MOBILMACHUNG DER ARBEITSFRONT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 10-1988 erschienen.

Die deutsche Gewerkschaft 88
MOBILMACHUNG DER ARBEITSFRONT

Von einer "Krise" in der deutschen Automobilindustrie keine Spur, und am wenigsten glauben die Bosse der Branche selbst daran. Während sie alles daransetzen, ihre Kosten zu senken, indem sie mit gewohnter Rücksichtslosigkeit ihre Belegschaften verbilligen, macht sich die Gewerkschaft ans Umdenken.

Nach der Vorlage des Lohnkostensenkungsprogramms durch den VW-Vorstand begibt sich die IG Metall-Fraktion des Betriebsrats in Klausur und kommt zu einer Selbstkritik. Die wäre in der Tat längst überfällig. Doch gilt sie nicht der Tatsache, daß die IG Metall schon in der Vergangenheit jeder Forderung des Unternehmens mit viel Verständnis begegnet ist. Die selbstkritische IG Metall-Fraktion entdeckt umgekehrt bei sich, daß sie es an konstruktiver Mitarbeit im Betrieb hat fehlen lassen! Allen Ernstes bezichtigt sie sich des Vergehens, vom Betrieb immer noch zu viel verlangt und sich den Wünschen von VW "verweigert" zu haben. Unrealistisch sei sie gewesen, klagt sie sich an und verpflichtet sich auf "realistische Positionen" (These 1, siehe Dokumentation in dieser Zeitung).

Und wenn die IG Metall auf "Realismus" verfällt, dann weiß man, was die Uhr geschlagen hat: Was sind für sie "realistische Positionen"? Ganz einfach: "Unrealistisch" ist es für die IG Metall, etwas zu wollen, was nicht geht - z.B. Entlassungen und Leistungssteigerungen verhindern. Und woher weiß die Gewerkschaft, was nicht geht? Wiederum ganz einfach: Sie

hält fest, daß Entlassungen stattfinden und daß die Arbeit für die Leute härter wird!

So simpel ist also die Arbeitswelt für die IG Metall: Da deutet sie einfach auf die Ergebnisse ihrer eigenen konstruktiven Mitarbeit beim betrieblichen Dauerprogramm, aus der Belegschaft mehr herauszuholen; tut so, als hätte sie immer verhindern wollen, was sie mit gestützt hat, und hat dann die besten Belege für ihr Urteil, sie habe in der Vergangenheit eine "unrealistische", eine "illusionäre" Politik betrieben.

Worin nun der neue "Realismus" der IG Metall besteht, daraus macht sie kein Geheimnis. Siehe These 5!

Zunächst einmal erteilt die IG Metall den "geplanten Maßnahmen zur Ertragsverbesserung" ganz generell ihre Zustimmung. Die müssen eben sein, befindet sie. Kein Wort davon, was "Ertragsverbesserungen" für die VW-Mannschaft, ihren Geldbeutel und ihre Gesundheit bedeutet! Die einzige Einschränkung: Es müssen "gemeinsam tragbare Lösungen" gefunden werden. Und da ist die IG Metall nicht faul. Damit es zu "gemeinsam tragbaren Lösungen" kommt, denkt sie sich was Eigenes aus. Die "Lösungen, die erreicht werden müssen (!)", heißen bei ihr:

müssen (!) Personalkosten abgebaut werden und zwar durch mehr Leistung,

muß (!) in allen Bereichen Personal abgebaut werden,

muß (!) die Arbeit durch neue Arbeitsformen effektiviert werden und

muß (!) die Arbeitszeitflexibilisierung endlich bei VW durchgesetzt werden.

Das - wie gesagt - ist nicht etwa die Kurzfassung des Vorstandsprogramms, sondern das ist das gewerkschaftliche Gegenprogramm! Und in dem hat die Gewerkschaft das Kunststück fertiggebracht, so ziemlich jeden Antrag des Vorstands auf Kostensenkung als Teil ihres eigenen Forderungskatalogs unterzubringen. (Wer's nicht glauben will, soll die Punkte 1.-16. der Anlage mit den vier Lösungsbereichen der IG Metall vergleichen. Außerdem sagt sie es unter der Überschrift "Verfahren" selbst!)

