MORAL - DAS GUTE GEWISSEN DER KLASSENGESELLSCHAFT

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1986 erschienen.
Systematik: 

MORAL - DAS GUTE GEWISSEN DER KLASSENGESELLSCHAFT

I. Von der bürgerlichen Freiheit, ihren Schranken und deren Bestätigung durch eine moralische Gesinnung

Die paar Sachen, auf die es wirklich ankommt in der kapitalistischen Gesellschaft und ihrem demokratischen Staat, werden von den subjektiven Auffassungen über sie, von der Billigung durch die Leute nicht abhängig gemacht. Daß auf seiten der "Betroffenen" die verschiedensten Leistungen und ihr Gehorsam kalkuliert und bedingt, also stets widerrufbar erbracht würden, ist weder in den Instituten des Rechtsstaates noch sonstwo vorgesehen.

In den Betrieben einer modernen Nation ist "Arbeitsmoral" ein Fremdwort geworden: Die Leistungen, für die Lohnzahlungen sich lohnen, sind den Arbeitsmitteln einprogrammiert - als "technischer Sachzwang", der den eingestellten Arbeitern wenig zu entscheiden übrigläßt. Zur totalen Verfügbarkeit für den "Arbeitsmarkt" und die "Arbeitgeber" braucht ein Zeitgenosse sich schon gar nicht eigens zu entschließen; der ökonomische "Sachzwang " des Geldverdienens und die vom Sozialstaat eingerichtete Alternative der Verelendung sorgen dafür. Der Staat, der mit seinen Gesetzen alle ökonomischen Zwänge erst in Kraft setzt, überläßt den Respekt vor seinen Entscheidungen erst recht keiner Privatmeinung. Verwaltung und Polizei machen eine Existenz außerhalb der staatlichen Festlegung von Rechten und Pflichten unmöglich; ihre Dienste an einem bürgerlichen Dasei aller Individuen stellen sie niemandem zur Wahl. Eine moderne Staatsgewalt konkurriert nicht mit anderweitigen Vorlieben ihrer Bürger, sondern regelt das Geschehen souverän mit Hoheitsakten. Der Laden läuft, ohne daß die Politiker ihre wahlberechtigten Massen zu den Dienstleistungen, die sie zu erbringen haben, erst überreden müßten. Nicht einmal die Politiker selbst, geschweige denn die Manager des Geschäfts müssen unbedingt ihren "Aufgaben" von Herzen zugetan sein, damit die Akkumuiation des Reichtums und die politische Indienstnahme des Volkskörpers ihren Gang gehen. Die Konkurrenz der Macher untereinander stellt sicher, daß eine fehlende "Leistungsmotivation" an wichtiger Stelle keinen wichtigen Zweck zum Kippen bringt. Die politische Gewalt im modernen Staat und die durch sie in Kraft gesetzten gesellschaftlichen Interessen bestimmen vielmehr den Willen der betroffenen Subjekte so, daß sie gar nicht mehr als die Wirkungen von Herrschaft daherkommen, sondern als unverzichtbare Voraussetzungen für das Treiben der verwalteten Massen. Der Zwang der Staatsgewalt und die Zwänge des kapitalistischen Wirtschaftslebens sind so unbestreitbar wie Naturgegebenheiten - und rufen ausgerechnet dadurch die Freiheit der Individuen auf den Plan, alle diese "selbstverständlichen" Lebensbedingungen wie MitteI anzusehen, auf die "man" nun einmal verwiesen ist. Sie bieten sich als geeignete Einrichtungen an - für eine bürgerliche Lebensführung, die weiter keinen übermäßigen Einschränkungen unterliegt: Keine demokratische Obrigkeit diktiert ihren Bürgern bestimmte Arbeitsplätze, Wohnorte oder Familienverhältnisse zu; Willkür der Herrschenden ist grundsätzlich durch Rechtssicherheit ersetzt. Jedes Subjekt nimmt sich in diesen Verhältnissen vor, worauf es ihm ankommt - und braucht sich darin weiter keine Vorschriften machen zu lassen. Die Errungenschaft der Banknote und die erlaubten Formen ihres Erwerbs, der freie Wohnungsmarkt samt sozialen Beihilfen, das Standesamt und die Lohnsteuerkarte mit ihren Rubriken für 'verheiratet' und 'Kinder' sind der individuellen Freiheit als Mittel ihrer Betätigung an die Hand gegeben. Insofern hat ein jeder im bürgerlichen Klassenstaat und dessen ökonomischen Einrichtungen eine Welt voller - allenfalls unterschiedlich verteilter - Chancen vor sich.

Diese haben allerdings den kleinen Haken, daß sie einen beliebigen Gebrauch gar nicht zulassen; allzu vielen ist die Erfahrung vertraut, daß sie ihre kleinen und großen Lebensziele nicht erreichen. Und eine objektive Würdigung der "Chancen" könnte sie leicht lehren, daß die ihnen gebotenen Gelegenheiten nur der Weg sind, sie den Zwecken der Klassengesellschak und ihrer öffentlichen Gewalt dienstbar zu machen. Geld und Konkurrenz, Mietwohnungen und Lohnstreifen, Personalausweis und Sozialversicherungskarte sind durchaus zweckmäßige Dinge - bloß nicht für beliebige Vorhaben eines freigelassenen Subjekts und schon gar nicht für die materiellen Bedürfnisse der Leute, die als umfassend betreute und nutzbar gemachte Lohn- und Gehaltsempfänger durch die Welt laufen. Sie sind die Instrumente von Interessen des Geschäftslebens und der Staatsgewalt, die den Materialismus der Massen - die deswegen auch die "kleinen Leute" heißen - durchkreuzen. Die Bedingungen einer bürgerlichen Existenz "bedingen" keineswegs deren Erfolg, sondern gewährleisten die Herrschaft des Kapitals und die Souveränität des Rechts. Und das schließt eine gewisse Widrigkeit gegen die Lebensinteressen von Lohnarbeitern und sonstigen Normalbürgern ein. Der Gebrauch der ökonomischen und politischen "Lebensmittel" der modernen Gesellschaft ist zwar frei, für die meisten aber ruinös.

