MOSKAUS SCHULD AN DER POLNISCHEN WIRTSCHAFTSKRISE

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1982 erschienen.
Systematik: 

Transferrubel
MOSKAUS SCHULD AN DER POLNISCHEN WIRTSCHAFTSKRISE

Die antisowjetischen Auslassungen eines polnischen Parteifunktionärs über die Wirtschaftskrise sind in den Westen geraten, und mit ihrer Hilfe hat es der "Spiegel" zu einer veritablen Theorie über die ökonomischen Ursachen des polnischen Niedergangs gebracht.

Nie verfiele der verantwortliche Redakteur auf den Gedanken, in der freien Marktwirtschaft Kauf und Verkauf, Preise und Exporte anders denn als legitime Geschäftspraktiken zu betrachten. Nicht einmal dem Übersee-Ressort käme es in den Sinn, die vielen schönen Dollars, mit denen den afrikanischen Souveränen ihre Dienstleistungen für den Abtransport der jeweiligen nationalen Reichtümer vergolten werden, zum Mittel der Ausbeutung und Grund für das Dahinvegetieren der jeweiligen Völker zu erklären. Allenfalls entdeckt man überaus kritisch eine falsche Verwendung - goldene Betten - oder kulturentfremdende Wirkungen des ins Land fließenden Dollar-Segens.

Aber im Osten. Da gibt es Ausbeutung, mörderische Preise und einen ruinösen Export, eine Ausplünderung bis zur Krise.

"Das ist die erste Ursache der polnischen Wirtschaftsmisere: Der Kreml machte Mitte der 70er Jahre nämlich den Scheichs nach, wie man Extraprofite aus dem Erdöl herausholt. Unter Freunden errechnet sich der Preis nach dem Durchschnitt der letzten 5 Jahre auf dem kapitalistischen Weltmarkt."

Was will der gute Mann den Russen jetzt eigentlich vorwerfen? Daß sie sich mit ihrem Öl den Verbündeten gegenüber als Geschäftsleute aufgeführt haben - ja was müßten denn dann die Freunde Deutschlands in aller Welt von ihren bundesrepublikanischen "Partnern" halten? Oder daß sie sich bloß halbherzig als Geschäftsleute aufgeführt und den Weltmarktpreis für Erdöl mit ihrer 5-Jahres-Durchschnittsrechnung weit unterboten haben? Hätten die Polen gleich dankend verzichten, ihr Ö1 zu reellen Weltmarktpreisen mit Devisen, die sie nicht hatten, in Rotterdam kaufen und statt der moderaten russischen die Extraprofite der Öl-Multis realisieren sollen?

Aufregen soll man sich jedenfalls über einen Sachverhalt, der im Warenverkehr zwischen den kapitalistischen Demokratien und ihren Handelspartnern vor allem der südlichen Regionen gang und gäbe ist und als "Veränderung der terms of trade" gelassen registriert wird: das sowjetische Erdöl wurde teurer, wohingegen "die Preise für die Gegenleistungen, für Maschinen und Konsumgüter und auch für Kohle, weit weniger stiegen." Ja, seit wann sind denn die Freunde eines freien Weltmarkts Fanatiker stabiler Preise und Preisrelationen? Nun: immer dann, wenn sie darauf stoßen, daß die falsche Seite einen Vorteil von Preisveränderungen hat. Dann ist es natürlich extra schön, den regierenden Revisionisten deren Ideologie von den "gerechten Preisen" und ihrer Verletzung im Welthandel hinzureiben, die man für ein normal brutales kapitalistisches Geschäftsgebaren nie gelten lassen würde. Selbst das gibt aber noch nicht das Beweisziel her, das der Polenfreund erreichen möchte: die Notwendigkeit der "polnischen Wirtschaftsmisere". Im Westen hat man das Märchen von den "erpresserischen Ölscheichs", die mit ihren Monopolpreisen die kapitalistische Wirtschaft ruinieren, doch schon längst zu den Akten gelegt: Mehr als die Vergrößerung einiger durchlaufender Posten in den Gewinn- und Verlustrechnungen der Unternehmen und ein paar marginale Veränderungen in den Finanz- und Güter-"Strömen" sind doch gar nicht herausgekommen - und dazu eine kräftige Belebung der Konkurrenz. Wieso sollte dieses Märchen auf das Verhältnis zwischen der Sowjetunion und ihren RGW-Partnern auf einmal zutreffen? An der Tatsache, daß die realsozialistischen Wirtschaftsplaner ihre verstaatlichten Betriebe auf die Erwirtschaftung von Gewinnen verpflichten, gibt es ja einiges auszusetzen - auch dort ist damit Ausbeutung zum Zweck der Ökonomie gemacht! -; aber daß dortzulande die Planwirtschaft ungerührt in eine Katastrophe marschieren würde, bloß weil ein Rohstoff teurer wird, so als wären damit gleich sämtliche Bilanzen der Nation ins Minus gerutscht, das ist doch eine gar zu alberne Vorstellung. Auf eine Analyse der tatsächlichen Auswirkungen gestiegener Ölpreise auf ein realsozialistisch administriertes Preisgefüge läßt der "Spiegel" sich denn auch gar nicht erst weiter ein.