Irgendwie ist man bei so viel Frechheit und Rücksichtslosigkeit der IG Metall ziemlich sprachlos: Sie bringt s tatsächlich fertig, fast das gesamte Kostensenkungsprogramm des Vorstands als ihr Konzept u präsentieren! Das wird vielleicht eine heiße Schlacht werden zwischen Vorstand und Betriebsrat, wenn die IG Metaller gegenüber dem Betrieb durchsetzen wollen, was dieser von ihnen verlangt! Da gibt es von seiten der Gewerkschaft keine häßlichen Töne und keine Beschwerden an die Adresse des Vorstands mehr. Da wird nicht - und sei es nur zum Schein - darüber geklagt daß mal wieder die Belegschaft alles auszubaden hätte. Nichts davon. Es ist ihr - so geht eben "Realismus" - selbstverständlich, daß für die Verbesserung der Konkurrenzsituation des Betriebes alles getan werden muß. Alles, was nach "Konfrontation und Verweigerung" (These 5) aussieht, ist zu unterlassen. Konstruktiv und offensiv erklärt die IG Metall das VW-Kostensenkungsprogramm zu einer gewerkschaftlichen Aufgabe und tadelt sich quasi dafür, daß ihr dasselbe Programm nicht schon vor dem Vorstand eingefallen ist. Und die VW-Belegschaft darf es sich als Ehre anrechnen, ihr Bestes für den Profit von VW tun zu dürfen. So sieht das inzwischen ihre Gewerkschaft!

Mit eigenen Begründungen den VW-Plänen zustimmen

Wenn die IG Metall betont, "nicht jede vom Vorstand ins Auge gefaßte Veränderung" übernehmen zu wollen, dann ist das natürlich erstens der Hinweis, daß sie gegen das Gesamtkonzept nichts hat, und zweitens die Betonung gewerkschaftlicher Eigenständigkeit beim Zustimmen. Auf eines legt die IG Metall immer noch schwer Wert: Vom Vorstandspapier muß sich ihr Programm durch den gewerkschaftlichen Tonfall schon noch unterscheiden.

- Deswegen darf auch die Personalkostensenkung "keine Kürzung tariflicher Leistungen" betreffen - etwas, was unseres Wissens der Vorstand aktuell auch gar nicht will! -, denn Tarifverträge sind heilig. Da kennt die Gewerkschaft nichts - und macht deswegen Vorschläge, wie die Personalkosten anders gesenkt werden können: durch Mehrleistung zum Beispiel.

Daß Tarifverträge dazu taugen sollen, das vom Kapital während der Laufzeit des Tarifvertrages zu seinen Gunsten korrigierte Lohn-Leistungs-Verhältnis wenigstens beim Lohn wieder auszugleichen, ist gänzlich passe. Umgekehrt macht sich die IG Metall zum Anwalt des Anliegens, bei feststehenden Löhnen über die Mehrleistung auch die relativen Lohnkosten für VW zu verbessern. So ändern sich die Zeiten!

- Heilig ist auch die "Gerechtigkeit", weswegen das Konzept zum Personalabbau als Verwirklichung des "gleichen Rechts für alle" daherkommen muß: Sie sorgt sich darum, daß wirklich in allen Bereichen - einschließlich der Führungsriege - entlassen wird. Die IG Metall bekennt sich damit dazu, daß Gerechtigkeit für sie herrscht, wenn keiner beim Opferbringen für die Sicherung der Konkurrenzfähigkeit von VW ausgespart bleibt.