Chancen, die den Lebenserfolg be- und verhindern: dieser Widerspruch will bewältigt sein. Natürlich können die Betroffenen von ihm auf die herrschenden Zwecke schließen, die ihren angeblich so sachlich neutralen Lebensbedingungen innewohnen; und sie täten gut daran, diesen Schluß zu ziehen. Denn damit ist der Interessengegensatz, den die Recht setzende Gewalt organisiert, richtig auf der Tagesordnung, und den Klassenkampf brauchen sie nur noch zu gewinnen. Damit wäre das seltsame Paradox allerdings aus der Welt und nicht konstruktiv "bewältigt".

Die produktive Alternative kommt mit einem Fehler der Betroffenen in Gang. Die Subjekte, die mit ihren freien Zwecken an den vorhandenen Chancen scheitern, werden skeptisch nicht gegen die trügerischen "Mittel", sondern gegen ihren eigenen Materialismus. Nicht die so unhandlichen Bedingungen ihres Daseins stellen sie in Frage, sondern sich bei ihrem Umgang mit den gar nicht unbegrenzten Möglichkeiten. Und bei den anderen, die ihnen mit ihren Interessen im Wege sind, halten sie es genauso. Auch die kommen in den Genuß der heißen Frage, ob ihre gelungenen oder gescheiterten Unternehmungen eigentlich in Ordnung gehen.

Diese Frage prüft nicht den Inhalt, der den eigenen Vorhaben und den Lebensprogrammen anderer einbeschrieben ist. Getrennt davon wird sich auf die Suche nach einer Rechtfertigung gemacht, die allen möglichen Handlungen zugeschrieben wird oder auch nicht. Dieses Verfahren entdeckt jenseits aller Bestimmungen, die sich an einem Geschäft, einer Arbeit, einer Hochzeit, einer politischen Maßnahme etc. ausmachen lassen, die immergleiche Qualität eines guten bzw. schlechten Zwecks, gewissermaßen eine aparte Zwecksetzung, die für alle (Un-)Taten dieser Welt entscheidend sein soll. Der Maßstab, der in den so verfertigten moralischen Urteilen in Anschlag gebracht wird, nennt sich Wert und hat mit dem gleichnamigen harten ökonomischen Maß des materiellen Reichtums herzlich wenig zu tun.

Das Bedürfnis, das die Konstruktion dieses ideellen Kriteriums allen Treibens anleitet, ist nicht schwer auszumachen. So melden sich rechtschaffene Menschen zu Wort, die sich am Erlaubten und Verbotenen orientieren, sich an ihrem Erfolg im Leben stets im Rahmen der gültigen, gesellschaftlich gebotenen Mittel zu schaffen machen - und die bemerken, daß sie darüber in manchen Gegensatz zu ihren Zeitgenossen geraten. Das Ideal, das sie sich von den widrigen Abhängigkeiten zurechtlegen, ist das eines allgemeinen Wohls, zu dem die gegensätzlichen, aber doch so roneinander abhängigen Interessen etwas beizusteuern hätten. Die eigene Bereitschaft zur Unterwerfung unter die "Regeln" von Staat und Markt figuriert als Verdienst, das man bei jedermann als Pflicht einklagen möchte. So verstehen sich modeme Menschen wider alle Erfahrung darauf, von einem positiven Verhältnis zwischen allen möglichen Anliegen auszugehen und dieses Sollen sich und anderen vorzurechnen, weil sie sich auf die realen Gegensätze, die sie zu spüren kriegen, einlassen wollen.

Ihr Vorbild hat diese seltsame Sorte (Selbst-) Kritik in Anspruch und Praxis des Rechtsstaats, alle Interessen und Bedürfnisse nach Recht und Gesetz zur Konkurrenz um die nötigen Mittel erst zuzulassen oder auch nicht, den einen seine Gewalt entgegenzustellen, den anderen zu leihen. Da muß es sich jeder gefallen lassen, als Partei behandelt und hoheitlich in die Schranken eines übergeordneten Interesses gewiesen zu werden. Bürgerliche Menschen lassen sich aber nicht einfach so als Untertanen des Rechts behandeln. Sie sind so frei, die Beschränkungen, die ihnen angetan werden, durch die Frage nach eigenen, inneren Maßstäben des Erlaubten und Unerlaubten zu überrunden und ihre eigene Aufsichtsbehörde zu spielen.

So kommen freie Menschen überein, Dienstbarkeit als den Inbegriff ihres freien Willens zu verstehen. Denn es ist Dienst, nach fremder Zwecksetzung zu handeln. Dies freiwillig zu tun, fremde Zwecke prinzipiell zu respektieren, bedeutet Dienstbarkeit. Einen Menschen mit der Frage zu konfrontieren, ob seine eigenen Zwecke eigentlich in der Übereinstimmung mit (allen) anderen ihre Zielsetzung hätten, unterstellt als größte Selbstverständlichkeit, daß ein freier Wille erst und nur dann etwas taugt, wenn er sich als dienstbar bekennt.

Dieses Bekenntnis, ob einer es sich selbst oder anderen abverlangt oder es ihm abgefordert wird, ist das Gegenteil der Einsicht, daß moderne Menschen im freien Gebrauch ihrer staatlich garantierte Existenzbedingungen dienstbar sind - nämlich: einen Geld- und Warenumschlag, ein System der Lohnarbeit, einen nach innen wie nach außen mit souveräner Macht auftretenden Staatsapparat und ähnliche "Einrichtungen" in Schwung halten, in denen alles zweckmäßiges Mittel ist, längst bevor die Subjekte mit ihrer Lebensplanung daherkommen - und sich massenhaft blamieren. Fragen, wie "Wozu leben die Menschen?" oder "Wofür sind meine Zwecke gut?", als theoretische Erkundigung ernst zu nehmen und mit einer Analyse des Marktgeschehens und der Staatsgewalt zu beantworten, wäre eine Themaverfehlung, die sich noch dazu den Vorwurf des Zynismus gefallen lassen müßte. Denn das führte ja schnurstracks zurück in die Niederungen der handfesten Interessengegensätze und Zwänge, wo es gerade ums genau Entgegengesetzte geht: um die Idee eines letzten Worumwillen, das über alles faktische Scheitern hinausreicht und jeden armen Tropf als freien Parteigänger eines Werts vereinnahmt, der gar nicht scheitern kann in dem Sinn.