Stattdessen appelliert er an die naive volkswirtschaftliche Vorstellungswelt seiner Leser und bebildert einen angeblichen Ausverkauf der Früchte polnischen Fleißes, für dessen beschworene Notwendigkeit ihm kein Argument gelingen will: Die Ausfuhren stiegen

"von 1971-1980: Eisenbahnausrüstungen von 58 Millionen auf 144 Millionen Rubel, Elektroartikel von 34 auf 137, Lederschuhe von 41 auf 104 Millionen Rubel... Dazu kamen 1979 eine Viertelmilliarde Eier" - Wahnsinn! - "und an die 70000 Tonnen Obst." Wieviele Kirschen mögen das gewesen sein? Nicht auszudenken!

Als Beweismittel sind diese staunenerregenden Ziffern gleich doppelt lächerlich. Ihre Größenordnung nimmt sich neben den Handelsstatistiken der EG-Länder lachhaft aus und kann nur beeindrucken, wenn jemand den Außenhandel einer "Industrienation" am eigenen Portemonnaie mißt. Zum andern bebildern sie einen Vorgang, der, im kapitalistischen Handel mit den "erpresserischen Ölscheichs" stattfindend, die besten volkswirtschaftlichen Zensuren bekommt: Durch steigende Exporte in die Öllieferländer holen "unsere" Industrien "die Ölmilliarden zurück". Auch das ist zwar eine dumme Vorstellung, weil sie das wirkliche Kriterium derartiger Exportgesctiäfte, den Gewinn, herausläßt und die Repatriierung eines ins Exil gewanderten Schatzes als ihren Zweck fingiert. Aber gleichviel: Wieso soll es ausgerechnet im Falle Polens kein Geschäft sein können, wenn die nationalen Industrie- und Landwirtschaftsbetriebe immer mehr Güter im befreundeten Ausland absetzen? Ganz einfach: Es ist kein Geschäft, von dem der Westen einen Vorteil hat - also muß es ganz einfach für Polen ein Minusgeschäft sein.

"In jedem westlichen Land würde man sich über dieses Verhältnis (der polnische Maschinenexport übersteigt den Import aus der Sowjetunion um das Zweifache) freuen - doch bei so ungünstigen Verrechnungspreisen bedeutet dies einen gewaltigen Verlust."