- Auch an der Arbeitszeitfront kehren neue Sprachregelungen ein. Die Gewerkschaft macht sich das - in zwei Tarifrunden 'bekämpfte' - Unternehmerargument von der Optimierung der Anlagennutzungszeit" zu eigen: "... sind wir zu einem arbeitszeitpolitischen Umdenken gezwungen, das mehr Flexibilität bei der Anlagennutzung ermöglicht" (These 4). Und ab sofort ist für die IG Metall etwa die Einbeziehung des Samstags in die Regelarbeitszeit fast wie die Verwirklichung der Forderung nach Abbau von Sonderschichten und Überstunden. In der Tat entfallen Sonderschichten, wenn Samstagsarbeit normal wird.

Standort BRD - das Maß aller gewerkschaftlicher Dinge

Mit ihrem Bekenntnis zum "Realismus" hat die IG Metall nun allerdings nicht eine neue Liebe zum Prinzip der Profitmaximierung bei sich entdeckt. Vielmehr hat sie ihre alte Liebe u Deutschland aufpoliert. Alles für den Standort BRD lautet die nationalistische Parole, mit der sie sich ins Kostensenkungsprogramm von VW einklinkt. Der Erfolg von VW auf dem Weltmarkt, das ist für die schwarz-rot-goldene Gewerkschaft nur dann ein Sieg, wenn das Werk seine Gewinne in Deutschland anlegt.

Und daß sich den kein VW-Arbeiter in irgendwelche Vorteile oder - noch bescheidener - in die Vermeidung weiterer Nachteile übersetzt, darauf komnt es der IG Metall jetzt schwer an: Wenn der deutsche Standort das Maß aller gewerkschaftlichen Dinge ist, dann müssen die von der Gewerkschaft vertretenen deutschen (VW-)Arbeiter eben auch Opfer bringen. Was sie von dieser "realistischen Gewerkschaftspolitik" haben, das ist einer vaterländischen Gewerkschaft völlig klar: Insofern sich der Arbeitsdienst der VW'ler am Profit von VW als Erfolg des nationalen Standorts niederschlägt, ist das auch ihr Erfolg - als Deutsche; als Deutsche mit oder ohne Arbeitsplatz, als Deutsche mit schrumpfendem Einkommen, als deutsche Samstagsarbeiter....

Die IG Metall redet Klartext...

Der Standpunkt der IG Metall zum VW-Sparprogramm heißt nicht einfach: gebongt, Chef! Da wären ja auch nie vier Seiten Text draus geworden. Nein: die IG Metall hat auch eine Theorie dazu, warum ihre Unterstützung dieses Programms ganz wichtig ist. Sie hat ihren gewerkschaftlichen Auftrag überdacht und ist zu dem Schluß gekommen, ihn ab sofort ganz illusionslos zu sehen. Nämlich so:

...in Sachen Arbeitsplätze:

Bei Arbeitern ist nach wie vor der Irrglaube verbreitet, daß die Gewerkschaft sich nach Kräften um jeden Arbeitsplatz bemühe. Das hat ihnen ihre Gewerkschaft ja auch erzählt. Und wenn dann doch Entlassungen rausgekommen sind, hat sie gesagt, daß das zwar bedauerlich, aber nicht zu verhindern gewesen sei. Wegen der Arbeitsplätze, die so gerettet worden sind.