Die richtige Skepsis gegen den eigenen und anderer Leute Willen verlangt also furchtbar prinzipiell nach einem Sollen, in dessen Namen der freie Mensch sich überhaupt erst so recht zu betätigen traut. Mit diesem Hilfszeitwort kommt die Moral in die Welt.

II. Von den trostlosen Bemühungen, die Moral als Hebel für scheiternde Interessen zu nutzen

Ein Mensch mit Moral hat weder neue Bedürfnisse noch - erst einmal - andere praktische Sorgen als bisher. Er hat ein zusätzliches Anliegen: Daß seine Interessen und Nöte "bloß" die seinen sind, will er sich nicht nachsagen lassen. Die Bedürfnisse, die und wie er sie wirklich hat, setzt er in ein kritisches Verhältnis zu einem fiktiven Allgemeinen, das dazu passen soll: Er interpretiert sie als Rechte und Pflichten.

Den Leitfaden für diese Verhältnisbestimmung gibt das bürgerliche Recht her - nicht der Buchstabe des Gesetzes, sondern sein Prinzip. Daß Interessengegensätze und Zusammenstöße zwischen individuellen Anliegen und vorgegebenen Regelungen nicht ausgetragen und aus der Welt geschafft gehören, sondern nach Maßgabe eines verbindlichen Bescheids "von oben" fortbestehen und weiterwirken sollen, und daß die entscheidende Instanz von allen streitenden Parteien Anerkennung als die unantastbare Voraussetzung der strittigen Interessen selber verlangt, wenn sie Sieg und Niederlage zudiktiert: Dieser Zynismus des Rechts findet in der Moral der Betroffenen die freizügigste Nutzanwendung. Mit seinen Interessen möchte da keiner herausrücken, ohne zugleich als Anwalt aller Zwecke und Einrichtungen, zu denen er in Gegensatz gerät, und mit dem Gestus des überparteilichen Schiedsrichters, der nur für alle Beteiligten das Beste will, aufzutreten. So möchte ein jeder seine Bedürfnisse und Anliegen aber um so glanzvoller und - erfolgreicher vorbringen. Die Kehrseite der Bescheidenheit, die jedes auch eigene Interesse als niederen Trieb beargwöhnt, solange sich kein allgemeiner Wert gefunden hat, in dessen Dienst es steht, ist ja der Anspruch an alle anderen, im Namen des entdeckten allgemeinen Werts dem vorgebrachten Interesse geneigt und willfährig zu sein. In ihrem wohlverstandenen, nämlich ebenfalls moralisch reflektierten Eigeninteresse sollen sie sich vereinnahmen lassen für die Zwecke ihres Gegenspielers. Hausbesitzer setzen die Miete herauf, um ihren Mietern weiterhin alle erdenklichen Annehmlichkeiten bieten zu können - anständige Mieter sträuben sich mit dem Verweis auf die Vorteile, die der Hausbesitzer gerade von ihren erstklassigen Wohnmanieren hätte. Gewerkschaften fordern Lohn - wenn überhaupt -, einzig, um den Unternehmern die Versilberung ihrer Waren durch zahlungskräftige Endverbraucher zu sichern - Unternehmer senken Lohn und Personalbestand, damit die einen ihren Arbeitsplatz behalten können und die anderen vom Aufschwung dereinst wieder in Lohn und Brot gesetzt werden können. Die einzelnen "Lohnempfänger" bestehen auf der doppelten Bedeutung des Wortes "Verdienst" und erinnern ihre Vorgesetzten an den extravaganten Nutzen, den Abteilung und Firma aus ihrer Arbeit ziehen - die Leitung gibt dieselbe Lüge zurück und erklärt es für unmöglich, daß einer mehr verdient, als er verdient. Sozialminister setzen die Renten herab, damit diese sicher bleiben - die Betroffenen pochen auf frühere selbstlose Dienste, als müßten sie den Verdacht auf Habgier entkräften, wenn sie von ihrem monatlichen Tausender nicht auch noch die Krankenkasse bezahlen müssen wollen. Jeder beruft sich aufs Gemeinwohl - die methodische Grundkategorie der Moral, die gar keinen Inhalt bezeichnet, sondern das Verfahren der Erzeugung eines Scheins von Allgemeingültigkeit für ein besonderes Interesse.

Die Interessengegensätze, die so standhaft verleugnet werden, gedeihen im Zeichen des Gemeinwohls prächtig. Ihre Leugnung, die ständige Vereinnahmung der Gegenseite, ist ja keine Preisgabe des eigenen Zwecks; und es ist das Gegenteil der Bemühung, dem Inhalt eines Konflikts auf den Grund zu kommen, so daß man den einen oder anderen Streitpunkt wegen eingesehener Torheit auch mal beilegen könnte und sich dafür um die wichtigeren so kümmern, wie die wirkliche Interessenlage es verlangt. Die moralische Betrachtung hebt alle Gegensätze auf eine neue Stufe, indem sie lauter Handhaben für den beständigen Versuch bietet, feindliche Zwecke mit deren eigenen Waffen zu schlagen, nämlich mit einem Schein von Allgemeingültigkeit, auf den die Gegenseite, ebenso moralisch, ebenso wenig verzichten will und ihrerseits ebenso einsetzt. Daß sie ihn zu Unrecht beansprucht und sich dadurch erst recht disqualifiziert, ist schon damit klar, daß man selber ja diesen Anspruch erhebt; dem Vorwurf der Heuchelei gegen den anderen folgt die Demonstration der eigenen Ehrbarkeit und umgekehrt. Weil das hin und her geht, ist ein jeder im nächsten Moment schon wieder Schiedsrichter über diesen Vorwurf und entfernt sich so von der gar nicht schwierigen Einsicht, daß Heuchelei immer und auf allen Seiten im Spiel ist - weil sie nämlich gar nicht das Gegenteil von Moral ist, sondern der Anspruch auf die Moralität der Gegenseite. Statt dessen will jeder irgendwie geglaubt kriegen, was er beim andern leicht durchschaut - aber eben: weil's der Gegner ist. So zeigt ein Tugendbolzen dem anderen die Rote Karte - das steigert auf alle Fälle Engagement und Erbitterung auf beiden Seiten. Den Erfolg steigert es auf alle Fälle nicht. Denn was bei einem Streit gegensätzlicher Zwecke in der bürgerlichen Welt herauskommt, das richtet sich nach den Machtmitteln der streitenden Parteien und nach dem Gewicht, das der wirkliche "Schiedsrichter", die Staatsgewalt, nach Recht und politischer Zweckmäßigkeit einem gesellschaftlichen Interesse beilegt. In Dingen, auf die es ihnen ankommt, machen Staatsgewalt und Geschäftswelt sich eben von moralischen Rechtstiteln gar nicht erst abhängig, weder von den eigenen Selbstdarstellungskünsten noch erst recht von denen der anderen. Soweit sie es schaffen, halten es die "kleinen Leute" in ihren Affären untereinander nicht anders. Und nicht bloß im Fußball hat das Publikum sich längst daran gewöhnt, den tatsächlichen Erfolg zu unterscheiden von der Frage, ob der Sieg verdient war.