Wer verliert da eigentlich was? Daß Preiserhöhungen bei einem Produktionsmittel für die realsozialistischen Planer ein erstklassiger Anlaß sind, mit den Kosten anderer "Produktionsfaktoren" knapper zu kalkulieren, insbesondere mit den in dieser Hinsicht flexibelsten, den Löhnen, das glauben wir sofort. Daß sie aber unter Preisgabe jeder Gewinnkalkulation ihre Produkte an ihre Erdöllieferanten, quasi verschenkt hätten, halten wir für ein Gerücht, das auch dadurch nicht an Glaubwürdigkeit gewinnt, daß seine Urheber "sich an seiner offenkundigen Absurdität erfreuen:

"Moskau erhöhte fortlaufend den Preis des Erdöls, das die polnische Industrie brauchte, um ständig mehr Waren für die Bezahlung dieses Erdöls zu produzieren. Für dieses absurde Spiel mußte fortloufend mehr investiert werden."

Absurd ist allerdings die "Spiegel"-Konstruktion: Auf der einen Seite endlos steigende Kosten, auf der anderen die polnischen Produkte, von denen wegen ihrer geringeren Preise immer mehr hinüberwandern, also immer mehr verfertigt werden müssen, so daß immer mehr Öl gekauft werden muß. Wäre das die Natur des polnisch-sowjetischen Handels gewesen, dann hätten sie es doch am besten einfach gelassen, die Polen. Welches Land würde schließlich bei einem ständigen Verlustgeschäft unverdrossen immer weiter für den Export produzieren, und das über ein Jahrzehnt hinweg mit der Aussicht auf wachsenden Verlust, statt die Produktion einfach einzustellen? Doch der volkswirtschaftliche Milchmädchenverstand glaubt lieber an seine zum Zwecke antisowjetischer Beschwerden und Vorwürfe zurechtgedrechselten Absurditäten als daran, daß die realsozialistische Planung - zwar längst nicht so brutal wie kapitalistische Konkurrenten, aber effektiv genug - den Gewinn als Prinzip und Kriterium allen Wirtschaftens vorschreibt.

"Weiches" Spielgeld für harte Polenprodukte?

Irgendwie muß es aber selbst dem "Spiegel" bei aller antisowjetischen Begeisterung etwas zu dünn vorgekommen sein, die gesamte polnische Wirtschaftsmisere aus den Unterweltmarktpreisen des sowjetischen Erdöls abzuleiten. Deswegen spult er die gleiche "Argumentation" noch einmal an dem Geschäftsmittel ab, über das die RGW-Staaten ihren Handel untereinander abrechnen, dem Transferrubel - ungeachtet dessen, daß er seiner Erdölsage dabei bisweilen direkt widerspricht.

"Verrechnet wurde per Transferrubel, die sich in harte Westwährung nicht transferieren lassen... Die Polen verkauften ihre Produkte an die UdSSR, wofür sie den weichen Transferrubel erhielten."

Was mag an diesen Dingern wohl "weich" sein? An den Devisenbörsen, wo täglich der Nationalkredit der kapitalistischen Nationen taxiert und über seine Ent- und Aufwertung entschieden wird, werden sie doch gar nicht gehandelt. Und wenn man sie ins Verhältnis zu den Preisen für den Stoff setzt, der laut Argument Nr. 1 damit vor allem zu bezahlen war, nämlich zum Erdölpreis, ist der Transferrubel, im Vergleich zum Dollar beispielsweise, bemerkenswert stabil geblieben. Weshalb hätten die Polen überdies ihre Rubelbestände in Westwährungen verwandeln sollen oder wollen, wenn es doch die sowjetischen Öllieferungen sind, die jeden verdienten Transferrubel wieder aufsaugen? Man braucht diese Dummheiten aber bloß konsequent genug weiterzuspinnen, dann kommt wieder die schöne plausible Absurdität heraus:

"Für dieses absurde Spiel" - nämlich: gebe polnische Ware gegen nichtsnutzige Rubel - "mußte fortlaufend mehr investiert werden."