Diese Auffassung befindet die Gewerkschaft ab sofort für überholt: gegen solche Illusionen will die IG Metall energisch Einspruch erheben. Schließlich haben "wir" es damit zu tun, daß sich "die nationalen und internationalen politischen Rahmenbedingungen radikal gewandelt haben" (These 1). Im Klartext: Schwere Zeiten kommen auf "uns" zu - und da immer noch so zu tun, als könnte die IG Metall Arbeitsplätze rausholen - völlig verfehlt! Klar: "Unser oberstes Ziel bleibt die Sicherung der Arbeitsplätze" (These 1) - das will die IG Metall weiterhin von sich behaupten, das darf man ihr nicht bestreiten. Aber in der Praxis, bei den "kleinen Zielen" wie etwa der Bewältigung des Kostensenkungsprogramms bei VW - da darf sich die Gewerkschaft gerade deshalb nicht an diesem "obersten Ziel" orientieren. Da geht es nämlich um Wichtigeres: Standortsicherung. Die Gewerkschaft hat sich eine äußerst bedeutsame Aufgabe zugewiesen: Sie ist dafür zuständig aufzupassen, daß VW in Deutschland bleibt! Das ist ganz schön schwierig - bei den "Rahmenbedingungen"! Da gibt es einen weltweiten Kampf um "höchstmöglichen Profit", einen "Verdrängungswettbewerb, dessen Opfer weltweit die Arbeitnehmer zu werden drohen" (These 2), und da könnten deutsche Standorte glatt unterliegen! Da gehört sich kräftig eingemischt seitens der Gewerkschaft - an der Seite von VW, damit die "Opfer" an der richtigen Stelle anfallen. Darf man das so verstehen, daß die Gewerkschaft für Massenarbeitslosigkeit ist, wenn sie in Japan oder Südkorea anfällt: Man darf. Und was muß passieren, damit VW Gewinner in der Standortkonkurrenz bleibt: Auch da weiß die IG Metall Bescheid: "hohe Qualität zu günstigen Preisen" (These 3) muß her. Und wie geht das? Na, da müssen eben einige VW-Arbeiter über die Klinge springen. Für die IG Metall gibt es nämlich zwei Sorten Arbeitslose: die einen sichern hier den Standort, die anderen gehen dort mit dem Standort baden. Und das ist richtig so, befindet die IG Metall: denn Arbeitsplatz buchstabiert sich für die Gewerkschaft als Standort BRD. Und da dürfen keinesfalls mehr Leute einen Lohn verdienen, als es das Geschäft von VW verträgt. Das gefährdet den Standort!

...in Sachen Profit:

Profit, so befand die IG Metall noch bis vor kurzem, hat zwei Seiten. Eine schlechte - wenn das Kapital den bloß zusammenrafft. Eine gute - wenn es damit Arbeitsplätze sichert. Die Lüge, daß der Profit des Kapitals eine günstige Bedingung dafür sei, daß sich Arbeiter einen Lohn verdienen - die hat die Gewerkschaft gehegt und gepflegt, in deren Namen ist sie sogar gelegentlich etwas rabiat geworden und ist auf die Straße gegangen. Dabei hat sie sich vom gleichzeitigen Wachstum der Gewinne und der Arbeitslosenzahlen nicht irremachen lassen, sondern hat ihre erfundene Gleichung bloß immer noch überzeugter eingeklagt. Jetzt erklärt die Gewerkschaft auch diese Sichtweise für überholt. Sie will entdeckt haben, daß "höchstmöglicher Profit die Existenzbedingung aller Unternehmen" (These 2) ist, und daraus ergibt sich sonnenklar ihr Auftrag: Profit muß her, für VW in Deutschland - koste es, was es wolle! Die IG Metall befindet: Wenn das Kapital um seine Existenz bangen muß - dann muß die Gewerkschaft doch Existenzsicherung der Unternehmen betreiben! Eine Untergangsvermeidungsstrategie fürs Kapital - das ist die Forderung der Zeit für eine vorwärts blickende Gewerkschaft! Und deshalb geht es ab sofort ohne Wenn und Aber um die Sicherung von deutschem Profit. Der ist von jetzt an umstandslos gut; ebenso, wie japanischer umstandslos böse ist. In diesem Lichte befindet es die IG Metall für ganz verfehlt, weiter so zu tun, als wolle sie sich um die Existenzsicherung von Arbeitern kümmern. Umgekehrt: Deutsche Arbeiter sollen ihr dankbar sein, das sie so gut aufs deutsche Kapital aufpaßt!