Ein Verzicht auf diese Frage findet deswegen aber gerade nicht statt. Das praktische Scheitern und die erfahrene Wirkungslosigkeit moralischer Titel für praktische Interessen wirkt im Gegenteil als Stachel für die beständige Sorge, ob das denn - tatsächlich in Ordnung geht oder nicht doch Unrecht geschieht, wenn die gewünschten Erfolge ausbleiben. Das Scheitern ist zwar nicht erklärt, wäre aber irgendwie gerechtfertigt, wenn man die gebotene Rücksicht aufs Gemeinwohl vernachlässigt, Pflichten verletzt hat. Umgekehrt ist ein Interesse zwar nicht befriedigt, aber doch über jedes Scheitern hinaus bestätigt, zwar nicht wirklich anerkannt, aber als anerkennenswert erwiesen und besteht wenigstens "eigentlich" als guter Anspruch fort, wenn die Gewissenserforschung das Ergebnis zutage fördert: Allen Wertmaßstäben und methodischen Vorschriften wurde Genüge getan.

Solche Gewissensfragen werden keineswegs durch einen Blick in die Gesetzbücher entschieden. Moralische Menschen wollen ihre Rechtfertigungserfolge vor allem vor ihrem eigenen "Innern" erringen, vor den selbstgewählten und frei anerkannten verpflichtenden Werten. Dieses private Nachäffen des bürgerlichen Rechts will sogar als dessen wahres und eigentliches Urbild verstanden sein; die ganze Welt des tatsächlichen Rechts und der praktizierten Gerechtigkeit wird ihrerseits den eigenen eingebildeten Gerichtsurteilen unterstellt - um so hartnäckiger, je widerspenstiger gegen das eigene Interesse und Rechtsempfinden sie sich erweist.

Die Selbsteinschätzung als Opfer lauter unverdienter Niederlagen, die sich ziemlich regelmäßig ergibt, läßt die wenigsten die Laufbahn des weltverbessernden Politikers einschlagen: Weit häufiger schon steht sie am Beginn einer "kriminellen Karriere" - und ohne sie wird kaum jemand ein anständiger Verbrecher: Nicht wenige ehrenwerte Mitglieder der Gesellschaft verschaffen sich mit Diebstählen ein paar materielle Tröstungen, die ihr Einkommen ihnen nicht erlaubt, auf die sie ihrer redlichen Selbsteinschätzung nach aber ein höheres Recht besitzen. Manche verüben nicht immer bloß theoretisch, sondern auch mal praktisch ein Revanchefoul gegen die Firma oder einen "Intimpartner", wenn diese es ihnen nach iHrem gewissenhaften Urteil unmöglich machen, auf erlaubten Wegen ans Ziel irgendwelcher Sehnsüchte zu gelangen. Die "kriminelle Energie", die dabei frei wird, speist sich aus enttäuschtem und beleidigtem Rechtsempfinden und einem Materialismus, der zu dem Entschluß degeneriert ist, sich schadlos zu halten.

Auch da, und erst recht, wenn man geschnappt wird, bestärken die Erfahrungen mit dem Recht und der Heuchelei der anderen allerdings vor allem die Kunst des moralischen Räsonnements, der Erbitterung und der Erbauung.

III. Vom kompensatorischen Bedürfnis nach Moralität: vom Gewissen, der Verantwortung und dem resignierten Mißfallen an der Welt und an sich selbst

Irgendeinen Charakterfehler weiß jeder, den gerade er sich angewöhnt hätte. Diese Selbstbezichtigung, mit der auch sonst unkomplizierte Gemüter sich vorzustellen pflegen, geschieht regelmäßig so, daß das "aber" von vornherein nicht zu überhören ist. Sie will nämlich unfehlbar auf diejenigen moralischen Vergehen hinaus, deren sich der Betreffende ganz bestimmt nicht schuldig gemacht haben will: Der eine hat sich sein Lebtag "nichts schenken" lassen, im Gegenteil "alles mitgemacht" und ist dabei unbeugsam geblieben. Jemand anders ist zu allen möglichen Streichen aufgelegt, kann aber Unehrlichkeit überhaupt nicht leiden und ist stolz darauf, jedermann "gerade ins Gesicht blicken" zu können. Die gesamte westdeutsche Arbeiterklasse lobt sich - in Gestalt der DGB-Presse - selbst für entbehrungsreichen Fleiß beim Wiederaufbau der Nation; so manche Oma hat überhaupt noch nie etwas für sich gewollt, sondern "immer nur gegeben". Und ein plumper Angeber: das will schon gleich keiner sein.