Wir würden ja durchaus zugeben, daß die Polen bisweilen nicht ganz bei Trost sind; aber daß ihre Ökonomen dem Grundsatz huldigen: Wenn schon Verlustgeschäft, dann muß es die Masse bringen! glauben wir doch nicht so unbesehen. Dem "Spiegel" gefällt dieser Einfall aber sehr gut; denn jetzt läßt sich endlich der Westen mit seiner Kreditpolitik gegenüber Polen auf die unverfänglichste überhaupt denkbare Weise ins ökonomische Unsinnsspiel bringen: Polen macht laufend zunehmende Verlustgeschäfte mit dem Transferrubel - und:

"Die Mittel dafür kamen vor allem aus dem Westen." Na klar: Der Westen hat den Polen Devisen und Güter geschenkt, damit diese sie gegen ein bißchen Erdöl an die Russen weiterverschenken; denn die sind die eigentlichen und einzigen geld- und warenhungrigen Geschäftsleute auf der Welt!

"So sparte Moskau selbst die raren Devisen, auf Kosten der Polen - und des Westens."

Vollständiger kann man die Ökonomie des Osthandels wirklich nicht auf den Kopf stellen. Also noch einmal von vorn: Warum ist es überhaupt so ein schlimmer Mangel am Transferrubel, den die Polen mit ihren Ostexporten massenhaft verdient haben - ungeachtet der mörderischen "Preisrelationen"... -, daß er kein kapitalistisches Geld, nicht in Dollar oder DM zu konvertieren ist: Offenbar doch, weil die Polen westgängige Devisen brauchen. Warum brauchen sie die aber: Vom Standpunkt des weltwirtschaftlichen Milchmädchens wäre die Sache doch sehr einfach; Wenn sie westliche Waren brauchen, aber nicht über das nötige Geld verfügen, dann unterbleibt das Geschäft. Und wenn der Westen ihnen die benötigten Mittel "gibt", wofür müssen sie sich dann Devisen beschaffen:

Nun eben: Weil sie die empfangenen Mittel verzinsen und zurückzahlen müssen. Und das ist eine ganz andere, viel härtere Sorte Geschäft als alles, was sich am sowjetischen Erdöl und am Transferrubel bemängeln läßt. Der Kredit ist nämlich der Hebel, und er ist das einzige ökonomische Mittel auf der Welt, einer Nation Leistungsverpflichtungen, nämlich in Form von Zahlungsverpflichtungen aufzuerlegen, die ihre Leistungsmöglichkeiten, nämlich ihre Zahlungsfähigkeit übersteigen, und so in Form eines Mangels n Zahlungsmitteln eine ökonomisch erzeugte Notsituation zum Ausgangspunkt und zum obersten Kriterium einer ganzen Volkswirtschaft zu machen.

Wie eben dies in Polen vor sich gegangen ist, das plaudert der "Spiegel" in seinem Fanatismus, der Sowjetunion alles Böse ans Bein zu binden, unversehens immerzu aus. Völlig ungerührt erzählen seine Fauchleute gleich hintereinander, wie frei die westlichen Geschäftsleute mit den polnischen Angeboten umgesprungen sind: daß sie ihnen erstens gar nicht gepaßt haben -,

"Polens Maschinen, Computer, Autos waren im Westen nicht absetzbar, nicht konkurrenzfähig" -

und zweitens wenn, dann nur zu Preisen, die den östlichen Partner bitter haben spüren lassen, daß hier seine Notlage: seine Notwendigkeit, sich Devisen zu beschaffen, zynisch ausgenutzt wird - woraus der "Spiegel" ganz lässig wieder einen Vorwurf an die polnische Seite macht: Verkaufen ließen sich

"Fertigprodukte, Textilien zu Schleuderpreisen, auf Kosten deutscher Arbeitsplätze in der Textilindustrie."