...in Sachen Arbeitszeit:

Da hat die IG Metall jetzt entschieden: "An der Frage der Anlagennutzung kommen wir nicht vorbei!" (These 4). "Diese Frage" ist nämlich "zu einem entscheidenden Problem der Arbeitsplatz- und Standortsicherung in Deutschland geworden" (These 4). Sagt die IG Metall, und die muß es ja wissen. Ab sofort soll man als deutscher Arbeiter also auc die Sache mit Arbeitszeitverkürzung und Flexibilität etwas anders sehen als bisher. Wo Standort das höchste Ziel ist - da haben Vorstellungen ausgedient, daß Arbeitszeitverkürzungen der Beseitigung von Arbeitslosigkeit dienen könnten oder der "Zeitsouveränität von Arbeitern", was immer man sich darunter vorstellen mag. Gestimmt hat es ja sowieso noch nie, daß Arbeiter aufgrund der letzten Flexi-Tarifverträge kürzer gearbeitet hätten und mehr Leute eingestellt worden wären. Aber daß die Gewerkschaft noch mit dem Kapital darum "gerungen" hat, daß solche Gesichtspunkte beim Abfassen der Tarifverträge ins Spiel gebracht worden sind - das befindet sie nun als schweren Fehler. Da hat sie doch glatt übersehen, daß das Arbeiten rund um die Uhr "ein entscheidender Gesichtspunkt für den Stellenwert eines Standorts" (These 4) ist! Angesichts der von VW jetzt verlangten Neuregelung der betrieblichen Arbeitszeiten fällt es der IG Metall wie Schuppen von den Augen: Das war ja schon längst überfällig! Daß wir da nicht schon selbst drauf gekommen sind, daß VW das braucht! Das ist erstens schon dadurch bewiesen, daß VW das verlangt. Und zweitens wegen der "bekanntgewordenen Arbeitszeitregelungen bei BMW in Regensburg, bei Opel in Kaiserslautern und bei Ford in Köln, die jeweils den Samstag und die Überschreitung des 8-Stundentages einschließen" (These 4). Also aufgepaßt, Leute: Wenn es bei VW demnächst Samstagsarbeit als Regelarbeitszeit gibt, dann müßt ihr die Sache so sehen: Das verlangt der Standort! Wenn es nämlich Arbeit rund um die Uhr bei den Konkurrenten von VW schon gibt - dann ist ja wohl klar, daß das bei VW auch sein muß. Schließlich hat die IG Metall bei Ford und Opel mit dem gleichen Argument ja auch schon der Ausdehnung der Arbeitszeit zugestimmt!

...in Sachen Mitbestimmung:

Unproduktiv findet es die IG Metall weiterhin die Vorstellung zu hegen und zu verbreiten mit Mitbestimmung solle das "einseitige Profitinteresse" des Kapitals im Interesse von Arbeitern korrigiert werden. Einige Gehirnverenkungen hat man ja schon immer gebraucht wenn man das glauben wollte: daß die Beteiligung von Gewerkschaftern bei der Regelung des Profitemachens so ungefähr dasselbe sei wie die Abwehr von Maßnahmen gegen diejenigen, auf deren Kosten der Profit geht. Diese Gehirnverrenkung will die Gewerkschaft ihren Mitgliedern ab sofort ersparen. Statt dessen dürfen sie sich Mitbestimmung ab sofort uneingeschränkt als positiven Beitrag zum Gelingen des Profits denken. Die IG Metall fordert "mehr Demokratie für den einzelnen durch mehr Mitbestimmung am Arbeitsplatz" (These 5), weil ihrer Auffassung nach eine Lösung von Qualitätsproblemen vor allem eine humanere und demokratischere Arbeit verlangt. Mehr Verantwortungsbewußtsein des einzelnen fordert mehr Verantwortung durch Beteiligung und humanere Arbeit durch entsprechende verbesserte Arbeitsbedingungen" (These 5). Es ist schon interessant: Ausgerechnet das Kostensenkungsprogramm von VW entdeckt die IG Metall als Gelegenheit, ihre Ideale des leistungsbereiten, verantwortungsbewußten Malochers vorzutragen, der eigentlich nichts anderes im Sinn hätte, als dem VW-Profit nach bester Kraft zu dienen, wenn VW ihn nur ließe! Irgendeinen Zwang, irgendeine Bestreitung des Interesses von Arbeitern will die IG Metall in dem Programm von VW gleich gar nicht mehr entdecken. Sie entwirft ein Gemälde des Kostensenkungsprogramms als Gemeinschaftswerk der Standortsicherung durch die Betriebsgemeinschaft, als günstige Gelegenheit für Proleten, einmal zu zeigen, was alles in ihnen steckt, wenn das Kapital sie nur ihren Beitrag leisten ließe. Das heißt heute für die IG Metall "Mitbestimmung": Kapital und Arbeit gemeinsam für Deutschland - und die IG Metall wacht darüber, daß die Leistungsbereitschaft der Arbeiter nicht unnötig vom Kapital behindert wird. So sieht die IG Metall den deutschen VW-Arbeiter, so soll er sich selbst sehen: Das ist einer, der bei der Arbeit nicht an sich, sondern an die Firma denkt; der sich nichts Schöneres vorstellen kann, als ein Leben lang Schuften zu dürfen.