Unter den Massen in der Klassengesellschaft ist das Interesse an der eigenen Moralität offenbar so lebendig, daß es sich von den materiellen Interessen und jeder noch so verkehrten Berechnung auf einen Nutzen trennt und zu einem aparten Herzensanliegen wird. Ehrliche Leute führen sich auf - oder tun auf Nachfrage so -, als hätten sie andauernd mit der Verwirklichung eines Werteprogramms zu tun, das mit schnöden Vorteilsrechnungen am Ende tatsächlich nichts mehr zu schaffen hat. Zu jeder Tätigkeit wissen sie ein ehrenhaftes Prinzip anzugeben, das sie erfüllen - oder auch verletzen; und das soll dann der Begriff ihres Treibens sein.

Außer einem Bild von sich selbst, das dem höchstpersönlichen Ideal menschlicher Vortrefflichkeit nahekommt, haben die Aktivisten ehrenwerter Lebensmaximen davon nichts aber eben das haben sie. Stolpert da einer über ein Bedürfnis, das diesen seltsamen Gebrauchswert kaputtmacht, so meldet sich ganz empfindlich die "Stimme des Gewissens"; sind sie wieder "mit sich ins Reine gekommen", so sind sie zufrieden, und heitere Gefühle kommen auf. Moderne Staatsbürger fassen eben nicht bloß bei Gelegenheit fromme Gedanken und lassen sie auch mal wieder los - sie werden moralisch.

Das gilt natürlich erst recht für ihre diplomatischen Beziehungen zum Rest der Welt. Das Interesse an der Moralität der anderen neigt ebenfalls schwer dazu, den Materialismus zu vergessen, für den die Ehrentitel des Gemeinwohls alle wohlgesinnten Mitmenschen vereinnahmen sollten. An die Stelle der Ansprüche, die so auch nicht zum Zuge gekommen sind, tritt der Gestus einer Verantwortung, die vor gar nichts Halt macht. Schlechterdings alles und jedermann wird an den Maßstäben gemessen, die einem als höhere Gesichtspunkte für das Setzen von Zwecken eingeleuchtet haben - gar nicht mehr um der gesetzten Zwecke, sondern nur noch um der Maßstäbe selbst willen. Gleichgültig, was andere Menschen treiben und warum: ihr Tun und Unterlassen wird zu moralischen Werten in Beziehung gesetzt und als das Programm genommen, ausgerechnet diesen Werten zu ent- oder zu widersprechen. Es brauchen gar keine tatsächlichen Wirkungen aufs eigene Wohlergehen zu sein, die ihrem Urheber als gute oder böse Absicht: als Wille zur Schlechtigkeit oder Güte angerechnet werden.

Diese Art des Urteilens, die auf der Fiktion allgemeiner Prinzipienreiterei als Grund und Inhalt menschlichen Handelns beruht, wird modernen Menschen so sehr zur zweiten Natur, daß sie sich sogar in ihr Gefühlsleben einprägt und alle materialistischen Unterscheidungen zwischen wichtig und unwichtig auf den Kopf stellt. Eltern z.B. bringen es bekanntlich ohne weiteres fertig, sich für ihre Kinder zu schämen - da besteht wenigstens noch ein Zusammenhang, wenn auch keiner der materiellen Bedürfnisse; das kriegen die so verantworteten Kinder dann auch zu spüren. Intellektuelle schämen sich nicht selten genauso ehrlich im Ausland ihrer Landsleute; da ist eine Moral am Werk, die die Abstraktion der Nationalität in das Bild von der eigenen Ehrbarkeit aufgenommen hat. Entrüstung ist aber auch angesagt, wenn ein verkehrtes Guerilla-Kommando, dessen Zweck man gar nicht kennt und mit dem man garantiert nie zu schaffen bekommt, einen Anschlag verübt; und dieses edle Gefühl wird nicht bloß verlangt, sondern durchaus empfunden. Die Tugend des Neids, die lauter unverdiente Vorteile entdeckt, wo sie gar nicht auf eigene Kosten gehen, schließt sogar den Verzicht auf eigene Besserstellung als wesentliche Voraussetzung ein - durch Zuwendungen läßt sie sich geradezu beschämen. Menschen und Interessen, denen man keine edlen Beweggründe zubilligt, sondern von Schlechtigkeit getrieben wähnt, verfallen der Verachtung, einer ideellen Lynchjustiz, die im Rechtsstaat immer nicht praktisch werden darf außer im Hochgefühl gerechter Empörung - so bereitet das selbstlos gewordene Interesse an anderer Leute Anstand sogar Genüsse. Für unschuldige Menschen, am besten Kinder, die mit ihren großen Augen das moralische Prinzip der Harmlosigkeit verkörpern, ist man bereit, Rührung und Mitleid zu empfinden. Seltener ist ehrliche Bewunderung, wenn jemand als anerkanntes Denkmal der Uneigennützigkeit herumgezeigt wird - das rührt zu sehr ans moralische Selbstbild, schafft ein "schlechtes Gewissen" -; als Fans für einen anerkannten Zweck und dessen erfolgreiche Vertreter führen sich erwachsene Menschen aber durchaus auf, und der Wert von Vorbildern ist unbestritten. Der selbstgenügsame Vergleich der eigenen Moralität mit dem tugendlosen Lauf der Welt ist fertig, wenn er sich ganz auf den Stolz zusammenzieht, sich garantiert von keiner Heuchelei mehr täuschen zu lassen, vielmehr alles durchschaut zu haben: eine interesselose Verurteilung, die durchaus einhergeht mit der Bereitschaft, jeden neuen Fall von Unmoral interessant zu finden. Ein kleines Paradox am Rande: diese Bereitschaft heißt ausgerechnet Neugier.