Da stimmt also einmal tatsächlich, was der "Spiegel" dem Polengeschäft mit der Sowjetunion ankreiden möchte, daß sich nämlich mit den Geschäftsbeziehungen und ihrem ergiebigen Fortgang lauter Verluste akkumulieren: Unter dem Zwang des Kredits verkehren die Vorteilsrechnungen einer Nation sich tatsächlich so in Kalkulationen mit Alternativen ihres sicheren Schadens. Zwecks theoretischer Bewältigung dieses Aspekts der Sachlage steigen die "Spiegel"-Experten lässig auf die Kleine-Leute-Moral um, wonach Schulden und sträflicher Leichtsinn nächstens beieinanderliegen:

"Über die Rückzahlung der Devisen machte sich offenkundig niemand so recht Gedanken, am wenigsten Polens Gierek."

Aber der "Spiegel" läßt taktvollerweise die Schadenfreude auch wieder in Mitleid übergehen, weil sich ja die ganze Anklage auf die Ausbeuter im Osten konzentrieren soll: Die Sowjets haben in Polen Sachen gekauft, die auf Grundlage westlicher Kredite produziert wurden. Und der Gipfel der Gemeinheit:

"Die Sowjets nahmen stets vom Besten" -

die schönen polnischen Waren, gerade noch der letzte Ramsch, der nur unter Preis im Westen loszuschlagen ist, geraten zu unglaublichen Wertobjekten, wenn die Russen sie kaufen - natürlich zu billig! Das Ganze mündet logischerweise in schaurig-schöne Bilder vom schieren Abtransport gen Osten, mit denen die "Spiegel"-Gelehrten ein letztes Mal aus Versehen jeden Verdacht widerlegen, das sowjetische Polengeschäft ließe sich auch nur entfernt mit den ökonomischen Zwängen vergleichen, die die massive Kreditierung einer Volkswirtschaft nach sich zieht. Während der kapitalistische Osthandel schon längst mit Devisenschulden in Milliardenhöhe operierte und den Dollar zum obersten Kriterium planwirtschaftlicher Effektivität und Ausbeutung aufbaute, wurde

"im Comecon Ware gegen Ware getauscht, wie in der späten Steinzeit."

Nur wenig moderner wurde dieser Tauschhandel, auch dies Gegenstand besserwisserischen "Spiegel"-Gespötts, mit der Umstellung des Rechnungswesens im RGW auf den Transferrubel: vom Jonglieren mit Krediten nach wie vor keine Spur; stattdessen sogar im Geschäft mit dem Westen das stets entrüstet zurückgewiesene, allenfalls auf polnische Kosten akzeptierte Ansinnen, westliche Ausfuhren durch Kompensationsgeschäfte bezahlt zu machen. Der Westen wollte eben immer schon lieber Kredite "verschenken", während die Sowjets ihren polnischen Brüdern weggerafft haben, was sie nur kriegen konnten - dafür bürgt dem "Spiegel" in letzter Instanz sein polnischer Gewährsmann mit seiner nationalpolnischen Auffassungsgabe für asiatische Handelsmethoden:

"An dieser Stelle möchte ich daran erinnern, welch ein Bild sich dem polnischen Durchschnittsbürger bot, der allabendlich die Tagesschau im Fernsehen ansah. Aus dem Fernsehen erinnern wir uns alle an die unablässigen Pilgerfahrten sowjetischer Wirtschaftsfunktionäre nach Warschau in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre. Sogar die Leiter der Wirtschaftsressorts drittrangiger (!) asiatischer (!) Sowjetrepubliken reisten an und unterschrieben Verträge. Mit schöner Regelmäßigkeit verschwanden nach jedem dieser Besuche die Waren oder Rohstoffe von unserem Markt, die gerade in den Zuständigkeitsbereich des jeweiligen Besuchers fielen..."

Während die gegen Westdevisen verscherbelten polnischen Gänse, Kohlen, Schiffe usw. wohl auf dem polnischen Markt verblieben, oder wie?

Kurzum: Ausbeutung in Polen haben die Russen betrieben. Ausbeutung ist nämlich, da bleibt sich der bürgerliche Sachverstand treu, wenn man so viele Güter wegnimmt, daß hinterher keine mehr übrig sind. Die Russen stehen für diese moderne Variante des Raubrittertums - die polnische Tagesschau beweist es!