Gewerkschaftliche Lehren aus drei Millionen Arbeitslosen

Die IG Metaller des VW-Betriebsrates liegen voll im Trend. Daß man sich von angeblichen "Illusionen" in der Politik der Arbeitsplatzsicherung zu verabschieden habe, ist inzwischen schon gewerkschaftliches Allgemeingut geworden. Richtig angeben tun die Gewerkschaftsfürsten mit ihren 'neuen Einsichten':

"Riester (Bezirksleiter der Stuttgarter IG Metall) sprach deutlich aus, daß die IG Metall nicht mehr wie bisher (!) jeden Arbeitsplatz und jede Branche auf Teufel komm raus verteidigen wolle. ... Derartige Bereinigungen auf den internationalen Märkten seien nicht aufzuhalten, auch nicht von der IG Metall, sagte Riester." (Frankfurter Rundschau, 23.6.88)

Da deutet die IG Metall also auf die Arbeitslosen die einfach nicht weniger werden wollen, und 'schließt' ausgerechnet daraus messerscharf, daß sich ihre Politik ab sofort nicht mehr an der Meßlatte der Sicherung von Arbeitsplätzen messen lassen will. Das ist nur auf den ersten Blick verblüffend: Wer nämlich meint, eine Gewerkschaft, die sich der Schaffung und dem Erhalt von Arbeitsplätzen verschreibt, müßte doch eigentlich ihre Anstrengungen verdoppeln, wenn sie schon ihr 'Scheitern' konstatiert, der kennt eben die IG Metall schlecht.

Das war's doch noch nie, was die Gewerkschaft getrieben hat: "auf Teufel komm raus Arbeitsplätze verteidigen" zu wollen! Aber diese Lüge macht sich gut bei ihrer selbstkritischen Diagnose. Die lautet im Klartext: 'Wenn es immer mehr Arbeitslose gibt bzw. wir den Arbeitslosen keine Arbeit beschaffen können, dann haben wir doch ganz offensichtlich mit unserer Beschäftigungsforderung die Betriebe total überfordert. Wie man an den Arbeitslosen sieht, haben wir vom Gewinn der Betriebe Unmögliches verlangt, statt erst einmal alles Nötige für den Gewinn zu tun.' Sie tut fast so, als habe sie sich mit ihrer Beschäftigungspolitik mitschuldig gemacht an den Entlassungen im Stahl- oder Werftbereich.

Wie kommt sie denn da drauf?

Jahrelang hat die Gewerkschaft die kapitalistische Produktion von Arbeitslosen mit der hoffnungsfrohen Parole begleitet, Gewinnemacherei und Vermeidung von Arbeitslosen sei eigentlich aufs Schönste vereinbar. Entlassungen seien nämlich völlig unnötig, wenn nur eine andere Verteilung der vorhandenen Arbeit auf die Arbeiterklasse stattfinden würde. Also hat die Gewerkschaft Arbeitszeitverkürzung zur "Umverteilung der vorhandenen Arbeit" auf die Tagesordnung gesetzt. Dabei hat sie immerzu beteuert, dies führe nicht zu Kostenerhöhung für die Unternehmer, sondern sei ziemlich umsonst zu haben. Wer Gewinn und Beschäftigung vereinbar machen will, der muß auf den Gewinn auch Rücksicht nehmen.