Bei allem praktischen Antimaterialismus bringen moralische Leute es zu einem Anspruch an die Gesellschaft, ihre Instanzen und ihre Mitglieder, zu einem durchaus selbstverfertigten praktischen Bedürfnis: Sie fordern Anerkennung - wenn schon nicht ihrer Interessen, dann um so mehr ihrer Moralität, mit der sie diese verleugnen und statt dessen Verantwortlichkeit zeigen. Weil allerdings alle nach der kompensatorischen Genugtuung streben, sich in Sachen Tugend auszuzeichnen, reproduzieren verantwortungsbewußte Bürger in Sphären, wo es um Materielles schon längst nicht mehr geht, einen zwischenmenschlichen Leistungsvergleich, wie ihn nicht einmal das Kapital betreibt. Die Gegensätze der dritten Art, die da ganz normale Leute gegeneinander aufmachen und zäh durchfechten, gewinnen wiederum dadurch an Gemeinheit, daß sie erst recht um die Heuchelei selbstlosester Verträglichkeit ergänzt werden.

Mit der Konkurrenz in Fragen der moralischen Tüchtigkeit pflegen moderne Menschen einander und sich selbst restlos fertigzumachen. Hier findet der Kampf ums Selbstbewußtsein statt, von dem ja bekanntlich alles andere abhängt, vom Torerfolg bis zum Orgasmus und von der Berufskarriere bis zu den Prüfungsnoten. Wo dem Stolz auf sich selbst jedes positive Echo versagt bleibt und im Vergleichskampf Niederlagen zugefügt werden, da mag der Betroffene noch so sehr die Inkompetenz und Unwürdigkeit seiner Zeitgenossen verachten, die ihr bestes Stück nicht zu würdigen verstehen - es bleibt der Zweifel an der eigenen Persönlichkeit. Umgekehrt wachsen mit den Erfolgen die Maßstäbe, vor denen ein Tugendbold auf keinen Fall versagen will; und weil die Konkurrenz nie schläft, kommt irgendwann der "Fall", von dem es hinterher heißt, vorher wäre "der Hochmut" gekommen. Die tägliche Ermunterung der zivilisierten Menschheit, doch mal locker, unverkrampft und fröhlich zu sein, paßt einschließlich Weihnachten und Karneval so recht zu der moralischen Grundbefindlichkeit, beleidigt durch die andern und mißvergnügt über sich selbst durch den Alltag zu latschen. Sie setzt schon wieder einen neuen Maßstab, dem gar nicht einfach zu genügen ist. "Ich kann nicht unbeschwert lachen!" - zu solchen Selbstbezichtigungen mitsamt der Berechnung auf ein bißchen Trost sind in einer moralisch voll entwickelten Gesellschaft schon die Halbwüchsigen fähig und bereit.

Kein Wunder, daß manchem Mitglied in diesem Zirkus die handfesten Brutalitäten der kapitalistischen Arbeitswelt, die sich um die Tücken des moralischen Selbstbewußtseins einen Teufel scheren, fast wie eine Erholung von den seelischen Grausamkeiten des Privatlebens vorkommen. Das Dumme ist nur, daß genau hier die Zurückweisung des normalmenschlichen Materialismus stattfindet, deren Kompensation so phantastisch mißlingt.

IV. Vom Gebrauchswert der Moral tür die Spitzen der Gesellschaft und das öffentliche Leben, die Stimmung im Land und das Geschäft der 'Kritik'

Die Einbildung, moralische Vorstellungen wären ein Angebot an verpflichtenden Lebensprogrammen, die um ihrer selbst willen zu befolgen wären, wird in der modernen demokratischen Klassengesellschaft von oben kräftig befördert. Öffentlichkeit und Kultur haben gar kein anderes Thema als die Moralität aller Beteiligten und ihrer Werke: und sie lassen von vornherein gar kein anderes Interesse gelten als das an denkbar sauberen Verhältnissen.

In diese Fürsorge um die Gesinnung der Nation sind die kleinen Minderheiten der Klassengesellschaft, deren Mitglieder Moral als falsches Notprogramm zur Bewältigung des notwendigen Scheiterns ihrer Freiheit gar nicht brauchen, durchaus in führender Position mit einbezogen. Gerade die Leute, deren Materialismus mit den "Sachzwängen" des politischen Gewaltgeschäfts und des marktwirtschaftlichen Konkurrierens bestens bedient ist, sind aufgerufen, gerade zu ihren erfolgreichen Interessen eine distanzierte Stellung einzunehmen und sich zu allgemeinen Oberzwecken zu bekennen, denen sie mit ihren Machenschaften in Wahrheit dienen würden. Die privaten Wünsche der Leute mit den richtigen Mitteln und die quasi objektiven Gesetze, nach denen diese ihren Nutzen abwerfen, sind im Kapitalismus ja deutlich genug unterschieden, daß Raum bleibt für eine glaubwürdige Interpretation der höheren Handwerkskunst als ziemlich entsagungsvollem Dienst, der am Ende "gar kein Privatleben mehr zuläßt".

Solche Bekenntnisse und die entsprechenden Selbststilisierungen haben in den höheren gesellschaftlichen Sphären etwas durchaus Luxuriöses an sich. Sie sind nicht Ausdruck des peinlichen Bemühens, alltägliche Niederlagen durch Reklamation bei einer fiktiven höheren Stelle rückgängig zu machen oder zu beschönigen. Die Heuchelei und die gemeinten Interessen sind zwar nicht weniger offenkundig. Wo aber die wirklichen Mittel für den materielle Erfolg kein Problem sind, wo die Leute das moralische Getue als hoffnungsvolles und aussichtsloses Ersatzmittel ihres Fortkommens im Prinzip nicht nötig haben, da verfängt der wohlfeile Verdacht, die Heuchelei wäre eine und würde nur aus Berechnung angestellt, nicht übermäßig. Da ist man so frei, mit den selbstdefinierten "Problemen" des Selbstbewußtseins anzufangen - und die haben mehr mit Selbstgenuß als mit gescheiterter Kompensation zu tun. Sie sind ansehnlich, interessant und in den Zeitungen fürs einfache Volk eine eigene Gesellschaftrsspalte wert. Es ist eben nichts erbaulicher als das "Scheitern" an frei gewählten Aufgaben, vor luxuriösen Maßstäben und ohne Not, und nichts ist so vorbildlich. Sogar der Selbstmord heißt da "Freitod".