Ausbeutung dagegen in der zivilisierten Form des Kredits verdient diesen Titel nie und nimmer. Denn das gelungene Geschäft, das es sich leistet, Zahlen mit vielen Nullen hintendran zeitweilig umzubuchen, einen Schuldschein ein paar Jahre liegen zu lassen und "nur" Zinsen zu kassieren; das es sich ebensogut leistet, Zahlungen des Schuldners ganz davon abhängig zu machen, ob die angebotene Ware den eigenen Geschäften nützt, diese Art Geschäft kann allein wegen ihres Erfolgs nie in den Verdacht geraten, mit der polnischen Krise irgendetwas zu tun zu haben. Der frühere "Großmut", aus dem die Kredite überhaupt bewilligt wurden, nämlich um einen Stützpfeiler des RGW für den Westen aufgeschlossen zu machen, verlangt nun bloß seinen gerechten Preis. Und während der Westen einen Staat, der seine ganze Wirtschaft an ihn verpfändet hat, in den Ruin treibt, indem er auf Einlösung seiner Forderungen besteht, erteilen ihm seine Apologeten die Absolution und erklären das Scheitern Polens durch den erzwungenen Totalausverkauf gegen wertlose Transferrubel.

Ideologische Marschmusik

Wenn ein polnischer Parteifunktionär Listen all der Waren aufstellt, die in die Sowjetunion verkauft werden, und darin die Ursache für den desolaten Zustand der nationalen Ökonomie sehen will, so ist das der ostblockübliche Nationalismus. Dem will weder an der revisionistischen Regelung der Produktion etwas auffallen, die einerseits Gewinnproduktion, andererseits alle möglichen Einschränkungen im Gebrauch der Produktivkräfte anordnet, noch am Handel mit dem Westen, der die begehrten Mittel des Wachstums erbringen soll. Stattdessen gilt für alles, was im Land fehlt, die Generalerklärung, daß es die Bruderstaaten weggeholt haben. Dasselbe wie die Polen über die Russen, denken übrigens die Russen über die Polen.

Wenn der "Spiegel" und die anderen deutschen Zeitungen sich diese nationalistischen Dummheiten mit großer Freude zu eigen machen, dann tun sie ihre Pflicht und sorgen für das gute Gewissen des deutschen Imperialismus, der Polen benutzt, dabei ökonomisch zersetzt hat und jetzt bewußt ruiniert. Wenn schließlich auf der anderen Seite des Atlantik zwei exilierte Nationalisten, Zygmund Nagorski, Direktor des Aspen Institute for Humanistic Studies und M. K. Dziewanowski, Professor für Geschichte an der Universität Wisconsin, "anhand von polnischen Dokumenten, die im Zuge der Warschauer Liberalisierung an die Oberfläche gerieten", dieselbe These abschreiben, "daß die Ausbeutung durch die Sowjetunion der polnischen Wirtschaftskrise zugrundeliegt", dann handelt es sich, wie die "Neue Zürcher Zeitung" zutreffend bemerkt, um "Schützenhilfe für die Administration".

"Verfechter eines harten außenpolitischen Kurses Washingtons gegenüber der Sowjetunion suchen nicht zuletzt unter Hinweis auf die Weise, wie Moskau die Satelliten im Ostblock verwendet, die Diskussion über die polnische Schuldenfrage hinaus auf das von Weinberger angeschnittene überragende Problem zu lenken... Das sicherheitspolitische Dispositiv bleibt löchrig, solange nur der Handel angetastet wird."

Was könnte da wohl besser in die Landschaft passen als der aus "an die Oberfläche geratenen Dokumenten" geführte wissenschaftliche Beweis, daß die über die westlichen "Finanzierungsinstrumente" bewerkstelligte Ruinierung Polens seiner ökonomischen Befreiung von den Russen dient -?! Jedenfalls eine denkbar passende ideologische Marschmusik für den ersten Schritt zur längst überfälligen Befreiung Polens vom Sowjetjoch...