Deshalb hat der Gewerkschaft umgekehrt auch die Unumgänglichkeit von Entlassungen immerzu eingeleuchtet: Kaum konnte ein Betrieb plausibel machen, daß der Rausschmiß von Leuten dem "Betriebsergebnis" dienlich ist, hat auch die Gewerkschaft eingesehen, daß die geforderten Entlassungen sein müssen - zur Sicherung der verbleibenden Arbeitsplätze.

Mit ihrer Forderung, beim Gewinnemachen auch die "Beschäftgung" zu berücksichtigen, spricht die Gewerkschaft ja offen aus, daß der Gewinn seinen Maßstab nicht in der Beschäftigung von Arbeitern hat. Aber den Schluß, dann eben den Lohn gegen den Gewinn zu verteidigen, den wollte sie nicht ziehen. Ihr Urteil hieß schon immer umgekehrt: Weil "Beschäftigung" ihr Maß im Gewinn hat, muß die Gewerkschaft den Unternehmen ermöglichen, mehr Arbeiter lohnend zu beschäftigen.

Auf diese Weise ist in schöner Zusammenarbeit von Kapital und Gewerkschaft eine Massenarbeitslosigkeit in Millionendimensionen

produziert und zur Dauereinrichtung gemacht worden.

Und was lernt die Gewerkschaft heutzutage aus diesem Resultat ihrer Politik? Nur eines: Wenn das Gewinnemachen immer mehr Arbeitslose produziert, dann spricht das nicht etwa gegen das Gewinnemachen, sondern umgekehrt dafür, daß deutsche Unternehmer in ihren Betrieben einfach zu wenig Gewinne machen können, um die ganze natioale Arbeiterklasse zu beschäftigen! Arschklar ist es ihr, daß sie nicht radikal genug gewesen ist in ihrer Sorge um die besten Konkurrenzbedingungen für deutsche Betriebe.

Die IG Metall wird radikal

Warum ist es den Geschäftemachern - laut IG Metall - nun nicht möglich, das gewerkschaftliche Beschäftigungsideal einzulösen? Die können nichts dafür, sagt die IG Metall, und will auf deutsches Unternehmertum nichts kommen lassen. Die anderen sind's, verkündet sie. Die Auslandskonkurrenz hat unsere bedauernswerten deutschen Betriebe in der Zange ("Wachstumsschwerpunkte haben sich nach Japan und Südostasien verschoben", "immer schärferer Verdrängungswettbewerb" herrsche, These 2)! Die nationale Geschäftemacherei ist in Not, klagt sie. Beleg: Wenn die Gewinne deutscher Unternehmer stimmen würden, gäbe es ja keine Massenarbeitslosigkeit. Oder?

Deshalb denkt die Gewerkschaft bei "Beschäftigung" an durchschlagende nationale Kapitalstrategien, die "eine Bereinigung der internationalen Märkte" für deutsches Kapital sichern und damit den "Standort Deutschland" garantieren sollen. Wenn deutsches Kapital im Ausland investiert wird, zeigt das der IG Metall also nur, daß in Deutschland die Verantwortlichen in Politik und Gewerkschaft für den Gewinn zu wenig getan haben.

Vergessen muß man dabei allerdings die Wahrheit, daß es erfolgreicher Profit ist, der den Unternehmern die Mittel für Rationalisierungsmaßnahmen in die Hand spielt, mit denen sie Lohnkostgänger überflüssig machen. Vergessen muß man weiterhin, woher der "Verdrängungswettbewerb" auf dem Weltmarkt kommt, als dessen armes Opfer die Gewerkschaft deutsche Unternehmer hinstellen möchte. War es nicht in Deutschland gemachter Profit, der es deutschen Unternehmen erlaubt hat, weltweit mit Standorten zu kalkulieren, also auf allen Märkten der Welt einen "Verdrängungswettbewerb" aufzumachen? Das alles muß man eben vergessen, um aus der Massenarbeitslosigkeit eine gemeinsame Bedrohung deutscher Konzerne und deutscher Arbeiter durch die bösen Schlitzaugen in Japan ableiten zu können.