In ihren Beziehungen zur klassenmäßig geordneten und ordnungsbedürftigen Welt treten die Interessen, für deren Erfolg moralische Rechtstitel nicht einmal von eingebildetem kompensatorischen Gewicht sein sollen, umstandslos unter demselben Titel auf, unter dem sich jedermann auf seine Weise an der Moralität der Welt interessiert zeigt, nur viel offensiver und viel glaubwürdiger: als Verantwortung. Ohne Einschränkung und Vorbehalt fällt das geltend gemachte herrschende Interesse ineins mit der Pflicht, sich um alles zu kümmern - und ausgerechnet die tatsächliche Abhängigkeit des restlichen Volkes von den herrschenden Zwecken "beweist", daß Verantwortung hier mehr wäre als ein anmaßungsvoller Gestus. Die Brutalität, daß manche Leute wirklich über den Lebensunterhalt zahlreicher Angestellter, über die Armut ganzer Landstriche, über Abgabe- und Dienstpflichten ihres Volkes, über die Kreditwürdigkeit ganzer Nationen, sogar über Krieg und Frieden zu befinden haben, gilt sogleich als moralische Last, die dem "kleinen Mann" zu seinem Glück erspart bleibt - theoretisch darf er sich um so angelegentlicher daran beteiligen.

Auf Basis dieser Lüge wirken in der Demokratie alle öffentlichen Stimmen einträchtig zusammen bei der niemals fertigen Definition des "allgemeinen Besten", der Rechte und Pflichten, die sich für Macher und andere Menschen daraus ergäben, sowie der moralischen Maßstäbe, denen die einen wie die anderen ganz persönlich zu genügen hätten. Daß von dieser Diskussion praktisch überhaupt nichts abhängt, macht gerade ihre unerschöpflichen Reiz aus. Es herrscht Freiheit in der Konstruktion von Werten, deren Verwirklichung die "Probleme" aufwerfen soll, die dann der Gesellschaft, dem Staat, den Parteien und überhaupt jedermann als seine eigentlichen nachgesagt werden. Da attestieren die einen einer Nation, in der das Kapital erfolgreich zur Eroberung des Weltmarkts antritt und die politische Gewalt ebenso erfolgreich für die nötige Sicherheit sorgt, eine Krise nach der anderen, weil der Kapitalrückfluß oder die Legitimation zu kurz kämen. Die anderen geben die Parole "Optimismus" aus und konfrontieren ein Volk, das sie gerade für einige bemerkenswerte Fortschritte in der Weltkriegsvorbereitung hernehmen, mit dem Glückwunsch zu der guten Laune, die es sich angeblich nicht verderben läßt.

Derweil subsumiert die Kirche alles Weltgeschehen unter die von ihr diagnostizierte Mißachtung des ungeborenen Lebens. Eine Friedensbewegung steuert Erkenntnisse über die innere Friedlosigkeit des modernen Menschen bei, die auf alle gesellschaftlichen Einrichtungen durchgeschlagen sei, sogar aufs nationale Verteidigungswesen. Und über allen thront derzeit ein Bundespräsident, der das methodische Prinzip der ganzen Debatte: die Lüge von der Verantwortung aller für alles, zusammengefaßt im klassischen Sprachdenkmal brutalster Unterschiedslosigkeit und nationaler Unterscheidung, dem deutschen "wir", so vornehm breittritt, daß einstweilen keine Fraktion in der Gesellschaft Reibungsflächen damit hat entdecken können; die Offensive für patriotische Moral schmeckt allen.

Unter solcher Schirmherrschaft beschäftigt sich die öffentliche Meinung mit lauter konkurrierenden wertebewußten Weltentwürfen, die gar keinem besonderen materiellen Interesse verpflichtet sein wollen, vielmehr dem freien Bedürfnis unterschiedlicher gesellschaftlicher Fraktionen und Instanzen entspringen, Verantwortung an den Tag zu legen und veredelnd auf Leute und Verhältnisse einzuwirken. Das Interesse an der Moralität aller, die Selbstdarstellung als allgemeines Gewissen und die Konkurrenz um Respekt dafür, ist eben nicht bloß ein privater Volkssport, sondern die Wonne der Öffentlichkeit - und dort ein wichtiges Instrument der Demokratie: Jeder Bürger darf voll Skepsis und Lebenserfahrung beurteilen, welchem Konkurrenten um Herrschaftsfunktionen er die vorgebrachten Heucheleien am liebsten glauben mag. Dabei liefern die konkurrierenden "Meinungsbildner" selber die Maßstäbe mit, nach denen die ernstzunehmenden Beiträge von den unseriösen zu unterscheiden sind. Die ersteren zeichnen sich durch ein Prinzip aus, das mit ihrem Inhalt rein gar nichts zu tun hat: Sie geben zu erkennen, daß sie kein ehrlicher Spleen sind - dergleichen verfällt schnell der Lächerlichkeit -, sondern auf propagandistische Wirkung berechnet. Selbst die Kirchen suchen sich die Dogmen heraus, mit denen sie Effekt machen wollen - sie haben ja genug davon -; andernfalls wären sie Sekten, die sie nicht genug verachten können.

Ohne diese Kunst der agitatorischen Berechnung würde es kaum gelingen, den Moralismus des Volkes so umfassend zu pflegen und zufriedenzustellen, wie das eine demokratische öffentlichkeit leistet. Dazu gehört nämlich zum einen eine Stimmungsmache, die mit den Fortschritten des tatsächlichen Staatsprogramms in Einklang bleibt. Eine Regierung, die ihre Politik der "Reformen" als menschenfreundliches Berechtigungswesen aufzieht und "alte Zöpfe abschneiden" will, möchte im Kanon der demokratischen Tugenden solche wie "Engagement" und "Bürgersinn" ausgezeichnet haben und empfiehlt dafür sogar mal Verständnis für Demonstranten. Eine andere Regierung verurteilt so etwas als "Druck der Straße", verlangt Respekt vor jeder Borniertheit, lobpreist fröhlichen Opfermut, geißelt jegliches "Anspruchsdenken" - und läßt sich so das passende Echo zu einer Politik verschaffen, die z.B. eine wachsende Armut vermehrt über das halboffizielle Almosenwesen abwickelt. Wie sollte ein moralisch vor sich hin grübelnder Mensch aus eigenem Antrieb auf die nötigen Konjunkturen verfallen? Bei der Empfehlung von ehrenwerten Einstellungen zu Türken und Asylanten, Arbeitslosen und US-Soldaten, Russen und Ölscheichs usw. dürfen die Hersteller von Feind- und Freundbildern nicht selbst auf ihre moralischen Kunstprodukte hereinfallen. Wenn sie nicht berechnend "mit der Zeit gehen", blamieren sie sich womöglich an der nächsten praktischen Neudefinition dessen, was bis auf weiteres "nationales Interesse" zu sein hat.

