetzt ganz schnell seinen Lohnsteuerausgleich macht, bekommt ganz schnell viel Geld vom Staat:

"Zu den Glücklichen gehört der Angestellte Jörg Seiffert (29): 'Ich habe gleich Anfang Januar alles fertig gemacht - und meine Rückzahlung schon auf dem Konto.'"

Wer hätte das gedacht:

"Wo kommt unser Pfennig her? Hier! Unsere Münzprägeanstalten sind Pfennigfuchser... Seine Herstellung kostet 1,3 bis 1,4 Pfennig. Aber diese Pfennige sind gut angelegt. Kurt Stratmann (57), Chef der Hamburger Münze: 'Gäbe es den Pfennig nicht, würde mancher Kaufmann gern nach oben aufrunden. Der Pfennig zwingt ihn, auf den Pfennig genau zu kalkulieren.'"

Bei uns ist eben der Kunde König, auch wenn er mit Pfennigen rechnen muß. Der Ausgangspunkt der vorstellig gemachten Lebenshilfe ist ja auch nicht Saus und Braus, sondern die täglich verabreichte Mitteilung, daß jedes Vergnügen seinen Preis hat und daran meistens scheitert. Dafür kommen die Volksweisheiten: 'Gesund ist besser als krank', 'Geld macht nicht glücklich' und 'Erfolg verdirbt den Charakter' nie aus der Mode - bei der "Bild"-Zeitung kosten sie nur 40 Pfennig. Wer sich das Singen und den Anstand nicht verbieten lassen will, der findet im Kiosk täglich sein nationales Notenblatt vor.

"Bild macht dumm!"

Zu Zeiten der Studentenbewegung flogen auch einmal Schreibmaschinen aus den Fenstern des Verlags - unter dem Ruf: "Enteignet Springer!" Davon geblieben ist die schlechte Meinung derer, die wissen, daß "Bild" lügt und das Arbeitsvolk "verführt". Das feste Urteil haben Intellektuelle um so sicherer, je mehr sie es ablehnen, das "Massen"blatt je in die Hand zu nehmen. Wenn im Unterricht 'Manipulation' dran ist, muß die "Bild"-Zeitung herhalten. So viel hat sich da gar nicht geändert. Die damalige "Springer-Kampagne" wollte nicht einen Ausbeuter im demokratischen Propagandazirkus zum Teufel jagen. Man ging auf die Straße, um das "Meinungsmonopol zu brechen". Nicht "Bild" sollte die Massen verhetzen dürfen, sondern "Spiegel"-Fans und Leser der "Süddeutschen Zeitung" drangen darauf, der Rest der Menschheit müsse verantwortlicher betreut werden. Der Vorwurf "'Bild'manipuliert die Massen!" war und ist ein Bekenntnis zu einem staatsnützlicherem Einseifen der so vor "Bild" in Schutz Genommenen; ein Aufruf zu nationaler Menschenführung, die den Massen nicht "plump" Regierung mit Gehorsam übersetzt, sondern sie an den differenzierten Schwierigkeiten und Problemen des politischen Geschäfts teilnehmen lassen will - als wäre Politik besser, als was "Bild" daraus macht. An dieser Illusion sind Intellektuelle so sehr interessiert, daß ihnen bei den täglich servierten Kanzlerworten Manipulation nie einfällt. Die seitenweise Zitierung und liebevolle Ausmalung dieser goldenen Worte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", "Frankfurter Rundschau" und "Süddeutschen Zeitung" fällt für sie unter "objektive Berichterstattung". Wenn die "Bild"-Zeitung jedoch in aller Kürze das Resümee zieht, worauf es also ankommt, dann wissen sie gleich wieder Bescheid: "unsauberer Journalismus!"

Die Parteinahme für die von Springer verführten Massen mit ihrem gesunden Volksurteil - nach Meinung der Kritiker wird es von "Bild" nicht benutzt und gepflegt, sondern überhaupt erst erzeugt ergänzt sich da immer um den elitären Vorwurf, "Bild" würde sich dem schlechten politischen Geschmack und der Sensationsgier ihrer Leser hemmungslos anbiedern.

Da versteht sich auch von selbst, daß "Bild" lügt. Die Nachweise, mit denen Wallraff, alias "Bild"-Redakteur Esser, sich einen Namen gemacht hat, fallen nicht zufällig mager aus. Das Beispiel von der "schwarzen Inge", "die gar nicht Inge, sondern Ingrid heißt und im übrigen nicht schwarze, sondern blonde Haare hatte", kritisiert nicht die Absicht, das Rechtsempfinden des Volkes mit einem Schuldigen zu bedienen. Dieser Standpunkt wird ja geteilt, wenn "Bild"-Redakteuren vorgeworfen wird, sie hätten dabei "unsauber recherchiert". Auf mehr kommt es Intellektuellen nicht an, für die die "sachliche Information" der gehobenen Presse das Höchste ist, was Wahrheit zu leisten vermag.

Im übrigen ist der Vorwurf - ausgerechnet der Lüge und ausgerechnet nur bei der "Bild"-Zeitung - eine einzige Heuchelei. Das wird der Böll doch am besten wissen, daß für anspruchsvolle geistige Botschaften Dichtung und Wahrheit dasselbe sind. Aber Intellektuelle mögen ja die journalistische Parteinahme für den Staat "niveauvoller" und "seriöser".