"Aus diesen Gründen" entnimmt die Gewerkschaft "stattgefundenen Verlagerungen bei Opel und Ford nach Spanien und Großbritannien" (These 4) ebenso wie den Plänen von VW, die Polo-Produktion nach Spanien zu exportieren, einen einzigen beinharten Auftrag:

Ihre Macht, über die Arbeitsbedingungen der hiesigen Arbeiterklasse mitzuentscheiden, die muß einzig und allein dafür eingesetzt werden, um den Standort BRD für das Geschäft deutscher Unternehmer optimal auszustatten.

Woran es denen wohl fehlt, mag man sich da fragen. Die IG Metall nicht. Sie hat eben untrügliche Zeichen dafür, daß der Standort BRD Mängel in Sachen Ausbeutungseffizienz aufweist: Es gibt doch wirklich deutsche Betriebe, die produzieren im Ausland oder drohen das an. Eine saubere Logik, zu der die IG Metall sich hier vorgearbeitet hat: Immer wenn die Kapitalisten sich neue Frechheiten im Umgang mit den Arbeitskräften herausnehmen wollen, ist für die Gewerkschaft dadurch bewiesen, daß sowas im Interesse der Standortsicherung längst überfällig war. Würde VW sonst so etwas verlangen?

Und der Überlegung deutscher Kapitale, Profite im Ausland anzulegen, entnimmt die IG-Metall nur, daß sie Lohn und Leistung immer noch nicht genug zur Disposition der Unternehmerinteressen gestellt habe. Diese Einladung zur Erpressung mit angedrohtem Standortwechsel wird das Kapital sich kaum entgehen lassen!

Letztlich hat die Gewerkschaft damit für jede Forderung, die mit dem Standort-Hammer daherkommt, einen Blanko-Scheck ausgeschrieben.

Wie sichert man also den Polo-Standort?

Wenn also VW "droht", die Polo-Produktion nach Spanien zu verlegen, dann ist das für die IG Metall gar keine "Drohung", sondern der Hinweis darauf, daß VW in Wolfsburg zu hohe Kosten hat - sprich: zu viele Löhne in der Produktion. Dann ist die Schließung ganzer Betriebsteile, die "unrentabel arbeiten", das Hinaus-"Fluktuieren" von einigen tausend Beschäftigten, das ordentliche Anziehen der Leistungsschraube usw. usf. ein nationales "Muß" zur Erhaltung der nationalen VW-Standorte.

Nichts ist blöder, als sich die Gewerkschaftsparole "Polo-Standort sichern" in einen großen Haufen schöner und einträglicher Arbeitsplätze zu übersetzen. Wenn der Polo hier und nicht außerhalb Deutschlands zusammengekloppt wird, dann werden das wohl Leute machen müssen. Aber erst dann, wenn VW von der Gewerkschaft grünes Licht in Sachen Lohn, Leistung und Entlassungen bekommen hat. Na, und das hat das Werk ja nun bekommen, in Form dieses Blankoschecks. Jetzt wird es sich entscheiden, ob die Standortverlegung sich unter den den Bedingungen noch rechnet. Oder ob sich hier nicht noch mehr herausholen läßt. Dafür wird VW die Entscheidung noch ein wenig offenhalten müssen.

Der VW-Arbeiter hat sich also zu entscheiden: Ist er ein Fan konkurrenzloser deutscher Industriestandorte, dann darf er sich nicht über die Kostensenkungsprogramme beschweren. Hat er gegen diese etwas, dann darf er nicht auf die neue Erfindung der Gewerkschaft, mit der sie zu (fast) jedem Anschlag des Konzerns auf Lohn und Leistung Ja und Amen sagen will, hereinfallen.