Die andere Aufgabe der öffentlichen Heuchelei, die Klugheit verlangt, besteht in der Erledigung von Kritik. Damit ist beides gemeint: Kritik muß im richtigen Geist aufgebracht werden, und es muß mit ihr auch wieder Schluß sein. Die erste Abteilung wird mit ein wenig moralischem Rigorismus erledigt. Irgendein Grundsatz, mit etwas Sturheit und wohldosierter Weltfremdheit festgehalten, taugt allemal zum Blamieren - und nichts anderes ist Kritik und darf Kritik sein in einer freien Öffentlichkeit. Wer sich über ein Stück Politik, eine Wirkung des marktwirtschaftlichen Geschäftslebens o.ä. ärgert, wird, indem er recht bekommt, gleich darüber belehrt, daß genaugenommen nicht er einen Schaden davon hat, sondern ein Wert, dem er mit seinen Einwänden selbstlos zu dienen hat; so wird Unzufriedenheit zur konstruktiven Beschwerdekunst kanalisiert zum Engagement fürs Bessermachen; und wer's daran fehlen läßt, hat das Recht auf Schimpfen sowieso verwirkt. Umgekehrt und das ist in reifen Gesellschaften die Regel - werden von den parteilichen Meinungsmachern in eben diesem konstruktiven Sinn Ärgernisse konstruiert, die nichts als die Konkurrenz der Meinungen und moralischen Parteiungen beflügeln sollen; wer will, darf als Privatmensch das als Angebot benutzen, sein privates Stück Elend in den öffentlichen Skandal hineinlegen und in der Flick-Affäre seine höchstpersönliche BAFöG-Kürzung wiederentdecken oder im Türken-"Problem" seine Wohnungsnot. Am Ende haben die kritisierten Figuren einiges von ihrer "Glaubwürdigkeit verloren" - diese methodische Kategorie, die mehr das Geschick im Umgang mit moralischen Ansprüchen als deren naive Befolgung beurteilt haben will, bringt sehr schön den berechnenden Charakter des Moralismus selbst zum Ausdruck, mit dem eine "konstruktiv kritische" Öffentlichkeit zu Werk geht.

Anschließend wird die öffentliche Blamage wichtiger Ämter und Personen allemal wieder zurechtgerückt, und zwar mit einer Unterscheidung, deren richtiger Gebrauch auch erlernt und betreut sein will: Höhere Figuren haben auch einer höheren Moral zu folgen. Menschen, die die Moral zur Beschönigung eines ziemlich gründlichen Mißerfolgs verwenden, lassen es sich durchaus einleuchten, daß der Erfolg ein paar eigentlich verbotene Rücksichtslosigkeiten erfordert; und wenn es um den Erfolg moralisch guter Dinge geht, womöglich des "Gemeinwohls" selbst, dann geht jede Sauerei in Ordnung. Der Gemeinplatz, Politik sei "ein schmutziges Geschäft", will diese Sphäre ja keineswegs diskreditieren, sondern ihren Veranstaltern eine moralische Ausnahmesituation zugute halten. Der Meckerbolzen muß erst noch erfunden werden, den nicht spätestens vis-a-vis mit seiner Obrigkeit, den Sachwaltern der "schmutzigen Geschäfte", Ehrfurcht befällt. Gebildete Moralisten können dieselbe Peinlichkeit nach Bedarf als "Doppelmoral" verurteilen oder als "Tragik" bewundern; und aus der langen Geschichte des Moralismus haben sie die schöne Unterscheidung destilliert zwischen "Gesinnungsethik", einer Art Denksport für Beobachter und Prediger ohne Verantwortung, und "Verantwortungsethik", dem Leitfaden für Macher, der alles erlaubt.

Wer allzu lange hängenbleibt bei der "Entlarvung" öffentlicher Heuchelei - und erst recht, wer kritisiert, statt sich enttäuscht zu geben und das Publikum mit Skandalen zu unterhalten -, der fällt unter die "Nestbeschmutzer" oder, dasselbe auf gebildet, die "Zyniker". Denn nach aller berechtigten Kritik muß man die Heuchelei, selbst wenn sie noch so unglaubwürdig ist, auch wieder gelten lassen; das verlangt die konstruktive Seite der Moral selbst: die Pflicht zur Fiktion einer Gemeinsamkeit auch mit dem blamierten Gegner. Toleranz heißt diese Pflicht; und der Vorwurf, sie verletzt zu haben, ist der härteste, über den eine durchmoralisierte freiheitliche Gesellschaft verfügt - weshalb gute Menschen ihn auch gleich durch den Nachweis entkräften, wie scheinbar ihr "Zynismus" doch nur gewesen und wie gut er gemeint gewesen sei. Der Vorwurf der 'Intoleranz' schließt den Betroffenen aus der Gemeinsamkeit der Demokraten aus, die im Hin und Her der moralischen Heucheleien ihre Urteilskraft dem Gebot der Verträglichkeit unterordnen. Mit diesem Vorwurf, nur oder jedenfalls nie so eindeutig wie mit ihm kündigen Demokraten ihren Vernichtungswillen gegen den dingfest gemachten "Feind der Freiheit" an.

V. Von der Produktivkraft der Moral für das wissenschaftliche Denken

steht alles Wissenswerte im Gegenstandpunkt der MSZ Nr. 2, Februar 1985: Weltanschauung - die Logik eines geistigen Bedürfnisses.